Uni-Seminar bei Betty Kolodzy (WS 2018/19)

Der Mann mit dem Buch

Ich lau­fe zur Bus­hal­te­stel­le – wie fast jeden Tag. Mein täg­li­cher Weg führt an einem klei­nen tür­ki­schen Laden vor­bei – die Ver­käu­fe­rin lächelt mich immer herz­lich an und vor dem Laden riecht es nach fri­schen Blu­men, die dort unter ande­rem ver­kauft wer­den. Außer­dem ist hier jede mög­li­che Obst- und Gemü­se­sor­te zu fin­den. Knall­ro­te Äpfel, dun­kel­grü­ne Zuc­chi­nis.
Eigent­lich muss ich mei­nen Bus bekom­men, aber ich betre­te den Laden. Es riecht nach Gewür­zen – Cur­ry, Kur­ku­ma, Chil­li. Und nach frisch geba­cke­nem Fla­den­brot. Ein klei­nes Para­dies. Es ist ruhig. Beru­hi­gend. Die Atmo­sphä­re lädt zum Stö­bern ein.
Ich sehe eine offe­ne Tür und ein Hin­ter­zim­mer. Dort sitzt ein Mann und liest ein Buch. Irgend­ein tür­ki­sches Buch. An den Far­ben des Buch­um­schla­ges erken­ne ich, dass es sich um ein ande­res Buch als beim letz­ten Mal han­delt. Letz­tes Mal war es grün. Heu­te braun.
Und ich fra­ge mich ob die­ser Mann den gan­zen Tag auf sei­nem Stuhl sitzt und liest. Wie vie­le Bücher er dann wohl schon gele­sen hat? Und ob er nicht lang­sam genug hat von der Geruchs­mi­schung aus Gewür­zen und Fla­den­brot und Blu­men. Aber – ich glau­be nicht. Er sieht näm­lich ziem­lich zufrie­den und in sich ruhend aus. Immer, wenn ich hier bin. Und ich den­ke: manch­mal muss man gar nichts beson­de­res tun, um glück­lich zu sein. Manch­mal muss man nur, umge­ben von Gewür­zen und Fla­den­brot, auf einem Stuhl sit­zen und lesen.
Ich ver­las­se den Laden und füh­le mich, als wür­de ich eine ande­re Welt betre­ten. Eine Welt mit lau­ten Autos, die die Luft ver­schmut­zen und gestress­ten Men­schen, die durch ihren All­tag het­zen. Aber die­ses Mal ist irgend­et­was anders. Ich neh­me den Stress um mich her­um anders wahr, las­se mich davon nicht anste­cken. Ich den­ke an den Mann mit dem Buch und freue mich schon, gleich eine Gemü­se­pfan­ne zu kochen, die neu­en Gewür­ze aus­zu­pro­bie­ren und zu lesen. Den Bus hab ich eh längst ver­passt.

Ali­na Zim­mer­mann

Uner­war­te­ter Besuch

Der zwei­te Advent. Die Kek­se sind im Ofen – heu­te wer­den es Zimt­ster­ne, mei­ne Lieb­lings­kek­se in der Weih­nachts­zeit. Mit einer Tas­se Tee in der Hand ver­las­se ich die Küche, um es mir auf dem Sofa gemüt­lich machen zu kön­nen, wäh­rend die Ster­ne im Ofen vor sich hin backen. Ich strei­fe mir mei­ne Haus­schu­he von den Füßen, zün­de zwei Ker­zen von mei­nem selbst gebas­tel­ten Advents­kranz an und mache es mir mit Tee und Buch auf dem Sofa gemüt­lich. Wirk­lich schön, die­se Advents­sonn­ta­ge, an denen die
Woh­nung nach frisch geba­cke­nen Kek­sen, Duft­ker­zen und Leb­ku­chen riecht. Heu­te muss ich die Woh­nung nicht mehr ver­las­sen. Statt­des­sen kann ich ganz in Ruhe von mei­nem Sofa aus das Schnee­trei­ben vor mei­nem Fens­ter beob­ach­ten und auf mei­ne Freun­de war­ten, die spä­ter mit Wein und Piz­za zum Tat­ort gucken vor­bei­kom­men. In der Weih­nachts­zeit geht es für mich gar nicht um Geschen­ke. Viel schö­ner und wich­ti­ger sind sol­che Tage wie heu­te. An denen ich Zeit für mich fin­de, zur Ruhe kom­me und einen
schö­nen Abend mit mei­nen Liebs­ten ver­brin­ge. Es geht um Besinn­lich­keit und Dank­bar­keit.
Plötz­lich klin­gelt es an der Tür – es ist gera­de erst nach­mit­tags. Mei­ne Freun­de wer­den es nicht sein, wir sind schließ­lich erst in vier Stun­den ver­ab­re­det. Kurz über­le­ge ich, das Klin­geln ein­fach zu igno­rie­ren. Aber beim Anblick des Schnees und Sturms vor dem Fens­ter ver­wer­fe ich mei­nen Gedan­ken schnell wie­der. Was, wenn die Per­son, die gera­de geklin­gelt hat, Hil­fe benö­tigt? Also zie­he ich mei­ne Haus­schu­he an und gehe zur Haus­tür.
Die Haus­schu­he sind eigent­lich echt nicht für den Win­ter geeig­net. Mir ist grund­sätz­lich kalt und eigent­lich sind es eher Lat­schen, die vor­ne auch noch offen sind. Aber sie waren ein Geschenk mei­ner Oma und sind echt bequem.
An der Tür ange­kom­men drü­cke ich auf den Sum­mer, höre, wie sich die Tür unten öff­net und eine Per­son die Trep­pe hoch­kommt. Noch ist mei­ne Woh­nungs­tür geschlos­sen. Ich möch­te lie­ber erst ein­mal durch den Spi­on gucken.
Ich sehe, wie eine Frau vor mei­ner Tür auf­taucht. Sie ist rela­tiv klein, hat dunk­le, lan­ge Haa­re, brau­ne Augen und sieht ziem­lich durch­ge­fro­ren aus.
Ich öff­ne die Tür. „Kann ich Ihnen hel­fen?“
„Es tut mir wirk­lich leid, Sie an einem Sonn­tag­nach­mit­tag stö­ren zu müs­sen. Sie sind die ein­zi­ge Per­son, die mir die Tür geöff­net hat. Ich kom­me nicht von hier und mein Han­dy­ak­ku ist alle. Ich muss unbe­dingt einen Freund errei­chen, den ich heu­te Abend tref­fen woll­te, und natür­lich steht unser Treff­punkt in mei­nem Han­dy. Ich habe tat­säch­lich weit und breit kein Café gefun­den, in dem ich mein Han­dy auf­la­den konn­te, und danach goog­len war ja auch nicht mög­lich … heut­zu­ta­ge sind wir echt auf­ge­schmis­sen ohne die­se Din­ger!“
Ganz kurz den­ke ich, dass das viel­leicht alles nur ein Vor­wand ist, um mich aus­zu­rau­ben oder sowas. Aber dann schä­me ich mich für den Gedan­ken. Wir sind alle viel zu miss­trau­isch gewor­den, den­ke ich, und bit­te die Frau, her­ein­zu­kom­men.
Als sie ihr Han­dy anschließt, stellt sie sich vor. „Ich bin übri­gens Maria und woh­ne in Frank­furt. Ein Freund von mir wohnt hier in Han­no­ver und eigent­lich war aus­ge­macht, dass ich heu­te Abend direkt vom Bahn­hof aus zu unse­rem Treff­punkt fah­re. Irgend­wie bekam ich dann aber heu­te Mor­gen die Benach­rich­ti­gung, dass mein Zug aus­fällt und ich die Mög­lich­keit habe, einen frü­he­ren zu neh­men. Ich muss­te mich ziem­lich beei­len und dach­te, dass ich im Zug mein Han­dy auf­la­den und mei­nem Freund Bescheid sagen
könn­te. Bei mei­nem Glück gin­gen die Steck­do­sen dann aber nicht, also saß ich ohne Han­dy­ak­ku im Zug und kam vor zwei Stun­den in Han­no­ver an, ohne zu wis­sen wo ich hin soll. Ich bin dann erst mal los­ge­lau­fen. Spä­ter fiel mir dann ein, dass ich im Bahn­hof bestimmt irgend­wo mein Han­dy hät­te auf­la­den kön­nen, aber da war ich schon hier in Ihrer Stra­ße. Ich bin wirk­lich froh, dass Sie auf­ge­macht haben! Län­ger hät­te ich es in die­ser eisi­gen Käl­te echt nicht aus­ge­hal­ten… — ah, mein Han­dy ist an. Ich tele­fo­nie­re schnell und dann sind Sie mich auch wie­der los.“
Wäh­rend Maria tele­fo­niert, fal­len mir die Kek­se im Ofen ein. Ich dach­te der komi­sche Geruch kommt von drau­ßen, aber nein … ich lau­fe in die Küche und natür­lich sind die Kek­se ver­brannt. Ich hab sie total ver­ges­sen.
„Oh nein, ich habe Sie total abge­lenkt!“, sagt Maria, als sie in die Küche kommt und mich vor den schwar­zen Kek­sen sieht. „Das tut mir so leid. Ich werd Sie jetzt wie­der in Ruhe las­sen und drau­ßen an der Bus­hal­te­stel­le gegen­über war­ten. Mein Freund wird mich dort spä­ter abho­len, gera­de kann er lei­der noch nicht. Aber das ist nicht schlimm. Dan­ke, dass Sie mich über­haupt rein­ge­las­sen haben.“
Ich zöge­re nicht lan­ge und fra­ge Maria, ob sie nicht ein­fach hier war­ten möch­te. Ich habe mich zwar auf den Nach­mit­tag allein gefreut, aber Gesell­schaft ist schließ­lich auch schön und außer­dem scheint sie echt nett zu sein. Und ich brin­ge es echt nicht übers Herz, sie wie­der in die Käl­te zu schi­cken.
Sie freut sich über mein Ange­bot und wir machen es uns mit Tee auf dem Sofa gemüt­lich.
Ein­ein­halb Stun­den und gute Gesprä­che spä­ter steht ihr Freund unten vor der Tür. Wirk­lich scha­de, Maria und ich sind abso­lut auf einer Wel­len­län­ge. Wir haben unse­re Num­mern aus­ge­tauscht, und sie ver­spricht mir, nicht nur ihren Freund bei ihrem nächs­ten Han­no­ver­auf­ent­halt zu besu­chen, son­dern auch mich.
Als sie nach unten geht und ich die Tür hin­ter mir schlie­ße, den­ke ich, wie froh ich bin, mein Miss­trau­en vor­hin bei­sei­te­ge­scho­ben und an das Gute geglaubt zu haben. Viel­leicht macht genau so etwas die Weih­nachts­zeit aus.

