Foto: Victor Ströver, nordsign
Foto: Vic­tor Strö­ver, nord­sign

Colin Bött­ger arbei­tet als frei­er Schrift­stel­ler, Schreib­do­zent und Ten­nis-Coach. Für sei­ne drei bis­her ver­öf­fent­lich­ten Roma­ne hat er ver­schie­de­ne Prei­se erhal­ten. Bereits seit meh­re­ren Jah­ren lei­tet er die Offe­ne Schreib­werk­statt des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors. Er ist Vater von zwei Söh­nen und lebt in Bre­men.

Colin Bött­ger schreibt vom 11. bis 15. Mai 2020 täg­lich für unse­ren Coro­na-Blog.

Tag 1, Montag, 11. Mai 2020

Lie­be Freun­de,

Da ich als zahn­schwit­zen­der Irrer gese­hen wer­den müss­te, wenn ich mich schrift­lich hin­sicht­lich mei­ner Gefüh­le zu Coro­na und den Maß­nah­men äußern wür­de, bin ich mal lie­ber nicht ganz so blö­de. Es ist alles blö­de, wie jeder weiß, und irgend­wann habe ich mich tat­säch­lich an eine von mir längst ver­ges­se­ne halb­fer­ti­ge Erzäh­lung erin­nert, über ein Lie­bes­paar, das auf einer Ame­ri­ka­rei­se zugrun­de geht, und die ein­fach mal wei­ter­ge­schrie­ben. Ich schrei­be gera­de an einem Kapi­tel, in dem das Paar auf eine Grup­pe jun­ger Neo-Hip­pies trifft.

So fängt es an …

Never trust a hip­pie but some parts of the hip­pie dream are true

Bis zum White Moun­tain Natio­nal Park sind es viel­leicht hun­dert Mei­len. Wir kön­nen da eine Nacht blei­ben, dann wei­ter nach Nor­den durch Mai­ne bis nach Kana­da hin­auf, wür­de ich sagen. Also, Neu-Frank­reich. Auch wenn uns da kei­ner ver­steht. Was meinst du?“ Mer­le hebt die Schul­tern und sieht aus dem Fens­ter, und Simon ver­sucht sich zu sagen, dass das eben ein Zei­chen ihrer behaup­te­ten Unkom­pli­ziert­heit ist und nicht etwa Des­in­ter­es­se an sei­nen lang­wei­li­gen Rei­se­plä­nen. Er sagt all das, was er letz­te Nacht über Howard und June gedacht hat. Mer­le fin­det schon, dass es eine Tra­gö­die ist, wenn Lie­ben­de ster­ben, auch wenn sie alt sind und ewig lan­ge zuvor glück­lich leb­ten. Aber sie fin­det außer­dem, dass es von allen Tra­gö­di­en die kleins­te ist.

Mei­ne ers­te Freun­din, wenn du so willst, Hes­ter, hat­te einen ziem­li­chen Hip­pie­touch und Dre­ad­locks. Wir waren in der zehn­ten Klas­se. Ich war fünf­zehn und sie schon sech­zehn, und wir kamen auf Klas­sen­fahrt zusam­men.“

Die, mit der du nur geknutscht hast, weil du dich nicht vor ihr aus­zie­hen woll­test, weil du zurück mit der Puber­tät warst?“ Mer­le grinst, und Simon grinst zurück. Hab ich dir schon erzählt, oder sieht man mir das immer noch an? Egal. Jeden­falls, ich war kein Hip­pie, son­dern ein Nor­ma­lo, und ich war mit fünf wei­te­ren Nor­ma­los auf einem Zim­mer. An jedem lang­wei­li­gen Abend nach Bett­ru­he beno­te­ten wir das Aus­se­hen aller Mäd­chen aus der Klas­se. Alle fan­den, dass Hes­ter eine glat­te sechs war und dass sie sich nicht wäscht und nach Schnod­der riecht.“

Und was hast du dazu gesagt?“

Nichts. Ich hab ihr ne vier gege­ben. Das war auf­fäl­lig genug.“

Ver­ste­he, du Feig­ling.“ Mer­le stößt Simon an. „Und wie sexy fin­dest du die Hip­pies da drü­ben? Glaubst du, die rie­chen nach Schnod­der?“

Ich fin­de die gut.“

Auf der Camp­si­te gegen­über ste­hen zwei bunt bemal­te Vans, aus denen vor­hin lau­ter jun­ge Hip­pies zusam­men­ström­ten. Jetzt sind aller­dings gera­de alle aus­ge­flo­gen.

Eigent­lich hat­ten Simon und Mer­le die White Moun­tains bloß durch­fah­ren wol­len, aber dann haben sie die Hip­pie-Vans gese­hen und sind ihnen aus Spaß gefolgt. Bis hier­her auf den Cold River Camp­ground, und jetzt sind sie Nach­barn.

Ich glau­be, dass alle Hip­pies aller Zei­ten so ziem­lich nach allem rie­chen, was mensch­li­che Kör­per so her­ge­ben“, sagt Simon, „aber auf eine irgend­wie gute Wei­se.“

Du meinst, es ist sexy, wenn spe­zi­ell Hip­pies nach all ihren Kör­per­flüs­sig­kei­ten rie­chen?“

Nicht expli­zit sexy“, wehrt Simon vor­sichts­hal­ber ab, „aber eben auch nicht schlimm.“

Wie­so, weil sie so tol­le und freie Men­schen sind? Also, ich hab schon mal mit Hip­pies in einer WG gewohnt und nie­mand hat je abge­wa­schen oder das Klo geputzt. Fin­dest du Hip­pies auch dann noch gut, wenn du wüss­test, dass ich lau­ter Kama­su­tra-Orgi­en mit ihnen hat­te?“

Simon stutzt. „Was kommt denn jetzt noch?“ Fragt er mit Ban­gen.

Nichts, war nur Quatsch. Erleich­tert?“

Etwas erleich­tert. Aber lie­ber du und tau­send Hip­pies als du und einer mei­ner Klas­sen­ka­me­ra­den aus der zehn­ten Klas­se.“

Fin­de ich auch“, sagt Mer­le.

Und zwar des­halb, weil Hip­pies im All­ge­mei­nen nicht dem düs­te­ren Traum von Erobe­rung nach­ja­gen. Es liegt am Hip­piet­raum. Sie sind so … da sind sie ja wie­der.“ Simon freut sich rich­tig, so wie als klei­ner Jun­ge im Kino, und der heiß ersehn­te Film beginnt.

Aus dem Wald ist Geläch­ter zu hören und hell klin­gen­de jun­ge Stim­men, und Sekun­den spä­ter kom­men die neu­en Nach­barn zwi­schen den Bäu­men her­vor und lau­fen zu ihren Vans. Alle sie­ben Jun­gen und die vier Mäd­chen.

