In der Bremer Poesiezentrale

Jens Laloire lei­tet seit Beginn die­ses Jah­res das Lite­ra­tur­kon­tor

Bre­mens Poe­sie­zen­tra­le ist in einem gedie­ge­nen Alt­bau behei­ma­tet, genau­er: in einem gro­ßen, lich­ten und aus­sichts­rei­chen Raum. An den hohen Wän­den hän­gen Pla­ka­te, die von lau­te­rer Lie­be zur Lite­ra­tur kün­den, zudem sind mit Büchern befüll­te Rega­le zu sehen. „Ein schö­ner Arbeits­platz“, sagt Jens Laloire mit einem beglau­bi­gen­den Sei­ten­blick gen Goe­the­platz. Seit Jah­res­be­ginn lei­tet der 41-Jäh­ri­ge das Lite­ra­tur­kon­tor, das in der alt­ehr­wür­di­gen Vil­la Ichon resi­diert (Bau­jahr 1849).

Die­ser Ein­rich­tung ist der gebür­ti­ge Twistrin­ger, der in Essen und Bre­men, Phi­lo­so­phie, Geschich­te und Ger­ma­nis­tik stu­diert hat, seit gerau­mer Zeit ver­bun­den. Unter ande­rem hat Laloire an der Eta­blie­rung der löb­li­chen Lesungs- und Ver­öf­fent­li­chungs­for­ma­te „Dop­pel­pack“, „Lit­Clips“ und „Mini­Lit“ mit­ge­wirkt, hat Bre­mer Buch­pre­mie­ren und Ver­an­stal­tun­gen der Lite­ra­ri­schen Woche mode­riert – und neben­bei inner­halb von fünf Jah­ren auch noch 30 Fol­gen sei­ner eige­nen Rei­he „Laloire schlägt auf“ gestemmt, in deren Rah­men er in Vita und Werk arri­vier­ter Dich­ter wie Wolf­gang Herrn­dorf und Sven Rege­ner ein­führ­te.

Nicht zu ver­ges­sen: Im Brot­be­ruf ver­ding­te er sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zudem in der Erwach­se­nen­bil­dung. In der Ein­rich­tung Frie­de­horst in Bre­men-Les­um unter­rich­te­te er ange­hen­de Kauf­leu­te in der Kunst des Schrift­ver­kehrs; über­dies begrün­de­te er einen Debat­tier­club. Ein­ge­denk sei­nes Enga­ge­ments und sei­ner Fach­kennt­nis kam es für Insi­der des hie­si­gen Lite­ra­tur­be­triebs wenig über­ra­schend, dass dem Mann mit den preu­ßi­schen Arbeitstu­gen­den die Nach­fol­ge von Ange­li­ka Sinn ange­tra­gen wur­de. Nur und immer­hin 28 Arbeits­stun­den in der Woche – sei­ne häu­fi­ge Prä­senz bei Abend­ver­an­stal­tun­gen nicht mit­ge­rech­net – ste­hen Laloire für die­ses wei­te Tätig­keits­feld zur Ver­fü­gung, das zwar aus einer inni­gen Ver­knüp­fung von Beruf und Beru­fung besteht, aber auch etli­che admi­nis­tra­ti­ve Auf­ga­ben ein­be­greift.

Mer­ke: Auch lite­ra­ri­sches Leben will koor­di­niert und orga­ni­siert sein. Nur gut, dass der Lite­ra­tur-Afi­cio­na­do, der bei Gele­gen­heit (und ent­spre­chen­dem Etat) gern ver­mehrt aus­wär­ti­ge, fan­ta­sie­be­gab­te Schrift­stel­ler wie Chris­ti­an Kracht und Dani­el Kehl­mann zu weser­na­hen Lesun­gen begrü­ßen wür­de, bes­tens ver­netzt ist.

Bevor er an der hie­si­gen Uni­ver­si­tät zu stu­die­ren begann, hat Leis­tungs­trä­ger Laloire Zivil­dienst geleis­tet, ein Stu­di­um in Essen auf­ge­nom­men und wie­der ver­wor­fen, sich in Bre­men ver­liebt, eine Ver­an­stal­tungs­rei­he im Schlacht­hof aus der Tau­fe geho­ben sowie drei Staun- und Wan­der­mo­na­te in Neu­see­land zuge­bracht.

Apro­pos eng­lisch­spra­chi­ges Aus­land: Dem Kon­to­ris­ten wäre dar­an gele­gen, wür­de Bre­mens poe­ti­sche Strahl­kraft durch den mit aller­lei Auf­la­gen ver­bun­de­nen Unesco-Titel „City of Lite­ra­tu­re“ europa‑, ja welt­weit erhöht; eine ent­spre­chen­de Bewer­bung für das Jahr 2023 hat der Sena­tor für Kul­tur ange­kün­digt.

Bre­men hat eine bun­te und doch aus­bau­fä­hi­ge lite­ra­ri­sche Sze­ne“, sagt Laloire, „die Stadt ist im Kin­der­buch- und Kri­mi­seg­ment sehr gut auf­ge­stellt, es gibt die Lite­ra­ri­sche Woche und zwei bedeut­sa­me Poe­sie­fes­ti­vals, eine rüh­ri­ge Poe­try-Slam-Gemein­de, eine tol­le Stadt­bi­blio­thek – und mit Lite­ra­tur­kon­tor und vir­tu­el­lem Lite­ra­tur­haus gleich zwei Insti­tu­tio­nen, die Akteu­re zusam­men­füh­ren.“ Aller­dings müs­se die Stadt ange­mes­sen inves­tie­ren, um jen­seits des Erwerbs des heh­ren Titels poe­tisch nach­hal­tig wer­den zu kön­nen.

