Tag 3, Donnerstag, 16. April 2020

Wie war das? Was habe ich da geschrie­ben? „Ein Plan, der nicht dem Motor mei­ner exis­ten­ti­el­len Angst folgt, son­dern akut, hand­fest und nach­hal­tig wirk­sam ist.“

Oha.

Ich beschlie­ße, Ping­pong zu spie­len. So nen­ne ich die Art und Wei­se, wie ich am liebs­ten arbei­te. Ich ent­wick­le Expo­sés, Kon­zep­te und Ideen und mache den Auf­schlag. Ping. Und dann war­te ich ab, was von den Ver­lags­lek­to­rin­nen oder ande­ren Kooperationspartner(inne)n zurück­kommt. Pong. Oder es läuft anders her­um: Sie haben eine Idee und ich spie­le den Ball zurück. Wenn es gut läuft, flie­gen anschlie­ßend die Bäl­le hin und her. Ich lie­be die­se Art von Aus­tausch. Das tut nicht nur den Geschich­ten gut, das tut auch mir gut und beflü­gelt mich.

Die Coro­na-Situa­ti­on ver­än­dert alles. Aber die­ses gut funk­tio­nie­ren­de Kon­zept könn­te auch hier funk­tio­nie­ren. Also pro­bie­re ich es aus.

Ping (Auf­schlag 1): Ich schil­de­re mei­nem Ver­lag ehr­lich mei­ne Sor­gen: Dass ich aktu­ell einen erheb­li­chen finan­zi­el­len Ein­bruch habe. Dass ich aktu­ell nicht arbei­ten kann. Dass ich nicht weiß, wann das wie­der mög­lich sein wird. Dass ich Angst habe, dass die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ohne Kin­der mit lodern­dem Feu­er­schweif an mir vor­bei­zi­schen, wäh­rend ich aus­ge­brannt am Stra­ßen­rand lie­ge. Schluss­fra­ge: Gibt es Sicher­hei­ten?

Ping (Auf­schlag 2): Ich stel­le einen Antrag beim Land Bre­men für Solo­selbst­stän­di­ge. Zunächst woll­te ich das nicht. Ich dach­te: „Ach, ich hab doch noch genü­gend Rück­la­gen für die nächs­ten Mona­te, ande­re haben das doch viel nöti­ger als ich.“ Ich ertapp­te mich dabei, dass ich mei­ne Arbeit gering­schät­ze, indem ich so etwas den­ke. Durch den Aus­tausch, vor allem mit Kol­le­gin­nen aus der Krea­tiv­bran­che, weiß ich, dass ich nicht die ein­zi­ge Frau bin, die in sol­chen Bah­nen denkt.

Der Auf­schlag gelingt nicht wirk­lich. Der Ping­pong­ball lan­det näm­lich zunächst beim BIS in Bre­mer­ha­ven und nicht bei der Bre­mer Auf­bau­bank. Oh.

Ping (Auf­schlag 2a): Ich küm­me­re mich dar­um, dass mein Antrag bei der Bre­mer Auf­bau­bank ankommt.

Ping (Auf­schlag 2b): Ich küm­me­re mich par­al­lel um die Künst­ler­so­fort­hil­fe des Lan­des Bre­men. Him­mel, ist das kom­pli­ziert. Wann darf man was wie wo ein­rei­chen? Und war­um soll ich auf­lis­ten, wie viel Geld ich trotz der Lesungs­aus­fäl­le den­noch ver­dient habe und ver­die­ne? Ver­ste­hen die Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter der Behör­de, wie Men­schen wie ich ihre Ein­künf­te kal­ku­lie­ren? Dass einen Monat die Flut ins Haus schwappt und dann wie­der mona­te­lang Ebbe herrscht? Aus­ge­rech­net der März sieht auf­grund der aus­ste­hen­den Tan­tie­men gut aus. Lügen? Bes­ser nicht. Eine Stra­fe in die­ser Situa­ti­on hat mir gera­de noch gefehlt. Ich fül­le den Antrag ehr­lich aus. Und dann: Auf­schlag.

Und jetzt war­te ich aufs Pong.

Tag 4, Freitag, 17. April 2020

Noch immer März

Ich bin baff. Nein, mehr noch. Ich bin gerührt.

Die Pro­gramm­lei­te­rin einer mei­ner Ver­la­ge, mit denen ich arbei­te, ruft mich am spä­ten Frei­tag­nach­mit­tag an. Sie erklärt mir, dass vie­le Ver­la­ge um ihre Exis­tenz kämp­fen, in den Han­dels­we­gen herr­sche mit­un­ter Still­stand. Vie­le Lek­to­rin­nen arbei­ten im Home-Office. Die Neu­erschei­nun­gen fin­den ihr Publi­kum nicht auf­grund der geschlos­se­nen Buch­hand­lun­gen, Ama­zon kon­zen­triert sich vor­ran­gig auf Hygie­ne­ar­ti­kel und Tech­nik, stellt den Buch­han­del hin­ten­an. Nicht zu ver­ges­sen die aus­ge­fal­le­nen Buch­mes­sen in Leip­zig, Bolo­gna, Lon­don. Es feh­len die Wor­te für die­se schwie­ri­ge Zeit. Nicht nur ihr, auch mir.

Sie hät­te von mei­nen Befürch­tun­gen gehört, des­halb rufe sie an. Sie ver­si­chert mir, dass der Ver­lag mich nicht im Stich lässt. Ich bin kurz davor zu heu­len. Die Haut ist dünn in die­ser Zeit.

Mei­ne Bran­che ist ste­tig unsi­cher, du kannst Glück haben oder Pech oder irgend­et­was dazwi­schen. Es gibt eine Men­ge fabel­haf­ter Autorin­nen und Autoren, dafür reicht der Platz hier nicht, um all ihre Namen auf­zu­schrei­ben. Ich bin eine von vie­len. Ob fabel­haft oder nicht, las­sen wir ein­mal außen vor.

Das, was hier gera­de geschieht, fühlt sich an wie ein Sech­ser im Lot­to. Ich ste­he nicht mehr wie noch vor eini­gen Tagen in der glä­ser­nen Kugel auf der Pau­sen­tas­te und schwit­ze zwi­schen umher­flie­gen­den Lot­to­ku­geln. Nein. Sechs Kugeln lie­gen in mei­ner Hand. Denn vor mir tut sich wie­der eine Per­spek­ti­ve auf.

Nicht zum ers­ten Mal wird mir bewusst, wie wich­tig mir Ver­bind­lich­kei­ten für mei­ne krea­ti­ve Arbeit sind. Ver­bind­lich­kei­ten, die nicht immer, aber oft finan­zi­el­le Sicher­hei­ten nach sich zie­hen. Ein Teil eines Gan­zen zu sein. Zuge­hö­rig zu sein. Das ist in mei­nem Beruf oft vakant. Ich ken­ne vie­le Kunst­schaf­fen­de, die ent­spannt sind, obwohl sie kei­ne Ahnung haben, ob ein Ver­lag mit ihnen arbei­ten möch­te oder nicht. Die nicht wis­sen, was sie im nächs­ten Monat ver­die­nen wer­den. Ich bin nicht so. Nicht erst, seit­dem ich Mut­ter von zwei Kin­dern bin.

In den letz­ten Tagen hat­te ich ver­sucht, ein altes, über­schau­ba­res Pro­jekt aus mei­nem digi­ta­len Ord­ner „Pro­jekt­ideen“ erneut zum Leben zu erwe­cken. Etwas, das ich trotz der gro­ßen Her­aus­for­de­rung des All­tags der­zeit bewäl­ti­gen kann. Doch die Tex­te waren lieb­los und zynisch gewor­den. Ich weiß, dass ich so schrei­be, wenn ich ängst­lich bin. Dann bro­delt es in mir wie in einem sau­ren Hexen­kes­sel und her­aus kommt zwar etwas Knal­li­ges, Lus­ti­ges, aber es ist ätzend, geprägt von einem grund­sätz­li­chen Pes­si­mis­mus. Ich mag es nicht, wenn ich so schrei­be. Inter­es­san­ter­wei­se hat­te ich auch noch nie Erfolg damit.

Inner­halb kür­zes­ter Zeit schrei­be ich das Kon­zept um. Mit Herz, Lei­den­schaft und Ver­stand. Und dann eine Mail vom Land Bre­men. Ich bekom­me die Künst­ler­so­fort­hil­fe! Gibt es eigent­lich einen Sie­be­ner im Lot­to?

 

Fort­set­zung folgt am mor­gi­gen Sams­tag mit Tag 5 und Anna Lotts Abschluss­text. Wer mit der Autorin in Kon­takt tre­ten möch­te, kann das über ihre Home­page. Rück­mel­dun­gen zum Blog kön­nen dar­über hin­aus auch ger­ne ans Lit­ko geschickt wer­den: info@literaturkontor-bremen.de.

Tag 5, Samstag, 18. April 2020

Inzwi­schen ist eine Wei­le ver­gan­gen. Mei­ne Kin­der sind aktu­ell in der glä­ser­nen Kugel ihres Vaters. Ich bin in der glä­ser­nen Kugel daheim, Noch immer flie­gen die Lot­to­ku­geln um mich her­um, doch ich schwit­ze nicht mehr und die Pau­sen­tas­te ist inzwi­schen ver­schwun­den. Statt­des­sen sit­ze ich auf der Play­tas­te. An mei­nem Schreib­tisch, ohne Mund­schutz, dafür jedoch aus­ge­stat­tet mit einem beque­men Sicher­heits­helm. Damit die beson­ders har­ten Kugeln an mir abpral­len. Ha! Aus­ge­trickst!

Wäh­rend ich einer­seits die­sen Blog schrei­be und ENDLICH an mei­nem Roman wei­ter­ar­bei­te, beschäf­tigt mich ande­rer­seits die Fra­ge, inwie­fern ich eigent­lich inhalt­lich mit den aktu­el­len Gescheh­nis­sen in die­ser Zeit krea­tiv umge­he. Ich habe kei­ner­lei Bedürf­nis, die­se Zeit lite­ra­risch kon­kret zu the­ma­ti­sie­ren. Was jedoch nicht bedeu­tet, dass ich nicht auf die aktu­el­len Gescheh­nis­se reagie­re – ganz im Gegen­teil.