Sie haben bestimmt alle mit­ein­an­der Sex, denkt Simon. Wenn Men­schen Wesen sind, die ent­we­der zu aggres­si­ven Schim­pan­sen oder Bono­bos ten­die­ren, dann ist klar, woher das Hip­pie-Gen kommt.

Seit die ers­ten Hip­pies vor einem hal­ben Jahr­hun­dert auf die­sem Pla­ne­ten auf­schlu­gen, sind sie nie ganz wie­der ver­schwun­den. Und viel­leicht blei­ben sie ja für immer, ganz gleich, wohin sich der gan­ze gro­ße Rest der Welt dreht. Denn es ist etwas am Traum der Hip­pies – eine Sehn­sucht, oder Wahr­heit, oder Schön­heit – das ein­fach nicht ster­ben will und wie ein Bazil­lus des Guten immer wie­der neue Wir­te fin­det.

Und?“, fragt Mer­le. „Sol­len wir jetzt gleich zu ihnen rüber­ge­hen?“

Unbe­dingt.“

Von den jun­gen Hip­pies aus den Vans ist John der bes­te Sän­ger und Gitar­rist, und als das Feu­er rich­tig auf­lo­dert und schon Glut abge­wor­fen hat, spielt und singt nur noch er. Nir­va­na, die Lemon­heads, Shins und Songs aus der Zeit der ers­ten Hip­pies.

Er kann jeden Song, den Mer­le hören will. Und Mer­le ist fas­zi­niert und um so vie­les begeis­ter­ter als bei Simons Vor­le­sen am Seba­go Lake.

Etwas von PJ Har­vey wäre jetzt gut“, sagt Mer­le und John wirft den Kopf etwas zurück, und sein Haar – es ist so lang und dun­kel wie Mer­les Haar – bewegt sich gut­aus­se­hend mit. John nickt und sagt mit sono­rer Stim­me: „Lass mich mal über­le­gen.“

Er muss nur kurz über­le­gen, um dann so gefühl­voll wie gekonnt eine ziem­lich mas­ku­li­ne Ver­si­on von „I can hard­ly wait“ zu brin­gen.

Mer­le war­tet den Applaus der Grup­pe ab, an dem Simon sich ver­hal­ten betei­ligt, um nicht blöd auf­zu­fal­len, und als er ver­ebbt, sagt sie nur: „Wow!“

Simon nickt dem Hip­pie neben ihm, der ihm die Hand auf die Schul­ter gelegt hat, lächelnd zu.

John macht Pau­se. Er möch­te kali­for­ni­schen Rot­wein und einen Joint, von zar­ten Frau­en­hän­den gedreht. Simon hat so sei­ne Beden­ken, aber er lächelt wei­ter. Aus­ge­rech­net John. So wie John Tra­vol­ta, John Way­ne, John Ram­bo oder – was viel­leicht am aller­schlimms­ten ist – Long John Sil­ver. Wie kann ein John ein Hip­pie sein?

Simon denkt ein­mal mehr an Wieb­ke, das rot­haa­ri­ge Mäd­chen von sei­ner Schu­le, das er als Gelieb­te ver­passt hat. Was hat­te sie, die grund­sätz­lich die rich­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on für jedes Phä­no­men der Wirk­lich­keit hat­te, im ent­spre­chen­den Ton­fall gesagt? Sie sag­te: Die Hip­pie­be­we­gung hat die Män­ner sexu­ell befreit, nicht die Frau­en.

Simon sieht Mer­le an, die sei­nem Blick aus­zu­wei­chen ver­sucht. Viel­leicht, weil sie frei sein möch­te von ihm.

Hier, für dich“, sagt das wahr­schein­lich jüngs­te Mäd­chen, das sich als Dawn vor­ge­stellt hat, und gibt den schnell und dabei kunst­voll gebau­ten Joint an Mer­le.

Mer­le zieht genuss­voll und gibt ihn wei­ter an natür­lich John, der zufrie­den in den Ster­nen­him­mel schaut. Natür­lich fällt es Simon schwer, den Joint nicht als phal­li­sches Sym­bol zu deu­ten. Er lehnt als Ein­zi­ger ab, bleibt bei sei­nem Wein und schaut in die Run­de.

Alle ande­ren jun­gen Typen hier sind wei­cher als John. Mehr so wie man sich Hip­pies wünscht und weni­ger wie hedo­nis­ti­sche Sur­fer an den Küs­ten Kali­for­ni­ens oder Hawai­is. Zum Bei­spiel Pete – Poor Pete – wie er sich nann­te. Und dann lach­te er wie ein klei­ner Strolch aus Schwarz­weiß­fil­men von frü­her. Er ist der bes­te Freund der zwei Misch­lings­hun­de, die immer um ihn her­um­strei­chen, und jetzt lie­gen sie zusam­men­ge­rollt auf sei­nen Füßen. Ein so net­ter Typ. Mer­le könn­te mit ihm fast tun, was sie woll­te, Simon wäre fast gar nicht böse, aber ihn hat Mer­le nicht ange­se­hen. Oder eben nur freund­lich ange­se­hen. So wie sie die Mäd­chen hier ange­se­hen hat oder deren Freun­de.

Und kei­nes der Mäd­chen hat Simon ange­se­hen, außer der schwe­ren Hip­pie-Lady mit dem mas­si­ven Kör­per­ge­ruch neben ihm, die ihr Bein gegen sei­nes presst.

Wenn Mer­le das sieht, denkt Simon, wird sie was John angeht kei­ne Hem­mun­gen mehr ken­nen. Aber er zieht sein Bein nicht zurück.

Megan heißt die schwe­re Hip­pie-Dame, und ihr Gesicht ist tat­säch­lich wie ein Pfann­ku­chen, aber auch irgend­wie süß, wenn man so will.

Simon ist sich zwar nicht sicher ob er wirk­lich will, aber er ist trot­zig ent­schlos­sen. Er lächelt ihr zu und sie strahlt zurück. Simon spürt den Druck ihres – man kann es gar nicht anders sagen – Flei­sches und presst nun aktiv sein Bein gegen ihr viel dicke­res Bein, das nach­gibt und sich halb um sei­nes legt.

Jetzt sieht Mer­le zu ihm hin und lächelt. Hohn und Spott lie­gen nicht dar­in, auch nichts Gön­ner­haf­tes, son­dern eine Freund­lich­keit, die sie ihm sel­ten schenkt. So wie man einem pla­to­ni­schen Freund zulä­chelt, auf den man sich stets ver­las­sen kann. Oder ist es ein dank­ba­res Lächeln, das so viel heißt wie: Lieb von dir, dass du das auf dich nimmst, damit ich die Par­ty mei­nes Lebens haben kann?

Es gibt vie­le wei­te­re Oder, aber was es auch ist, Simon kann nichts davon gefal­len. Er wirft Mer­le einen Blick zu. Er weiß nicht, wie er gucken soll und wie sein Blick ihm gerät. Viel­leicht fla­ckert dar­in ein biss­chen Zorn und noch ein biss­chen mehr Unsi­cher­heit, aber ganz sicher liegt dar­in kei­ne Über­zeu­gungs- und so über­haupt kei­ne Anzie­hungs­kraft.