Ali­na Zim­mer­mann

Seminar im Bereich Kreatives Schreiben an der Uni Bremen

Lite­ra­ri­sche Figu­ren“ – Win­ter­se­mes­ter 2018 / 2019, Dozen­tin: Ange­li­ka Sinn

Schreib­auf­ga­be „Spie­gel­bil­der“

  1. Teil
    Die von Ihnen erfun­de­ne Figur betrach­tet sich im Spie­gel. Unter­schied­li­che Set­tings sind mög­lich. Ver­set­zen Sie sich in ihre Prot­ago­nis­tin / Ihren Prot­ago­nis­ten, neh­men sie deren / des­sen Per­spek­ti­ve ein. Schrei­ben Sie dann einen Text in der Ich-Form, in den die Beob­ach­tun­gen, Gedan­ken und Emp­fin­dun­gen der Figur ein­flie­ßen. Es ent­steht ein inne­rer Mono­log.
  2. Teil
    Neh­men Sie die glei­che Sze­ne wie im ers­ten Teil der Auf­ga­be zur Grund­la­ge. Die Figur betrach­tet sich im Spie­gel. Die Autorin / der Autor betrach­tet die Figur dabei, wie sie sich im Spie­gel betrach­tet. Die Autorin / der Autor weiß nicht, was die Figur denkt oder fühlt, beob­ach­tet sie ledig­lich wie durch eine Kame­ra (fil­mi­scher Blick). Nur durch die Aktio­nen, durch Mimik und Ges­tik der Figur erfah­ren wir etwas über ihre Gedan­ken und Emp­fin­dun­gen.

 

Ein inter­es­san­tes lang­wei­li­ges Mäd­chen

Ich bli­cke kri­tisch in den Spie­gel, betrach­te mein Gesicht, ver­su­che zu lächeln. Es ist der Mor­gen des ers­ten Schul­ta­ges nach den Som­mer­fe­ri­en, und ich habe weder Lust noch bin ich bereit, mich dem All­tags­stress wie­der zu stel­len. Der ein­zi­ge Licht­blick ist, dass ich nicht so müde aus­se­he, wie ich mich füh­le. Mit den Gedan­ken an Leis­tungs­druck und die neu­gie­ri­gen Fra­gen der Leh­rer, die genau wis­sen wol­len, wie man die Feri­en ver­bracht hat, ist das nur ein schwa­cher Trost. Seuf­zend fah­re ich mir durch die Haa­re, bis sie mir unor­dent­lich um den Kopf fal­len. So sehe ich bedeu­tend weni­ger lang­wei­lig aus, als ich eigent­lich bin. Mehr Schein als Sein, so war ich schon immer. Ein letz­ter Blick in den Spie­gel: Ich schnei­de mir eine Gri­mas­se, eine letz­te Rebel­li­on gegen die Mas­ke, die ich mir selbst auf­zwin­ge und die mich durch mei­nen All­tag trägt. In mei­nem Kopf wie­der­holt sich das Man­tra: Ich bin ganz nor­mal. Mein Spie­gel­bild blickt zurück und weiß, dass ich lüge.

Sie ist ein leben­der Gegen­satz. Zu Beginn, als mein Blick auf sie fällt, wäh­rend sie sich im Spie­gel betrach­tet, wirkt sie lang­wei­lig. Durch­schnitt­lich. Brau­ne Haa­re, brau­ne Augen, nicht zu dick oder zu dünn, nicht außer­ge­wöhn­lich hübsch oder häss­lich. Auf den zwei­ten Blick ent­puppt sich die Annah­me, sie wäre ganz nor­mal, als Irr­tum, denn ihre Mimik ist es, die ver­hin­dert, dass ich weg­gu­cken kann. Offen­sicht­lich weiß sie nicht, dass sie beob­ach­tet wird. Ihre Stirn ist gerun­zelt und doch liegt ein Lächeln auf ihren Lip­pen. Wie, als müss­te sie sich dar­auf kon­zen­trie­ren, einen freund­li­chen Gesichts­aus­druck zu zei­gen. Im nächs­ten Moment ver­schwin­den die Stirn­fal­ten eben­so wie das Lächeln, und sie streckt sich selbst die Zun­ge her­aus, beginnt zu schie­len, zieht die Nase kraus. Mit den Hän­den fährt sie sich durch die Haa­re, bis sie ihr wild und unge­zähmt ins Gesicht fal­len. Dann glät­tet sich ihre Mie­ne wie­der, sie seufzt und wen­det end­lich den Blick von ihrem Spie­gel­bild ab. Auch ich schaue weg und kann doch nicht ver­ges­sen, was für ein inter­es­san­tes lang­wei­li­ges Mäd­chen mir begeg­net ist.