Bereits jetzt füllt Laloire die Visi­on einer Lite­ra­tur­stadt in sei­nem Beritt mit Inhal­ten, die ihm zukunfts­träch­tig und also unver­zicht­bar schei­nen. „Mir geht es nicht dar­um, das Lite­ra­tur­kon­tor neu zu erfin­den“, gibt er zu Pro­to­koll. „Aber der Aus­bau und die Inten­si­vie­rung einer För­de­rung der jun­gen Lite­ra­tur­sze­ne – Schrei­ben­de im Alter von 14 bis 19 Jah­ren – sind eine Prio­ri­tät.“

Ein wei­te­res Her­zens­pro­jekt hat mit der Ver­or­tung sei­ner lite­ra­ri­schen Arbeit zu tun. Laloire ist es wich­tig, mehr dezen­tral zu agie­ren, mit­hin in die Stadt­tei­le zu gehen – sei es in die Neu­stadt, wo er seit Anbe­ginn sei­ner Bre­mer Zeit lebt und schon so man­che Ver­an­stal­tung im Kar­ton und im Kuko­on ange­bahnt hat; sei es in Orts­tei­le wie Huch­t­ing und Hemelin­gen, für deren Inspi­ra­ti­on, fik­tio­na­le Auf­la­dung, ja Wie­der­ver­zau­be­rung Laloire lite­ra­ri­sche Werk­stät­ten als pro­ba­tes Mit­tel erschei­nen.

Apro­pos Ver­zau­be­rung: Hät­te der Viel­le­ser, zu des­sen Her­vor­brin­gun­gen auch poe­ti­sche und jour­na­lis­ti­sche Tex­te zäh­len, einen the­ma­tisch zwin­gen­den Wunsch frei, so wür­de er sich dem Ver­neh­men nach für ein Lite­ra­tur­zen­trum ent­schei­den. Mit Lese­büh­ne und ange­schlos­se­nem Café. Gera­de so wie vor eini­gen Jah­ren im eins­ti­gen Neu­städ­ter Möbel­haus Dete, des­sen Zwi­schen­nut­zung enorm gut ange­nom­men wur­de.


Den Arti­kel ver­fass­te Hen­drik Wer­ner
Erschie­nen im Weser-Kurier, Bei­la­ge ›WESER-Strand‹, am 17.11.2019

Über das Zusammenspiel von Erinnerungen und Schreiben

Foto: Marc Stavros
Foto: Marc Stav­ros

Für Lau­ra Mül­ler-Hen­nig klappt das mit dem Schrei­ben am Bes­ten, wenn sie nicht zuhau­se ist. Ihre Krea­ti­vi­tät kann sie nun auch mit einem Sti­pen­di­um aus­spie­len.

Lau­ra Mül­ler-Hen­nig sitzt im Café Engel. Die jun­ge Bre­mer Autorin sitzt ger­ne hier, in einer Ecke hin­ter ihrem Lap­top, um zu arbei­ten. Es ist eines ihrer Lieb­lingsca­fés im Vier­tel. „Ich brau­che kei­ne abso­lu­te Stil­le zum Schrei­ben“, erklärt sie, „nur eine mitt­le­re Ruhe.“ Dann kön­ne sie abschal­ten und sich kon­zen­trie­ren. Bis­her habe sie nur Kurz­ge­schich­ten ver­fasst, einen Roman zu schrei­ben stel­le für sie eine neue, gro­ße Her­aus­for­de­rung dar. Genau das aber wird von ihr gefor­dert, jetzt, da sie das Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um des Sena­tors für Kul­tur erhal­ten hat – gemein­sam mit Anne­gret Ach­ner, mit der sie sich den Preis teilt. Die bei­den Bre­mer Autorin­nen wur­den unter 50 Bewer­bern aus­ge­wählt. „So vie­le wie seit vie­len Jah­ren nicht“, wie es auf der Sei­te des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors heißt, der die Ver­ga­be der Sti­pen­di­en betreut.

Ein­ge­reicht hat­te Mül­ler-Hen­nig ein Expo­sé und eine zehn­sei­ti­ge Lese­pro­be zu ihrem Roman­pro­jekt „Die Oma im Baum“. „Der Titel war zuerst da“, erzählt die 34jährige mit dem kecken Kurz­haar­schnitt, „Auf das was beim Schrei­ben her­aus­kommt bin ich selbst gespannt!“ Den Inhalt der noch zu (er-)findenden Geschich­te bringt sie aber bereits auf den Punkt: „Es geht um das Auf­wach­sen eines Kin­des in einem Bre­mer Rand­stadt­teil unter dem Ein­druck des Ver­lus­tes der Groß­mutter und einer guten Freun­din. Es geht um ver­stor­be­ne Freun­de, um The­men, die mich geprägt haben“.