Mor­gen mehr …

Tag 2, Dienstag, 12. Mai 2020

Und wei­ter…

Schließ­lich wen­det sich Mer­le wie­der John zu, als der sei­ne Gitar­re gestimmt hat und einen Nir­va­na-Song spielt. „I´m so hap­py cau­se today I found my friends,” singt er, aber kein biss­chen so unschul­dig und anrüh­rend wie damals Kurt Cobain.

Was jetzt? Die­sem John hin­ter­her­stei­gen, wenn er in den Wald geht, um selbst­ver­liebt gegen den größ­ten Baum zu pis­sen, den er fin­den kann? Es wäre sicher nicht schwer, die­sem Typen ein wenig Angst zu machen. Nur wür­de der Typ des­we­gen nicht auf­hö­ren Mer­le zu gefal­len, und pein­lich wäre es auch.

Simon moch­te immer die Geschich­te, in der der ech­te Kurt Cobain den ursprüng­li­chen Nir­va­na-Drum­mer feu­er­te, weil der den Lieb­ha­ber sei­ner Freun­din ver­prü­gelt hat­te. Eine Macker­po­se, die für eine Band wie Nir­va­na untrag­bar war. Simon moch­te die Geschich­te umso mehr, weil dem Blöd­mann durch sein Macker­ver­hal­ten ein Ver­mö­gen ent­ging. Und nie­mand kennt heu­te sei­nen Namen.

John ver­prü­geln geht also nicht, aber der Drang, so macker­haft er auch sein mag, ist da. Und wahr­schein­lich ist es weni­ger pein­lich als hier bloß zu sit­zen und so zu tun, als sei alles halb so wild. Oder viel­leicht fin­det Mer­le ihn sogar sexy, wenn er John nie­der­streckt. Oder ein­fach nur arm­se­lig. Sicher ist nur, im Augen­blick fin­det sie ganz allein John sexy und die sof­te aber durch­drin­gen­de Männ­lich­keit sei­ner Stim­me.

Simon denkt an alte Film­kla­mot­ten, in denen die Eifer­süch­ti­gen wütend und in unfrei­wil­li­ger Komik davon­stap­fen, wenn die Situa­ti­on uner­träg­lich wird. Auch die­sen Drang gibt es, und Simon ver­spürt ihn unver­kenn­bar und stark. Aber das geht natür­lich auch nicht. Viel­leicht wür­de eine unauf­fäl­li­ge Flucht das augen­blick­li­che Scham­ge­fühl lin­dern, aber dafür käme es umso macht­vol­ler und lang­an­hal­ten­der zurück.

Aber eigent­lich muss er nichts tun, denn da ist ja noch Megan direkt neben ihm, deren Kör­per beharr­lich und macht­voll gegen sei­nen drängt. Sie hat sich so unauf­fäl­lig sie konn­te in sei­ne Rich­tung geneigt, ihre Schul­ter drückt schwer gegen sei­ne, und ihre rie­si­ge Brust fällt auf sei­nen Unter­arm. Der Schweiß­ge­ruch, den sie ver­strömt, ist über­wäl­ti­gend.

Jetzt stützt sie sich hin­ter ihm auf ihrem Arm ab und schiebt ihre Hand von hin­ten in sei­ne Hose unter sei­nen Hin­tern, den er bereit­wil­lig hebt. Ihre Hand arbei­tet sich vor, bis ihr dicker Mit­tel­fin­ger gegen sei­nen noch jung­fräu­li­chen Anus drückt, und für Simon fühlt sich das rich­tig an. Rich­tig gut sogar.

Soll John doch wei­ter sin­gen und lass Mer­le ihn doch anschmach­ten. Er wird auf jeden Fall Din­ge tun, die kras­ser sind als das, was Mer­le sich mit John vor­stel­len mag.

Diver­se Songs und eini­ge Joints spä­ter sind die jun­gen Hip­pies end­lich auf die Idee gekom­men, die alle leben­den und toten Hip­pies immer und in jedem Jahr­zehnt ihres Daseins über­kam. Sie sind nachts im Mond­schein durch den Wald zum Fluss gelau­fen, um nackt zu baden.

Alle jun­gen Hip­pies sprin­gen in kind­li­cher Freu­de in den Fluss, und Petes Hun­de lau­fen auf­ge­regt bel­lend mit ihnen. Mer­le und John sind weni­ger kind­lich. Sie gehen neben­ein­an­der bis sie zur Hüf­te im Was­ser sind, dann tau­chen sie gemein­sam ein, wobei ihre Hin­ter­tei­le für einen Moment syn­chron aus dem Was­ser ragen.

Nur Megan und Simon ste­hen noch eini­ge Meter von­ein­an­der ent­fernt am Ufer. Mer­le und John tau­chen gleich­zei­tig auf, lachen, dann schwimmt Mer­le so schnell sie kann zum ande­ren Ufer und John folgt natür­lich so schnell er kann. Er folgt ihr an Land und hin­ter die Bäu­me, hin­ter denen Mer­le gera­de ver­schwun­den ist.

Der Mond scheint über­all hin, beson­ders auf Megan, die sich ihrer ganz beson­de­ren Nackt­heit nicht schämt. Sie ist ent­we­der sehr tap­fer oder so sehr Hip­pie, dass alles Natür­li­che in irgend­ei­ner Wei­se schön für sie ist. Sogar sie selbst, dabei wür­den sich alle Jun­gen und Män­ner auf die­sem Pla­ne­ten, die sie schön fän­den, fra­gen, was wohl nicht mit ihnen stimmt.

Simon weiß genau, was mit ihm nicht stimmt. Er ist wütend, gede­mü­tigt und will Rache. Eigent­lich kei­ne Gefüh­le, die zu sexu­el­ler Span­nung füh­ren, aber er sieht die­se unge­heu­re Frau an und sein Schwanz reagiert.

War­te noch“, sagt er, als Megan sich anschickt ins Was­ser zu stei­gen. „Ich lang­wei­le mich im Was­ser. Ich weiß eigent­lich nie, was ich dar­in machen soll.“

Tag 3, Mittwoch, 13. Mai 2020

Und wei­ter…

Du kannst alles dar­in machen was du willst.“ Sie macht einen wei­te­ren Schritt Rich­tung Fluss, aber Simon ist gleich dar­auf bei ihr und nimmt ihre Hand. „Nein, ich will dich so, wie du jetzt bist“, sagt Simon. Megan schaut ihn fra­gend an, aber geschmei­chelt ist sie auch, das ist sicher. Sie lässt sich von Simon vom Was­ser weg­zie­hen. „Was meinst du mit: so wie ich jetzt bin?“

Simon holt gespielt tief Luft und sagt: „Ich kann dich nicht so rie­chen und schme­cken wie ich möch­te, wenn du erst im Was­ser warst.“

Oh“, sagt Megan.