Frie­de­ri­ke Lang­was­ser

 

Im Neon­licht

Ich wache auf, mein Hirn wum­mert mit vol­ler Kraft gegen die Innen­sei­te mei­nes Schä­dels.
Mord­ska­ter. Ich brau­che ein Glas Was­ser. Lang­sam und mit nur halb geöff­ne­ten Augen tas­te ich mich durch mei­ne Woh­nung bis ins Bade­zim­mer. Ich knip­se das Licht an, und auf ein­mal zucken aber­tau­sen­de Blit­ze durch mein Blick­feld. Mei­ne Augen haben sich immer noch nicht voll­kom­men an das Neon­licht gewöhnt, als ich mir selbst im Spie­gel ent­ge­gen­bli­cke. Ekel­haft. Ich habe mich ges­tern Nacht weder abge­schminkt noch ein fri­sches T‑Shirt ange­zo­gen. Ich sehe aus wie die schlech­tes­te Ver­si­on von mir: Die Augen­rin­ge legen sich dun­kel­li­la unter mei­ne mit Make-Up beschmier­ten und ange­schwol­le­nen Augen, mei­ne Haa­re sind eklig fet­tig und zer­zaust — ein Vogel könn­te sie glatt für sein neu­es Zuhau­se hal­ten. Ich stre­cke mir die Zun­ge her­aus und sehe den dicken Belag und einen Hauch von Rot. Kirsch­li­kör. Mein Blick fährt hin­ab zu mei­nen Hän­den. Sie sind selt­sam zer­kratzt, der Lack an den Fin­ger­nä­geln fast voll­kom­men abge­blät­tert. Durch die Lücken im Nagel­lack kann ich dunk­le Rän­der unter den Nägeln ent­de­cken, also dre­he ich das Was­ser auf, pum­pe viel zu viel Sei­fe auf die Nagel­bürs­te und begin­ne zu schrub­ben. Als ich damit fer­tig bin, las­se ich das Was­ser wei­ter lau­fen und hal­te mei­nen Kopf mit geöff­ne­tem Mund dar­un­ter. Das tut gut. Ich rich­te mich wie­der auf und schaue mir mein Eben­bild noch ein­mal genau­er an: Fle­cken auf dem Shirt, das sich mah­nend über mei­nen Ober­kör­per spannt, als wol­le es sagen: „Du warst auch schon mal schlan­ker!“

Ich tre­te einen Schritt zurück und betrach­te mich von der Sei­te, stel­le mich auf Zehen­spit­zen und fah­re über mei­nen Bauch. „Weich“, fällt mir als ers­tes ein. Ich schüt­te­le den Kopf. Auch mein Gesicht hat sich inner­halb der letz­ten Jah­re nicht zum Posi­ti­ven ver­än­dert. Ich habe ein paar Fal­ten bekom­men, die Poren sind tie­fer gewor­den, und ich schei­ne es nicht mehr hin­zu­be­kom­men, mei­ne Augen­brau­en in sym­me­tri­scher Wei­se zurecht­zu­zup­fen. Dazu gesellt sich der Ansatz eines Dop­pel­kinns, für das die Neon­röh­re über dem Bade­zim­mer­spie­gel wahr­lich kein Geschenk ist.
Nichts, was eine hei­ße Dusche nicht wie­der hin­be­kä­me, wür­de mei­ne Oma sagen. Ich nicke, bekom­me ein schie­fes Lächeln hin und stei­ge, mich selbst belü­gend, in die Wan­ne.

Etwas rat­los und ver­lo­ren steht sie da vorm Spie­gel. Sie sieht unglück­lich aus. Unglück­lich, müde und unzu­frie­den. Ihre Augen sind gerö­tet und geschwol­len, ihre Haa­re ein ein­zi­ges Cha­os.
Sie zupft lieb­los an ihrem Kör­pers her­um und beäugt sich kri­tisch. Die dunk­len Brau­en zie­hen sich zusam­men. Es scheint, als wür­de sie bezwei­feln, dass die Per­son, die sie dort im Spie­gel sieht, wirk­lich sie selbst ist. Sie streckt sich die Zun­ge her­aus, und wenn man genau hin­schaut, kann man erken­nen, wie sie beim Anblick ihrer beleg­ten Zun­ge ange­wi­dert erschau­dert. Als ihr Blick auf ihre Hän­de fällt, lässt er ihr Spie­gel­bild für einen Moment allein. Sie beginnt, sich die Hän­de zu waschen, viel zu viel Sei­fe, es schäumt wie ver­rückt. Das Was­ser lässt sie lau­fen, hält dann den Kopf unter den Strahl. Ein paar Sträh­nen ihres dunk­len Haa­res wer­den nass. Sie trinkt, als hät­te sie seit zwei Tagen kei­ne Flüs­sig­keit mehr zu sich genom­men. Wäh­rend sie sich wie­der auf­rich­tet, läuft das Was­ser wei­ter, doch sie bemerkt es nicht, denn sie ist viel zu beschäf­tigt damit, ihr eige­nes Erschei­nungs­bild im Stil­len zu kri­ti­sie­ren. Sie schüt­telt mit fins­te­rer Mie­ne ihren Kopf, so als wür­de sie das kom­plet­te Unbe­ha­gen von sich wer­fen wol­len. Das Nest aus Haa­ren auf ihrem Kopf bewegt sich nur leicht. Mit einem tie­fen Seuf­zer blickt sie sich selbst ein letz­tes Mal tief in die Augen, lächelt gequält und dreht den Was­ser­hahn zu. Dann streift sie ihr knap­pes T‑Shirt ab, lässt ihren Slip zu Boden glei­ten, steigt in die Wan­ne und ver­schwin­det hin­ter einem quietsch­gel­ben Dusch­vor­hang.

Julia Ber­lin

Was für eine Katastrophe!‹

Schreib­work­shop für jun­ge Bre­mer Autorin­nen und Autoren (2014)
bei Jani­ne Lancker

 

Ein­spu­rig

Zu Anfang hat­te nie­mand sehen kön­nen, dass der Last­wa­gen noch einen zwei­ten Anhän­ger mit sich führ­te. Erst, als er um die Kur­ve kam, aus­brach, wohl wegen der feuch­ten Stei­ne, riss der Fah­rer das Lenk­rad wei­ter nach rechts, um nicht von dem auf ihn zu schlit­tern­den Wagen getrof­fen zu wer­den.  Dort rechts war nichts mehr und der Bus kipp­te, zu schnell, um es  begrei­fen zu kön­nen, und über­schlug sich, immer und immer wie­der. Irgend­et­was Har­tes prall­te gegen ihre Schlä­fe.

Zuerst sah sie nur wir­re Far­ben, doch die roten und grau­en Split­ter Lack, die den Boden über­sä­ten, nah­men lang­sam Gestalt an. Ruck­sä­cke häuf­ten sich dazwi­schen, auf der rech­ten Sei­te, ihrer Sei­te, sie hing in der Schrä­ge. Ihr Kopf war gegen die Sei­ten­leh­ne des Sit­zes gekippt und ihr lin­ker Arm zwi­schen zwei Sitz­leh­nen ein­ge­klemmt, sie spür­te ihre Fin­ger nicht. Mar­le­ne saß noch immer neben ihr, Blut sicker­te aus ihrem Ober­schen­kel und ihre Augen waren geschlos­sen. Der dün­ne Strei­fen Metall, der die mitt­le­re Ein­gangs­tür von der ers­ten Fens­ter­schei­be des hin­te­ren Bus­rump­fes trenn­te, war alles, was sie im Bus hielt, zwei Rei­hen wei­ter vor­ne war das Metall hart auf Holz gesto­ßen und hat­te nicht stand­hal­ten kön­nen.

Als sie in den Bus gestie­gen waren, hat­te sich Mar­le­ne noch geär­gert. „Wir sit­zen nicht mal am Fens­ter. Mir wird bestimmt schlecht wer­den, wenn ich nicht raus­gu­cken kann“. Im Lau­fe der Fahrt war sie dann doch froh gewe­sen. Von der Ebe­ne hin­auf ins boli­via­ni­sche Hoch­land schlän­gel­te sich die Stra­ße in engen Kur­ven, ein­spu­rig und ohne Leit­plan­ke. Die Sit­ze ruck­ten in den Kur­ven manch­mal ein wenig zur Sei­te und durch das Ple­xi­glas­fens­ter der Bus­tür konn­ten sie sehen, dass neben den Rädern nichts ande­res war als der Abgrund. Direkt neben der Stra­ße ging es steil hin­ab ins Tal, erst eini­ge Meter in der Tie­fe wur­de das Gelän­de etwas fla­cher und war mit Sträu­chern und Bäu­men bewach­sen.