In den letz­ten Wochen plopp­te immer wie­der der Schrift­stel­ler Otfried Preuß­ler in mei­nen Gedan­ken auf. 1962 erschien sein ers­ter „Räu­ber Hotzenplotz“-Roman. Trotz sei­nes unschlag­ba­ren Erfolgs erleb­te Preuß­ler immer wie­der Gegen­wind. Kri­ti­ker war­fen ihm Welt­frem­de vor, denn er reagier­te nicht vor­der­grün­dig auf die The­men sei­ner Zeit, wie bei­spiels­wei­se anti­au­to­ri­tä­re Erzie­hung, Wider­stand gegen Atom­kraft und so wei­ter. Nein, er erzähl­te Geschich­ten, weil Men­schen Geschich­ten lie­ben, in die sie ein­tau­chen kön­nen, die sie sprich­wört­lich „welt­ver­ges­sen“ machen. Oder welt­of­fen, wie man es nimmt.

Ich ver­las­se mei­ne Kugel und gehe jog­gen. Wäh­rend ich an Men­schen mit ver­knif­fe­nen Mün­dern und ent­spann­ten Bäu­chen vor­bei­lau­fe, fra­ge ich mich, war­um ich stän­dig dar­an den­ken muss. Was hat Otfried Preuß­ler mit heu­te und jetzt zu tun? In mei­nen Gedan­ken wir­beln die Fra­gen und Ant­wor­ten hin und her. Etwa so:

Möch­te ich das Virus in mei­nen Geschich­ten the­ma­ti­sie­ren?

Nein, auf gar kei­nen Fall. Das rea­le Virus macht bloß Angst und hilft aktu­ell nie­man­dem. Mal davon abge­se­hen, habe ich kei­ne Lust dazu.

Könn­te das Virus nicht ein Bild für einen star­ken Ant­ago­nis­ten sein?

Ja, mög­li­cher­wei­se. Die grau­en Män­ner in Micha­el Endes „Momo“ waren eine fabel­haf­te Über­set­zung der Depres­si­on in Figu­ren.

Ist viel­leicht irgend­et­was am Virus lus­tig?

Grund­sätz­lich nein, aber es gesche­hen Din­ge, die tra­gisch-komisch sind.

Aha. Was ist tra­gisch-komisch?

Die Reak­ti­on eini­ger Men­schen. Sie sind vor­der­grün­dig komisch, doch im Kern tra­gisch. Bei­spiels­wei­se Men­schen mit fast kom­plett ver­hüll­tem Gesicht. Es sieht lus­tig aus, aber dar­un­ter ver­birgt sich mög­li­cher­wei­se Angst.

Möch­te ich das the­ma­ti­sie­ren?

Ja. Denn hier zeigt sich das Mensch­sein in all sei­nen Facet­ten.

Das ist es.

Ich blen­de die aktu­el­le Situa­ti­on nicht aus, ich arbei­te mit ihr. Ich ent­neh­me ihr Komik und Tra­gik für mei­ne Geschich­ten. Ich kre­iere Ant­ago­nis­ten. Ich lache und ich wei­ne mit mei­nen Figu­ren. Ich schütt­le über sie den Kopf und könn­te sie zum Mond schie­ßen. Genau­so wie es viel­leicht einst Otfried Preuß­ler und Micha­el Ende und die vie­len, vie­len ande­ren Autorin­nen und Autoren getan haben und/oder noch heu­te tun. Wer weiß das schon.

Ich jeden­falls mache mich nun an die Arbeit. Wei­ter geht´s!

Tag 1, Montag, 27. April 2020

Schrei­ben zu Zei­ten von Coro­na

Ich weiß, was ich NICHT schrei­be. Ich arbei­te nicht an mei­nem Roman, nicht an mei­nem Kri­mi­plot. Der Kri­mi erscheint mir gera­de zu banal und der Roman ist zwar fast fer­tig, aber da ist die­se Atmo­sphä­re: Auf­bruch, Früh­ling, Jugend. Die­ses Erwa­chen der Prot­ago­nis­tin ist schön und ver­hei­ßungs­voll, aber ich höre früh­mor­gens mei­nen Mann im Bad hus­ten. Das tut er immer, er ist ein rich­ti­ger Schnau­fer, All­er­gi­ker, das hält mich auch sonst wach, aber im Moment klopft mein Herz dann schnel­ler. Kurz vor Son­nen­auf­gang ist die Stun­de der Angst und ich den­ke dar­über nach, wer sich um unser Kind küm­mert, wenn wir bei­de ins Kran­ken­haus müss­ten. Mei­ne sieb­zig­jäh­ri­ge Mut­ter?!

Stream of Con­scious­ness heißt es, wenn man den Stift aufs Papier setzt und ein­fach drauf los schreibt. Ich nut­ze das gele­gent­lich, um men­ta­len Bal­last abzu­wer­fen, um krea­tiv arbei­ten zu kön­nen, doch im Moment ist alles nur Stream of Coro­na. Neu­lich erzähl­te mir eine Kol­le­gin von ihrem Roman-Jour­nal, dort hält sie fest, wor­an sie beim nächs­ten Mal, wenn sie Zeit hat (zwei Kin­der, ein Brot­job im Home­of­fice) im Manu­skript arbei­ten möch­te, weil sie sonst völ­lig den Faden ver­liert. Die ers­te Asso­zia­ti­on, die dar­auf­hin in mei­nem neu­en Jour­nal lan­de­te, war, dass ich ger­ne mit Peter Wohl­le­ben spre­chen wür­de. Er soll mir erklä­ren, wie das ist mit dem gestress­ten Wald, der angeb­lich sogar den Stress­pe­gel eines Men­schen beein­flus­sen kann. Wenn mich sogar ein Wald stres­sen könn­te, dann ist es ja kein Wun­der, dass ich ver­krampft aus einem Super­markt kom­me und heu­len möch­te. Wir eiern mitt­ler­wei­le so um ein­an­der her­um, das Gan­ze erin­nert mich zuneh­mend an einen erzwun­ge­nen Tanz. Wel­chen Sound­track mag der „Coro­na-Step“ haben? Irgend­was Com­pu­ter-Gene­rier­tes, Ambi­ent viel­leicht. Da war etwas Selt­sa­mes an den Ambi­ent-Par­tys, Anfang der Neun­zi­ger, man konn­te sprin­gen, Arme und Bei­ne in alle Rich­tun­gen wer­fen und nie traf oder trat man jeman­den. Kon­takt­ar­me Musik. Also Ambi­ent. Nicht die Ode an die …

Ver­schla­fe­nes Kind: „Darf ich Fern­seh gucken?“

Was? Nein!“

War­um nicht?“ Mau­lig.

Es ist neun Uhr. Du musst früh­stü­cken, bei its­lear­ning schau­en, ob da neue Auf­ga­ben sind. Der Com­pu­ter …“

Ich mach das auf dei­nem Han­dy!“

…“

Nicht mehr ganz so ver­schla­fe­nes Kind: „Was!? Wir sol­len jetzt mit der Mai-Auf­ga­be fürs Baum­ta­ge­buch begin­nen?, ich hab doch noch nicht mal…!“

Ich bezweif­le, dass Ambi­ent der Sound­track ist, eher Neue Musik, irgend­was mit Rück­kopp­lung.

(Vier­zig Minu­ten spä­ter tele­fo­niert das Kind mit einer Klas­sen­ka­me­ra­din. Auf ihren Haus­auf­ga­ben-Zoom haben sie kei­ne Lust mehr, das hat alle gestresst, auch wenn es gut war, zu sehen, dass sie alle vor den glei­chen Pro­ble­men sit­zen: ein Berg, der nicht klei­ner wird, Auf­ga­ben kom­men dazu, kei­ner weiß mehr genau, was wann fer­tig wer­den soll.)

Allei­ne ist doof. Zusam­men vor dem Bild­schirm aber auch.

Wir sind alle dünn­häu­tig im Moment. Ich taue Safran­we­cken auf.

Stream of Coro­na, wo war ich?

Eine Bekann­te erzähl­te, sie käme im Moment so wenig dazu, an ihrem Buch zu arbei­ten, dass sie sich ein Roman-Jour­nal ange­legt hat … Eine Erfah­rung seit Coro­na: Ich mache vie­le Din­ge zwei Mal, wegen der Unter­bre­chun­gen. Über Ambi­ent hat­te damals ein Freund gesagt, die­se Musik sei wie ein Klei­der­schrank, man hän­ge sich ein­fach rein. Jetzt hän­gen wir im Coro­na-Schrank und wenn mein Mann hus­tet, zieht sich die Schlin­ge um den Hals enger.

Ich habe noch wei­ter recher­chiert, über die Ver­bin­dung von Bäu­men unter­ein­an­der. Mykorr­hi­za hie­ße das Netz aus Fein­bo­den­pil­zen, das die Bäu­me im Wald mit­ein­an­der ver­bin­det. Der Pilz ist abhän­gig von den Bäu­men, die Kom­mu­ni­ka­ti­on erfolgt über einen Aus­tausch von Nähr­stof­fen. „Wood-Wide-Web“ nann­te der Wis­sen­schaft­ler in der GEO das. Wenn sogar die Bäu­me so ver­bun­den sind, und mein Herz schnel­ler schlägt, wenn mein Mann hus­tet, was sagt das dann über den Sound­track aus, dem wir uns täg­lich aus­set­zen?

Viel­leicht müs­sen wir den ändern. In Wal­zer, oder so. Irgend­was mit Anfas­sen, zumin­dest men­tal, etwas Geschmei­di­ges, das ver­bin­det, obwohl alle so fern sind.

