Nähe in Zeiten von Distanz

Fotos: Rike Oehlerking
Fotos: Rike Oeh­ler­king

Ein Brief­aus­tausch zwi­schen Bet­ty Kolod­zy und Bremer*innen in Koope­ra­ti­on mit dem Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor.

Ein Bericht von Bet­ty Kolod­zy.

Eigent­lich war das Gan­ze eher eine Art Expe­ri­ment mit ergeb­nis­of­fe­nem Aus­gang: Wer wür­de sich jetzt, wo die Welt gera­de mit einer Wucht zum Still­stand kam, schon die Mühe machen, einen Brief zu ver­fas­sen, geschwei­ge denn, die­sen mit Mas­ke und Abstand in einer Post­fi­lia­le auf­zu­ge­ben oder in einen öffent­li­chen Brief­kas­ten zu wer­fen? Whats­App, Sky­pe, Face­Time und Tele­fon las­sen grü­ßen.

Doch dann kam alles ganz anders: Als hät­ten die Brie­fe­schrei­ben­den nur auf den Start­schuss zu solch einem Pro­jekt gewar­tet! Mit dem Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor als Adres­se und Jens Laloire als Hüter der in Wel­len ein­lau­fen­den Post („Es kamen vier Brie­fe an, Bet­ty. Sie sind wie­der nur für dich!“), begann der Kon­takt mit mir unbe­kann­ten Men­schen.

Ich bekam Post aus Schwa­ne­we­de-Neu­en­kir­chen, Sot­trum, Cux­ha­ven, Schö­ne­beck, Bruch­hau­sen-Vil­sen, Asen­dorf, Vege­sack, Rit­ter­hu­de, aus dem Vier­tel, aus der Neu­stadt … Von Frau­en und Män­nern in unter­schied­li­chen Lebens­si­tua­tio­nen … Und bis zum Alter von 89 Jah­ren! Kunst­post­kar­ten (auch eige­ne Kunst, also die einer Bre­mer Künst­le­rin, die ein bezau­bern­des Gedicht schick­te *), Ansichts­kar­ten aus fer­nen, auf ein­mal uner­reich­bar schei­nen­den Desti­na­tio­nen, grü­ne, gel­be, rosa Kuverts mit Ernie-und-Ber­t‑, Blu­men- oder dun­kel­blau­en Beet­ho­ven-Brief­mar­ken. Hand­ge­schrie­be­ne und getipp­te Zei­len. Zeich­nun­gen und Illus­tra­tio­nen. Eine Audio­da­tei mit Hör­buch, geschrie­ben von einer Freun­din­nen-Cli­que – inklu­si­ve Brief, kunst­voll illus­trier­tem Cover mit Ele­men­ten der Sto­ry, Fotos und Film zu den Autorin­nen.

Fast 50 Zusen­dun­gen, die mich zutiefst berühr­ten, die ich auf dem Rück­weg vom Lite­ra­tur­kon­tor wie einen Schatz nach Hau­se trug, um sie zu gege­be­ner Zeit zu öff­nen und zu lesen. Zwei, drei Mal pro Woche hol­te ich „mei­ne“ Post ab …

ABSTAND!!!!

Kei­ne Sor­ge: Auch die Brief­über­ga­be folg­te einem stren­gen Ritu­al, das heu­te sicher­lich Hygie­nekon­zept genannt wer­den darf. Oder soll. Auch Spra­che wan­delt sich. Ich erin­ne­re mich an das Wort See­len­hy­gie­ne, das mich, als es damals auf­kam, auf Anhieb abstieß. Hygie­nekon­zept im Zusam­men­hang mit Kul­tur lässt mich erschau­ern. Auch nach drei Mona­ten Coro­na noch. Lesun­gen, Kon­zer­te, Kino, Thea­ter, Hygie­nekon­zept. Ich den­ke an das kom­men­de Sil­ves­ter ganz ohne Tanz.

Um den Coro­na-Auf­la­gen oder ‑Maß­nah­men Fol­ge zu leis­ten, ver­ab­re­de­ten Jens Laloire und ich uns vor dem Ein­gang der Vil­la Ichon. Genau genom­men in Nähe einer Holz­bank unter dem Schat­ten­baum, von dem sich der Pau­la-Moder­sohn-Becker-Steg hin­ter über­bor­den­dem Früh­lings­grün nur erah­nen lässt. Auf jene Holz­bank leg­te Jens mei­ne Post und mach­te ein paar aus­la­den­de Schrit­te Rich­tung Thea­ter, so dass ich, mich nun Rich­tung Bank bewe­gend, die ver­schlos­se­nen Brief­um­schlä­ge in Emp­fang neh­men konn­te.

Danach spra­chen wir mit gebüh­ren­der Distanz ein paar Tak­te, wäh­rend die Vögel der Wall­an­la­gen zwit­scher­ten. Im Lau­fe der Zeit, und weil außer der Natur und unse­rem Spre­chen eigent­lich gar kei­ne ande­ren Geräu­sche zu hören waren (die Men­schen blie­ben zu Hau­se, die Autos der Poser war­te­ten dort auf bes­se­re Zei­ten) ent­stand eine Art Gleich­klang: Natur, Wor­te, gespro­chen und geschrie­ben. Ja, auch die geschrie­be­nen, noch ein­ge­schlos­se­nen Wor­te misch­ten sich in die­se Minu­ten und dräng­ten an die Ober­flä­che. Das war das Signal zum Auf­bruch.