Sie ver­such­te, ihren Ober­kör­per leicht nach links zu dre­hen und drück­te mit der Rech­ten gegen den Sitz, der ihren Arm gefan­gen hielt. Zen­ti­me­ter um Zen­ti­me­ter gelang es ihr, ihn hin­ter sich zu schie­ben, weg von sich, sich zu befrei­en. Als sie es end­lich geschafft hat­te, rutsch­te er krei­schend über den Metall­bo­den und blieb knapp vor der zer­split­ter­ten Fens­ter­schei­be an einem Ruck­sack hän­gen. Sie war ihm mit dem Blick gefolgt, hat­te sich nach rechts gewandt und erst in dem Moment, als der Sitz leicht nach hin­ten kipp­te und in die­ser Posi­ti­on ver­harr­te, sah sie, dass, auf dem Pols­ter zusam­men­ge­sackt, jemand saß. Sie starr­te durch das Loch in der Schei­be in die Tie­fe, auf den stei­len Abhang, der nicht zu enden schien, dann auf das lee­re Gesicht der jun­gen Frau, deren Kopf zur Sei­te gekippt war. Das Gesicht war nur halb zu sehen, dane­ben sah sie die Split­ter, die Stof­fe, die Blät­ter der Äste, die durch die Fens­ter in den Innen­raum des Bus­ses rag­ten. Die Bus­wand war von den Baum­stäm­men an meh­re­ren Stel­len ein­ge­dellt, hin­ter ihr, vor ihr, und gan­ze Sitz­rei­hen waren nicht mehr da, wohl ein­fach durch die zer­split­tern­den Fens­ter­schei­ben wei­ter in den Abgrund gestürzt. Sie wand­te sich wie­der um, dach­te einen Moment an die Andenken, fein säu­ber­lich in Klei­dungs­stü­cke ein­ge­wi­ckelt, unten im Gepäck­raum, für ihre Fami­lie – und dar­an, dass sie ihren Flug nicht errei­chen wür­den. Wo hat­te sie die Pflas­ter hin­ge­packt? Mar­le­ne blu­te­te immer noch. „Mar­le­ne“, sie berühr­te sie leicht an der Schul­ter, „Mar­le­ne, hörst du mich? Wir haben ein Pro­blem.“, sag­te sie und merk­te, wie ihre Fin­ger zu zit­tern began­nen. „Mar­le­ne?“ Ihre Freun­din reagier­te nicht, hing nur blass und reg­los im Sitz. Sie woll­te Mar­le­ne schüt­teln, sie wie­der quir­lig und auf­ge­dreht, wie sie immer war, durch die Ber­ge sprin­gen sehen, wäh­rend sie selbst sich keu­chend die Hän­de in die Sei­ten stemm­te und ihr hin­ter­her­rief: „Jetzt war­te doch mal auf mich!“. Sie woll­te von einem ihrer end­lo­sen Rede­schwäl­le über­rollt wer­den, bei denen sie selbst gar nicht mehr zu Wort kam und über die sie sich manch­mal wirk­lich ärger­te.  Sie atme­te tief ein und aus, sie durf­te jetzt nicht in Panik ver­fal­len. Ers­te-Hil­fe-Kurs. Da hat­te sie so etwas doch gelernt. Nie mit dem Dau­men nach dem Puls suchen, immer mit den rest­li­chen Fin­gern. Sie leg­te sie auf Mar­le­nes Hals. Nach eini­gen Ver­su­chen hat­te sie die Hals­schlag­ader ertas­tet und hielt den Atem an, um sich nur auf das erhoff­te Pochen kon­zen­trie­ren zu kön­nen. Erleich­tert ließ sie die Hand sin­ken, nach­dem sie das zwar schwa­che, aber doch schnel­le, rhyth­mi­sche Strö­men des Blu­tes an ihren Fin­ger­spit­zen gefühlt hat­te. Nun begann sie, die Schmer­zen zu spü­ren, die in ihrer eige­nen Schlä­fe vibrier­ten. Sie strich mit der Hand über ihre Kopf­haut und fühl­te schon jetzt eine Beu­le anschwel­len. Sie lehn­te ihren Kopf an Mar­le­nes Schul­ter, kniff für einen Moment die Augen zusam­men und rich­te­te sie dann wie­der auf die ver­streu­ten Gepäck­stü­cke. Etwas wei­ter vor­ne ent­deck­te sie Mar­le­nes Ruck­sack, an dem noch die klei­ne, brau­ne Müt­ze hing, die Die­go ihnen zum Abschied geschenkt hat­te. Eigent­lich Mar­le­ne geschenkt hat­te.

Nur ein paar Tage woll­ten sie zusam­men rei­sen und dann waren es Wochen gewor­den. Die­go und Mar­le­ne, immer wie­der Die­go und Mar­le­ne, lachend und völ­lig in sich ver­lo­ren. Ein trä­nen­rei­cher Abschied. Das war nur ein paar Tage her. Das war vor weni­gen Tagen gewe­sen, dass er in einen Bus gestie­gen war, Rich­tung Süden. Und sie noch gewinkt hat­ten und Mar­le­nes Trä­nen, nach­dem der Bus um die Ecke gebo­gen war und sie an die­sem Abend bei­de viel zu viel getrun­ken hat­ten. Und irgend­wann dann doch lachen muss­ten, aus den Hän­ge­mat­ten geku­gelt waren und sich lachend an den Hän­den gehal­ten hat­ten, betrun­ken und ein biss­chen selig und brau­se­lig im Kopf. Und vor­ges­tern, als sie auf­ge­wacht waren und alles wie­der eigent­lich ganz in Ord­nung war, weil Mar­le­ne nicht mehr um Die­go trau­ern muss­te und sie sich bei­de auf Zuhau­se freu­ten. Nach all den Mona­ten doch mal wie­der deut­schen Boden betre­ten und alle wie­der­se­hen.