Tag 3, Mittwoch, 29. April 2020

Der Coro­no-Fami­li­en­k­nast lässt uns rotie­ren. Manch­mal wird der Ton rau, vor allem, wenn Zet­tel weg sind und schlech­te Lau­ne auf­kommt, weil Gerä­te oder Mate­ria­li­en nicht ver­füg­bar schei­nen. Dann bricht für einen Moment alles zusam­men, die müh­sam zusam­men­ge­fal­te­te Stim­me will sich blä­hen, aus­bre­chen aus dem freund­lich, hilfs­be­rei­ten Ton-Kor­sett. Aber was kann das Kind dafür, dass es in sei­nem Alter dazu genö­tigt wird, sich an Tagen wie die­sem – lin­ker Fuß vorm Bett, grau­er Him­mel – allei­ne zu meh­re­ren Stun­den Heim­ar­beit zu moti­vie­ren?

Ich durch­fors­te mein Hirn nach den Din­gen, die uns der­zeit Struk­tur geben und die Lau­ne heben.

1) Aus­mis­ten: Wahr­schein­lich hät­ten wir ohne die erzwun­ge­ne Zeit nie­mals das Kin­der­zim­mer so effi­zi­ent in ein Jugend­zim­mer ver­wan­delt. Müll­sä­cke voll mit Aus­mal­bil­dern, Plas­tik­fi­gür­chen, zer­bro­che­nen Flum­mis und Kram, der Kin­dern in unse­rer Kon­sum­ge­sell­schaft fast auf­ge­nö­tigt wird, von der Plas­tik­kat­ze als Floh­markt­ge­schenk (Bit­te Kind, sag ein­fach Nein!) bis zum jähr­li­chen Auf­kle­ber-Sam­mel­fi­gu­ren-Album-Wahn­sinn in der Weih­nachts­zeit. Fünf Mal füll­ten wir die Kis­te vor der Haus­tür mit Spiel­zeug, Büchern, Mur­meln und Klein­kram, ver­schick­ten Pake­te, mot­te­ten das Play­mo­bil für die Zeit ein, in der es wie­der Floh­märk­te gibt, stell­ten die Möbel um und Sachen im Inter­net ein.

2) Bewe­gung in den vier Wän­den: Von dem Geld hat sich das Kind eine Turn­mat­te gekauft. Air­track, wie ich lern­te. Die Koh­le­fa­sern in der Luft­kam­mer machen so ein inter­es­san­tes Geräusch: Whu­um, Whu­um, manch­mal knallt sie auch auf den Boden, wenn eine Ecke sich durch den Schwung hebt, Wapp. Das hat also, wie vie­les gera­de, zwei Sei­ten, aber Hand­stand, Rad­schlag und ‑wen­de, das läuft. Den gan­zen Tag, über den Tag ver­teilt. Wir fin­den das gut, obwohl es im Wohn­zim­mer statt­fin­det. Vor Coro­na wären wir durch­ge­dreht, aber jetzt ist das irgend­wie in Ord­nung. Die Akro­ba­tik­grup­pe des Bre­mer Zir­kus­vier­tels probt wäh­rend der Zoom-Stun­den gera­de Sofa-Kunst­stü­cke, um sie zu einer Online-Zir­kus­show zusam­men­zu­schnei­den. Das Kind pro­biert, was sich von der Turn­mat­te aufs Sofa über­tra­gen lässt. (Ruhig blei­ben!)

3) Wich­tel: In Ham­burg hat jemand an einem Baum­stamm ein Wich­tel­haus gebaut, klei­ne Tür, Tisch­chen, Namens­schild. Sehr nied­lich und weil die Idee so ein­leuch­tend ist, (Spiel­plät­ze gesperrt), ist der Schan­zen­park jetzt mit Wich­teln bevöl­kert, die man zwar nicht sieht, aber ihre Häus­chen. Also: Wich­tel­haus für Bür­ger­park bau­en! Wir waren beun­ru­higt, dass die Lau­ne sin­ken könn­te, wenn es jemand abräumt, schließ­lich ist es ein öffent­li­cher Park. Aber nach drei Tagen tauch­ten statt­des­sen ein Mari­en­kä­fer, ein win­zi­ger Kür­bis und ein Bild in dem Ensem­ble auf, die Gegen­stän­de wur­den ver­rückt. Das Kind ist ent­zückt. Ich träu­me von einem Bür­ger­park vol­ler Wich­tel­häus­chen, wäh­rend und nach Coro­na.

4) Kis­ten in den Stra­ßen: Wir gehen spa­zie­ren, das tun wir sonst eher im Wald, aber hier fin­den wir Din­ge. Mein Mann ver­folgt seit Jah­ren das Prin­zip erra­ti­scher Bil­dung. Wenn er von einem The­ma eines Buches kei­ne Ahnung hat, sieht er es als Zei­chen und nimmt es mit: Zoo­lo­gie der wir­bel­lo­sen Tie­re, Bio­nik, Kunst aus Alt­vor­der­asi­en und Ägyp­ten. Er hat mich über die Kno­ten­schrift der Inkas infor­miert, so pro­fi­tie­ren wir alle. Im Moment ist die Zeit gut für Hori­zont­er­wei­te­rung, über­all in unse­rer Gegend ste­hen Bücher­kis­ten. Neu­lich hat er „Por­trät zeich­nen“ auf­ge­sam­melt, das Buch aus den Acht­zi­gern ist nicht so streng natu­ra­lis­tisch, da wird auch gek­ri­ckelt, das Kind schloss sich an. Mein Mann sagt, und ich bin froh drum, dass er das nicht tut, wenn er hier in der Gegend Sozio­lo­gie, Phi­lo­so­phie und poli­ti­sches Sach­buch mit­neh­men wür­de, müss­ten wir anbau­en.

5) Brett­spie­le: Wir spie­len auch sonst Brett­spie­le. Seit eini­gen Tagen wird mit einer wei­te­ren Fami­lie über Brettspiel.de und Boardgamearena.com gespielt. Par­al­lel läuft ein Video, damit man sich über die Ton­spur unter­hal­ten kann. Aber es wur­den auch schon Com­pu­ter auf Bücher­sta­peln schräg gestellt, im Auge der Kame­ra das Spiel­brett eines Spiels, das bei­de Fami­li­en besit­zen. Ging auch irgend­wie.

Das alles auf­zu­schrei­ben, was unser Leben der­zeit berei­chert, hat jetzt tat­säch­lich etwas genutzt, ich läch­le und bin gerührt. Wir Men­schen sind so unglaub­lich gut, krea­ti­ve Lösun­gen für Pro­ble­me zu ent­wi­ckeln, wir müs­sen uns nur dar­an erin­nern. Und inzwi­schen sind auch die Haus­auf­ga­ben erle­digt.

Tag 4, Donnerstag, 30. April 2020

Heu­te woll­te ich über die Angst schrei­ben, aber dann bekam ich Angst, dass ich jam­me­re. Das gefällt mir im Moment nicht beson­ders: Ich habe sehr gro­ße, immer wie­der auf­flam­men­de Angst, reflex­ar­tig wer­de ich von Freun­den beru­higt. Nie­mand möch­te, dass das, was ich emp­fin­de, näher an der Rea­li­tät lie­gen könn­te als ein ver­meint­li­ches Sicher­heits­ge­fühl. Aber wer weiß das schon so genau? Auf jeden Fall ist es unan­ge­nehm – mir und mei­nem Gegen­über –, dass ich stän­dig als Cas­san­dra her­u­mun­ke, aber ich kann nicht so recht aus mei­ner Haut. Ich hat­te das vor Coro­na schon, wir sind enge Ver­trau­te, die Angst und ich.

Neu­lich hielt ein jun­ger Mann vor unse­rer Vor­gar­ten­tür, wir hat­ten da die­se Ver­schen­ke­kis­te ste­hen, und er such­te sich etwas für sei­ne noch recht klei­nen Kin­der raus, wäh­rend ich eine Blu­me ein­topf­te.

Fünf und drei Jah­re?“, sag­te ich. „Wie kommt ihr klar?“

Tja, gereizt“, ant­wor­te er. Er hat­te dunk­le Schat­ten um die Augen. Er sag­te, dass er nicht ver­ste­he, was das alles sol­le, Schwe­den, und alles gar nicht so schlimm.

Ich sag­te, ich kön­ne das alles sehr gut ver­ste­hen, sei fast froh dar­um, dass die Regeln mei­nen Ängs­ten so ent­sprä­chen, dann müss­te ich mich nicht als ner­vö­ses Ner­ven­bün­del outen. Ich mein­te, dass das bestimmt durch mei­ne Erkran­kung käme, dass ich wis­se, wie es sich anfühlt, vom eige­nen Kör­per ver­ra­ten zu wer­den (Ich habe kei­ne Haa­re).

Er guck­te ein wenig mit­lei­dig. Rand­grup­pe. Klar. Dann sag­te ich, dass Lebens­er­fah­run­gen unse­re Ängs­te prä­gen und dass die Poli­ti­ker (Alters­durch­schnitt fünf­zig) sicher über­wie­gend schon Erfah­run­gen mit Krank­heit und Tod im nähe­ren Umfeld gemacht hät­ten. Er sei doch wahr­schein­lich gera­de mal drei­ßig, oder?

Unser Gespräch wur­de unter­bro­chen, er war sicher sehr froh dar­über. In mei­nem Kopf lief es noch wei­ter. Ich woll­te ihm erklä­ren, dass ich damit mein­te, die Poli­ti­ker sei­en nicht objek­tiv, genau wie ich. Anhand der Zah­len ist es objek­tiv nicht zu erwar­ten, dass sowohl mein Mann als auch ich ster­ben wer­den, und trotz­dem habe ich dazu in vie­len Näch­ten Alp-Wachträu­me.

Mor­gens um Vier ist die Stun­de des Wol­fes.

Am Anfang der Pan­de­mie, als „Tria­ge“ zur Rea­li­tät in den Nach­bar­län­dern wur­de, scherz­te ich, ich wür­de mir mit Edding: „Das ist kein Krebs, sieht nur so aus“, auf die Glat­ze schrei­ben. Es war nur ein hal­ber Scherz, denn das Gefühl, als Mensch in gesund, alt, jung, schön, gebil­det oder unge­bil­det kate­go­ri­siert zu wer­den, ist ein sehr bedroh­li­ches Sze­na­rio, das aller­dings auch unter­schwel­lig in sozia­ler Inter­ak­ti­on mit­läuft.

