Foto: Blaise Bougois
Foto: Blai­se Bou­go­is

Mei­ke Dan­nen­berg, geb. 1974 in Bre­men, begann wäh­rend des Stu­di­ums der ange­wand­ten Kul­tur­wis­sen­schaf­ten in Lüne­burg, für ver­schie­de­ne Medi­en zu schrei­ben. Seit 2010 ist sie Redak­teu­rin des BÜCHER­ma­ga­zins und ist außer­dem Kri­mi-Autorin. Mei­ke Dan­nen­berg wohnt mit ihrer Fami­lie in Bre­men.

www.meikedannenberg.de

Mei­ke Dan­nen­berg schreibt vom 27. April bis 1. Mai 2020 täg­lich für unse­ren Coro­na-Blog.

Tag 1, Montag, 27. April 2020

Schrei­ben zu Zei­ten von Coro­na

Ich weiß, was ich NICHT schrei­be. Ich arbei­te nicht an mei­nem Roman, nicht an mei­nem Kri­mi­plot. Der Kri­mi erscheint mir gera­de zu banal und der Roman ist zwar fast fer­tig, aber da ist die­se Atmo­sphä­re: Auf­bruch, Früh­ling, Jugend. Die­ses Erwa­chen der Prot­ago­nis­tin ist schön und ver­hei­ßungs­voll, aber ich höre früh­mor­gens mei­nen Mann im Bad hus­ten. Das tut er immer, er ist ein rich­ti­ger Schnau­fer, All­er­gi­ker, das hält mich auch sonst wach, aber im Moment klopft mein Herz dann schnel­ler. Kurz vor Son­nen­auf­gang ist die Stun­de der Angst und ich den­ke dar­über nach, wer sich um unser Kind küm­mert, wenn wir bei­de ins Kran­ken­haus müss­ten. Mei­ne sieb­zig­jäh­ri­ge Mut­ter?!

Stream of Con­scious­ness heißt es, wenn man den Stift aufs Papier setzt und ein­fach drauf los schreibt. Ich nut­ze das gele­gent­lich, um men­ta­len Bal­last abzu­wer­fen, um krea­tiv arbei­ten zu kön­nen, doch im Moment ist alles nur Stream of Coro­na. Neu­lich erzähl­te mir eine Kol­le­gin von ihrem Roman-Jour­nal, dort hält sie fest, wor­an sie beim nächs­ten Mal, wenn sie Zeit hat (zwei Kin­der, ein Brot­job im Home­of­fice) im Manu­skript arbei­ten möch­te, weil sie sonst völ­lig den Faden ver­liert. Die ers­te Asso­zia­ti­on, die dar­auf­hin in mei­nem neu­en Jour­nal lan­de­te, war, dass ich ger­ne mit Peter Wohl­le­ben spre­chen wür­de. Er soll mir erklä­ren, wie das ist mit dem gestress­ten Wald, der angeb­lich sogar den Stress­pe­gel eines Men­schen beein­flus­sen kann. Wenn mich sogar ein Wald stres­sen könn­te, dann ist es ja kein Wun­der, dass ich ver­krampft aus einem Super­markt kom­me und heu­len möch­te. Wir eiern mitt­ler­wei­le so um ein­an­der her­um, das Gan­ze erin­nert mich zuneh­mend an einen erzwun­ge­nen Tanz. Wel­chen Sound­track mag der „Coro­na-Step“ haben? Irgend­was Com­pu­ter-Gene­rier­tes, Ambi­ent viel­leicht. Da war etwas Selt­sa­mes an den Ambi­ent-Par­tys, Anfang der Neun­zi­ger, man konn­te sprin­gen, Arme und Bei­ne in alle Rich­tun­gen wer­fen und nie traf oder trat man jeman­den. Kon­takt­ar­me Musik. Also Ambi­ent. Nicht die Ode an die …

Ver­schla­fe­nes Kind: „Darf ich Fern­seh gucken?“

Was? Nein!“

War­um nicht?“ Mau­lig.

Es ist neun Uhr. Du musst früh­stü­cken, bei its­lear­ning schau­en, ob da neue Auf­ga­ben sind. Der Com­pu­ter …“

Ich mach das auf dei­nem Han­dy!“

…“

Nicht mehr ganz so ver­schla­fe­nes Kind: „Was!? Wir sol­len jetzt mit der Mai-Auf­ga­be fürs Baum­ta­ge­buch begin­nen?, ich hab doch noch nicht mal…!“

Ich bezweif­le, dass Ambi­ent der Sound­track ist, eher Neue Musik, irgend­was mit Rück­kopp­lung.