Von einem Geräusch schreck­te sie hoch. Ein Rau­schen und Kna­cken drang durch den Bus, den bis eben außer dem Wis­pern der Blät­ter kein Geräusch erfüllt hat­te. Irri­tiert sah sie um sich, doch auf den ers­ten Blick hat­te sich nichts ver­än­dert. Nun nahm sie auch die wei­te­ren Per­so­nen um sich her­um wahr, die reg­los auf den noch im Bus befind­li­chen Sitz­plät­zen hin­gen. Ob sie noch leb­ten? Sie woll­te es gar nicht wis­sen, lie­ber dem Kna­cken nach­ge­hen, das inzwi­schen von Wort­fet­zen durch­bro­chen schien. Es kam defi­ni­tiv aus dem vor­de­ren Teil des Fahr­zeugs. Sie muss­te dort hin­kom­men, fuhr es ihr durch den Kopf, als ihr bewusst wur­de, wor­an sie die Geräu­sche erin­ner­ten – ein Funk­ge­rät? Vor­sich­tig lös­te sie den Gurt und blick­te sich nach etwas um, nach dem sie grei­fen konn­te, um an der Öff­nung vor­bei zu kom­men, an der sich vor dem Auf­prall noch die Tür befun­den hat­te. Sie fand an der Ver­an­ke­rung der gegen­über­lie­gen­den Sitz­rei­he Halt, krall­te sich mit bei­den Hän­den an den Metall­stre­ben fest und rutsch­te mit den Füßen an den Trep­pen­stu­fen vor­bei. Damit war das gefähr­lichs­te Stück geschafft, denn die vor­de­re Tür war intakt geblie­ben und bot ver­mut­lich noch Halt. Sie schob sich zu der Stel­le, an der der Stamm eines Bau­mes sei­ne eige­ne Form in den Bus­rumpf gedrückt hat­te, rich­te­te sich dort ein wenig auf und schnauf­te. In ihrem Arm und ihrem Kopf pump­te das Blut stär­ker und sie muss­te ein erneu­tes Zit­tern unter­drü­cken, als sie Blut­fle­cken neben der vor ihr lie­gen­den Rei­he ent­deck­te. Nicht hin­se­hen, nicht hin­se­hen. Sie sank wie­der auf die Knie und kroch wei­ter den Gang ent­lang, mög­lichst nah am Boden, um nicht das Gleich­ge­wicht zu ver­lie­ren und in Rich­tung der Fens­ter zu stol­pern. Und um nicht zu sehen, was mit den ande­ren Pas­sa­gie­ren um sie her­um gesche­hen, was der Auf­prall des Bus­ses mit ihnen ange­rich­tet hat­te. Rei­he um Rei­he, von Metall­stre­be zu Metall­stre­be tas­te­te sie sich vor, manch­mal nur an ein Gepäck­stück geklam­mert, wo die Sit­ze bereits hin­aus­ge­stürzt waren. Das Rau­schen und Kna­cken wur­de lau­ter und sie glaub­te auch, nun gan­ze Wor­te dazwi­schen zu hören, die sie aller­dings nicht ver­stand. Als sie an die vor­de­re Ein­gangs­tür kam, hat­te sie frei­en Blick auf die Fah­rer­ka­bi­ne. Sie war leer, der Sitz des Fah­rers muss­te bei dem Sturz, wie vie­le wei­te­re, das Sei­ten­fens­ter durch­schla­gen haben und dann in der Tie­fe ver­schwun­den sein. Irgend­wo hier muss­te aber auch die Stim­me her­kom­men. Sie tas­te­te durch die Kabi­ne und ent­deck­te rechts neben dem Lenk­rad einen klei­nen schwar­zen Kas­ten, der durch ein Kabel mit einer Sprech­mu­schel ver­bun­den war. Auf­ge­regt inspi­zier­te sie die Tas­ten, drück­te auf eini­ge und rief „Hola? Hol­aa?“ in die Sprech­mu­schel. End­lich bekam sie eine Ant­wort. „Hola. Quién hab­la?“ Durch das Rau­schen fiel es ihr schwer, die spa­ni­schen Wor­te in ihrem Kopf zu ord­nen und nur sto­ckend brach­te sie den Satz „Caí­mos de la ruta“ her­vor. Die fol­gen­den Wor­te aus dem Laut­spre­cher waren von so lau­ten Knack­ge­räu­schen beglei­tet, dass sie nur zwei Orts­na­men zu ver­ste­hen glaub­te – Beginn und Ziel ihrer Fahrt. „Si, si, esa ruta!“, rief sie, „nece­sit­a­mos ayu­da!“ Wir brau­chen Hil­fe. Sie sank Rich­tung Boden, “nece­sit­a­mos ayu­da”. Sie rutsch­te ein Stück in Rich­tung des Fens­ters und kam mit ihren Füßen an der Bus­wand auf. Ein Zit­tern fuhr durch ihren Kör­per, unauf­halt­sam und stark, und sie spür­te, wie das Rau­schen zusam­men mit den Bil­dern vor ihren Augen zwi­schen Trä­nen und Dröh­nen im Kopf zu ver­schwim­men begann.

Johan­na Schwarz

Werkstattheft MiniLit Nr. 9

Wäh­rend der Werk­statt ›Dann leben sie noch heu­te …!‹ sind fol­gen­de Tex­te ent­stan­den, die in einem Werk­statt­heft unse­rer Rei­he Mini­Lit (Nr. 9) ver­öf­fent­lich wur­den.

 

Vogel wer­den (von Lau­ra Mül­ler-Hen­nig)

Ich neh­me mein Schwes­ter­chen an die Hand. Ihre Hand ist klein und warm. Mein Schwes­ter­chen spricht nicht viel, hat noch nie viel gespro­chen. Schon mit dem ers­ten Wort hat sie sich lan­ge Zeit gelas­sen. Sie zeig­te auf eine Ente und rief: „Voooo­gel!“ Sie sprach immer wie­der die­ses Wort aus, als woll­te sie prü­fen, ob sie es noch konn­te. Sie freu­te sich jedes Mal, wenn es ihr gelang, lach­te dann, und wir lach­ten auch. Wir freu­ten uns, dass sie nun zu spre­chen begon­nen hat­te.

In letz­ter Zeit schläft Mama ziem­lich viel. Ein biss­chen wie Dorn­rös­chen, hat Papa erklärt, weil es eine Wei­le dau­ern wird, bis sie nicht mehr so müde ist. Mor­gens besu­chen wir sie in ihrem Zim­mer. Die Vor­hän­ge sind zuge­zo­gen. Mama liegt unter der Dau­nen­de­cke, streckt ihre Hand aus und streicht uns über den Kopf. Dann lau­fen wir los, Hand in Hand, nach drau­ßen in den Park, zum Enten­teich.

Mei­ne Schwes­ter sagt „Stein“. Beim Enten­teich spie­len wir, dass wir Stei­ne sind. Ein gro­ßer und ein klei­ner Stein. Wir kni­en uns auf den Boden, machen uns kugel­rund, blei­ben ein­fach so. Wir dür­fen nur flach atmen und kei­ne Geräu­sche machen, denn die Leu­te, die vor­bei­ge­hen, sol­len nicht sehen, dass wir kei­ne Stei­ne sind; und sie erken­nen uns tat­säch­lich nicht, obwohl wir manch­mal kichern müs­sen. Sogar Papa fällt dar­auf her­ein, als er uns zum Essen ruft. Wir wol­len noch nicht nach Hau­se, wol­len noch eine Wei­le Stei­ne blei­ben. Erst als die Däm­me­rung ein­setzt, gehen wir zurück. Mein Schwes­ter­chen sagt: „Ver­giss mich nicht!“ Ihre Hand liegt klein und warm in mei­ner.

Nein, ich ver­gess’ dich nicht, und du ver­gisst mich auch nicht.“

Sie blickt nach unten, setzt has­tig einen Fuß vor den ande­ren und sagt: „Nim­mer­mehr!“

Am Tag danach ist Mama immer noch müde. Sie streicht uns über den Kopf, rich­tet sich müh­sam auf, beugt sich nach vor­ne und gibt uns einen Kuss auf die Stirn. Dann fällt sie zurück in die Kis­sen und schläft wei­ter. Wir spie­len wie­der am Teich, legen uns auf den Bauch. Jetzt sind wir das Gras. Gras war das drit­te Wort, das mei­ne Schwes­ter in ihrem Leben gespro­chen hat. Die Leu­te spa­zie­ren über uns hin­weg, die Hun­de tol­len auf uns her­um, die Kin­der spie­len Fris­bee und Feder­ball auf uns. Wir wer­den bes­ser, kön­nen uns zusam­men­rei­ßen, unser Kichern unter­drü­cken. Nur manch­mal ent­wischt uns noch ein klei­nes Gluck­sen. Wie­der fin­det uns Papa nicht, als er uns zum Essen ruft. Wir wol­len jetzt nicht zurück, es ist ein­fach noch zu schön, Gras zu sein.

Also blei­ben wir so, bis die Däm­me­rung ein­setzt. Mein Schwes­ter­chen fragt: „Du ver­gisst mich doch nicht, oder?“

Nein, ich ver­gess’ dich nicht, und du ver­gisst mich auch nicht.“

Nim­mer­mehr“, sagt sie und drückt fest mei­ne Hand.

Am nächs­ten Tag sitzt Mama auf­recht im Bett, hat bereits auf uns gewar­tet, streicht uns über den Kopf und küsst uns auf die Stirn. Dann sind wir schon wie­der am Teich.

Wir set­zen uns ans Ufer, wol­len so still sein wie das Was­ser, das schwei­gend vor uns liegt. Wir sind gut gewor­den, schaf­fen es, kein ein­zi­ges Wort zu spre­chen. Als Papa uns zum Essen ruft, erkennt er uns nicht. Wir sind eins gewor­den mit dem Teich. Bald wird es dun­kel, aber ein biss­chen wol­len wir noch blei­ben.

Du ver­gisst mich nicht und ich ver­gess’ dich auch nicht!“, erklärt mein Schwes­ter­chen mit fes­ter Stim­me.

Nim­mer­mehr“, sage ich.

Sie nickt zufrie­den. Eine Stim­me ruft nach uns, sie klingt ver­traut, wir haben sie lan­ge ver­misst. Mei­ne Schwes­ter lässt über­rascht mei­ne Hand los und dreht sich um. Unse­re Mut­ter kommt ans Ufer gelau­fen und setzt sich zu uns. Auch sie ist ganz still, ist jetzt wie wir eins mit dem Teich.