Mül­ler-Hen­nig wird ihren Roman aus der Per­spek­ti­ve eines etwa sie­ben jäh­ri­gen Mäd­chens erzäh­len, wobei sie „kon­se­quent die kind­li­che Sicht“ wie­der­ge­ben will, „aber im Ton eines Erwach­se­nen“. Die Nicht-Anwe­sen­heit der Groß­mutter soll sich durch gesam­ten Roman zie­hen. Wenn das Mäd­chen sich erin­nert, hört sich das dann so an: „Da ist noch der von Oma geerb­te Lehn­ses­sel, mit sei­nem sei­dig dünn geweb­ten Über­zug, der genau an der Stel­le durch­ge­wetzt ist, wo die Hän­de auf­lie­gen, wenn man sitzt. Hier lagen Omas Hän­de. Die mei­ner Mut­ter. Mei­ne. […] Die Möbel sind mit Spinn­we­ben über­zo­gen, als hät­ten die Spin­nen für jedes Stück ver­gan­ge­ne Zeit ein Stück Faden gewebt.“ In einem sehr poe­ti­schen, fast lyri­schen Stil spinnt Mül­ler-Hen­nig eine Geschich­te um ihre Roman­fi­gur, die den Ver­lust gelieb­ter Men­schen auf ihre Art ver­ar­bei­tet. Die Autorin ver­bin­de „gekonnt kind­li­che Ima­gi­na­ti­ons­kraft mit blitz­licht­ar­ti­gen Erin­ne­run­gen“ heißt es zu ihrer ein­ge­reich­ten Text­pro­be in der Jury­be­grün­dung.

Auf einer Lesung wur­de Mül­ler-Hen­nig ein­mal gefragt, wel­che ihrer Kurz­ge­schich­ten sie wirk­lich erlebt habe? „Kei­ne und alle“, lau­te­te ihre Ant­wort, „kei­ne so rich­tig, aber alle ein wenig.“ Für sie als Autorin sei es „nicht zu ver­mei­den, dass sich etwas ver­än­de­re“ in ihren Erzäh­lun­gen: „Erin­nern bedeu­tet immer, dass es sich schon ver­än­dert, wäh­rend man sich erin­nert.“  Außer­dem ste­cke in dem Wort Erin­nern „innen“ drin, sin­niert Mül­ler-Hen­nig im Café Engel. Die Autorin kehrt also in erin­ne­rungs­haf­ten Erzähl­se­quen­zen immer auch ihr Inne­res nach außen und ver­än­dert es dabei: „Ich kann mei­ne Phan­ta­sie nie stop­pen und das Bedürf­nis, es in etwas ande­res zu for­men.“

Um die gro­ße Form des Romans zu errei­chen, mit der sie noch kei­ne Erfah­rung habe, möch­te Mül­ler-Hen­nig sich Zeit neh­men: „Wenn ich den Roman wirk­lich schaf­fen will, wür­de ich mir Auf­ent­hal­te in Ate­liers wün­schen.“ Denn das „Fin­den des krea­ti­ven Moments“ errei­che sie bes­ser, wenn sie weit weg von zu Hau­se sei. Ihre Roma­ni­dee sei auch wäh­rend eines Wochen­en­des an der Ost­see ent­stan­den. Die jun­ge Autorin hofft für ihre krea­ti­ven Schaf­fens­pha­sen auf Auf­ent­hal­te in Künst­ler­häu­sern an der Ost­see oder in Worps­we­de, denn das mit 2 500 Euro über­sicht­lich bemes­se­ne Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um wird für eine Fer­tig­stel­lung ihres Romans kaum aus­rei­chen. Zumal Mül­ler-Hen­nig noch nicht ein­mal weiß, ob sie das Preis­geld über­haupt wird anneh­men dür­fen, da sie aus gesund­heit­li­chen Grün­den auf Grund­si­che­rung ange­wie­sen ist und es mög­li­cher­wei­se damit ver­rech­net wer­den muss. Das wird sich zei­gen.

Die jun­ge Autorin freut sich den­noch sehr über das Autoren­sti­pen­di­um und ist dank­bar, da es sie in jedem Fall zum Schrei­ben moti­vie­re. Außer­dem erhof­fe sie sich Betreu­ung wäh­rend des Schreib­pro­zes­ses, so, wie es sie es in der „Pro­sa-Werk­statt“ von Micha­el Wil­den­hain erfah­re. Eben­falls orga­ni­siert vom Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor tref­fe sie sich hier mit fünf wei­te­ren Sti­pen­dia­ten zum gemein­sa­men Aus­tausch über das lite­ra­ri­sche Schaf­fen. Die Ergeb­nis­se der Grup­pe wer­den in einer öffent­li­chen Abschluss­le­sung am 06. Dezem­ber um 20Uhr im Kuko­on prä­sen­tiert. Ihr Roman­pro­jekt, „Die Oma im Baum“, wird Mül­ler-Hen­nig im Rah­men einer „Lesung der Sti­pen­dia­ten“ im Janu­ar vor­stel­len.

Ihr schrift­stel­le­ri­sches Wis­sen und Kön­nen gibt Mül­ler-Hen­nig bereits seit eini­ger Zeit regel­mä­ßig in einer Schreib­werk­statt für Jugend­li­che von 14–19 Jah­ren wei­ter. Die­se ver­mit­teln­de Tätig­keit mache ihr vie­le Din­ge bewusst, über die sie sonst nicht gestol­pert wäre, sagt sie. Die Dis­kus­si­on über For­mu­lie­run­gen, Sprach­phä­no­me­ne und Wort­wahl brin­ge sie auch in der eige­nen Schreib­ar­beit deut­lich wei­ter. Neben der Schreib­werk­statt von Colin Bött­ger im Lite­ra­tur­kon­tor habe sie außer­dem am meis­ten in der Schreib­grup­pe des Blau­mei­er-Ate­liers in Bre­men-Wal­le gelernt.