Also, was sagst du? Macht es dir was aus?“

Nein, wenn du es unbe­dingt willst, wenn es wich­tig für dich ist, dann ist es schon okay.“ Sie nimmt ihre Klei­der, dreht her­um und stapft vor­an, zurück in den Wald, aus dem sie gekom­men sind. Simon folgt ihr.

Hier ist es gut“, hört er Mega­ns Stim­me aus dem Wald. Als Simon hin­ter die Bäu­me tritt, hat sie ihre Klei­der im Moos aus­ge­brei­tet und sich dar­auf nie­der­ge­las­sen.

Simon geht zu ihr, sie fasst mit bei­den Hän­den sei­ne Hüf­ten, zieht ihn zu sich her­an, und es hat etwas Zere­mo­ni­el­les, wie sie ihn mit ihren Lip­pen umschließt, bis er in ihrem Mund explo­diert. Simon wankt einen Schritt zurück. Er lächelt Megan freund­lich an. „Jetzt will ich das bei dir machen.“ Er legt sich hin und schaut in den Nacht­him­mel. Noch sind da Baum­kro­nen und Ster­ne, und es dau­ert, bis Megan sich auf­ge­rich­tet hat, aber schließ­lich steht sie da und ver­schluckt sogar das Mond­licht. Nicht, dass er es anders gewollt hät­te, aber jetzt gibt es nur noch Schwär­ze, die sich nass und schwe­lend auf ihn her­ab­senkt.

Zuletzt kann Simon eine gefühl­te Minu­te lang nicht atmen, und wie unter Was­ser hört er Mega­ns eben­so lang anhal­ten­des Auf­schrei­en, dann ver­schwin­det die Schwär­ze vor sei­nen Augen und Megan lässt sich neben ihm nie­der.

Das war schön“, sagt sie und strei­chelt sei­ne Brust, über die Flüs­sig­kei­ten in sei­ne Bauch­kuh­le lau­fen und dort eine Pfüt­ze bil­den.

Simon bemerkt erst jetzt, wie weich und zart ihre Stim­me ist. Ist das wirk­lich ihre Stim­me, oder ist es der Hip­piet­raum selbst, der die­sen Klang erzeugt? Oder muss man die­se Süße und Sanft­heit schon in sich haben, um für den Traum über­haupt emp­fäng­lich zu sein?

Ich fand es auch schön“, sagt Simon und wun­dert sich über die Weich­heit sei­ner eige­nen Stim­me. Sein Gesicht ist völ­lig von einem Film über­zo­gen, sein Haar ist ver­klebt, alles genau so wie er es sich in sei­nem Rache­durst aus­ge­malt hat­te, aber Megan hat recht, es war eher schön als geil und dre­ckig. Und der star­ke Geschmack in sei­nem Mund passt zum Mond und den Ster­nen über ihm, und in ein paar Stun­den wird er zur auf­ge­hen­den Son­ne pas­sen. Simon will Megan dich­ter an sich her­an­zie­hen, aber das geht nicht so leicht wie mit Mer­le, sie muss ihm dabei sozu­sa­gen assis­tie­ren.

Wie fühlst du dich jetzt?“, fragt sie.

Gut“, sagt Simon, und es stimmt sogar. „Und du?“

Sehr gut. Aber ich habe mich vor­hin am Feu­er schon gut gefühlt. Du warst wütend auf dei­ne Freun­din. Bist du immer noch wütend?“

Im Moment kein biss­chen mehr. Mor­gen viel­leicht schon. Aber so waren immer­hin wir zusam­men.“

Weil du wütend warst? Das wäre ein eher trau­ri­ger Grund für unser Zusam­men­sein, fin­dest du nicht?“

Irgend­wann hat Simon mal gele­sen, dass die Wahr­heit dem Men­schen zumut­bar ist. Er will ehr­lich sein zu Megan, aber nicht so ehr­lich, dass es ihr weh tut. Er legt sei­ne Hand auf ihre, die schwer auf sei­ner Brust liegt. „Ich fin­de schön, dass wir jetzt zusam­men sind, aber ich hät­te es nicht getan, wenn Mer­le nichts gemacht hät­te. Mit nie­man­dem.“

Ver­ste­he. Und willst du noch, dass Mer­le auf dich wütend ist?“

Ich glau­be, ich hät­te es lie­ber, wenn sie nicht wütend auf mich ist.“ Er weiß selbst nicht, ob das auch nur ein biss­chen stimmt. Er selbst fühlt kei­ne Wut, son­dern ist ganz gelas­sen und sogar ein klein wenig high, und das nicht nur weil sei­ne über­gro­ße Gelieb­te so vie­le Spu­ren auf ihm hin­ter­las­sen hat, wie er woll­te. Er kann nur hof­fen, dass Megan, die ihn ja durch­schaut, nicht auf die Idee kommt, dass ihre ver­meint­li­che Unat­trak­ti­vi­tät Teil sei­nes Rache­plans war, aber viel­leicht kommt sie ja als Hip­pie nicht auf so kru­de Ideen, und die­ser Teil­aspekt bleibt sein schmut­zi­ges klei­nes Geheim­nis.

Pete, Dawn und die Ande­ren sind noch immer am Fluss­ufer. Simon kann nicht genau hören, was sie reden, aber ihre Stim­men lie­gen warm und har­mo­nisch über­ein­an­der. Er wür­de gern mit Sicher­heit wis­sen, ob sie so ver­schwo­ren sind wie damals er und sei­ne teil­wei­se ent­schwun­de­nen Kind­heits­freun­de, oder eigent­lich wie unge­bun­de­ne Ato­me, die ein­fach nur in der glei­chen Rich­tung durch den Kos­mos trei­ben, weil ihre Stoß­rich­tung die­sel­be war. Und es kön­nen belie­big vie­le hin­zu­kom­men, ver­lo­ren gehen oder aus­ge­tauscht wer­den. Viel­leicht, denkt er mit Nietz­sche und den India­nern, sind sie so ego­is­tisch wie Her­den­tie­re, die zwar mit­ein­an­der zie­hen, aber eigent­lich hofft jedes Her­den­tier nur auf den Schutz der Her­de und küm­mert sich ansons­ten nicht um die ande­ren Tie­re. Es hofft bloß, dass das Tier neben ihm statt sei­ner geris­sen wird und es selbst flie­hen kann, weil die Raub­tie­re mit dem unglück­li­chen Art­ge­nos­sen beschäf­tigt sind, das ihm die­sen unfrei­wil­li­gen Dienst erwie­sen hat.

Tag 4, Donnerstag, 14. Mai 2020

und wei­ter…

Ande­rer­seits hat Simon Fil­me von kämp­fen­den Zebras gese­hen, die ver­letz­te Tie­re aus der Her­de gegen Löwen ver­tei­di­gen.