Wind kommt auf und mit ihm erhe­be ich mich in die Luft. Mit ein paar Flü­gel­schlä­gen gelan­ge ich zur Mit­te des Tei­ches, las­se mich auf dem Was­ser nie­der. Es ist kalt, umspielt mei­ne Federn, kühlt mei­nen Bauch. Ich sehe, wie mei­ne Schwes­ter etwas zu mei­ner Mut­ter sagt und ihre Lip­pen Wor­te for­men, aber ich kann sie nicht ver­ste­hen. Die Däm­me­rung hat ein­ge­setzt. Ich seh­ne mich nach dem Grund unter mir, die Sehn­sucht steigt lang­sam immer wei­ter in mir auf, bis sie beginnt, unter mei­nem Gefie­der zu pul­sie­ren.

Mei­ne Schwes­ter und mei­ne Mut­ter bli­cken in mei­ne Rich­tung, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie mich sehen kön­nen oder durch mich hin­durch­bli­cken auf die Land­schaft hin­ter mir. Ich brei­te mei­ne Flü­gel aus, schla­ge ein paar Mal in die Luft, ohne abzu­he­ben, sprei­ze noch ein­mal die Federn, lege die Flü­gel wie­der an, hal­te mei­nen Vogel­leib gespannt und tau­che, Schna­bel vor­an, zum Grund hin­ab.

(Adap­ti­on von »Fun­de­vo­gel«)


Hin­ter der Rosen­he­cke (von Lui Kohl­mann)

Die Blät­ter schlu­gen mir ins Gesicht. Ein paar Schrit­te vor mir hat­te Ber­tha sich durch das grü­ne Dickicht gewühlt. Ich folg­te ihr. Far­ne, Schmet­ter­lings­bäu­me, hüft­ho­he Brenn­nes­seln, die sogar durch unse­re Klei­dung sta­chen. Mei­ne Haut brann­te. Rosen­ran­ken türm­ten sich hoch über uns auf, ihre dor­ni­gen Wider­ha­ken bohr­ten sich durch mei­ne Jacke und hiel­ten mich fest. Von wei­ter vor­ne hör­te ich Ber­tha mur­meln: „Rosa cani­na, Rosa brac­tea­ta, Rosa phoe­ni­cia Boiss, Urti­ca dioi­ca, Osmun­da rega­lis, Budd­le­ja davi­dii …“

Ber­tha! Wie kommst du so schnell da durch?“

Ber­tha blieb ste­hen. Ich kämpf­te mich wei­ter vor­an. Um eini­ge Schram­men rei­cher, gelang­te ich schließ­lich bei ihr an. Mit einem Taschen­mes­ser schnitt sie soeben einen Rosen­zweig ab, der eine Knos­pe, Blät­ter und Dor­nen trug.

Sie steck­te ihn in ihren Ruck­sack. „Für spä­ter“, sag­te sie.

Ich nick­te, zog mei­ne Kame­ra her­vor und doku­men­tier­te mei­ne Ver­let­zun­gen. „Foto­gra­fier auch noch die Troll­blu­me und den Grü­nen Nies­wurz! Die sind auf der Roten Lis­te der aus­ster­ben­den Arten. Ich habe die jah­re­lang nicht mehr gese­hen.“

Ich foto­gra­fier­te die Blu­men, auf die Ber­tha zeig­te. Die gel­ben Blü­ten der einen lagen über­ein­an­der wie ein zer­knautsch­tes miss­lau­ni­ges Gesicht.

Los, wei­ter!“, dräng­te Ber­tha.

Wir hör­ten nur das Rascheln der Blät­ter und unse­re Schrit­te.

Wo waren die Vögel? Wo waren die Käfer, Schmet­ter­lin­ge und ande­ren Insek­ten? Wir stan­den jetzt inmit­ten von Dor­nen­bü­schen. Es war dun­kel um uns her­um. Ein biss­chen Licht fiel nur durch einen klei­nen Durch­gang hin­ter uns, der sich – bil­de­te ich mir das ein? – lang­sam wie­der schloss.

Zeit für die Mache­te?“, frag­te ich unsi­cher.

Ich fürch­te, ja.“

Ber­tha hol­te die Mache­te aus ihrem Ruck­sack. Sie lag sicher in ihren seh­ni­gen, star­ken Hän­den und bahn­te uns einen Weg durch das Geäst. Ich hat­te jedes Gefühl für Zeit ver­lo­ren. Ich schau­te auf mein Han­dy. Zwei Stun­den schlu­gen wir uns schon durch die­se wil­de Vege­ta­ti­on. Plötz­lich ein schep­pern­der Laut. Ber­tha muss­te mit der Mache­te etwas Har­tes getrof­fen haben. Eine Wand? Ich leuch­te­te mit dem weni­gen Licht, das mein Han­dy bot, durch die Dor­nen: graue, dunk­le Stein­qua­der.

Es ist hier.“

Mei­ne Stim­me beb­te vor Erre­gung. „Wir müs­sen den Ein­gang fin­den.“

Wir beweg­ten uns nun an der Wand ent­lang, schab­ten und schlu­gen die knor­ri­gen Äste vom Mau­er­werk und tas­te­ten jede Uneben­heit ab, in der stän­di­gen Erwar­tung, auf ein Fens­ter, eine Tür oder ein Loch zu sto­ßen.

Hier ist etwas!“

Hin­ter den Dor­nen lag, kaum sicht­bar, eine mod­ri­ge Holz­tür mit einer ros­ti­gen Klin­ke. Ber­tha befrei­te die Tür vom Gewächs. Ich begann an der Klin­ke zu rüt­teln, zu zie­hen und zu drü­cken.

Nicht mit Gewalt.“ Ber­tha leg­te sanft ihre Hand auf mei­ne und drück­te die Klin­ke her­un­ter. Die Tür ließ sich öff­nen, schwer­fäl­lig und knar­zend.

Drin­nen herrsch­te dich­tes Schwarz. Der Geruch von Fäul­nis ström­te uns ent­ge­gen. Nur das Han­dy­licht warf einen blas­sen Licht­ke­gel vor unse­re Füße.

Wie viel Akku hast du noch?“

Drei­zehn Pro­zent“, las ich vom Dis­play ab. „Wenn ich das Licht anlas­se, viel­leicht noch eine Stun­de, viel­leicht nur eine hal­be.“

Und die Kame­ra? Mach mal ein Foto mit Blitz, ich will sehen, was hier ist, wie groß der Raum ist.“

Ich hol­te die Kame­ra her­vor. Für einen kur­zen Augen­blick war alles in glei­ßen­des Licht getaucht. Ich war geblen­det.

Zeig das Foto!“, ver­lang­te Ber­tha.

Pil­ze, Schim­mel über­wu­cher­ten, was viel­leicht ein­mal Möbel gewe­sen waren. Wei­ter hin­ten im Raum ein Durch­gang.

Da müs­sen wir durch.“ Vor­sich­tig bahn­ten wir uns einen Weg durch den Raum, im engen Radi­us des Han­dy­lichts. Ich ver­such­te, den Pilz­ge­schwü­ren aus­zu­wei­chen, doch Ber­tha zogen sie magisch an.

Ich will eine Pro­be neh­men“, sag­te sie und griff mit einem Plas­tik­beu­tel nach einem Pilz, der im schwa­chen Licht schlei­mig glänz­te. Doch als sie den Pilz abzog, sah sie, dass sich dar­un­ter alter Stoff hob und senk­te.

Vor Schreck hiel­ten wir die Luft an und hör­ten – ganz lei­se – einen frem­den Atem. Wir fuh­ren den rie­si­gen Schleim­pilz mit dem Licht ab. Er hat­te sich um einen Kör­per geschlun­gen. Am Boden des Pil­zes lug­ten zwei Füße her­vor, die in alt­mo­di­schen Schlap­pen steck­ten.

Die Gerüch­te bewahr­hei­te­ten sich also. Damit hat­te ich nicht gerech­net.