Das sei eine „zufäl­li­ge, sehr, sehr glück­li­che Begeg­nung“ vor vie­len Jah­ren gewe­sen, von der sie immer noch pro­fi­tie­re: „In der wöchent­li­chen Schreib­grup­pe kann ich mich frei ent­fal­ten und ler­ne immer etwas neu­es dazu.“ Sie freue sich schon auf das Erschei­nen eines bestimm­ten Buchs im kom­men­den Jahr: Dar­in wer­den die Schreib­werk­statt und die Foto­grup­pe zu denen sie zählt, vor­ge­stellt. Bleibt zu hof­fen, dass sich ihre Leser­schaft bald über ein Erschei­nen der „Oma im Baum“ freu­en darf.


Den Arti­kel ver­fass­te Maga­li Traut­mann
Er erscheint im Weser-Kurier in der Rubrik ›Jun­ge Talen­te‹, am 26.10.2019 
Auch zu lesen unter: www.weser-kurier.de

Zufall, dass sie alle von Frauen geschrieben wurden“

Katharina Mild, arbeitet als freie Journalistin. Sie hat die Lesebühne „Out Loud“ zusammen mit dem Bremer Literaturkontor gegründet.
Katha­ri­na Mild, arbei­tet als freie Jour­na­lis­tin. Sie hat die Lese­büh­ne „Out Loud“ zusam­men mit dem Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor gegrün­det.

taz: Frau Mild, Sie haben mit „Out Loud“ eine bis­lang rein weib­li­che Lese­büh­ne gegrün­det. Wie viel Nach­hol­be­darf hat Bre­men da?
Katha­ri­na Mild: Es kom­men recht weni­ge jun­ge Autorin­nen nach Bre­men und es gibt hier auch nur weni­ge Mög­lich­kei­ten, aktu­el­le Bücher vor­zu­stel­len. Grund­sätz­lich sind Frau­en unter­re­prä­sen­tiert in der Bran­che: Was Ver­öf­fent­li­chun­gen angeht, aber auch bei Rezen­sio­nen und eben Ver­an­stal­tun­gen. Es ist mir schon ein Anlie­gen, die­se Lücke zu fül­len.

Die bis­he­ri­gen Bücher sind alle auto­bio­gra­phisch. Ist das Zufall, oder gehört’s zum Kon­zept?
Das ist eher ein Zufall. Ich fin­de es sehr span­nend, Men­schen da zu haben, die etwas geschrie­ben haben, wovon Sie auch per­sön­lich betrof­fen sind. Dar­über habe ich die Bücher aus­ge­sucht und es war dann übri­gens auch Zufall, dass sie alle von Frau­en geschrie­ben wur­den. Das bleibt jetzt auch erst mal so, auch wenn ich Män­ner gar nicht grund­sätz­lich aus­schlie­ßen wür­de. Das wäre ja auch Quatsch.

Wer kommt heu­te Abend?
Marei­ce Kai­ser. Sie ist Autorin, Blog­ge­rin und Jour­na­lis­tin. 2016 hat sie das Buch „Alles inklu­si­ve“ über das Leben mit ihrer schwer mehr­fach­be­hin­der­ten Toch­ter ver­öf­fent­licht, die mitt­ler­wei­le ver­stor­ben ist. Da geht es natür­lich um Inklu­si­on: Wie gestal­tet sich der All­tag? Als Jour­na­lis­tin beschäf­tigt sie sich aber auch inten­siv mit den The­men Pränataldia­gnostik und Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf. Und dar­um wird es heu­te dann auch gehen. Das ist ein brei­tes Spek­trum.

Inklu­si­on ist ja heu­te eine breit geführ­te Debat­te. Was ist hier so beson­ders?
Die Betrof­fe­nen sind in der Debat­te klar unter­re­prä­sen­tiert. Sich da so klar und so stark zu posi­tio­nie­ren, ist schon etwas sehr Sel­te­nes.

Was mei­nen Sie damit, dass „Out Loud“ ein inter­ak­ti­ves For­mat ist?
Mir ist wich­tig, dass es eine Form der Betei­li­gung gibt – eine Ebe­ne, auch aus dem Publi­kum eige­ne Gedan­ken mit­zu­tei­len. Dann aber nicht am Ende die­se typi­sche Fra­ge­run­de, in der jemand auf­steht und einen Vor­trag über irgend­was hält. Bei „Out Loud“ neh­men die Men­schen über ihre Han­dys teil, log­gen sich auf einer Web­site ein und ihre Fra­gen wer­den auf eine Lein­wand pro­ji­ziert. Wir füh­ren aber zum Bei­spiel auch Abstim­mun­gen durch, heu­te expe­ri­men­tie­ren wir mit einem Quiz. So kön­nen auch schüch­ter­ne Men­schen an der Dis­kus­si­on teil­neh­men.

Gestal­ten die Autorin­nen den inter­ak­ti­ven Teil?
Nein, die wer­den auch über­rascht. Die waren alle sehr offen dafür und fan­den die Idee total super.

Es sind ja auch vie­le Netz­men­schen dabei.
Ja, die Autorin­nen sind auf Twit­ter, oder haben ihre Blogs. Sie sind aber auch fast alle Jour­na­lis­tin­nen. Das ist wahr­schein­lich ein Symp­tom des heu­ti­gen Sach­buch­markts: Wenn Frau­en Sach­bü­cher ver­öf­fent­li­chen, dann haben sie meis­tens vor­her lan­ge Arti­kel in der Zei­tung geschrie­ben – vie­le von „Out Loud“ ja auch in der taz. Dann wur­den sie ange­spro­chen, ob sie nicht ein Buch dar­aus machen wol­len. Es macht die­se Tex­te schon aus, dass sie so direkt aus dem The­ma kom­men. Und dass die Autorin­nen sie auch erzäh­len kön­nen.