(Vier­zig Minu­ten spä­ter tele­fo­niert das Kind mit einer Klas­sen­ka­me­ra­din. Auf ihren Haus­auf­ga­ben-Zoom haben sie kei­ne Lust mehr, das hat alle gestresst, auch wenn es gut war, zu sehen, dass sie alle vor den glei­chen Pro­ble­men sit­zen: ein Berg, der nicht klei­ner wird, Auf­ga­ben kom­men dazu, kei­ner weiß mehr genau, was wann fer­tig wer­den soll.)

Allei­ne ist doof. Zusam­men vor dem Bild­schirm aber auch.

Wir sind alle dünn­häu­tig im Moment. Ich taue Safran­we­cken auf.

Stream of Coro­na, wo war ich?

Eine Bekann­te erzähl­te, sie käme im Moment so wenig dazu, an ihrem Buch zu arbei­ten, dass sie sich ein Roman-Jour­nal ange­legt hat … Eine Erfah­rung seit Coro­na: Ich mache vie­le Din­ge zwei Mal, wegen der Unter­bre­chun­gen. Über Ambi­ent hat­te damals ein Freund gesagt, die­se Musik sei wie ein Klei­der­schrank, man hän­ge sich ein­fach rein. Jetzt hän­gen wir im Coro­na-Schrank und wenn mein Mann hus­tet, zieht sich die Schlin­ge um den Hals enger.

Ich habe noch wei­ter recher­chiert, über die Ver­bin­dung von Bäu­men unter­ein­an­der. Mykorr­hi­za hie­ße das Netz aus Fein­bo­den­pil­zen, das die Bäu­me im Wald mit­ein­an­der ver­bin­det. Der Pilz ist abhän­gig von den Bäu­men, die Kom­mu­ni­ka­ti­on erfolgt über einen Aus­tausch von Nähr­stof­fen. „Wood-Wide-Web“ nann­te der Wis­sen­schaft­ler in der GEO das. Wenn sogar die Bäu­me so ver­bun­den sind, und mein Herz schnel­ler schlägt, wenn mein Mann hus­tet, was sagt das dann über den Sound­track aus, dem wir uns täg­lich aus­set­zen?

Viel­leicht müs­sen wir den ändern. In Wal­zer, oder so. Irgend­was mit Anfas­sen, zumin­dest men­tal, etwas Geschmei­di­ges, das ver­bin­det, obwohl alle so fern sind.

Tag 2, Dienstag, 28. April 2020

Ges­tern schrieb ich, der Kri­mi, an dem ich arbei­te, käme mir im Moment so banal vor. Das hat mich den Rest des Tages beschäf­tigt, denn das The­ma ist ganz und gar nicht banal: Es geht um Ver­ge­wal­ti­gung. Mir kommt es eher banal vor, die Rea­li­tät in einen span­nen­den, unter­halt­sa­men Plot zu gie­ßen, wenn die Rea­li­tät so wenig unter­halt­sam ist. Dabei war das, sie­he unten, schon vor Coro­na ein Pro­blem, doch plötz­lich sit­ze ich oben­drein an einem his­to­ri­schen Roman. His­to­risch, weil die Zeit sich der­art geän­dert hat, dass alles fern und ver­gan­gen erscheint. Der Roman beginnt im Tau­mel einer Som­mer­nacht, Men­schen sind in den Parks und Stra­ßen unter­wegs, Zwei­sam­keit, Gemein­sam­keit, Geläch­ter. Es gibt Restau­rant­be­su­che, Par­tys. Und sexu­el­le Über­grif­fe, auch eine schwe­re Ver­ge­wal­ti­gung, bei der das Opfer miss­han­delt wird.

Zum Schrei­ben gehört für mich als Kri­mi­au­torin Recher­che. Und was die­se zuta­ge för­der­te, erschreck­te mich (vor allem als Mut­ter einer Toch­ter, die irgend­wann flüg­ge wer­den wird): Bre­men hat­te in der Poli­zei­li­chen Kri­mi­nal­sta­tis­tik 2018 die höchs­te Anzei­gen­ra­te im Bezug auf schwe­re Ver­ge­wal­ti­gung, sexu­el­le Nöti­gung oder Über­grif­fe (einschl. mit Todes­fol­ge) nach §177,178 StGB im gan­zen Bun­des­ge­biet.