Wei­ter!“, flüs­ter­te Ber­tha schließ­lich und schob mich ent­schie­den fort, ins nächs­te Zim­mer. Auch dort waren über­all rie­si­ge Pil­ze – und jetzt, da ich es wuss­te, hör­te ich ganz lei­se von über­all her Atem­ge­räu­sche …

Wir beweg­ten uns von Zim­mer zu Zim­mer. Ber­tha nahm Pro­be um Pro­be. Der Akkustand sank bestän­dig. Zuletzt, als nur noch drei Pro­zent ver­blie­ben, fan­den wir uns vor einer geschlos­se­nen Tür wie­der. Alter Lack blät­ter­te ab.

Wir zogen die Tür auf. Vor uns wand sich eine stei­ner­ne Wen­del­trep­pe in die Höhe. Wir stie­gen empor. Unse­re Schrit­te hall­ten. Als wir auf der obers­ten Stu­fe stan­den, waren wir in einem klei­nen Raum ange­kom­men. Mit Löchern in den Wän­den, durch die Schling­pflan­zen und Rosen in das Zim­mer wuch­sen.

Ein ein­sa­mes Bett und ein Spinn­rad stan­den dort.

(Adap­ti­on von »Dorn­rös­chen«)

Werkstattheft MiniLit Nr. 6

Wäh­rend der Werk­statt ›An Bord — Über­Le­ben von A nach B‹ sind fol­gen­de Tex­te ent­stan­den, die in einem Werk­statt­heft unse­rer Rei­he Mini­Lit (Nr. 6) ver­öf­fent­lich wur­den.

 

Blät­ter­fall (von Ane­ta Potry­kus)

Käl­te. Kal­tes Meer an das Boot schlägt. Kal­te Luft mei­ne Haut peitscht. Fest zusam­men­ge­schnürt den Stoff um mich gehüllt, was­ser­ab­wei­send, doch nicht resis­tent. Alles ist Käl­te. Ich ver­su­che, lang­sa­mer zu atmen. Die Käl­te gelangt in einem Sog in mei­ne Lun­ge und packt sie, umhüllt sie mit eisi­gem Schau­er. Atem­zug um Atem­zug brei­tet sie sich aus und will nicht mehr ent­wei­chen.

Ich muss die Luft anhal­ten, die Käl­te abschüt­teln. Sie wird mein Tod sein. Nicht in den Flu­ten ertrin­ken. Nicht durch Hun­ger oder Trink­was­ser­not wird das Leben ein Ende neh­men. Ich hal­te die Luft an, Ener­gie spa­ren. Lau­sche dem Meer, wel­ches ich nicht mehr ertra­gen kann. Es ist kein Lau­schen, schon lan­ge nicht mehr. Ich bin dem aus­ge­setzt, aus­ge­lie­fert. Das per­ma­nen­te Geräusch des Mee­res dröhnt in mei­nen Ohren.

30 Sekun­den sind ver­stri­chen oder schon mehr. Zäh­le ich zu lang­sam oder zu schnell. Das Dröh­nen. Ich neh­me einen Atem­zug und öff­ne dabei die Augen. Ein Blatt, es fällt vom Him­mel. Es wird still um mich. Und noch eins! Ich kann das Meer nicht mehr hören. Kein Geräusch. Frost weicht Wär­me. Ich will schrei­en, rufen, mei­nen Kame­ra­den die Blät­ter zei­gen. Die Kame­ra­den, lan­ge habe ich schon nicht mehr an sie gedacht. Ich muss­te Ener­gie spa­ren. Schon seit Tagen beach­te ich sie nicht mehr, die neben mir ste­hen. Einer steht vor mir, vier oder fünf auf der rech­ten und zwei auf der lin­ken Sei­te. Es ist einer­lei, wel­chen Platz ein Mensch in die­sem Boot ein­nimmt. Doch jetzt möch­te ich rufen: „Hört hin, der Lärm, ja der Lärm, ich höre ihn nicht. Fühlt, atmet, die Käl­te ist ver­gan­gen.“

Ich könn­te in das Meer sprin­gen, die Blät­ter mit den Hän­den grei­fen. Sie aus dem Meer fischen und kei­ne Käl­te wür­de ich spü­ren. Es wäre nicht mal bedenk­lich oder gar todes­mu­tig. Das Meer hat sich auf mei­ne, auf unse­re Sei­te gestellt. Die Käl­te und den Lärm mit­ge­nom­men. Kann das sein?

Blät­ter fal­len vom Him­mel, wahr­haf­tig, mit­ten auf dem Meer. Kein Wald, kein ein­zi­ger Baum steht in der Nähe. Mei­ne Kame­ra­den haben die Augen ver­schlos­sen. Ich soll­te sie wecken, aber viel­leicht fal­len die Blät­ter dann schnel­ler ins Meer oder das Ereig­nis ent­flieht inner­halb einer Sekun­de und die Käl­te kehrt zurück. Viel­leicht darf nur ich die­ses Spek­ta­kel erle­ben. Wie in Zeit­lu­pe fal­len die Blät­ter, lang­sam, lang­sa­mer, noch lang­sa­mer. Ich atme. Wär­me durch­strömt mich. Hit­ze.

Nein! Ich wer­de nie­man­den rufen. Dies ist mein Erleb­nis. Das sind mei­ne Blät­ter. Ich ver­su­che, kei­nen Laut von mir zu geben und lang­sam zu atmen. Wie wun­der­schön die Blät­ter sind. Eins kann ich doch grei­fen. Lang­sam den Arm stre­cken, lei­se, noch lei­ser und zugrei­fen. Mei­ne Blät­ter. Der lin­ke Kame­rad öff­net die Augen. Ver­flixt, ich war zu laut. Er lächelt und ruft: „Schaut, Blät­ter fal­len vom Him­mel.“ Da öff­nen alle Kame­ra­den die Augen. Kein wei­te­res Blatt fällt mehr vom Him­mel. Ich atme kal­te Mee­res­luft ein. Viel­leicht stür­ze ich mich auf den Kame­ra­den. Viel­leicht schlie­ße ich die Augen und wer­de sie nie wie­der öff­nen. Viel­leicht sprin­ge ich ins Meer. Lang­sam schlie­ße ich die Augen. Käl­te.


An Bord eines Raum­schiffs (von Johan­na Schwarz)

I

Ich ste­he an der Reling im Wind, im Wiii­ind. Ich kon­zen­trie­re mich auf das Gefühl, wie er über mei­ne Haut streicht, mich leicht frös­teln lässt. Ich will es spei­chern, ein­pa­cken, mit­neh­men. Ich wer­de es viel­leicht nie wie­der spü­ren. Mein Bauch beginnt zu grum­meln, nicht vor Hun­ger, es ist die­se ver­wir­ren­de Mischung aus Auf­re­gung, Unge­duld und Angst. Was wird mich erwar­ten?

Mein Abschied ist unter dem Man­tel die­ser Gefüh­le an mir vor­bei­ge­zo­gen. Als sie mich in die Arme schlos­sen und mir „Viel Glück!“ wünsch­ten. Die Kol­le­gen aus dem Labor, die mein­ten: „Wie­so aus­ge­rech­net du und nicht ich?“ Mei­ne Eltern, die mir eigent­lich sagen woll­ten: „War­um machst du das? Wir brau­chen dich hier.“

Ich muss es tun, sei­net­we­gen. Ich wuss­te es in dem Augen­blick, als ich die Aus­schrei­bung sah. Kein Moment des Zwei­felns. Auch jetzt nicht, da ich das Raum­schiff vor mir sehe und alles zum Grei­fen nah ist.

Es war sein Traum. Er hat­te von nichts ande­rem mehr gespro­chen und mir zu Weih­nach­ten ein Tele­skop über­reicht. „Siehst du, das hier ist die Erde.“ Er zeig­te auf unse­re Füße: „Da sind wir jetzt.“ Dann dreh­te er am Objek­tiv des Fern­rohrs: „Und wenn ich mal nicht mehr bin, dann trei­be ich irgend­wo dort drau­ßen umher.“

Wor­te, die sich in mein klei­nes Gehirn ein­brann­ten.

Er ist nicht mehr ganz rich­tig im Kopf“, hat­ten mei­ne Eltern gesagt. Und jetzt dach­ten sie das­sel­be über mich.