Ich beant­wor­te­te maxi­mal zwei Brie­fe am Tag. Mehr nicht, weil ja die Wor­te der Schrei­ben­den ihre Wir­kung ent­fal­ten soll­ten und ich mich auf sie ein­las­sen woll­te.

Neben Men­schen, die schon regel­mä­ßig schrie­ben, fühl­ten sich vie­le durch den Auf­ruf zum Brief­aus­tausch zum ers­ten Mal dazu inspi­riert, eige­ne Gedan­ken zu einem The­ma (hier: Nähe) in Wor­te zu fas­sen.

Sie schick­ten mir Brie­fe, in denen sie Per­sön­li­ches aus ihrem Leben in Bezug auf Nähe schil­der­ten (Das Ver­trau­en berühr­te mich sehr), aber auch Gedich­te, eine Erl­kö­nig-Adap­ti­on, eine phi­lo­so­phi­sche Oster­ha­si­ge­schich­te, magi­sche Natur­er­leb­nis­se, Gedan­ken­split­ter, Gefühls­be­schrei­bun­gen …

Noch heu­te füh­le ich mich den Autorin­nen und Autoren der Brie­fe ver­bun­den, obwohl ich sie noch nie gese­hen habe. Viel­leicht ken­ne ich sie nun ein biss­chen, und ich glau­be und hof­fe, dass auch sie mich durch unser gemein­sa­mes Pro­jekt etwas näher ken­nen­ge­lernt haben. Manch­mal ent­deck­te ich Par­al­le­len zwi­schen den Ver­fas­se­rin­nen und Ver­fas­sern unter­ein­an­der oder auch mir. Das zeigt mir, wie ähn­lich wir uns alle doch sind. Oder wie nah.

* „Acht Rosen­län­gen Abstand“ aus dem Elf­chen der Künst­le­rin Ange­li­ka Bruns wur­de am 2. Mai 2020 zur Head­line in Katha­ri­na Froh­nes Arti­kel im Weser Kurier

Brief-Collage

Von den Brie­fen hat Bet­ty Kolod­zy sich zur fol­gen­den Col­la­ge aus Brief­frag­men­ten inspi­rie­ren las­sen (mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Autor*innen und einem herz­li­chen Dank an die­se*)

Ohne dei­ne Berüh­rung

Wer spu­ket her­um durch Raum und Wind, ver­brei­tet sich rasant, geschwind … Und dann war Ruhe. Coro­na hat die Welt an die Ket­te gelegt. Nach kur­zem Inne­hal­ten und Erstau­nen über­neh­men die Vögel. Der Fisch­rei­her steht mit lan­gen Bei­nen auf dem Dach. Wie in Tran­ce über­wacht er das Gesche­hen. Man ist den ande­ren zuge­wandt und lässt doch eine Distanz, eine respekt­vol­le Gren­ze. Aber heu­te, mit stei­gen­den C‑Infiziertenzahlen: vie­le Bli­cke, die sich abwen­den schon vor der Pflicht­di­stanz. Viel­leicht über­deck­te die übli­che Umar­mung auch eini­ges? Neu­lich, schreibst Du, hät­test Du eine Freun­din in aller Öffent­lich­keit umarmt. Wie mag sich das ange­fühlt haben? Und spür­tet ihr nicht die Bli­cke aus 1,5 Metern Ent­fer­nung? Unver­ant­wort­lich, wie Du sel­ber fin­dest, aber die Wie­der­se­hens­freu­de nach Wochen der Iso­la­ti­on … In deut­li­chem Abstand, jedoch nah genug. Wäre das nicht auch eine Mög­lich­keit gewe­sen? Eine Freun­din in aller Öffent­lich­keit umarmt … Unge­heu­er­lich! Wenn Du‘s wenigs­tens gehal­ten hät­test wie der net­te Ver­käu­fer im Blu­men­meer: acht Rosen­län­gen Abstand. Prall ent­fal­te­te Blü­ten. Tief rot vio­lett. Betö­rend ihr Duft.

Pfingst­ro­sen im Glas, im mil­den Abend­licht. Die Ver­bin­dung zu Men­schen in aller Welt, ohne ein­an­der zu ken­nen oder je getrof­fen zu haben. Nähe ist mehr als eine Dimen­si­on im Raum, in dem uns die Wor­te blei­ben. Lass mich Dein war­mes Atmen hören. Nimm dann von mir das Schwei­gen und tra­ge es bis in die schwar­ze Stil­le.

*Jür­gen Bos­se, Peter Böh­me, Ange­li­ka Bruns, Tomas Bün­ger, Albrecht Clauß, Ger­lind Eiw, Wal­traud Fit­schen, Eli­sa­beth Herr­mann, Frie­de­ri­ke Her­man­ni, Kay Ketel­sen, Ingrid Ken­ner-Mau­cher, Elke Stein

Auszüge aus Briefen der Teilnehmenden

Vie­le berüh­ren­de, krea­ti­ve und teil­wei­se auch sehr per­sön­li­che Brie­fe haben uns im Rah­men des Brief­aus­tauschs erreicht, des­halb ver­öf­fent­li­chen wir an die­ser Stel­le mit der freund­li­chen Geneh­mi­gung der Autor*innen ein paar aus­ge­wähl­te Aus­zü­ge aus ihren Brie­fen.

„Aus­zü­ge aus Brie­fen der Teil­neh­men­den“ wei­ter­le­sen