Wol­len wir zurück zu den ande­ren gehen?“ Megan küsst ihn auf den Mund und beginnt auf­zu­ste­hen.

Ja, möch­test du? Okay.“ Simon ist schnel­ler auf den Bei­nen, hebt ihre Klei­der auf und gibt sie ihr. Eigent­lich hat er kei­ne Lust zu gehen. Und schon gar nicht will er jetzt Mer­le tref­fen mit ihrem blö­den John.

Wie ist das eigent­lich mit euch? Wollt ihr für immer Hip­pies blei­ben und her­um­zie­hen? Oder wollt ihr zusam­men für euch so etwas wie Eden fin­den und euch da nie­der­las­sen, wenn ihr zu alt für die­ses Leben seid?“

Du fragst dich: Wie lan­ge kann man ein rich­ti­ger Hip­pie sein, bevor das hip­pie­ge­rech­te Eigen­heim kom­men muss?“ Megan zupft ihr Kleid zurecht. „Jetzt gera­de ist mein Ver­trau­en ins Leben noch groß, und ich wür­de sagen, dass ich noch sehr lan­ge so her­um­zie­hen möch­te. Mit mei­nen Leu­ten, so wie du mit Mer­le zusam­men­blei­ben willst, wie ich ver­mu­te.“

Ja, das will ich wohl. Trotz allem.“ Er nimmt ihre Hand, sie gehen so zurück zum Fluss­ufer, und zu sei­ner Erleich­te­rung sind die Ande­ren gera­de im Auf­bruch, und von Mer­le und John ist nichts zu sehen.

Wir gehen zurück“, ruft Dawn ihnen zu. Die Hun­de stür­men her­an, sprin­gen ein­mal an Megan empor und ren­nen zurück zu Pete.

Bis gleich“, ruft Megan zurück, und alle win­ken und gehen wei­ter.

Simon zieht sich an und greift nach sei­nen Ziga­ret­ten. „Weißt du, es war ganz schön takt­voll von dir, dass du nicht zurück­ge­fragt hast, ob Mer­le und ich über­haupt ein rich­ti­ges Paar sind.“

Wie­so, wegen John?“ Megan winkt lachend ab. „Das macht doch nur so viel mit euch, wie du dar­aus machst.“

Ach ja? Klingt ja fast logisch und noch dazu ganz ein­fach. Es war aber Sex.“ Simon hat sei­ne Ziga­ret­te heiß geraucht und tritt sie in den Sand. „Aber noch­mal zu eurer Grup­pe. Magst du jeden von euch? Ich mei­ne, nicht als bro­thers and sis­ters, son­dern so wie er oder sie ist? Jeder für sich?“

Ja, jeden auf sei­ne Art: Auch John, wenn du das wis­sen woll­test. Viel­leicht sogar ganz beson­ders John.“ Sie lächelt.

Simon zieht kräf­tig an der nächs­ten Ziga­ret­te, aber das bewuss­te lan­ge Aus­at­men hilft über­haupt nicht gegen das Zie­hen in der Magen­ge­gend. Er macht einen Schritt auf Megan zu und stoppt, weil er nicht sicher ist, ob er bedroh­lich wirkt. Und das will er auf gar kei­nen Fall. Aller­dings kann er nicht ver­hin­dern, dass ein Knur­ren in sei­ner Stim­me liegt als aus ihm her­vor­bricht: „John ist kei­ner von euch. Jeder wür­de das sofort bemer­ken. Er ist nicht ein­mal ein Hip­pie, der mit euch träumt, son­dern ein beschis­se­nes Role­mo­del, ein selbst­ver­lieb­ter blö­der Macker, wie es ihn über­all auf der Welt in jeder Sze­ne gibt. Wenn ich mich fra­ge, war­um ein Typ wie der zu euch Hip­pies gesto­ßen ist, dann des­halb, weil er von einem Hip­pie, ganz anders als von einem Rap­per, nichts zu befürch­ten hat, wenn er des­sen Freun­din knallt.“

Aber du bist kein Hip­pie. Also wirst du dir das nicht gefal­len las­sen und ihm die Fres­se polie­ren, oder wie ihr das bei euch nennt?“ Mega­ns Stim­me hat einen lau­ern­den und besorg­ten Unter­ton, aber die Sanft­heit ist noch immer da. Ganz im Gegen­satz zu Simons Gebell, das noch immer pein­lich unan­ge­nehm nach­klingt.

Natür­lich nicht“, sagt er so mil­de wie er kann, schaut zu Boden und denkt ein­mal mehr an Wieb­ke Harms, sei­ne ver­pass­te rot­haa­ri­ge Gelieb­te, und ihre The­se von der sexu­el­len Befrei­ung der Män­ner durch das Hip­pie­tum.

Viel­leicht, kommt ihm in den Sinn, sind Hip­pie­män­ner ja ein­fach nur fei­ger als die ande­ren hete­ro­nor­ma­ti­ven Män­ner aus der nor­ma­len Welt. Sie ficken sich durch alle Weib­chen des Rudels und dar­über hin­aus, und geben ein­an­der dann das Peace­zei­chen, um die eigent­lich vor­ge­se­he­nen Revier­kämp­fe nicht aus­tra­gen zu müs­sen.

Komm, gehen wir zurück“, sagt Megan und will ihn mit sich zie­hen. Simon lässt ihre Hand nicht los, rührt sich aber auch nicht vom Fleck, was einen optisch unauf­fäl­li­gen aber fes­ten Kara­te­stand erfor­dert.

Megan lässt los. „Du willst jetzt aber nicht Mer­le und John abfan­gen, oder? Er ist kein biss­chen so, wie du es dir aus­malst.“

Und ich bin kein Axt­mör­der. Ich will jetzt ein­fach nicht zurück zu den ande­ren. Und nicht weil ich sie nicht mag oder sowas. Wenn du dir Sor­gen machst, dass ich John im Fluss erträn­ke, dann bleib doch ein­fach. Ich bin jetzt gern mit dir zusam­men, aber ich will nicht zurück ans Feu­er.“

Klingt okay für mich. Und zu dem, was du vor­hin gesagt hast, von wegen takt­voll. Ich fin­de übri­gens schon, dass ihr ein rich­ti­ges Paar seid, du und Mer­le. Sogar ein sehr schö­nes.“

Ja, fin­dest du? Schö­ner als du und ich. Oder als Mer­le und John? Oder ist jedes Lie­bes­paar schön?“

Ja, jedes ech­te Lie­bes­paar ist schön.“ Megan gibt ihm einen Klaps auf den Hin­tern, der ihn nach vorn Rich­tung Fluss tau­meln lässt, mit dem lin­ken Fuß ins Was­ser.