Ent­schlos­sen wen­de ich mich um und gehe hin­ein, um auf den Mor­gen zu war­ten, auf den Abflug, auf den Moment, in dem sich alles umkehrt und mein Him­mel nicht mehr blau ist, son­dern tief­schwarz und vol­ler greif­ba­rer, fun­keln­der Mög­lich­kei­ten.

II

Kli­cken, Rau­schen. Die Knöp­fe blin­ken in mei­nen Augen­win­keln. Ganz wild, ganz rot. Ein schlech­tes Zei­chen? Geht irgend­was schief? Etwas drückt auf mich, die Ton­nen Metall um mich her­um bewe­gen sich. Es ruckt und wackelt. Ich kip­pe zur Sei­te, sehe die Sche­men der ande­ren vor­bei­zie­hen. Was, wenn ich fal­le … was, wenn ich mich ver­let­ze … wenn … Mein Magen stürzt ab, wie in die­sen High-Speed-Auf­zü­gen. Ich klam­me­re mich an den Sitz und mei­ne Fin­ger­knö­chel wer­den weiß. Ich sehe kein Drau­ßen. Ich spü­re, wie wir an Höhe gewin­nen, aber ich sehe es nicht. Mei­ne Gedan­ken ent­wi­schen mir, ich füh­le den Druck auf mei­nen Schlä­fen, sehe das Augen­paar mir gegen­über, weit auf­ge­ris­sen, und fra­ge mich, wie ich selbst aus­se­he. Auf mei­nem Sitz gekau­ert. Wir sind jetzt Schat­ten. Erstarr­te Sil­hou­et­ten inmit­ten von roten Blink­lich­tern.

III

Ich schwe­be zu einem der Ses­sel und las­se mich dar­auf nie­der. Die ande­ren sind in Bücher ver­tieft oder in einem ande­ren Teil des Raum­schiffs unter­wegs. Sie haben auf­ge­hört, täg­lich Video­bot­schaf­ten zu sen­den. Ich habe noch kei­ne ein­zi­ge ver­schickt.

Die anfäng­li­che Begeis­te­rung über die Schwe­re­lo­sig­keit hat nach­ge­las­sen, die regel­mä­ßi­gen Zusam­men­stö­ße in der Luft auch. Jetzt ver­geht die Zeit zäh, wie in einem end­lo­sen Zustand.

Wir sind zu viert. Mag­gie ist sehr ruhig, sie sitzt meis­tens am Fens­ter, aber wenn sie sich doch ins Gespräch ein­mischt, fun­keln ihre Augen vor Vor­freu­de und ihre ruhi­ge Stim­me bringt alle zum Zuhö­ren und Träu­men. Ben hin­ge­gen ist immer auf­ge­kratzt, unru­hig, er kann das War­ten am wenigs­ten ertra­gen und bringt uns mit sei­nen Wit­zen und sei­ner Unru­he ent­we­der zum Lachen oder treibt uns zur Weiß­glut. Nur Lin­da bringt ihn manch­mal zum Schwei­gen, wenn sie sich durch ihre glän­zen­den Haa­re streicht und ihn abschät­zig anblickt. Noch schaut sie auf uns alle her­ab, aber wenn ihr end­gül­tig bewusst wer­den wird, dass es nur uns vier gibt und die Zuschau­er vor dem Fern­se­her nichts für sie tun kön­nen, wird sie von ihrem hohen Ross her­un­ter­stei­gen müs­sen. Ich hal­te mich meis­tens raus. Ich muss mei­ne Posi­ti­on erst noch fin­den und wer­de bis dahin beob­ach­ten.

IV

Wir befin­den uns nun in einem selt­sa­men Zwi­schen­raum, in dem wir nicht so recht auf­ein­an­der zukom­men. Über unse­re Erin­ne­run­gen, denen wir nach­hän­gen oder von denen wir uns lang­sam zu lösen ver­su­chen, wol­len wir nicht ger­ne spre­chen. Nur manch­mal bre­chen Hoff­nungs­schim­mer aus dem einen oder ande­ren her­aus. Wir gera­ten ins Schwär­men, über­le­gen, wie es wohl sein wird. Mag­gie dreht sich dann zu uns um und malt die Zukunft in den bun­tes­ten Far­ben. Sie blickt dabei oft zu mir her­über und ich füh­le mich unwohl und geschmei­chelt zugleich, da sie mich anschei­nend als Teil die­ser Zukunft akzep­tiert hat.

Jedes Mal gelan­gen wir irgend­wann an den Punkt, an dem Ben stöhnt: „Wären wir doch end­lich da.“ Danach herrscht wie­der Schwei­gen, und wir keh­ren zu unse­ren Beschäf­ti­gun­gen zurück – als wäre nichts gesche­hen.


Mars One (von Vio­la Bau­er)

I

Mir scheint, so weich wie heu­te war das Fell hin­ter dei­nen Ohren noch nie. Bereits eine hal­be Stun­de sit­ze ich hier und streich­le in Gedan­ken dei­nen Kopf. Ich spü­re dich so deut­lich, dass ich anfan­ge, lose Haa­re von mei­ner Hose zu zup­fen. Wie blöd kann man sein?

Tie­re sind nicht erlaubt, ich flie­ge allein. Das habe ich mir so aus­ge­sucht, und es wird mir den Schlaf rau­ben.

Ich wer­de die Erde ver­las­sen, einen Neu­start wagen, alles auf null set­zen. Als einer der ers­ten Men­schen. Allen Ärger, alles, was uns belas­tet, kön­nen wir zurück­las­sen. Wir star­ten ohne Krieg in unse­rer Geschich­te. Ohne Geld. Wir wer­den eine neue Gesell­schaft bil­den. Wer könn­te da Nein sagen? Wir wer­den die Zukunft sein.

II

Mei­ne Knie zit­tern, ich kann sie nicht still­hal­ten. Was willst du hal­ten?

Die­se Vibra­ti­on. Die­ser Druck. Den Weg zurück gibt es nicht, Mag­gie.

Halt den Mund!“

Mein lin­kes Auge pocht, es brennt, will bers­ten. Ein wei­ßer Blitz rammt sich in mei­nen Schä­del. Zurück! Weg! Schluss! Ich wer­de ver­rückt. Grün. Gelb. Schwarz. Mei­ne Welt dreht sich. Her­um. In mei­nem Magen. Drückt sich. Her­aus. Der Lärm schluckt alles. Er wird dich schlu­cken! Jetzt.

III

Ich habe ange­fan­gen, mir Ritua­le zu schaf­fen. Mor­gens, oder bes­ser: Wenn ich die Augen öff­ne, rezi­tie­re ich das ers­te Gedicht, das mir ein­fällt, oder sin­ge die ers­te Lied­zei­le stumm vor mich hin. Ich neh­me ein­fach den aller­ers­ten Gedan­ken und erzäh­le eine klei­ne Geschich­te, nur für mich. Zeit ist rela­tiv.

Jedes Mal erstaunt es mich aufs Neue, wie mei­ne Augen­li­der irgend­wann vor Erschöp­fung zufal­len und mich mit die­sem Akt der Mil­de in einen Däm­mer­zu­stand zwi­schen Traum und Nichts sin­ken las­sen. Heben die Lider sich, durch­schrei­te ich das Tor zu mei­ner per­sön­li­chen Höl­le.

Unse­re mensch­li­chen Geräu­sche ver­mi­schen sich mit den Geräu­schen der Maschi­ne, den Piep­sern, dem Rau­schen des Air Con­di­tio­ners, der unse­re Luft keim­frei auf­be­rei­tet zu unse­ren Lun­gen zurück­schickt. In die­sem Cha­os wabert die eine Sei­te zur ande­ren, immer häu­fi­ger ent­glei­tet mir das Oben und Unten, bis selbst Mensch und Maschi­ne unun­ter­scheid­bar wer­den.

Ich hof­fe jeden Tag, dass mir die Wor­te blei­ben, die Lie­der, die Geschich­ten, dass sie auf eine uner­gründ­li­che Art ange­spült wer­den und ich sie auf­sam­meln kann wie die Muscheln als Kind.