Glau­ben Sie nicht? Ich hof­fe auch immer noch, irgend­ein kru­der Rechen­feh­ler ist am Werk. Aber ich hat­te mehr­fach nach­ge­rech­net: In Bre­men wur­den 2018 149 Anzei­gen wegen der oben genann­ten Ver­ge­hen auf­ge­nom­men, es gab 683.000 Ein­woh­ner, das macht einen Pro­zent­satz von 0,02182.
In Ham­burg waren es bei 211 Anzei­gen bei 1.841.000 Ein­woh­nern = 0,01146 %, also etwa halb so vie­le Anzei­gen auf Ein­woh­ner gerech­net.

Ja, jetzt kommt das Argu­ment mit den Stadt­staa­ten.

Ohne Bre­mer­ha­ven, also nur Bre­men Stadt (127 Anzei­gen auf 569.000 Ein­woh­ner) sind es immer noch 0,02232 Pro­zent.
Ber­lin: 768 Anzei­gen auf 3.645.000 Ein­woh­ner = 0,0210 Pro­zent. Köln, 238 Anzei­gen, aber bei 1.085.664 Ein­woh­ner knapp hin­ter Bre­men: 0,02192 Pro­zent. Und so geht das immer wei­ter.

Ich habe den Pro­zent­satz für alle Bun­des­län­der und ver­gleich­ba­re Städ­te aus­ge­rech­net, wur­de rich­tig manisch. Nicht allen Kri­mi­au­toren ist die Rea­li­tät wich­tig, sie stört manch­mal sogar. Die Zah­len haben mich auch ein­ge­schüch­tert, mei­ne Geschich­te gebremst. Wie kann ich dem gerecht wer­den? Was hat das zu bedeu­ten, wo kommt es her? Ist 2018 nur ein zufäl­li­ger Aus­rei­ßer?

Die Kri­mi­nal­sta­tis­tik 2019 ist seit kur­zem online. Und ja, es sind nur win­zi­ge Abwei­chun­gen, zwei­te oder drit­te Nach­kom­ma­stel­le. Aber wenn ich davon aus­ge­he, dass die Hälf­te der Bre­mer Frau­en sind (ohne Kin­der raus­zu­rech­nen), zeigt etwa eine von 4500 Frau­en eine schwe­re Ver­ge­wal­ti­gung an, in Ham­burg nur eine von 9000. Zeigt an, wohl­ge­merkt. Man könn­te über­le­gen, ob Bre­me­rin­nen offen­si­ver sind, wenn es um Anzei­gen­er­stat­tung geht. Eben­so das soge­nann­te Dun­kel­feld. Die­ses wird nach einer Stu­die, erwähnt im BKA Vik­ti­mi­sie­rungs­ser­vey 2017, bei Sexu­al­de­lik­ten übri­gens auf min­des­ten sie­ben Mal höher geschätzt Das ist die Krux bei Sta­tis­ti­ken. Die­se Zah­len haben mich trau­rig gemacht. Pisa-Schluss­licht und Ver­ge­wal­ti­gungs­spit­ze? Unklar auch, war­um in den neu­en Bun­des­län­dern deut­lich weni­ger Ver­ge­wal­ti­gun­gen ange­zeigt wer­den. Auch hier haben sich Zwei­fel gemel­det.

Was bedeu­tet das nun fürs „Schrei­ben“ und vor allem „zu Zei­ten von Coro­na“?

Das The­ma ist nicht banal! Ganz im Gegen­teil, die meis­ten Sexu­al­straf­ta­ten fin­den im nahen Bekann­ten­kreis, Fami­li­en­um­feld oder in Part­ner­schaf­ten statt. Und ich befürch­te, die Anzei­gen wer­den zurück­ge­hen, weil alles, das mensch­li­che Inter­ak­ti­on betrifft, im Moment schwie­rig ist. Eine Spu­ren­si­che­rung am Kör­per ist ein sehr inti­mer Akt.

Der Park erscheint mir plötz­lich siche­rer. Obwohl mir der Gedan­ke naiv vor­kommt, ein Ver­ge­wal­ti­ger hät­te mehr Angst vor Coro­na als vor der Poli­zei.

Das Buch war­tet dar­auf, dass ich wei­ter­schrei­be, der Kri­sen­mo­dus muss sich nur erst wie­der ver­la­gern.