Lie­be macht schön. Und ihr seid ein schö­nes Paar. Das ist etwas Beson­de­res. Aber nicht weil ihr so beson­ders seid, ver­stehst du? Ihr seid nicht das eine, alles über­strah­len­de Herr­schafts­paar. Oder, hey Sport­ler, willst du mit dei­ner Braut die Num­mer eins sein und alle Lie­bes­tur­nie­re gewin­nen?“

Ich habe einen Nas­sen, denkt Simon. Er tritt mit dem lin­ken Fuß auf, und aus dem Schuh schmatzt es. Bestimmt hat­te er schon andert­halb Jahr­zehn­te lang kei­nen Nas­sen mehr, aber es ist ein ange­nehm ver­trau­tes Gefühl. Er öff­net die Arme ganz weit und legt sie so weit er kann um Megan. „Ich hof­fe schon mein gan­zes Leben lang, dass ich nicht so blöd bin.“

Sei ein­fach nicht blöd“, sagt Megan noch eine Spur wei­cher und wär­mer als sonst. „Und komm bald nach.“

Mei­ne Schwes­ter hat gesagt, dass ich dich wahr­schein­lich hier fin­den wür­de.“ Es ist Johns sof­te und dabei durch­drin­gend männ­li­che Stim­me in sei­nem Rücken. Simon hat ihn kom­men gehört, ist aber reg­los sit­zen­ge­blie­ben und hat wei­ter auf den Fluss und die Bäu­me dahin­ter gestarrt, deren Wip­fel in leich­ter Bewe­gung sind. Genau die Bäu­me, unter denen Mer­le frei­en Hip­pie­s­ex hat­te.

Simon weiß selbst am bes­ten, dass die Ges­te unecht ist und er den stol­zen India­ner spielt und viel­leicht noch mehr den durch den wil­den Wes­ten strei­fen­den Shao­lin Cai­ne aus der Fern­seh­se­rie von frü­her, der immer alles rich­tig mach­te. Aller­dings war Cai­ne, so wei­se und fried­fer­tig er auch war, in jeder Fol­ge dazu gezwun­gen, sei­ne allen über­le­ge­nen Kampf­küns­te zu demons­trie­ren.

Simon hat drei has­ti­ge Ziga­ret­ten geraucht, nach­dem Megan gegan­gen war, dann sah er Mer­le und John am ande­ren Fluss­ufer. Wäh­rend sie durch den Fluss schwam­men, robb­te er rück­wärts hin­ter die ers­te Baum­rei­he zurück und dach­te wütend: Die­se Fle­cken kriegst du nicht mit Was­ser weg. Er sah zu, wie sie ein­an­der abrie­ben, mit­ein­an­der her­um­al­ber­ten, sich end­lich anzo­gen und schließ­lich Rich­tung Camp­ground gin­gen. Erst woll­te er hin­ter­her­schlei­chen, aber dann kehr­te er bloß zum Fluss zurück, um abzu­war­ten ob Mer­le kom­men wür­de.

Was tust du hier? War­um kommst du nicht zu uns?“ Jetzt ist da auch noch Johns Hand, die sich freund­schaft­lich auf sei­ne Schul­ter legt. Du traust dich ja was, denkt Simon. Ich könn­te die­se Hand neh­men und damit machen, was ich woll­te.

Simon fährt in einer plötz­li­chen Bewe­gung empor.

Okay, Mann, das war schnell“, sagt John, der ein paar Schrit­te zurück­ge­wi­chen ist und sich um eine beschwich­ti­gen­de Hal­tung bemüht. Simon ist damit zufrie­den. Er lässt noch ein paar Sekun­den ver­ge­hen, dann sagt er so soft er kann: „Ich woll­te gera­de zu euch, aber jetzt setz du dich doch zu mir.“

Okay.“ John setzt sich und war­tet, ein biss­chen so wie ein Schü­ler ohne Haus­auf­ga­ben vor Unter­richts­be­ginn.

Simon setzt sich ihm gegen­über. „Wer ist denn dei­ne Schwes­ter?“, fragt er und beugt sich etwas vor.

Mei­ne Schwes­ter Megan. Ich glau­be, in ganz bestimm­ter Wei­se kennst du sie bes­ser als ich. Auch wenn ich sie schon mein gan­zes Leben ken­ne.“

Dei­ne Schwes­ter Megan. Meinst du eine von dei­nen vie­len Schwes­tern, weil ihr doch alle Brü­der und Schwes­tern seid?“

Nein, Megan ist mei­ne gro­ße Schwes­ter. Mei­ne rich­ti­ge Schwes­ter, oder mei­ne leib­li­che Schwes­ter, um es ganz deut­lich zu machen. Und ganz sicher ist sie mei­ne über alles gelieb­te Schwes­ter, die alle Schlä­ge mei­nes Stief­va­ters auf sich genom­men hat, die eigent­lich für mich bestimmt waren.“

Oh, ver­ste­he.“ Simon lässt den Mund offen ste­hen, bis sich davor eine Bla­se bil­det, die „Plopp“ macht. Sei­ne Feind­se­lig­keit ver­liert sich, denn auf irgend­ei­ne Wei­se gleicht das die Sache aus. Zumin­dest, wenn man einer ganz bestimm­ten kru­den Män­ner­lo­gik folgt, die er zwar immer gehasst hat, aber die ganz offen­sicht­lich bestim­mend für ihn ist, trotz Curt Cobain, Alter­na­tiv Rock und Phi­lo­so­phie­stu­di­um.

Magst du mei­ne Schwes­ter?“ John fragt das völ­lig offen­her­zig, ohne jeden Unter­ton, höchs­tens, dass so etwas wie Ver­trau­en mit­schwingt. Über­haupt wirkt er kein biss­chen mehr so selbst­ver­liebt wie vor­hin am Lager­feu­er, als er all die Songs raus­hau­te, und viel­leicht war es es auch vor­hin nicht, und der in sei­ner Eitel­keit ver­letz­te Freund Mer­les hat alles häss­lich ver­zerrt wahr­ge­nom­men. Oder John ist jetzt ein­fach nur unsi­cher, ob die­ser Typ aus Deutsch­land, der stumpf und sto­isch am Fluss­ufer vor sich hin­brü­te­te, nicht doch noch um sich schlägt wie sei­ne anti­ken oder auch moder­ne­ren Vor­fah­ren.

Ja, schon“, sagt Simon. „Doch irgend­wie schon ganz schön.“

Das kann kei­ner bes­ser ver­ste­hen als ich“, sagt John lächelnd.

Viel­leicht ist er auf eine ähn­li­che Wei­se erleich­tert wie Simon, oder die­ses archai­sche Erbe drückt ihn ein­fach weni­ger, oder er kennt die­ses Gift gar nicht, oder der Hip­piet­raum war stark genug für eine Art von Exor­zis­mus.