Ich habe es, und das ist natür­lich sub­jek­tiv, schon häu­fi­ger so emp­fun­den, dass ich ohne Perü­cke gleich­zei­tig als arm wahr­ge­nom­men wur­de. Eine selt­sa­me Kau­sa­li­tät, die etwas damit zu tun haben könn­te, dass mir auch manch­mal im Job anschei­nend weni­ger zuge­traut wur­de. Oder als Klein­gärt­ne­rin (wobei unser Gar­ten für sich spricht, wir kön­nen das tat­säch­lich nicht so beson­ders gut). Und natür­lich ist es eine unbot­mä­ßi­ge Unter­stel­lung, dass im Kran­ken­haus nicht die tat­säch­li­che Ursa­che einer solch ver­wir­ren­den Erkran­kung erfasst und ver­stan­den wer­den könn­te. Ich kann also froh sein, nur kahl und nicht acht­zig plus zu sein, aber in dem Fal­le wür­de ich womög­lich über eine Botox-Behand­lung nach­den­ken und ver­su­chen, mir fal­sche Papie­re zu beschaf­fen, wenn die Zah­len bedroh­lich stie­gen.

Mein Mann ist hier der Prag­ma­ti­ker. Er sagt, es gin­ge sowie­so nicht um die Men­schen oder den Schutz von Rand­grup­pen, son­dern dar­um, dass wir nicht in der Lage sei­en, die Wir­kung einer Expo­nen­ti­al­funk­ti­on zu erfas­sen. Wenn man die dann ver­steht, wäre es bereits zu spät, dann wäre nicht nur das Gesund­heits­sys­tem am Ende, son­dern die Wirt­schaft gleich mit, weil in Deutsch­land rund 11 Mil­lio­nen Men­schen gleich­zei­tig mit Fie­ber im Bett lägen.

Ich schaue mir die „Übersterb­lich­keit“ an und den­ke, bald wis­sen wir mehr, und dann habe ich hof­fent­lich nicht mehr so viel Angst. Oder noch mehr, wer weiß das schon. Aber es tut mir leid, dass ich den jun­gen Mann so abge­kan­zelt habe, er hat das Recht, kei­ne Angst zu haben. Ich benei­de ihn dar­um und wer­de nicht über per­sön­li­che Wahr­hei­ten strei­ten. Zum Glück gibt es Regeln von Men­schen, die so viel Angst haben wie ich.

Tag 5, Freitag, 1. Mai 2020

Heu­te ist Fei­er­tag. Seit fast zwan­zig Jah­ren arbei­te ich im Home­of­fice und Fei­er­ta­ge sind wich­tig. Sie sind nicht dazu da, die Sachen nach­zu­ho­len, die man an ande­ren Tagen nicht geschafft hat! Ja, ich weiß: Außer man hat nichts geschafft und viel zu tun und das Wochen­en­de (oder der Fei­er­tag) fühl­ten sich schon vor­her an wie eine beson­ders geeig­ne­te Zeit, in der man viel mehr tun könn­te. Hah! Wenn es vor­her nicht geklappt hat, ändert auch die Tat­sa­che, dass die Geschäf­te geschlos­sen sind, wenig, vor allem jetzt. Im Gegen­teil, es wird sich unge­recht anfüh­len, an einem Tag zu arbei­ten, der nor­ma­ler­wei­se frei wäre.

Heu­te ist also Zeit für etwas ande­res.

(Aber ein Tipp zum Home­of­fice für die, die allein zu Hau­se sind: Licht­we­cker kau­fen, auf fünf stel­len. Und To-Do-Lis­ten in Spal­ten auf­bau­en, sodass auch Haus­halt und all­ge­mei­ner Orga-Kram Platz fin­det. Es ist außer­dem leich­ter, um elf einen Timer auf eine Stun­de zu stel­len, in die­ser Zeit das Bad zu put­zen, einen Kaf­fee zu trin­ken und zu tele­fo­nie­ren und anschlie­ßend wei­ter­zu­ar­bei­ten, als demo­ti­viert auf den Rech­ner zu star­ren. Das men­ta­le Äqui­va­lent zu Blei­stift­an­spit­zen hat ja kei­nen Sinn, wenn es nie­mand sieht.)

Die BÜCHER-Redak­ti­on, zu der ich gehö­re, hat in den letz­ten zwei Wochen alles nach­ge­holt, was vor­her lie­gen geblie­ben ist, ges­tern war das nächs­te Heft pünkt­lich fer­tig. Natür­lich waren die Bedin­gun­gen erschwert. Es gibt bei uns im Team eine Mut­ter von drei­jäh­ri­gen Zwil­lin­gen und zwei wei­te­re Müt­ter mit Kin­dern unter fünf. Wir sind übri­gens alles Frau­en, und bei den meis­ten ging der Groß­teil der Fami­li­en­ar­beits­ka­pa­zi­tä­ten für die Jobs der Män­ner drauf.

Bei unse­rem ers­ten Zoom-Mee­ting vor etwa vier Wochen stell­ten wir oben­drein depri­miert fest, dass wir, lei­den­schaft­li­che Lese­rin­nen, Schwie­rig­kei­ten hat­ten, uns auf Bücher zu kon­zen­trie­ren, selbst wenn Zeit da war. Ein ech­ter Schock! Wir waren irri­tiert, es zeig­te, wie viel aus dem Gleich­ge­wicht gera­ten war. Inzwi­schen haben wir lesen müs­sen. Ich kann sagen, dass es hilf­reich ist. Es dau­ert zwar län­ger, sich auf ein Buch ein­zu­las­sen, aber der Gewinn ist auch grö­ßer. Für eine Zeit ist man wie­der woan­ders, bei ande­ren Men­schen mit Coro­na-frei­en Schick­sa­len, das Hirn wird mit ande­ren The­men sti­mu­liert.

Ich war hoch­er­freut, als die Buch­hand­lun­gen wie­der öff­ne­ten, obwohl ich befürch­te, dass vie­le Men­schen gera­de das Gefühl haben, wäh­rend der Lek­tü­re eines Buches etwas Wich­ti­ges zu ver­pas­sen, wir sind ja in Alarm­be­reit­schaft. Aber das ist nur der inne­re Zustand, der äuße­re ver­ord­net Ruhe und Distanz. Viel­leicht ist es auch die­se Dis­kre­panz, die unse­re Syn­ap­sen so sehr stra­pa­ziert, ein Buch kann also Abhil­fe schaf­fen, zumin­dest gegen das Zap­peln. Und des­halb hier ein paar Buch­tipps zum Fei­er­tag – Roma­ne, die mich und mei­ne Kol­le­gin­nen in den letz­ten Wochen wie­der ins Lot gebracht haben, indem sie uns emo­tio­nal und intel­lek­tu­ell berühr­ten:

Für mich war eine beson­de­re Ent­de­ckung die Bio­gra­phie von Nata­lia Ginz­burg, ich brauch­te nur weni­ge Sät­ze zu lesen und ich war bei San­dra Petri­gna­ni, die als jun­ge Frau Nata­lia Ginz­burg in ihrer Woh­nung besuch­te. Petri­gna­ni ist selbst erfolg­rei­che Schrift­stel­le­rin und erzählt aus ihrer Per­spek­ti­ve, wie sie Stück für Stück mehr über Nata­li­as Leben erfährt, beschreibt Gesprä­che oder Brie­fe, Begeg­nun­gen mit Freun­den der Autorin und Ver­le­ge­rin. Als ich das las, spür­te ich die Lie­be zur Lite­ra­tur der bei­de Frau­en, die ihr ihr gan­zes Leben wid­me­ten, und wuss­te wie­der, war­um ich tue, was ich tue.

Mei­ne Kol­le­gin Tina, Lieb­ha­be­rin der Bücher von Siri Hust­ve­dt, nann­te als eines ihrer Lieb­lings­bü­cher des Früh­lings „Je tie­fer die Was­ser“ von Kat­ya Ape­ki­na, in dem es um Schwes­tern geht, die zu dem ent­frem­de­ten Vater, einem Schrift­stel­ler, nach New York kom­men, nach­dem die Mut­ter „etwas Dum­mes“ getan hat. Kunst, die Metro­po­le, das selt­sa­me Fami­li­en­kon­strukt, der Roman hat vie­le span­nen­de Aspek­te.

Gefes­selt hat sie auch die Lek­tü­re der Aben­teu­er­ge­schich­te von Chris­to­pher Kloeb­le über einen hoch­be­gab­ten indi­schen Wai­sen­jun­gen, der 1854 zwei deut­sche Brü­der bei ihren Rei­sen bis zum Hima­la­ya beglei­te­te – mit dem Wunsch, spä­ter ein Muse­um sei­nes rie­si­gen Lan­des zu grün­den „Das Muse­um der Welt“.

Da ich das Res­sort Kri­mi betreue, freue ich mich immer wie­der über Kri­mi­nal­ro­ma­ne, die so viel mehr sind, als nur eine span­nen­de Geschich­te. „Mira­cle Creek“ von Angie Kim ent­wi­ckelt vom ers­ten Augen­blick an einen Sog, der dann aber weni­ger in eine getrie­be­ne Kri­mi­nal­ge­schich­te führt als in eine intel­li­gen­te und scho­nungs­lo­se Gesell­schafts­ana­ly­se, in deren Zen­trum eine Fami­lie korea­ni­scher Ein­wan­de­rer und eine Grup­pe Müt­ter von Kin­dern mit Behin­de­run­gen ste­hen. Trotz­dem gibt es ein Ver­bre­chen, aber von wem, das klärt sich erst wäh­rend eines Pro­zes­ses, der aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven geschil­dert wird.