(Quel­len: PKS Jahr­buch 2018 S. V10, Vik­ti­mi­sie­rungs­ser­vey BKA 2017, Ein­woh­ner­zah­len Statista.de)

Tag 3, Mittwoch, 29. April 2020

Der Coro­no-Fami­li­en­k­nast lässt uns rotie­ren. Manch­mal wird der Ton rau, vor allem, wenn Zet­tel weg sind und schlech­te Lau­ne auf­kommt, weil Gerä­te oder Mate­ria­li­en nicht ver­füg­bar schei­nen. Dann bricht für einen Moment alles zusam­men, die müh­sam zusam­men­ge­fal­te­te Stim­me will sich blä­hen, aus­bre­chen aus dem freund­lich, hilfs­be­rei­ten Ton-Kor­sett. Aber was kann das Kind dafür, dass es in sei­nem Alter dazu genö­tigt wird, sich an Tagen wie die­sem – lin­ker Fuß vorm Bett, grau­er Him­mel – allei­ne zu meh­re­ren Stun­den Heim­ar­beit zu moti­vie­ren?

Ich durch­fors­te mein Hirn nach den Din­gen, die uns der­zeit Struk­tur geben und die Lau­ne heben.

1) Aus­mis­ten: Wahr­schein­lich hät­ten wir ohne die erzwun­ge­ne Zeit nie­mals das Kin­der­zim­mer so effi­zi­ent in ein Jugend­zim­mer ver­wan­delt. Müll­sä­cke voll mit Aus­mal­bil­dern, Plas­tik­fi­gür­chen, zer­bro­che­nen Flum­mis und Kram, der Kin­dern in unse­rer Kon­sum­ge­sell­schaft fast auf­ge­nö­tigt wird, von der Plas­tik­kat­ze als Floh­markt­ge­schenk (Bit­te Kind, sag ein­fach Nein!) bis zum jähr­li­chen Auf­kle­ber-Sam­mel­fi­gu­ren-Album-Wahn­sinn in der Weih­nachts­zeit. Fünf Mal füll­ten wir die Kis­te vor der Haus­tür mit Spiel­zeug, Büchern, Mur­meln und Klein­kram, ver­schick­ten Pake­te, mot­te­ten das Play­mo­bil für die Zeit ein, in der es wie­der Floh­märk­te gibt, stell­ten die Möbel um und Sachen im Inter­net ein.

2) Bewe­gung in den vier Wän­den: Von dem Geld hat sich das Kind eine Turn­mat­te gekauft. Air­track, wie ich lern­te. Die Koh­le­fa­sern in der Luft­kam­mer machen so ein inter­es­san­tes Geräusch: Whu­um, Whu­um, manch­mal knallt sie auch auf den Boden, wenn eine Ecke sich durch den Schwung hebt, Wapp. Das hat also, wie vie­les gera­de, zwei Sei­ten, aber Hand­stand, Rad­schlag und ‑wen­de, das läuft. Den gan­zen Tag, über den Tag ver­teilt. Wir fin­den das gut, obwohl es im Wohn­zim­mer statt­fin­det. Vor Coro­na wären wir durch­ge­dreht, aber jetzt ist das irgend­wie in Ord­nung. Die Akro­ba­tik­grup­pe des Bre­mer Zir­kus­vier­tels probt wäh­rend der Zoom-Stun­den gera­de Sofa-Kunst­stü­cke, um sie zu einer Online-Zir­kus­show zusam­men­zu­schnei­den. Das Kind pro­biert, was sich von der Turn­mat­te aufs Sofa über­tra­gen lässt. (Ruhig blei­ben!)

3) Wich­tel: In Ham­burg hat jemand an einem Baum­stamm ein Wich­tel­haus gebaut, klei­ne Tür, Tisch­chen, Namens­schild. Sehr nied­lich und weil die Idee so ein­leuch­tend ist, (Spiel­plät­ze gesperrt), ist der Schan­zen­park jetzt mit Wich­teln bevöl­kert, die man zwar nicht sieht, aber ihre Häus­chen. Also: Wich­tel­haus für Bür­ger­park bau­en! Wir waren beun­ru­higt, dass die Lau­ne sin­ken könn­te, wenn es jemand abräumt, schließ­lich ist es ein öffent­li­cher Park. Aber nach drei Tagen tauch­ten statt­des­sen ein Mari­en­kä­fer, ein win­zi­ger Kür­bis und ein Bild in dem Ensem­ble auf, die Gegen­stän­de wur­den ver­rückt. Das Kind ist ent­zückt. Ich träu­me von einem Bür­ger­park vol­ler Wich­tel­häus­chen, wäh­rend und nach Coro­na.