Tag 5, Freitag, 15. Mai 2020

und die letz­te Nacht.…

Was ist mit dir und Mer­le? Auf eine gewis­se Wei­se kennst du sie ja nun so gut wie ich. Magst du sie?“

John zögert. „Ich fin­de sie sehr auf­re­gend und inspi­rie­rend, und sie hat bestimmt eine wei­che Sei­te, aber … tut mir leid, ich fang noch­mal von vor­ne an. Weißt du, Megan und Mer­le haben mir bei­de gesagt, du wür­dest mich im Fluss erträn­ken, wenn ich was Fal­sches sage, und es klang, als wäre es nicht nur ein Witz.“

Schon gut, ich wer­de nicht Mega­ns Bru­der umbrin­gen, und jede ande­re Sze­ne wie zum Bei­spiel, dass ich dich schla­ge, wäre mir zu pein­lich. Also sag schon was du woll­test.“

Okay, ich glau­be das mal.“ John holt tief Luft. Er macht das so unauf­fäl­lig wie mög­lich, und sein Blick ist offen, freund­lich und besorgt. „Weißt du, ich hab gefühlt wie schnell es geht, ihr gefal­len zu wol­len. Sogar ihr zu ver­fal­len. Und ich bin froh, dass es ganz klar ist, dass sie mit dir wei­ter­zie­hen will und dich behal­ten will. Ihr wer­det wei­ter­zie­hen, und nicht sie und ich. Und wenn es dich nicht gäbe und sie allei­ne hier bei uns auf­ge­taucht wäre, ich wür­de alles ver­su­chen, ihr nicht zu ver­fal­len. Ich mei­ne, du weißt es viel bes­ser und fühlst unend­lich viel stär­ker für sie als ich. Du berührst sie und fühlst: Das ist mehr als die gro­ße Lie­be, das ist das wah­re nack­te Leben. Und du willst das alles, aber es ist so viel grö­ßer als du. Du kannst es nicht fas­sen, schon gar nicht fest­hal­ten. Ich mei­ne, du liebst sie und wirst mit ihr zie­hen, aber viel­leicht wäre es bes­ser für dich, du wür­dest Megan lie­ben und bei uns blei­ben. Aber das ist nur so ein Gefühl von mir, und viel­leicht ist es ja auch ver­rückt, und du kannst den Blöd­sinn ver­ges­sen, und Mer­le ist das größ­te Glück, das man haben kann.“

John steht auf und kramt in sei­ner Hosen­ta­sche. „Sor­ry“, sagt er und zieht ein Han­dy her­vor. „Hey, gro­ße Schwes­ter, ich sit­ze hier am Fluss mit dei­nem Lover, und es ist alles cool … nein, er hat mich ver­schont. Er ist sehr cool, und wir kom­men gleich.“ John steckt das Han­dy wie­der weg und reicht Simon die Hand, um ihn empor­zu­zie­hen.

Ihr und Han­dys?“

Na klar, für den Not­fall.“

Wir haben extra kei­ne mit.“

Echt nicht? Jesus … wol­len wir gehen?“

Geh ruhig. Ist ja jetzt alles cool. Ich blei­be noch hier.“

John lässt den aus­ge­streck­ten Arm sin­ken und nickt. „Dach­te ich mir schon. Okay, aber pass gut auf dich auf, ver­spro­chen?“

Pass gut auf sie auf, sag­te Vin­ce ein­dring­lich und sein trau­ri­ger Blick, den Simon vom Mond her zu füh­len glaubt, war nicht ohne Ver­trau­en. Vin­ce, der wei­ter im Süden sei­ne Krei­se zieht, immer sei­ne ver­lo­re­ne Toch­ter vor Augen, für die er nichts mehr tun kann.

Simon ist ein paar hun­dert Meter fluss­auf­wärts gegan­gen, bis er eine Stel­le fand, an der es vie­le fla­che Stei­ne gab, die er bis zum ande­ren Ufer sprin­gen las­sen konn­te. Break on through to the other side, denkt er. Einer nach dem ande­ren auf die ret­ten­de Sei­te.

Auf Mer­le auf­pas­sen und zugleich auf sich selbst war viel­leicht ein zu gro­ßer Wider­spruch, um ihn zu leben. Merk­wür­dig, die­se lebens­klu­gen, prag­ma­ti­schen Rat­schlä­ge von jeman­dem wie John. Wirf dei­ne Lie­be woan­ders hin, sonst ver­glühst du. War das der zen­tra­le Vor­schlag?

Oder gera­de gar nicht merk­wür­dig bei jeman­dem wie John, der vor­gibt, ein Hip­pie zu sein, dabei nichts so rich­tig liebt, son­dern ganz vie­les ein­fach nur ganz geil fin­det. Viel­leicht mit Aus­nah­me sei­ner Schwes­ter Megan.

Simon fin­det einen nahe­zu per­fek­ten Stein, aber er ist miss­mu­tig und wirft ihn has­tig und in einem schlech­ten Win­kel, so dass der Stein ein­fach nur ins Was­ser schießt und still ver­sinkt.

Es gibt da einen alten japa­ni­schen Hai­ku, in dem es heißt: In den alten Teich. Fällt ein Frosch. Plumps. Und Simon kann sich auch den­ken was Cas­ta­ne­das Scha­ma­ne mit mil­der Stren­ge zu ihm gesagt und ihn dazu mit sei­nen Habicht­au­gen durch­leuch­tet hät­te: Du bist wütend und fühlst dich des­halb im Recht, und du nimmst dich so ver­dammt wich­tig.

Es stimmt schon, beschließt Simon. Der Gedan­ke, dass John nichts wei­ter ist als ein ober­fläch­li­cher Par­ty­lö­we, der zufäl­lig auf einer Hip­pie­par­ty lan­de­te, hat mit sei­nem über­stei­ger­ten Gefühl der eige­nen Wich­tig­keit zu tun. Es ist ein Gedan­ke, der auf­plus­tert, häss­lich macht, und wahr­schein­lich sogar völ­li­ger Blöd­sinn ist.

Die­ser John, obwohl jün­ger als er, hat­te ehr­lich besorgt geklun­gen. Sogar so als wüss­te er, wovon er sprach. Und er klang wie ein Freund.

Oder doch nicht, fällt es Simon an, du willst doch nur dei­ne klei­ne See­le beru­hi­gen, indem du dich dem Aggres­sor an den Hals schmeißt.

Simon fin­det einen wei­te­ren fla­chen Stein und wirft ihn. Er kennt die­se gedank­li­chen Quer­schlä­ger, die ihm die Wirk­lich­keit so unge­nieß­bar machen sol­len wie nur mög­lich. Sie kom­men wie ein Schwarm Hor­nis­sen durch ein offen gelas­se­nes Fens­ter, und sie klin­gen auch so. Simon weiß auch, woher sie kom­men. Es sind Stim­men, die erst­mals kurz nach dem Abitur in ihm laut wur­den, als die Visio­nen bezüg­lich sei­nes eige­nen Lebens aus­blie­ben und er nach einer Rei­se durch India­ner­land sein Phi­lo­so­phie­stu­di­um begann. Sie sagen: Du bist ein Bür­ger­kind, dem es immer gut ging. Was du tust und denkst, hat kei­nen Wert, weil du nie für etwas kämp­fen muss­test. Alles was du je errei­chen wirst, wird auch nur ein Geschenk sein. Auf dich allein gestellt wirst du immer ver­sa­gen, und wenn du nicht ver­sagst, hat­test du Hil­fe, die du auch nicht ver­dient hast.