Auch mei­ne Kol­le­gin Katha­ri­na, die das Hör­buch betreut, kann ver­ste­hen, war­um wir und das Kind, uns so auf den drit­ten Teil von „Kan­na­wo­ni­wa­sein!“ freu­en. Das Buch scheint unter Eltern bereits Krei­se zu zie­hen. In den Geschich­ten über die Freun­de Finn und Jola aus der „Tzit­ti“ geht es im bes­ten Sin­ne aben­teu­er­lich zu, und Jolas „Ber­li­ner Schnau­ze“ wird von Ste­fan Kamin­ski geni­al gele­sen. Lei­der dau­ert es noch bis Juni zum drit­ten Teil, aber den ers­ten und zwei­ten Band gibt es ja schon, läuft hier rauf und run­ter.

Ich könn­te die Lis­te noch fort­set­zen, aber ich möch­te die Län­ge die­ses Blogs nicht wei­ter über­stra­pa­zie­ren. Vor allem möch­te ich zei­gen, dass das Rei­sen nicht ganz vor­bei ist: zwi­schen zwei Buch­de­ckeln fand ich, wie immer, eine gan­ze Welt. Und wie gesagt: Heu­te ist Fei­er­tag, bau­en Sie ein Wich­tel­haus und brin­gen sie es in den Park, gute Lau­ne bei ande­ren hebt auch die eige­ne. Wir sind ein Wald und tan­zen den Coro­na-Wal­zer.

Blei­ben Sie gesund!

PS: Hier die Über­sicht zu den erwähn­ten Büchern:

San­dra Petri­gna­ni: Die Frei­beu­te­rin, Randomhouse/btb

Kat­ya Ape­ki­na: Je tie­fer die Was­ser, Suhr­kamp Ver­lag

Chris­to­pher Kloeb­le: Das Muse­um der Welt, dtv

Angie Kim: Mira­cle Creek, han­ser­blau

Mar­tin Muser: Kan­na­wo­ni­wa­sein! Gele­sen von Ste­fan Kamin­ski, Sil­ber­fisch

 

Die Nächs­te Aus­ga­be des BÜCHER­ma­ga­zins erscheint am 20.05. im fal­ke­me­dia Ver­lag.

Tag 1, Montag, 4. Mai 2020

Jetzt bin also ich dran mit „Schrei­ben in Zei­ten von Coro­na“. Ich könn­te natür­lich was über „Schrei­ben in Zei­ten von Coro­na“ schrei­ben. So selbst­re­fle­xiv — über mich am Com­pu­ter, wie ich schrei­bend mit der Kri­se umge­he. Aller­dings sit­ze ich gera­de sel­ten am Com­pu­ter – zumin­dest nicht, um zu schrei­ben. Außer­dem: Das Pro­jekt geht in die 4. Woche und die Gefahr, in einer Wie­der­ho­lungs­schlei­fe zu lan­den, ist nicht ganz von der Hand zu wei­sen. Wür­de immer­hin zur Zeit pas­sen.

Repe­ti­ti­on als Lebens­ge­fühl.

Bestimmt sit­zen etli­che B‑Promis bereits an ihren Wer­ken über ihr Leben im Home-Office, wo sie sei­ten­lang dar­über berich­ten, dass sie nichts zu berich­ten haben. Wobei das ja nichts Neu­es ist. Trotz­dem, mir graut vor den Neu­erschei­nun­gen des nächs­ten Jah­res …

Ande­re Medi­en sind da wei­ter. Da ist der Alp­traum bereits Rea­li­tät. Neu­lich hab ich so eine Mini­se­rie gese­hen, 10-Minu­ten­fil­me über eine Frau vorm Com­pu­ter in Zei­ten von Coro­na. War ein Tipp von einer Freun­din mei­ner Freun­din. Aber ich hab nur die ers­te Fol­ge aus­ge­hal­ten, und auch die nur mit Ach und Krach. Geht um Pro­ble­me von Leu­ten, die kei­ne Pro­ble­me haben. Fängt dem­entspre­chend damit an, dass die Frau vorm Com­pu­ter am Com­pu­ter goo­gelt: „10 din­ge gegen die lan­ge­wei­le“ (genau so – für Groß­buch­sta­ben benutzt man eher zwei Hän­de, aber wenn man so rich­tig gelang­weilt goo­gelt …).

Also, „10 din­ge gegen die lan­ge­wei­le“:

  1. Die­se Serie gucken

Das kam natür­lich nicht als Ant­wort. So selbst­re­fle­xiv war die nicht (also die Serie).

  1. Die Bezie­hung been­den.

Stand auch nicht da, hät­te ich aber lus­tig gefun­den. Hat sie (also die Frau, nicht die Serie) näm­lich vor­ge­habt, gefühlt auch aus Lan­ge­wei­le (Die Bezie­hung zur Serie habe ich dann been­det, defi­ni­tiv aus Lan­ge­wei­le).

  1. Einen Ver­riss über eine lang­wei­li­ge Serie schrei­ben.

Das mach ich gera­de – dabei ist mit gar nicht lang­wei­lig. Im Gegen­teil, end­lich sit­ze ich mal wie­der am Com­pu­ter und arbei­te krea­tiv, dem Lite­ra­tur­kon­tor sei Dank. Die­ser Blog ist näm­lich mein ers­ter Job als arbeits­lo­ser Schrift­stel­ler in Zei­ten von Coro­na. Mit Ver­öf­fent­li­chen ist im Moment schwie­rig, weil die Ver­la­ge ihre Pro­gram­me aus­dün­nen oder kom­plett nach hin­ten ver­schie­ben. Und für die Schub­la­de schrei­ben ist nicht so moti­vie­rend, außer­dem quillt die eh schon über. Auf Lese­rei­sen gehen ist auch nicht ange­sagt. Genau­er gesagt sind die alle abge­sagt. Ich könn­te natür­lich mal wie­der was fürs Thea­ter schrei­ben, da kom­me ich ja her …

Okay, kein Kom­men­tar.

Schrei­be ich also mei­nen ers­ten Blog. Das habe ich zwar noch nie gemacht und auch kei­ne Ahnung, wie das geht – aber das fin­de ich noch her­aus.

Ich habe ja Zeit … in Zei­ten von Coro­na.

Tag 2, Dienstag, 5. Mai 2020

Toll, bin ich jetzt also Blog­ger. Klingt gut, so modern — ich füh­le mich gleich 10 Jah­re jün­ger. Blog, Blog­ger, am blog­ges­ten. Und dass ich dabei viel­leicht so ober­fläch­lich rüber­kom­me wie die Frau aus der Serie, von der ich ges­tern geschrie­ben habe, stört mich kaum. Hängt viel­leicht irgend­wie zusam­men.

Ist das jetzt … äh … jün­ge­ren­feind­lich?

10 Din­ge gegen die Lan­ge­wei­le:

  1. Neue Begrif­fe erfin­den.

Jün­ge­ren­feind­lich ist mir zu sper­rig. Jün­ger­feind­lich geht nicht, das klingt zu sehr nach Neu­em Tes­ta­ment. Wie wär’s mit Juve­ni­list? Scheint es noch nicht zu geben, zumin­dest zeigt mir mein Schreib­pro­gramm das als Feh­ler an. Aber Juve­ni­list könn­te auch posi­tiv gemeint sein.

Also Anti­ju­ve­ni­list? Aber dazu müss­te es erst mal die Juve­ni­lis­ten geben. Gibt’s viel­leicht auch, liest man ja immer wie­der: Der Jugend­wahn der Gesell­schaft – aber die nen­nen sich nicht so. Und ohne ech­te Gegen­spie­ler macht das Gan­ze kei­nen Spaß.

Viel­leicht Agist (sprich: Eyd­schist)? Das ist in bei­de Rich­tun­gen offen und passt super zum Zeit­geist, Spal­tung der Gesell­schaft und so: Die „Alten“ sind Schuld an der Kli­ma­kri­se, die „Jun­gen“ wol­len unbe­dingt wei­ter kon­su­mie­ren und Par­ty machen und neh­men dabei bil­li­gend Coro­na-Tote in Kauf … oder ver­zich­ten auf alles und bevor­mun­den die „Alten“ damit, was ja auch irgend­wie … äh … posi­tiv agis­tisch (sprich: eyd­schis­tisch) ist.

Gebongt, ich mag den Begriff. Eig­net sich auch pri­ma als Schimpf­wort:

Ey, du Agist!“

Und egal ob ich nun selbst Agist bin und alle doof fin­de, die nicht genau­so alt sind wie ich oder sich so alt füh­len oder so alt rie­chen oder von mir als so alt gefühlt oder gese­hen oder gero­chen wer­den — lang­wei­lig ist mir nicht.

Und mei­nen zwei­ten Blog-Ein­trag habe ich auch fer­tig.

P.S.:

Mir sind die Neu­erschei­nun­gen des nächs­ten Jah­res noch im Kopf rum­ge­spukt … und dabei vor allem die Fra­ge: Wie könn­te eine Coro­na-Lite­ra­tur aus­se­hen, die dem The­ma auch for­mal gerecht wird?

Viel­leicht wäre sie so ähn­lich wie Mini­mal Music gestrickt: stän­di­ge Wie­der­ho­lung eines ein­fa­chen Grund­mus­ters mit leich­ten Abwei­chun­gen. Da käme die Copy & Pas­te-Funk­ti­on mal so rich­tig zum Ein­satz.

Bis­her habe ich mich noch nicht an einen 800-Sei­ten Wäl­zer her­an­ge­traut, aber so gese­hen hat der Gedan­ke etwas Ver­lo­cken­des …

Tag 3, Mittwoch, 6. Mai 2020

Pri­ma Sache, so ein Blog. Beim Schrei­ben – sagt man – ist ja 90 % Hand­werk. Oder 95 %. Oder 98 %, je nach­dem, wen man fragt. Wenn ich einen Roman schrei­be, mache ich mir einen wahn­sin­ni­gen Kopf über Dra­ma­tur­gie, Per­so­nen­ent­wick­lung, Per­spek­ti­ve, Per­spek­tiv­wech­sel usw. usw … Oder was man bei einem Gedicht alles beach­ten muss: Rhyth­mus, Reim (okay, muss heut­zu­ta­ge nicht mehr sein), Hebung, Sen­kung, Jam­bus, Tro­chä­us – das klingt schon fast nach einem Zau­ber­spruch, bei dem es auf jedes Atem­ho­len ankommt. Beim Blog hin­ge­gen – nix. Ich kann ein­fach schrei­ben, was mir durch den Kopf geht. Wenn ich also „Frucht­jo­ghurt“ den­ke, schrei­be ich das auf. Natür­lich schon aufs The­ma bezo­gen.