4) Kis­ten in den Stra­ßen: Wir gehen spa­zie­ren, das tun wir sonst eher im Wald, aber hier fin­den wir Din­ge. Mein Mann ver­folgt seit Jah­ren das Prin­zip erra­ti­scher Bil­dung. Wenn er von einem The­ma eines Buches kei­ne Ahnung hat, sieht er es als Zei­chen und nimmt es mit: Zoo­lo­gie der wir­bel­lo­sen Tie­re, Bio­nik, Kunst aus Alt­vor­der­asi­en und Ägyp­ten. Er hat mich über die Kno­ten­schrift der Inkas infor­miert, so pro­fi­tie­ren wir alle. Im Moment ist die Zeit gut für Hori­zont­er­wei­te­rung, über­all in unse­rer Gegend ste­hen Bücher­kis­ten. Neu­lich hat er „Por­trät zeich­nen“ auf­ge­sam­melt, das Buch aus den Acht­zi­gern ist nicht so streng natu­ra­lis­tisch, da wird auch gek­ri­ckelt, das Kind schloss sich an. Mein Mann sagt, und ich bin froh drum, dass er das nicht tut, wenn er hier in der Gegend Sozio­lo­gie, Phi­lo­so­phie und poli­ti­sches Sach­buch mit­neh­men wür­de, müss­ten wir anbau­en.

5) Brett­spie­le: Wir spie­len auch sonst Brett­spie­le. Seit eini­gen Tagen wird mit einer wei­te­ren Fami­lie über Brettspiel.de und Boardgamearena.com gespielt. Par­al­lel läuft ein Video, damit man sich über die Ton­spur unter­hal­ten kann. Aber es wur­den auch schon Com­pu­ter auf Bücher­sta­peln schräg gestellt, im Auge der Kame­ra das Spiel­brett eines Spiels, das bei­de Fami­li­en besit­zen. Ging auch irgend­wie.

Das alles auf­zu­schrei­ben, was unser Leben der­zeit berei­chert, hat jetzt tat­säch­lich etwas genutzt, ich läch­le und bin gerührt. Wir Men­schen sind so unglaub­lich gut, krea­ti­ve Lösun­gen für Pro­ble­me zu ent­wi­ckeln, wir müs­sen uns nur dar­an erin­nern. Und inzwi­schen sind auch die Haus­auf­ga­ben erle­digt.

Tag 4, Donnerstag, 30. April 2020

Heu­te woll­te ich über die Angst schrei­ben, aber dann bekam ich Angst, dass ich jam­me­re. Das gefällt mir im Moment nicht beson­ders: Ich habe sehr gro­ße, immer wie­der auf­flam­men­de Angst, reflex­ar­tig wer­de ich von Freun­den beru­higt. Nie­mand möch­te, dass das, was ich emp­fin­de, näher an der Rea­li­tät lie­gen könn­te als ein ver­meint­li­ches Sicher­heits­ge­fühl. Aber wer weiß das schon so genau? Auf jeden Fall ist es unan­ge­nehm – mir und mei­nem Gegen­über –, dass ich stän­dig als Cas­san­dra her­u­mun­ke, aber ich kann nicht so recht aus mei­ner Haut. Ich hat­te das vor Coro­na schon, wir sind enge Ver­trau­te, die Angst und ich.

Neu­lich hielt ein jun­ger Mann vor unse­rer Vor­gar­ten­tür, wir hat­ten da die­se Ver­schen­ke­kis­te ste­hen, und er such­te sich etwas für sei­ne noch recht klei­nen Kin­der raus, wäh­rend ich eine Blu­me ein­topf­te.

Fünf und drei Jah­re?“, sag­te ich. „Wie kommt ihr klar?“

Tja, gereizt“, ant­wor­te er. Er hat­te dunk­le Schat­ten um die Augen. Er sag­te, dass er nicht ver­ste­he, was das alles sol­le, Schwe­den, und alles gar nicht so schlimm.

Ich sag­te, ich kön­ne das alles sehr gut ver­ste­hen, sei fast froh dar­um, dass die Regeln mei­nen Ängs­ten so ent­sprä­chen, dann müss­te ich mich nicht als ner­vö­ses Ner­ven­bün­del outen. Ich mein­te, dass das bestimmt durch mei­ne Erkran­kung käme, dass ich wis­se, wie es sich anfühlt, vom eige­nen Kör­per ver­ra­ten zu wer­den (Ich habe kei­ne Haa­re).