Alles Gedan­ken, die Hand in Hand gehen mit der gefühl­ten Gering­schät­zung, die Mer­le ihm manch­mal ent­ge­gen­bringt.

Aber ande­rer­seits, was könn­te eine von so hef­ti­gen Wesen bewohn­te Frau wie Mer­le dazu trei­ben, mit jeman­dem zusam­men zu sein, den sie ver­ach­tet? Nichts viel­leicht. Wahr­schein­lich nichts, oder ein Abgrund in ihr, den er noch nicht kennt. Aber Spe­ku­la­tio­nen ab ins Feu­er, sag­te David Hume schon vor Jahr­hun­der­ten, und Simon steckt sich eine Ziga­ret­te an und dann noch eine und stellt fest, dass ihn nun kei­ne klei­nen Krämp­fe mehr schüt­teln. Ver­fluch­te Hip­pies, denkt er noch belus­tigt, und vor ihm ist der Fluss und dahin­ter gro­ße Wald­ge­bie­te, die er noch nicht kennt, so wie er den aller­größ­ten Teil der Welt noch nicht kennt. Rie­si­ge Wäl­der, die nach Nor­den hin bis zur Hud­son Bay rei­chen und still ruhen wie viel­leicht gro­ße unent­deck­te Räu­me sei­ner selbst.

Er wird das Ver­spre­chen hal­ten, das er Vin­ce gege­ben hat. Vin­ce, des­sen Umlauf­bahn sie ver­las­sen haben. Vin­ce, der Mer­les Ver­letz­lich­keit sah und Ver­trau­en zu ihm hat­te.

Und was kennt dage­gen John schon von Mer­le außer dem Duft ihrer Möse an einem bestimm­ten Tag, womit er kurz­zei­tig unver­schäm­tes Glück hat­te? Und viel­leicht, höchst­wahr­schein­lich lei­der, hat­te er noch Glück mit ein oder zwei Din­gen, die Mer­le mit ihm ange­stellt hat. Na und? Schon sehr bald wird er sich nicht mehr so rich­tig dar­an erin­nern.

Aber einen wei­te­ren Stich gibt es Simon doch. Er selbst hat immer mehr in die Frau­en und Mäd­chen inves­tiert, die er gekannt hat­te. Er hat nie ver­ges­sen, wovon sie nachts träum­ten, aber ihre Düf­te, so zen­tral sie für ihn auch waren, und das waren sie, sind nicht mehr klar in sei­nen Erin­ne­run­gen.

Aber soll das jetzt irgend­wie tröst­lich für ihn sein? Er ist ja nicht John. Viel­leicht erin­nert John sich nur an die Düf­te und an das, was die dazu­ge­hö­ri­gen Frau­en mit ihm anstell­ten.

Und was weiß der Typ dann nicht? Was abso­lu­te Ver­bun­den­heit ist und das eige­ne Leben für­ein­an­der in die Waag­scha­le wer­fen und die nicht enden­de Lie­be?

Simon geht auf der Suche nach neu­en fla­chen Stei­nen am Fluss­ufer auf und ab und weiß nicht so recht. Howard und June hat­ten all das, aber sind sie jetzt, am Ende, bes­ser dran als John es sein wird, für den Fall, dass er die gan­ze Sache auch wei­ter­hin lässt? So wie Her­mann Hes­ses Gold­mund, der sein Leben lang auf Wan­der­schaft ist und Glücks­frag­men­te sam­melt, aber sie sind am Ende wie bun­te Mosa­ik­stei­ne, die nichts erge­ben, die sich zu kei­nem Mus­ter fügen, zu kei­ner Geschich­te, die einen Sinn ergibt. Und doch hat Hes­se so viel lie­ber über Gold­mund geschrie­ben als über die Sess­haf­ten und Schät­ze Bewah­ren­den, über die letzt­end­lich ja auch Pest und Tod hin­weg­ras­te.

Wuss­te der ster­ben­de Gold­mund, dass er jede Men­ge Schön­heit berührt und gekos­tet hat­te? Aber wenn Gold­mund dank­bar starb – Simon weiß es nicht mehr – dann heißt das auch nur, dass Hes­se sei­nen Lieb­ling nicht ins Lee­re lau­fen las­sen woll­te. Der wun­der­schö­ne Gold­mund, der Suchen­de und Lieb­ha­ber, der alle gro­ßen Gefüh­le kann­te und tief­grün­dig war, wie ein Mensch es nur sein konn­te.

Wenn John so wäre wie Gold­mund, gäbe es kei­ne Schwie­rig­kei­ten. Simon wür­de Mer­le Gold­mund gön­nen und Gold­mund Mer­le, gar kein Pro­blem.

Aber John ist viel­leicht doch in ers­ter Linie ein Lebe­mann in Hip­pie­kos­tü­mie­rung, der stumpf und tough genug ist, sei­nem neben ihm sit­zen­den Tod auf die Schul­ter zu klop­fen und zu sagen: Es ist okay, nimm mich mit und, dan­ke Gott, es war wirk­li­che eine Rie­sen­par­ty, die du für mich geschmis­sen hast.

Und wie abge­klärt wird dage­gen Howard sein, wenn er aus der Sym­bio­se her­aus­ge­ris­sen wur­de? Und wird er dank­bar sein für all die Jah­re der Lie­be, wenn sie unwie­der­bring­lich vor­bei sind? Soll er Junes Geist lie­ben, den er sich selbst her­bei­phan­ta­siert?

Simon!“ Das war Mer­les Stim­me, etwa von dort, wo die Hip­pies vor­hin ins Was­ser gehüpft sind. Dann rufen auch die ande­ren nach ihm.

Ich bin hier“, ruft Simon zurück, weil er nicht belei­digt oder neu­ro­tisch erschei­nen will. „Ich kom­me zu euch.“

Ich kom­me zu euch … hm … Mor­gen beginnt wie­der ein Kin­der­wo­chen­en­de ohne Kin­der, denn Coro­na ist ein Ver­bün­de­ter mei­ner Ex, und es sieht so aus, als wür­de jeder Mas­ken­trä­ger ihr recht geben …

Es heißt ja in vie­len Büchern, Fil­men und Seri­en, dass man sehr auf der Hut sein soll­te, wenn Begrif­fe wie “Soli­da­ri­tät” und “Ver­ant­wor­tung” im Umlauf sind, aber eine glaub­haf­te Ver­schwö­rungs­theo­rie fin­de ich auch nicht.