Viel­leicht so als Meta­pher: Füh­le mich wie ein Frucht­jo­ghurt­bak­te­ri­um – dre­he mich stän­dig um mich selbst.

Oder so: Füh­le mich wie neu­lich vorm Frucht­jo­ghurt­re­gal – ich weiß nicht, was ich tun soll. Die Situa­ti­on über­for­dert mich. So vie­le Geschmacks­rich­tun­gen, und jede noch­mal von zig Mar­ken. Und das trotz Kri­se! Fol­ge ich also dem Her­den­trieb und gehe ein paar Rega­le wei­ter zum Klo­pa­pier. Ich weiß zwar nicht, wie das schmeckt – aber wenn das alle machen …

Zum Glück ist Klo­pa­pier alle. Aber die Zet­tel an den Rega­len fin­de ich lus­tig.

Tra­gisch.

Bemer­kens­wert.

Wohin führt es eine Gesell­schaft, wenn die, die als Ers­tes durch­dre­hen, die Rich­tung vor­ge­ben?

Kön­nen Frucht­jo­ghurt­bak­te­ri­en eigent­lich auch durch­dre­hen? Oder sind die mehr so medi­ta­tiv wie die tan­zen­den Der­wi­sche? Viel­leicht soll­te ich so mit der Situa­ti­on umge­hen: ein­fach mal ein paar Run­den um mich selbst dre­hen, statt ein­fach dem nächs­ten Hype oder dem nächs­ten Buch­pro­jekt hin­ter­her­zu­he­cheln.

Ohne Ziel, ohne Rich­tung …

Ent­schleu­ni­gung …

Die Kri­se als Chan­ce …

In der Son­ne vorm Rewe ste­hen und sich dre­hen …

… dre­hen

… dre­hen …

Ande­rer­seits:

Was sind das für Zei­ten, wo

ein Blog über Frucht­jo­ghurt fast ein Ver­bre­chen ist?

Also Schluss mit der Nabel­schau. Mein nächs­ter Blog-Ein­trag wird poli­tisch.

Tag 4, Donnerstag, 7. Mai 2020

10 Din­ge gegen die Lan­ge­wei­le:

  1. Nicht mehr „10 din­ge gegen die lan­ge­wei­le“ goo­geln. Statt­des­sen gucken, …
  2. … wie es z.B. in den Unter­künf­ten für Geflüch­te­te hier um die Ecke aus­sieht. Da ist es nicht so leicht, die Abstands­re­geln ein­zu­hal­ten. Da kann man sich rich­tig krea­tiv Gedan­ken machen. Oder tol­le Rechen­auf­ga­ben fürs Home­schoo­ling erstel­len: Wie groß muss ein Zim­mer sein, damit 6 Bewoh­ner jeder­zeit einen Min­dest­ab­stand von 1,5 Metern ein­hal­ten kön­nen? Okay, wenn x‑hundert Geflüch­te­te in einem Haus leben, ist das ja eine Haus­ge­mein­schaft, qua­si ein gro­ße Fami­lie. Die dür­fen dau­er­ku­scheln. Aber die müss­ten dann auch zusam­men spa­zie­ren bzw. demons­trie­ren dür­fen, ohne dafür belangt zu wer­den. Da weiß die Bre­mer Behör­de anschei­nend selbst nicht so genau, was sie will …
  3. … wie es sich in den völ­lig über­füll­ten Lagern z.B. auf Les­bos leben lässt. Oder ster­ben lässt. Seit­dem sich die deut­sche Poli­tik nach einem kur­zen „Wir schaf­fen das!“ einen ein­ge­bil­de­ten Band­schei­ben­scha­den geholt hat und sich die Rich­tung von einer (zuge­ge­be­ner­ma­ßen nicht uner­heb­li­chen) frem­den­feind­li­chen Min­der­heit vor­ge­ben lässt, traut sie sich nur noch, kleins­te Päck­chen zu schnü­ren — man könn­te sich ja ver­he­ben. 47 unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge! Puh, ganz schön hea­vy!! Kann ein Land mit über 83.000.000 Ein­woh­nern das schaf­fen?!? Von dem Kraft­akt muss man sich jetzt erst mal erho­len.
  4. … wie es gera­de um die See­not­ret­tung im Mit­tel­meer steht. Muss man natür­lich nicht. Man kann es auch mit dem Innen­mi­nis­te­ri­um hal­ten, das am 6.4. an die deut­schen See­not­ret­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen schrieb: „Ange­sichts der aktu­el­len schwie­ri­gen Lage appel­lie­ren wir des­halb an Sie, der­zeit kei­ne Fahr­ten auf­zu­neh­men und bereits in See gegan­ge­ne Schif­fe zurück­zu­ru­fen.“ Weg­gu­cken ist immer eine gute Lösung. Was ich nicht seh, tut mir nicht weh. Und wer ertrinkt, kann kein Coro­na-Virus an Land schmug­geln – da ist das Weg­gu­cken rich­tig kon­struk­tiv.
  5. … wie die Coro­na-Pan­de­mie in den Län­dern des glo­ba­len Südens wirkt, wo der nächs­te Arzt bzw. das nächs­te Kran­ken­haus weit weg oder unbe­zahl­bar ist. Wo die Staa­ten über kei­ne Mit­tel ver­fü­gen, die dro­hen­de Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit auf­zu­fan­gen, und ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung eh schon von der Hand in den Mund lebt … und eine Aus­gangs­sper­re des­we­gen genau­so töd­lich sein kann wie kei­ne. Stra­ßen­ver­käu­fer im Home-Office – klingt viel­leicht lus­tig, ist es aber nicht: „In Ruan­da, Ugan­da und Kenia star­ben mehr Men­schen durch Poli­zei­ge­walt im Rah­men der Aus­gangs­sper­re als durch das Virus. Doch jetzt kommt die Pha­se, in wel­cher vie­le nicht an Covid-19, son­dern an Hun­ger und Man­gel­er­schei­nun­gen zugrun­de­ge­hen“ (taz, 30.4.2020)
  6. Sich fra­gen, was zu tun ist.

Okay, die Zustän­de in den über­füll­ten Lagern auf Les­bos waren schon vor Coro­na unhalt­bar, die flüch­ten­den Men­schen an den Gren­zen Euro­pas sind auch ohne Virus ertrun­ken. Die Welt war bereits vor­her für vie­le kein Para­dies. Aber wo gera­de ger­ne von Soli­da­ri­tät, Ver­ant­wor­tung, Zusam­men­halt etc. gere­det wird, könn­te man das zur Abwechs­lung ernst neh­men und nicht am erst­bes­ten Gar­ten­zaun enden las­sen.

Ein Bei­spiel:

Einer­seits tei­le ich den Zwei­fel mit eini­gen Leu­ten, ob ich für bestimm­te Coro­na-Hilfs­pro­gram­me wirk­lich bedürf­tig genug bin. Ob ich ande­ren nicht viel­leicht etwas weg­neh­me, die es drin­gen­der brau­chen. Noch geht’s. Ande­rer­seits spü­re ich die Unsi­cher­heit. Die Kri­se kann dau­ern. Für kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen sieht’s gera­de bis ins nächs­te Jahr düs­ter aus.

Oder noch län­ger …

Aber damit fal­len auch die Soli-Kon­zer­te oder –Lesun­gen weg, die ich sonst mache. Die mir wich­ti­ger sind als vie­les, was ande­re für unver­zicht­bar hal­ten. Wo steht geschrie­ben, dass die Prio­ri­tä­ten der ande­ren auch mei­ne sein müs­sen? Gön­ne ich mir also wei­ter die­sen Luxus / Ablass­han­del / die­se Ges­te / Selbst­ver­ständ­lich­keit und begrei­fe mich als Umver­tei­lungs­stel­le, als Kor­rek­tiv einer Poli­tik der Aus­gren­zung — und bean­tra­ge trotz­dem, was ich darf.

Ich weiß ja, dass es Leu­te gibt, die es drin­gen­der brau­chen.

Und wo ich sie fin­de …

Mor­gen dre­he ich mich dann wie­der brav um mich selbst. Aber immer­hin als links­dre­hen­des Frucht­jo­ghurt­bak­te­ri­um.

Tag 1, Montag, 11. Mai 2020

Lie­be Freun­de,

Da ich als zahn­schwit­zen­der Irrer gese­hen wer­den müss­te, wenn ich mich schrift­lich hin­sicht­lich mei­ner Gefüh­le zu Coro­na und den Maß­nah­men äußern wür­de, bin ich mal lie­ber nicht ganz so blö­de. Es ist alles blö­de, wie jeder weiß, und irgend­wann habe ich mich tat­säch­lich an eine von mir längst ver­ges­se­ne halb­fer­ti­ge Erzäh­lung erin­nert, über ein Lie­bes­paar, das auf einer Ame­ri­ka­rei­se zugrun­de geht, und die ein­fach mal wei­ter­ge­schrie­ben. Ich schrei­be gera­de an einem Kapi­tel, in dem das Paar auf eine Grup­pe jun­ger Neo-Hip­pies trifft.