Er guck­te ein wenig mit­lei­dig. Rand­grup­pe. Klar. Dann sag­te ich, dass Lebens­er­fah­run­gen unse­re Ängs­te prä­gen und dass die Poli­ti­ker (Alters­durch­schnitt fünf­zig) sicher über­wie­gend schon Erfah­run­gen mit Krank­heit und Tod im nähe­ren Umfeld gemacht hät­ten. Er sei doch wahr­schein­lich gera­de mal drei­ßig, oder?

Unser Gespräch wur­de unter­bro­chen, er war sicher sehr froh dar­über. In mei­nem Kopf lief es noch wei­ter. Ich woll­te ihm erklä­ren, dass ich damit mein­te, die Poli­ti­ker sei­en nicht objek­tiv, genau wie ich. Anhand der Zah­len ist es objek­tiv nicht zu erwar­ten, dass sowohl mein Mann als auch ich ster­ben wer­den, und trotz­dem habe ich dazu in vie­len Näch­ten Alp-Wachträu­me.

Mor­gens um Vier ist die Stun­de des Wol­fes.

Am Anfang der Pan­de­mie, als „Tria­ge“ zur Rea­li­tät in den Nach­bar­län­dern wur­de, scherz­te ich, ich wür­de mir mit Edding: „Das ist kein Krebs, sieht nur so aus“, auf die Glat­ze schrei­ben. Es war nur ein hal­ber Scherz, denn das Gefühl, als Mensch in gesund, alt, jung, schön, gebil­det oder unge­bil­det kate­go­ri­siert zu wer­den, ist ein sehr bedroh­li­ches Sze­na­rio, das aller­dings auch unter­schwel­lig in sozia­ler Inter­ak­ti­on mit­läuft.

Ich habe es, und das ist natür­lich sub­jek­tiv, schon häu­fi­ger so emp­fun­den, dass ich ohne Perü­cke gleich­zei­tig als arm wahr­ge­nom­men wur­de. Eine selt­sa­me Kau­sa­li­tät, die etwas damit zu tun haben könn­te, dass mir auch manch­mal im Job anschei­nend weni­ger zuge­traut wur­de. Oder als Klein­gärt­ne­rin (wobei unser Gar­ten für sich spricht, wir kön­nen das tat­säch­lich nicht so beson­ders gut). Und natür­lich ist es eine unbot­mä­ßi­ge Unter­stel­lung, dass im Kran­ken­haus nicht die tat­säch­li­che Ursa­che einer solch ver­wir­ren­den Erkran­kung erfasst und ver­stan­den wer­den könn­te. Ich kann also froh sein, nur kahl und nicht acht­zig plus zu sein, aber in dem Fal­le wür­de ich womög­lich über eine Botox-Behand­lung nach­den­ken und ver­su­chen, mir fal­sche Papie­re zu beschaf­fen, wenn die Zah­len bedroh­lich stie­gen.

Mein Mann ist hier der Prag­ma­ti­ker. Er sagt, es gin­ge sowie­so nicht um die Men­schen oder den Schutz von Rand­grup­pen, son­dern dar­um, dass wir nicht in der Lage sei­en, die Wir­kung einer Expo­nen­ti­al­funk­ti­on zu erfas­sen. Wenn man die dann ver­steht, wäre es bereits zu spät, dann wäre nicht nur das Gesund­heits­sys­tem am Ende, son­dern die Wirt­schaft gleich mit, weil in Deutsch­land rund 11 Mil­lio­nen Men­schen gleich­zei­tig mit Fie­ber im Bett lägen.

Ich schaue mir die „Übersterb­lich­keit“ an und den­ke, bald wis­sen wir mehr, und dann habe ich hof­fent­lich nicht mehr so viel Angst. Oder noch mehr, wer weiß das schon. Aber es tut mir leid, dass ich den jun­gen Mann so abge­kan­zelt habe, er hat das Recht, kei­ne Angst zu haben. Ich benei­de ihn dar­um und wer­de nicht über per­sön­li­che Wahr­hei­ten strei­ten. Zum Glück gibt es Regeln von Men­schen, die so viel Angst haben wie ich.

Tag 5, Freitag, 1. Mai 2020

Heu­te ist Fei­er­tag. Seit fast zwan­zig Jah­ren arbei­te ich im Home­of­fice und Fei­er­ta­ge sind wich­tig. Sie sind nicht dazu da, die Sachen nach­zu­ho­len, die man an ande­ren Tagen nicht geschafft hat! Ja, ich weiß: Außer man hat nichts geschafft und viel zu tun und das Wochen­en­de (oder der Fei­er­tag) fühl­ten sich schon vor­her an wie eine beson­ders geeig­ne­te Zeit, in der man viel mehr tun könn­te. Hah! Wenn es vor­her nicht geklappt hat, ändert auch die Tat­sa­che, dass die Geschäf­te geschlos­sen sind, wenig, vor allem jetzt. Im Gegen­teil, es wird sich unge­recht anfüh­len, an einem Tag zu arbei­ten, der nor­ma­ler­wei­se frei wäre.