Das Inter­view führ­te Jan-Paul Koop­mann
Arti­kel erschie­nen in der taz  Bre­men, am 19.9.2019
Auch zu lesen unter: www.taz.de

Eine breite Auswahl von Genres“

Jens Laloire, 41, ist Autor, Kulturjournalist und Geschäftsführer des Literaturkontors Bremen.
Jens Laloire, 41, ist Autor, Kul­tur­jour­na­list und Geschäfts­füh­rer des Lite­ra­tur­kon­tors Bre­men.

taz: Herr Laloire, „Bre­men liest“ fin­det heu­te zum zwei­ten Mal statt. Nach wel­chen Kri­te­ri­en wur­den die Autor*innen aus­ge­wählt?
Jens Laloire: Es gab ein Bewer­bungs­ver­fah­ren, bei dem wir lei­der nicht alle berück­sich­ti­gen konn­ten. Wir haben vor allem auf eine gute Mischung aus jün­ge­ren und älte­ren Autor*innen und eine brei­te Aus­wahl von Gen­res geach­tet. Dabei haben wir jedoch nur Autor*innen in Betracht gezo­gen, die bereits etwas publi­ziert haben.Inwieweit sind auch Wer­ke ver­tre­ten, die aktu­el­le poli­ti­sche The­men behan­deln?
Ein gutes Bei­spiel dafür ist „Leu­te machen Klei­der“ von Imke Mül­ler-Hell­mann. Sie hat sich mit der glo­ba­len Tex­til­in­dus­trie befasst, mit Kon­zer­nen gespro­chen, sich zu den Pro­duk­ti­ons­stät­ten bege­ben und sich die Arbeits­be­din­gun­gen ange­schaut.

Wie war im letz­ten Jahr die Reso­nanz und wel­che Men­schen kom­men zu den Lesun­gen?

Der größ­te Teil der Besucher*innen ist schon etwas älter, doch wir haben fest­ge­stellt, dass jun­ge Autor*innen auch jun­ge Besucher*innen anzie­hen. Wir hat­ten im letz­ten Jahr eine Lesung, bei der eini­ge Men­schen nicht mehr hin­einkamen, weil die Buch­hand­lung nur hun­dert Leu­te fass­te.

Wird es die­ses Jahr auch Aktio­nen für die Besucher*innen geben?

Im Vor­feld hat­ten Inter­es­sier­te die Mög­lich­keit, sich für die offe­ne Büh­ne im Kuko­on anzu­mel­den. Inner­halb von sie­ben Minu­ten dür­fen die Autor*innen dort ihre Wer­ke auf der Büh­ne vor­tra­gen. Nächs­tes Jahr wol­len wir die Mög­lich­kei­ten zum akti­ven Mit­ma­chen wei­ter aus­bau­en.

Außer­dem haben die Besu­cher die­ses Jahr die Mög­lich­keit, einen Ein­blick in das Ver­lags­we­sen zu erhal­ten …

Genau. Um 15 Uhr klärt Klaus Kell­ner vom Kell­ner-Ver­lag in der Neu­stadt Inter­es­sier­te über die hand­werk­li­chen Schrit­te vom Manu­skript zum Buch auf.

Wie ist es denn ins­ge­samt um die Bre­mer Lite­ra­tur­sze­ne bestellt?

Es gibt neben „Bre­men liest“ wei­te­re Fes­ti­vals wie etwa „Poe­try on the Road“. Außer­dem gilt der Bre­mer Lite­ra­tur­preis als einer der renom­mier­tes­ten in Deutsch­land. Was uns aber fehlt, ist ein klas­si­sches Lite­ra­tur­zen­trum. Einen gro­ßen Ver­an­stal­tungs­ort für Lesun­gen aller Art. Dabei stel­le ich mir aber kei­nen eli­tä­ren Bil­dungs­tem­pel vor, son­dern ein Ort, an dem sich auch die freie Sze­ne aus­to­ben kann.

Wor­über freu­en Sie sich heu­te beson­ders?

Es ist wun­der­bar, dass wir dies­mal drei Kinderbuchautor*innen dabei haben und dadurch auch die Jüngs­ten an dem Fes­ti­val ihre Freu­de haben kön­nen.


Das Inter­view führ­te Flo­ri­an Faboz­zi
Arti­kel erschie­nen in der taz  Bre­men, am 30.8.2019
Auch zu lesen unter: www.taz.de

40 Autoren aus Bremen bei der Literaturnacht

Am 30. August öff­nen die Buch­hand­lun­gen wie­der ihre Türen für die zwei­te Bre­mer Lite­ra­tur­nacht. 40 Bre­mer Autorin­nen und Autoren wer­den Kurz­le­sun­gen ver­an­stal­ten.

Eine Lan­ge Nacht der Lite­ra­tur. Das ist es, wovon Gabrie­le Becker träumt. Ein kul­tu­rel­ler Abend, ähn­lich der Lan­gen Nacht der Muse­en, die in die­sem Jahr bereits zum 19. Mal statt­ge­fun­den hat. Becker wünscht sich Bus­se, die von Ort zu Ort fah­ren, Lesun­gen an unge­wöhn­li­chen Orten und ein bun­tes Rah­men­pro­gramm. Die Redak­teu­rin des Wel­len­schlag Text- und Ver­lags­kon­tors will Bre­mens Buch­han­dels­kul­tur die Aner­ken­nung zukom­men las­sen, die sie ihrer Mei­nung nach ver­dient, sie will Autoren aus Bre­men und dar­über hin­aus eine Platt­form geben. Kurz­um: Becker will mehr. Sie will die Stadt zum Lesen und Lau­schen brin­gen. Aktu­ell, sagt sie, arbei­te sie gemein­sam mit dem Bre­mer Buch­han­del, dem Bör­sen­ver­ein des Deut­schen Buch­han­dels, dem Lite­ra­tur­kon­tor und dem Senat an einem Kon­zept.