So fängt es an …

Never trust a hip­pie but some parts of the hip­pie dream are true

Bis zum White Moun­tain Natio­nal Park sind es viel­leicht hun­dert Mei­len. Wir kön­nen da eine Nacht blei­ben, dann wei­ter nach Nor­den durch Mai­ne bis nach Kana­da hin­auf, wür­de ich sagen. Also, Neu-Frank­reich. Auch wenn uns da kei­ner ver­steht. Was meinst du?“ Mer­le hebt die Schul­tern und sieht aus dem Fens­ter, und Simon ver­sucht sich zu sagen, dass das eben ein Zei­chen ihrer behaup­te­ten Unkom­pli­ziert­heit ist und nicht etwa Des­in­ter­es­se an sei­nen lang­wei­li­gen Rei­se­plä­nen. Er sagt all das, was er letz­te Nacht über Howard und June gedacht hat. Mer­le fin­det schon, dass es eine Tra­gö­die ist, wenn Lie­ben­de ster­ben, auch wenn sie alt sind und ewig lan­ge zuvor glück­lich leb­ten. Aber sie fin­det außer­dem, dass es von allen Tra­gö­di­en die kleins­te ist.

Mei­ne ers­te Freun­din, wenn du so willst, Hes­ter, hat­te einen ziem­li­chen Hip­pie­touch und Dre­ad­locks. Wir waren in der zehn­ten Klas­se. Ich war fünf­zehn und sie schon sech­zehn, und wir kamen auf Klas­sen­fahrt zusam­men.“

Die, mit der du nur geknutscht hast, weil du dich nicht vor ihr aus­zie­hen woll­test, weil du zurück mit der Puber­tät warst?“ Mer­le grinst, und Simon grinst zurück. Hab ich dir schon erzählt, oder sieht man mir das immer noch an? Egal. Jeden­falls, ich war kein Hip­pie, son­dern ein Nor­ma­lo, und ich war mit fünf wei­te­ren Nor­ma­los auf einem Zim­mer. An jedem lang­wei­li­gen Abend nach Bett­ru­he beno­te­ten wir das Aus­se­hen aller Mäd­chen aus der Klas­se. Alle fan­den, dass Hes­ter eine glat­te sechs war und dass sie sich nicht wäscht und nach Schnod­der riecht.“

Und was hast du dazu gesagt?“

Nichts. Ich hab ihr ne vier gege­ben. Das war auf­fäl­lig genug.“

Ver­ste­he, du Feig­ling.“ Mer­le stößt Simon an. „Und wie sexy fin­dest du die Hip­pies da drü­ben? Glaubst du, die rie­chen nach Schnod­der?“

Ich fin­de die gut.“

Auf der Camp­si­te gegen­über ste­hen zwei bunt bemal­te Vans, aus denen vor­hin lau­ter jun­ge Hip­pies zusam­men­ström­ten. Jetzt sind aller­dings gera­de alle aus­ge­flo­gen.

Eigent­lich hat­ten Simon und Mer­le die White Moun­tains bloß durch­fah­ren wol­len, aber dann haben sie die Hip­pie-Vans gese­hen und sind ihnen aus Spaß gefolgt. Bis hier­her auf den Cold River Camp­ground, und jetzt sind sie Nach­barn.

Ich glau­be, dass alle Hip­pies aller Zei­ten so ziem­lich nach allem rie­chen, was mensch­li­che Kör­per so her­ge­ben“, sagt Simon, „aber auf eine irgend­wie gute Wei­se.“

Du meinst, es ist sexy, wenn spe­zi­ell Hip­pies nach all ihren Kör­per­flüs­sig­kei­ten rie­chen?“

Nicht expli­zit sexy“, wehrt Simon vor­sichts­hal­ber ab, „aber eben auch nicht schlimm.“

Wie­so, weil sie so tol­le und freie Men­schen sind? Also, ich hab schon mal mit Hip­pies in einer WG gewohnt und nie­mand hat je abge­wa­schen oder das Klo geputzt. Fin­dest du Hip­pies auch dann noch gut, wenn du wüss­test, dass ich lau­ter Kama­su­tra-Orgi­en mit ihnen hat­te?“

Simon stutzt. „Was kommt denn jetzt noch?“ Fragt er mit Ban­gen.

Nichts, war nur Quatsch. Erleich­tert?“

Etwas erleich­tert. Aber lie­ber du und tau­send Hip­pies als du und einer mei­ner Klas­sen­ka­me­ra­den aus der zehn­ten Klas­se.“

Fin­de ich auch“, sagt Mer­le.

Und zwar des­halb, weil Hip­pies im All­ge­mei­nen nicht dem düs­te­ren Traum von Erobe­rung nach­ja­gen. Es liegt am Hip­piet­raum. Sie sind so … da sind sie ja wie­der.“ Simon freut sich rich­tig, so wie als klei­ner Jun­ge im Kino, und der heiß ersehn­te Film beginnt.

Aus dem Wald ist Geläch­ter zu hören und hell klin­gen­de jun­ge Stim­men, und Sekun­den spä­ter kom­men die neu­en Nach­barn zwi­schen den Bäu­men her­vor und lau­fen zu ihren Vans. Alle sie­ben Jun­gen und die vier Mäd­chen.

Sie haben bestimmt alle mit­ein­an­der Sex, denkt Simon. Wenn Men­schen Wesen sind, die ent­we­der zu aggres­si­ven Schim­pan­sen oder Bono­bos ten­die­ren, dann ist klar, woher das Hip­pie-Gen kommt.

Seit die ers­ten Hip­pies vor einem hal­ben Jahr­hun­dert auf die­sem Pla­ne­ten auf­schlu­gen, sind sie nie ganz wie­der ver­schwun­den. Und viel­leicht blei­ben sie ja für immer, ganz gleich, wohin sich der gan­ze gro­ße Rest der Welt dreht. Denn es ist etwas am Traum der Hip­pies – eine Sehn­sucht, oder Wahr­heit, oder Schön­heit – das ein­fach nicht ster­ben will und wie ein Bazil­lus des Guten immer wie­der neue Wir­te fin­det.

Und?“, fragt Mer­le. „Sol­len wir jetzt gleich zu ihnen rüber­ge­hen?“

Unbe­dingt.“

Von den jun­gen Hip­pies aus den Vans ist John der bes­te Sän­ger und Gitar­rist, und als das Feu­er rich­tig auf­lo­dert und schon Glut abge­wor­fen hat, spielt und singt nur noch er. Nir­va­na, die Lemon­heads, Shins und Songs aus der Zeit der ers­ten Hip­pies.

Er kann jeden Song, den Mer­le hören will. Und Mer­le ist fas­zi­niert und um so vie­les begeis­ter­ter als bei Simons Vor­le­sen am Seba­go Lake.

Etwas von PJ Har­vey wäre jetzt gut“, sagt Mer­le und John wirft den Kopf etwas zurück, und sein Haar – es ist so lang und dun­kel wie Mer­les Haar – bewegt sich gut­aus­se­hend mit. John nickt und sagt mit sono­rer Stim­me: „Lass mich mal über­le­gen.“

Er muss nur kurz über­le­gen, um dann so gefühl­voll wie gekonnt eine ziem­lich mas­ku­li­ne Ver­si­on von „I can hard­ly wait“ zu brin­gen.

Mer­le war­tet den Applaus der Grup­pe ab, an dem Simon sich ver­hal­ten betei­ligt, um nicht blöd auf­zu­fal­len, und als er ver­ebbt, sagt sie nur: „Wow!“

Simon nickt dem Hip­pie neben ihm, der ihm die Hand auf die Schul­ter gelegt hat, lächelnd zu.

John macht Pau­se. Er möch­te kali­for­ni­schen Rot­wein und einen Joint, von zar­ten Frau­en­hän­den gedreht. Simon hat so sei­ne Beden­ken, aber er lächelt wei­ter. Aus­ge­rech­net John. So wie John Tra­vol­ta, John Way­ne, John Ram­bo oder – was viel­leicht am aller­schlimms­ten ist – Long John Sil­ver. Wie kann ein John ein Hip­pie sein?

Simon denkt ein­mal mehr an Wieb­ke, das rot­haa­ri­ge Mäd­chen von sei­ner Schu­le, das er als Gelieb­te ver­passt hat. Was hat­te sie, die grund­sätz­lich die rich­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on für jedes Phä­no­men der Wirk­lich­keit hat­te, im ent­spre­chen­den Ton­fall gesagt? Sie sag­te: Die Hip­pie­be­we­gung hat die Män­ner sexu­ell befreit, nicht die Frau­en.

Simon sieht Mer­le an, die sei­nem Blick aus­zu­wei­chen ver­sucht. Viel­leicht, weil sie frei sein möch­te von ihm.

Hier, für dich“, sagt das wahr­schein­lich jüngs­te Mäd­chen, das sich als Dawn vor­ge­stellt hat, und gibt den schnell und dabei kunst­voll gebau­ten Joint an Mer­le.

Mer­le zieht genuss­voll und gibt ihn wei­ter an natür­lich John, der zufrie­den in den Ster­nen­him­mel schaut. Natür­lich fällt es Simon schwer, den Joint nicht als phal­li­sches Sym­bol zu deu­ten. Er lehnt als Ein­zi­ger ab, bleibt bei sei­nem Wein und schaut in die Run­de.

Alle ande­ren jun­gen Typen hier sind wei­cher als John. Mehr so wie man sich Hip­pies wünscht und weni­ger wie hedo­nis­ti­sche Sur­fer an den Küs­ten Kali­for­ni­ens oder Hawai­is. Zum Bei­spiel Pete – Poor Pete – wie er sich nann­te. Und dann lach­te er wie ein klei­ner Strolch aus Schwarz­weiß­fil­men von frü­her. Er ist der bes­te Freund der zwei Misch­lings­hun­de, die immer um ihn her­um­strei­chen, und jetzt lie­gen sie zusam­men­ge­rollt auf sei­nen Füßen. Ein so net­ter Typ. Mer­le könn­te mit ihm fast tun, was sie woll­te, Simon wäre fast gar nicht böse, aber ihn hat Mer­le nicht ange­se­hen. Oder eben nur freund­lich ange­se­hen. So wie sie die Mäd­chen hier ange­se­hen hat oder deren Freun­de.

Und kei­nes der Mäd­chen hat Simon ange­se­hen, außer der schwe­ren Hip­pie-Lady mit dem mas­si­ven Kör­per­ge­ruch neben ihm, die ihr Bein gegen sei­nes presst.