Heu­te ist also Zeit für etwas ande­res.

(Aber ein Tipp zum Home­of­fice für die, die allein zu Hau­se sind: Licht­we­cker kau­fen, auf fünf stel­len. Und To-Do-Lis­ten in Spal­ten auf­bau­en, sodass auch Haus­halt und all­ge­mei­ner Orga-Kram Platz fin­det. Es ist außer­dem leich­ter, um elf einen Timer auf eine Stun­de zu stel­len, in die­ser Zeit das Bad zu put­zen, einen Kaf­fee zu trin­ken und zu tele­fo­nie­ren und anschlie­ßend wei­ter­zu­ar­bei­ten, als demo­ti­viert auf den Rech­ner zu star­ren. Das men­ta­le Äqui­va­lent zu Blei­stift­an­spit­zen hat ja kei­nen Sinn, wenn es nie­mand sieht.)

Die BÜCHER-Redak­ti­on, zu der ich gehö­re, hat in den letz­ten zwei Wochen alles nach­ge­holt, was vor­her lie­gen geblie­ben ist, ges­tern war das nächs­te Heft pünkt­lich fer­tig. Natür­lich waren die Bedin­gun­gen erschwert. Es gibt bei uns im Team eine Mut­ter von drei­jäh­ri­gen Zwil­lin­gen und zwei wei­te­re Müt­ter mit Kin­dern unter fünf. Wir sind übri­gens alles Frau­en, und bei den meis­ten ging der Groß­teil der Fami­li­en­ar­beits­ka­pa­zi­tä­ten für die Jobs der Män­ner drauf.

Bei unse­rem ers­ten Zoom-Mee­ting vor etwa vier Wochen stell­ten wir oben­drein depri­miert fest, dass wir, lei­den­schaft­li­che Lese­rin­nen, Schwie­rig­kei­ten hat­ten, uns auf Bücher zu kon­zen­trie­ren, selbst wenn Zeit da war. Ein ech­ter Schock! Wir waren irri­tiert, es zeig­te, wie viel aus dem Gleich­ge­wicht gera­ten war. Inzwi­schen haben wir lesen müs­sen. Ich kann sagen, dass es hilf­reich ist. Es dau­ert zwar län­ger, sich auf ein Buch ein­zu­las­sen, aber der Gewinn ist auch grö­ßer. Für eine Zeit ist man wie­der woan­ders, bei ande­ren Men­schen mit Coro­na-frei­en Schick­sa­len, das Hirn wird mit ande­ren The­men sti­mu­liert.

Ich war hoch­er­freut, als die Buch­hand­lun­gen wie­der öff­ne­ten, obwohl ich befürch­te, dass vie­le Men­schen gera­de das Gefühl haben, wäh­rend der Lek­tü­re eines Buches etwas Wich­ti­ges zu ver­pas­sen, wir sind ja in Alarm­be­reit­schaft. Aber das ist nur der inne­re Zustand, der äuße­re ver­ord­net Ruhe und Distanz. Viel­leicht ist es auch die­se Dis­kre­panz, die unse­re Syn­ap­sen so sehr stra­pa­ziert, ein Buch kann also Abhil­fe schaf­fen, zumin­dest gegen das Zap­peln. Und des­halb hier ein paar Buch­tipps zum Fei­er­tag – Roma­ne, die mich und mei­ne Kol­le­gin­nen in den letz­ten Wochen wie­der ins Lot gebracht haben, indem sie uns emo­tio­nal und intel­lek­tu­ell berühr­ten:

Für mich war eine beson­de­re Ent­de­ckung die Bio­gra­phie von Nata­lia Ginz­burg, ich brauch­te nur weni­ge Sät­ze zu lesen und ich war bei San­dra Petri­gna­ni, die als jun­ge Frau Nata­lia Ginz­burg in ihrer Woh­nung besuch­te. Petri­gna­ni ist selbst erfolg­rei­che Schrift­stel­le­rin und erzählt aus ihrer Per­spek­ti­ve, wie sie Stück für Stück mehr über Nata­li­as Leben erfährt, beschreibt Gesprä­che oder Brie­fe, Begeg­nun­gen mit Freun­den der Autorin und Ver­le­ge­rin. Als ich das las, spür­te ich die Lie­be zur Lite­ra­tur der bei­de Frau­en, die ihr ihr gan­zes Leben wid­me­ten, und wuss­te wie­der, war­um ich tue, was ich tue.