17 Buch­hand­lun­gen und Ver­la­ge haben geöff­net
Doch bis die­ses kon­kre­ter ist, müs­sen Becker und ihre Mit­strei­ter in die­sem Jahr noch ein biss­chen klei­ner den­ken. Klei­ner, aber trotz­dem schon ziem­lich umfang­reich: Am 30. August heißt es zum zwei­ten Mal „Bre­men liest! – Bre­mer Lite­ra­tur­nacht“. 17 Buch­hand­lun­gen und Ver­la­ge öff­nen in den Abend­stun­den ihre Türen, stel­len sich vor und geben 40 Autoren und Autorin­nen aus Bre­men und umzu eine Büh­ne, um aus ihren Tex­ten vor­zu­le­sen.

In Bre­men-Mit­te, im Vier­tel, in Schwach­hau­sen, Fin­dorff, der Neu­stadt und Bre­men-Nord ste­hen zwi­schen 19 und 21.30 Uhr halb­stün­di­ge Lesun­gen auf dem Pro­gramm. „Von Kri­mis über Lyrik und Bre­men­si­en bis hin zu Kin­der­bü­chern ist alles dabei“, sagt Becker. In Mit­te wer­den die Buch­hand­lung Franz Leu­wer (Lesun­gen von Mei­ke Dan­nen­berg, Rai­ner Persch und Lau­ra Mül­ler-Hen­nig), die Buch­hand­lung Storm (Micha­el Augus­tin, Lilia­ne Skal­e­cki, Die­ter Brand-Kruth), der Sujet-Ver­lag und die Buch­hand­lung Geist bespielt. Der Carl-Schü­ne­mann-Ver­lag bie­tet wie schon im ver­gan­ge­nen Jahr einen Bücher­lift an: Besu­chern wird im Fahr­stuhl Lite­ra­tur des Ver­la­ges vor­ge­stellt.

Im Vier­tel sind die Georg-Büch­ner-Buch­hand­lung sowie die Buch­hand­lun­gen Hum­boldt und Sieg­lin betei­ligt. In Schwach­hau­sen gibt es Lesun­gen in den Buch­hand­lun­gen Mel­chers und Satt­ler; in der Neu­stadt wird in den Buch­hand­lun­gen Bal­ke und Bun­ten­tor gele­sen. Mit dem Wort „Nacht“ nicht ganz so genau nimmt es der Kell­ner-Ver­lag: Hier gibt Klaus Kell­ner bereits um 15 Uhr unter dem Titel „Vom Manu­skript zum Buch“ Ein­bli­cke in die Ver­lags­ar­beit.

Im Fin­dorf­fer Bücher­fens­ter sind um 19 Uhr Jür­gen und Mari­ta Alberts zu Gast, die Kri­mi-Duet­te aus ihrem Buch „Es muss nicht immer Mord sein“ lesen. Um 20 Uhr gibt es mit „Fah­ren­des Volk“ Pro­sa von Jut­ta Michels, um 21 Uhr Pro­sa von Phil­ipp Cypri­an.

In Bre­men-Nord betei­li­gen sich die Lesu­mer Lese­zeit, die Otto und Sohn Bücher­welt und die Blu­mentha­ler Bücher­stu­be an der Lite­ra­tur­nacht.

Und 2020? Wenn es nach Becker geht, sind neben den Ver­la­gen und Buch­hand­lun­gen dann auch noch Stra­ßen­bah­nen, Muse­en, Biblio­the­ken und ande­re Ein­rich­tun­gen mit von der Par­tie. Außer­dem sol­len neue Stadt­tei­le erreicht wer­den. Ein wei­te­rer Traum: die Ein­füh­rung des Bre­mer Buch­han­dels­prei­ses. Vor­bild ist die Lan­ge Nacht der Lite­ra­tur in Ham­burg. Die­se gibt es bereits seit sechs Jah­ren. Hier wer­den mitt­ler­wei­le mehr als 50 Buch­hand­lun­gen und lite­ra­ri­sche Orte bespielt. Für einen Aus­tausch hat Becker sich bereits mit der dor­ti­gen Initia­to­rin getrof­fen. „Auch Bre­men hat eine unglaub­lich gute Buch­han­del­struk­tur“, sagt sie; dar­um lägen ihr der unab­hän­gi­ge Buch­han­del und die hie­si­gen Ver­la­ge sehr am Her­zen. „Sie sind ein Kul­tur­gut, das man wert­schät­zen soll­te.“

Ver­an­stal­tung wächst schon die­ses Jahr
Becker hat bereits vor zwei Jah­ren den Grund­stein für die geplan­te Lan­ge Nacht der Lite­ra­tur gelegt: mit dem „Lite­ra­ri­schen Wel­len­bad“, einem Lite­ra­tur­abend, an dem sie­ben Autoren in drei Bre­mer Buch­hand­lun­gen zu Lesun­gen luden. Schon ein Jahr spä­ter wur­de dar­aus in Koope­ra­ti­on mit dem Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor unter dem Titel „Bre­men liest!“ die ers­te Bre­mer Lite­ra­tur­nacht, geför­dert von der Kul­tur­be­hör­de, der Lite­ra­tur­stif­tung und dem Bör­sen­ver­ein. Statt in drei Buch­hand­lun­gen gab es Pro­gramm in 14 unter­schied­li­chen Loca­ti­ons, trotz rela­tiv wenig Wer­bung kamen laut Becker zu eini­gen Lesun­gen mehr als 100 Besu­cher. Die­se Zah­len las­sen sich sehen, für Becker ist das aber noch nicht genug. „Wir hören nicht auf, bis ein Bus die Besu­cher von Ort zu Ort fährt“, sagt sie. „Wir wol­len wei­ter wach­sen.“

Ein biss­chen wächst die Ver­an­stal­tung schon in die­sem Jahr. Erst­mals gibt es im Rah­men der Lite­ra­tur­nacht ab 20 Uhr eine Offe­ne Büh­ne im Kul­tur­zen­trum Kuko­on. Mode­riert wird das Ange­bot von Sebas­ti­an But­te (Slam­mer Filet), musi­ka­li­sche Beglei­tung gibt es von der DJa­ne Gül­ba­har Kül­tür.

Zur Sache
40 Autoren und Offe­ne Büh­ne

Am 30. August fin­det in 17 Bre­mer Buch­hand­lun­gen und Ver­la­gen die 2. Bre­mer Lite­ra­tur­nacht „Bre­men liest!“ statt. 40 Autoren aus Bre­men und umzu geben hier­bei Ein­bli­cke in ihre Arbeit. Der Ein­tritt zu allen Ver­an­stal­tun­gen ist frei. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum Pro­gramm unter www.bremenliest.de.

Im Kul­tur­zen­trum Kuko­on wird es ab 20 Uhr eine Offe­ne Büh­ne geben. Autoren und Sprach­künst­ler aller Alters­klas­sen kön­nen sich hier­für mit ihren Tex­ten anmel­den. Alle lite­ra­ri­schen Gat­tun­gen sind erlaubt, die Bei­trä­ge soll­ten nicht län­ger als sie­ben Minu­ten sein. Anmel­dun­gen für die Offe­ne Büh­ne bit­te bis zum 28. August an: regina.weber@literaturkontor-bremen.de.


Der Arti­kel wur­de ver­fasst von Alex­an­dra Knief
Erschie­nen ist er im Weser-Kurier, am 20.8.2019
Auch zu lesen unter: www.weser-kurier.de

Schreiben ist auch Handwerk‹

Foto: Lui Kohlmann
Foto: Lui Kohl­mann

Bre­men - Robin­son Cru­soe, der wohl berühm­tes­te Bre­mer der Lite­ra­tur­ge­schich­te, mach­te weni­ger mit Erzäh­lun­gen aus dem Rats­kel­ler von sich reden als mit einer Art kolo­nia­lem Pro­jekt auf einer ein­sa­men Insel. Gebo­ren war er in Eng­land als Sohn eines migrier­ten Bre­mer Kauf­manns.

Ande­re der Stadt ver­bun­de­ne lite­ra­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten, fik­ti­ve wie rea­le, ver­brach­ten Tei­le ihres Lebens an der Weser, um spä­ter in Ber­lin oder anders­wo von sich reden zu machen. Sven Rege­ner zum Bei­spiel. Den­noch gibt es in der Han­se­stadt natür­lich Men­schen, die schrei­ben. Um die küm­mert sich seit 1983 das Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor. Seit Anfang des Jah­res lei­tet Jens Laloire die Ein­rich­tung. Uns hat er erklärt, was die Lite­ra­tur­sze­ne kann und braucht.

Ist Bre­men eine Lite­ra­tur­stadt?

Es gibt eine gro­ße, viel­fäl­ti­ge Sze­ne mit Men­schen, die schrei­ben. Es sind nicht so sehr die gro­ßen Namen, die man sofort mit der Stadt ver­bin­det, des­we­gen gibt es auch weni­ger Hier­ar­chi­en. Bre­men zeich­net sich auf jeden Fall durch vie­le klei­ne und nicht so klei­ne Buch­hand­lun­gen aus. Und durch Fes­ti­vals wie Poe­try on the road, die Glo­ba­le, die Lite­ra­ri­sche Woche und die Lite­ra­Tour Nord, von der Bre­men ein Teil ist. Außer­dem hat nicht jede Stadt eine so gro­ße, schö­ne Stadt­bi­blio­thek. Und es gibt den Bre­mer Lite­ra­tur­preis, einer der wich­tigs­ten in Deutsch­land.

Das ist die Infra­struk­tur. Gro­ße Lite­ra­ten leben nicht vie­le in Bre­men, oder?

Es gibt durch­aus Autoren, die in Bre­men leben. Die Stadt ist im Bereich Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur gut auf­ge­stellt: Anke Bär, Anna Lott und Jörg Iser­mey­er publi­zie­ren bei renom­mier­ten Ver­la­gen und sind über­re­gio­nal bekannt. David Safier lebt in Bre­men. Jür­gen Alberts kennt man im Kri­mi­be­reich.

Wie macht sich Ihre Arbeit in der Stadt bemerk­bar?

Anders als klas­si­sche Lite­ra­tur­häu­ser laden wir weni­ger Autoren von außer­halb ein. Schwer­punkt ist die loka­le Sze­ne und die Arbeit mit jun­gen Autoren. Wir ver­an­stal­ten aber auch Lesun­gen mit eta­blier­ten Schrift­stel­lern, bie­ten Schreib­werk­stät­ten und Work­shops an, unter­stüt­zen Autoren mit den Bre­mer Buch­pre­mie­ren. Und wir arbei­ten mit den Lite­ra­tur­fes­ti­vals zusam­men.