Mei­ne Kol­le­gin Tina, Lieb­ha­be­rin der Bücher von Siri Hust­ve­dt, nann­te als eines ihrer Lieb­lings­bü­cher des Früh­lings „Je tie­fer die Was­ser“ von Kat­ya Ape­ki­na, in dem es um Schwes­tern geht, die zu dem ent­frem­de­ten Vater, einem Schrift­stel­ler, nach New York kom­men, nach­dem die Mut­ter „etwas Dum­mes“ getan hat. Kunst, die Metro­po­le, das selt­sa­me Fami­li­en­kon­strukt, der Roman hat vie­le span­nen­de Aspek­te.

Gefes­selt hat sie auch die Lek­tü­re der Aben­teu­er­ge­schich­te von Chris­to­pher Kloeb­le über einen hoch­be­gab­ten indi­schen Wai­sen­jun­gen, der 1854 zwei deut­sche Brü­der bei ihren Rei­sen bis zum Hima­la­ya beglei­te­te – mit dem Wunsch, spä­ter ein Muse­um sei­nes rie­si­gen Lan­des zu grün­den „Das Muse­um der Welt“.

Da ich das Res­sort Kri­mi betreue, freue ich mich immer wie­der über Kri­mi­nal­ro­ma­ne, die so viel mehr sind, als nur eine span­nen­de Geschich­te. „Mira­cle Creek“ von Angie Kim ent­wi­ckelt vom ers­ten Augen­blick an einen Sog, der dann aber weni­ger in eine getrie­be­ne Kri­mi­nal­ge­schich­te führt als in eine intel­li­gen­te und scho­nungs­lo­se Gesell­schafts­ana­ly­se, in deren Zen­trum eine Fami­lie korea­ni­scher Ein­wan­de­rer und eine Grup­pe Müt­ter von Kin­dern mit Behin­de­run­gen ste­hen. Trotz­dem gibt es ein Ver­bre­chen, aber von wem, das klärt sich erst wäh­rend eines Pro­zes­ses, der aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven geschil­dert wird.

Auch mei­ne Kol­le­gin Katha­ri­na, die das Hör­buch betreut, kann ver­ste­hen, war­um wir und das Kind, uns so auf den drit­ten Teil von „Kan­na­wo­ni­wa­sein!“ freu­en. Das Buch scheint unter Eltern bereits Krei­se zu zie­hen. In den Geschich­ten über die Freun­de Finn und Jola aus der „Tzit­ti“ geht es im bes­ten Sin­ne aben­teu­er­lich zu, und Jolas „Ber­li­ner Schnau­ze“ wird von Ste­fan Kamin­ski geni­al gele­sen. Lei­der dau­ert es noch bis Juni zum drit­ten Teil, aber den ers­ten und zwei­ten Band gibt es ja schon, läuft hier rauf und run­ter.

Ich könn­te die Lis­te noch fort­set­zen, aber ich möch­te die Län­ge die­ses Blogs nicht wei­ter über­stra­pa­zie­ren. Vor allem möch­te ich zei­gen, dass das Rei­sen nicht ganz vor­bei ist: zwi­schen zwei Buch­de­ckeln fand ich, wie immer, eine gan­ze Welt. Und wie gesagt: Heu­te ist Fei­er­tag, bau­en Sie ein Wich­tel­haus und brin­gen sie es in den Park, gute Lau­ne bei ande­ren hebt auch die eige­ne. Wir sind ein Wald und tan­zen den Coro­na-Wal­zer.

Blei­ben Sie gesund!

PS: Hier die Über­sicht zu den erwähn­ten Büchern:

San­dra Petri­gna­ni: Die Frei­beu­te­rin, Randomhouse/btb

Kat­ya Ape­ki­na: Je tie­fer die Was­ser, Suhr­kamp Ver­lag

Chris­to­pher Kloeb­le: Das Muse­um der Welt, dtv

Angie Kim: Mira­cle Creek, han­ser­blau

Mar­tin Muser: Kan­na­wo­ni­wa­sein! Gele­sen von Ste­fan Kamin­ski, Sil­ber­fisch

 

Die Nächs­te Aus­ga­be des BÜCHER­ma­ga­zins erscheint am 20.05. im fal­ke­me­dia Ver­lag.