Kann man die Erfol­ge Ihrer Arbeit auch sehen?

Wir haben immer­hin elf Aus­ga­ben der Mini­Lit-Serie her­aus­ge­bracht – das ist schon etwas, da bil­det sich die jun­ge Sze­ne ab. Die 30 bis 35 Buch­pre­mie­ren im Jahr kön­nen sich auch sehen las­sen. Und es gibt Autoren, die hier ange­fan­gen und sich ent­wi­ckelt haben, wie Phil­ipp Böhm, der in die­sem Jahr sein Roman­de­büt „Schel­len­mann“ im Ber­li­ner Ver­bre­cher-Ver­lag ver­öf­fent­licht hat. Böhm hat vor fünf Jah­ren zum ers­ten Mal öffent­lich in der Rei­he Dop­pel­pack gele­sen, die das Lite­ra­tur­kon­tor in der Dete ver­an­stal­tet hat. Und sein Text im Mini­Lit-Heft war im Grun­de genom­men der Aus­gangs­text für den Roman. Imke Mül­ler-Hell­mann, die mit „Leu­te machen Klei­der“ bekannt gewor­den ist, und Katha­ri­na Mevis­sen haben an Work­shops des Lite­ra­tur­kon­tors teil­ge­nom­men.

Böhm und Mevis­sen leben heu­te in Ber­lin.

Das Risi­ko, dass Leu­te Bre­men ver­las­sen, ist natür­lich da. Städ­te wie Ber­lin haben mehr Ver­la­ge, mehr Leu­te – es gibt ver­schie­de­ne Argu­men­te. Aber man­che blei­ben ja auch da.

Was fehlt Bre­men denn, um Autoren zu hal­ten?

Es fehlt zum Bei­spiel eine Lite­ra­tur­zeit­schrift, die es mit dem „Stint“ ein­mal gege­ben hat. Das wür­de ich gern wie­der­be­le­ben. Ein ech­tes Lite­ra­tur­haus wäre auch gut. Ein Ort, wo man weiß: Da gibt es Lite­ra­tur. Han­no­ver, Ham­burg und vie­le ande­re, auch klei­ne­re Städ­te haben so einen Ort, Bre­men nicht. Das Lite­ra­tur­kon­tor hat ein Büro und einen über­schau­ba­ren Etat. Ich habe mehr Stun­den bei der Kul­tur­be­hör­de gefor­dert, bevor ich im Lite­ra­tur­kon­tor ange­fan­gen habe. Vor der Wahl wur­de mir mehr Geld für Pro­jek­te in Aus­sicht gestellt. Was dar­aus wird, weiß ich natür­lich nicht. Bre­men möch­te sich für das Jahr 2023 als „City of Lite­ra­tu­re“ bewer­ben. Viel­leicht bekom­men wir in die­sem Rah­men wie­der eine Lite­ra­tur­zeit­schrift. Ich glau­be, per­spek­ti­visch gibt es gute Chan­cen, die Fra­ge ist nur, wann.

Sie haben schon von Lite­ra­tur­häu­sern gespro­chen – Bre­men hat immer­hin ein vir­tu­el­les. Ist das ein Ersatz?

Das vir­tu­el­le Lite­ra­tur­haus bie­tet neben einem Lite­ra­tur­ka­len­der, einem Audio-Archiv, einer Autoren­da­ten­bank auch das ein­zi­ge Resi­denz­pro­gramm für Autoren in Bre­men. Es wäre übri­gens auch durch­aus sinn­voll über ein Stadt­schrei­ber­pro­gramm nach­zu­den­ken. Aber das vir­tu­el­le Lite­ra­tur­haus macht eine tol­le Arbeit. Die Kapa­zi­tä­ten sind auch da aber sehr begrenzt. Das kann ein rea­les Lite­ra­tur­haus nicht erset­zen, weil es kein Ort für Ver­an­stal­tun­gen ist.

Fehlt Bre­men auch ein Stu­di­en­gang für lite­ra­ri­sches Schrei­ben?

Ich bin ganz all­ge­mein der Ansicht, dass es davon mehr geben soll­te. Im angel­säch­si­schen Raum ist das gang und gäbe. In Deutsch­land pflegt man noch die­sen Genie­ge­dan­ken, glau­be ich, dass man Schrei­ben nicht ler­nen kann. Aber dass es auch ein Hand­werk ist, wird nicht gese­hen.

Haben Sie auch schon neue Pro­jek­te ange­scho­ben?

Neu ist die Rei­he „Out Loud“, in der wir Autorin­nen mit star­ken The­men wie Migra­ti­on, Inklu­si­on oder Anti­se­mi­tis­mus ein­la­den. Da geht es eher um lite­ra­ri­sche Sach­bü­cher als um Bel­le­tris­tik. Der Hin­ter­grund ist, dass vie­le Autoren auf ihren Lese­rei­sen nicht in Bre­men halt­ma­chen. Das wol­len wir zumin­dest ein biss­chen ändern. Außer­dem waren wir unter ande­rem im Juni und Juli mit Lesun­gen und einem Stand beim Bre­mer Zine-Fes­ti­val am Güter­bahn­hof und auf der Bre­mi­na­le. Ich möch­te in sol­chen Zusam­men­hän­gen prä­sent sein und koope­rie­ren, um auch ein ande­res Publi­kum zu errei­chen.


Das Inter­view führ­te Rolf Stein
Arti­kel erschie­nen in der Syker Kreis­zei­tung, am 22.8.2019
Auch zu lesen unter: www.kreiszeitung.de