Wenn Mer­le das sieht, denkt Simon, wird sie was John angeht kei­ne Hem­mun­gen mehr ken­nen. Aber er zieht sein Bein nicht zurück.

Megan heißt die schwe­re Hip­pie-Dame, und ihr Gesicht ist tat­säch­lich wie ein Pfann­ku­chen, aber auch irgend­wie süß, wenn man so will.

Simon ist sich zwar nicht sicher ob er wirk­lich will, aber er ist trot­zig ent­schlos­sen. Er lächelt ihr zu und sie strahlt zurück. Simon spürt den Druck ihres – man kann es gar nicht anders sagen – Flei­sches und presst nun aktiv sein Bein gegen ihr viel dicke­res Bein, das nach­gibt und sich halb um sei­nes legt.

Jetzt sieht Mer­le zu ihm hin und lächelt. Hohn und Spott lie­gen nicht dar­in, auch nichts Gön­ner­haf­tes, son­dern eine Freund­lich­keit, die sie ihm sel­ten schenkt. So wie man einem pla­to­ni­schen Freund zulä­chelt, auf den man sich stets ver­las­sen kann. Oder ist es ein dank­ba­res Lächeln, das so viel heißt wie: Lieb von dir, dass du das auf dich nimmst, damit ich die Par­ty mei­nes Lebens haben kann?

Es gibt vie­le wei­te­re Oder, aber was es auch ist, Simon kann nichts davon gefal­len. Er wirft Mer­le einen Blick zu. Er weiß nicht, wie er gucken soll und wie sein Blick ihm gerät. Viel­leicht fla­ckert dar­in ein biss­chen Zorn und noch ein biss­chen mehr Unsi­cher­heit, aber ganz sicher liegt dar­in kei­ne Über­zeu­gungs- und so über­haupt kei­ne Anzie­hungs­kraft.

Mor­gen mehr …

Tag 2, Dienstag, 12. Mai 2020

Und wei­ter…

Schließ­lich wen­det sich Mer­le wie­der John zu, als der sei­ne Gitar­re gestimmt hat und einen Nir­va­na-Song spielt. „I´m so hap­py cau­se today I found my friends,” singt er, aber kein biss­chen so unschul­dig und anrüh­rend wie damals Kurt Cobain.

Was jetzt? Die­sem John hin­ter­her­stei­gen, wenn er in den Wald geht, um selbst­ver­liebt gegen den größ­ten Baum zu pis­sen, den er fin­den kann? Es wäre sicher nicht schwer, die­sem Typen ein wenig Angst zu machen. Nur wür­de der Typ des­we­gen nicht auf­hö­ren Mer­le zu gefal­len, und pein­lich wäre es auch.

Simon moch­te immer die Geschich­te, in der der ech­te Kurt Cobain den ursprüng­li­chen Nir­va­na-Drum­mer feu­er­te, weil der den Lieb­ha­ber sei­ner Freun­din ver­prü­gelt hat­te. Eine Macker­po­se, die für eine Band wie Nir­va­na untrag­bar war. Simon moch­te die Geschich­te umso mehr, weil dem Blöd­mann durch sein Macker­ver­hal­ten ein Ver­mö­gen ent­ging. Und nie­mand kennt heu­te sei­nen Namen.

John ver­prü­geln geht also nicht, aber der Drang, so macker­haft er auch sein mag, ist da. Und wahr­schein­lich ist es weni­ger pein­lich als hier bloß zu sit­zen und so zu tun, als sei alles halb so wild. Oder viel­leicht fin­det Mer­le ihn sogar sexy, wenn er John nie­der­streckt. Oder ein­fach nur arm­se­lig. Sicher ist nur, im Augen­blick fin­det sie ganz allein John sexy und die sof­te aber durch­drin­gen­de Männ­lich­keit sei­ner Stim­me.

Simon denkt an alte Film­kla­mot­ten, in denen die Eifer­süch­ti­gen wütend und in unfrei­wil­li­ger Komik davon­stap­fen, wenn die Situa­ti­on uner­träg­lich wird. Auch die­sen Drang gibt es, und Simon ver­spürt ihn unver­kenn­bar und stark. Aber das geht natür­lich auch nicht. Viel­leicht wür­de eine unauf­fäl­li­ge Flucht das augen­blick­li­che Scham­ge­fühl lin­dern, aber dafür käme es umso macht­vol­ler und lang­an­hal­ten­der zurück.

Aber eigent­lich muss er nichts tun, denn da ist ja noch Megan direkt neben ihm, deren Kör­per beharr­lich und macht­voll gegen sei­nen drängt. Sie hat sich so unauf­fäl­lig sie konn­te in sei­ne Rich­tung geneigt, ihre Schul­ter drückt schwer gegen sei­ne, und ihre rie­si­ge Brust fällt auf sei­nen Unter­arm. Der Schweiß­ge­ruch, den sie ver­strömt, ist über­wäl­ti­gend.

Jetzt stützt sie sich hin­ter ihm auf ihrem Arm ab und schiebt ihre Hand von hin­ten in sei­ne Hose unter sei­nen Hin­tern, den er bereit­wil­lig hebt. Ihre Hand arbei­tet sich vor, bis ihr dicker Mit­tel­fin­ger gegen sei­nen noch jung­fräu­li­chen Anus drückt, und für Simon fühlt sich das rich­tig an. Rich­tig gut sogar.

Soll John doch wei­ter sin­gen und lass Mer­le ihn doch anschmach­ten. Er wird auf jeden Fall Din­ge tun, die kras­ser sind als das, was Mer­le sich mit John vor­stel­len mag.

Diver­se Songs und eini­ge Joints spä­ter sind die jun­gen Hip­pies end­lich auf die Idee gekom­men, die alle leben­den und toten Hip­pies immer und in jedem Jahr­zehnt ihres Daseins über­kam. Sie sind nachts im Mond­schein durch den Wald zum Fluss gelau­fen, um nackt zu baden.

Alle jun­gen Hip­pies sprin­gen in kind­li­cher Freu­de in den Fluss, und Petes Hun­de lau­fen auf­ge­regt bel­lend mit ihnen. Mer­le und John sind weni­ger kind­lich. Sie gehen neben­ein­an­der bis sie zur Hüf­te im Was­ser sind, dann tau­chen sie gemein­sam ein, wobei ihre Hin­ter­tei­le für einen Moment syn­chron aus dem Was­ser ragen.

Nur Megan und Simon ste­hen noch eini­ge Meter von­ein­an­der ent­fernt am Ufer. Mer­le und John tau­chen gleich­zei­tig auf, lachen, dann schwimmt Mer­le so schnell sie kann zum ande­ren Ufer und John folgt natür­lich so schnell er kann. Er folgt ihr an Land und hin­ter die Bäu­me, hin­ter denen Mer­le gera­de ver­schwun­den ist.

Der Mond scheint über­all hin, beson­ders auf Megan, die sich ihrer ganz beson­de­ren Nackt­heit nicht schämt. Sie ist ent­we­der sehr tap­fer oder so sehr Hip­pie, dass alles Natür­li­che in irgend­ei­ner Wei­se schön für sie ist. Sogar sie selbst, dabei wür­den sich alle Jun­gen und Män­ner auf die­sem Pla­ne­ten, die sie schön fän­den, fra­gen, was wohl nicht mit ihnen stimmt.

Simon weiß genau, was mit ihm nicht stimmt. Er ist wütend, gede­mü­tigt und will Rache. Eigent­lich kei­ne Gefüh­le, die zu sexu­el­ler Span­nung füh­ren, aber er sieht die­se unge­heu­re Frau an und sein Schwanz reagiert.

War­te noch“, sagt er, als Megan sich anschickt ins Was­ser zu stei­gen. „Ich lang­wei­le mich im Was­ser. Ich weiß eigent­lich nie, was ich dar­in machen soll.“

Tag 3, Mittwoch, 13. Mai 2020

Und wei­ter…

Du kannst alles dar­in machen was du willst.“ Sie macht einen wei­te­ren Schritt Rich­tung Fluss, aber Simon ist gleich dar­auf bei ihr und nimmt ihre Hand. „Nein, ich will dich so, wie du jetzt bist“, sagt Simon. Megan schaut ihn fra­gend an, aber geschmei­chelt ist sie auch, das ist sicher. Sie lässt sich von Simon vom Was­ser weg­zie­hen. „Was meinst du mit: so wie ich jetzt bin?“

Simon holt gespielt tief Luft und sagt: „Ich kann dich nicht so rie­chen und schme­cken wie ich möch­te, wenn du erst im Was­ser warst.“

Oh“, sagt Megan.

Also, was sagst du? Macht es dir was aus?“

Nein, wenn du es unbe­dingt willst, wenn es wich­tig für dich ist, dann ist es schon okay.“ Sie nimmt ihre Klei­der, dreht her­um und stapft vor­an, zurück in den Wald, aus dem sie gekom­men sind. Simon folgt ihr.

Hier ist es gut“, hört er Mega­ns Stim­me aus dem Wald. Als Simon hin­ter die Bäu­me tritt, hat sie ihre Klei­der im Moos aus­ge­brei­tet und sich dar­auf nie­der­ge­las­sen.

Simon geht zu ihr, sie fasst mit bei­den Hän­den sei­ne Hüf­ten, zieht ihn zu sich her­an, und es hat etwas Zere­mo­ni­el­les, wie sie ihn mit ihren Lip­pen umschließt, bis er in ihrem Mund explo­diert. Simon wankt einen Schritt zurück. Er lächelt Megan freund­lich an. „Jetzt will ich das bei dir machen.“ Er legt sich hin und schaut in den Nacht­him­mel. Noch sind da Baum­kro­nen und Ster­ne, und es dau­ert, bis Megan sich auf­ge­rich­tet hat, aber schließ­lich steht sie da und ver­schluckt sogar das Mond­licht. Nicht, dass er es anders gewollt hät­te, aber jetzt gibt es nur noch Schwär­ze, die sich nass und schwe­lend auf ihn her­ab­senkt.

Zuletzt kann Simon eine gefühl­te Minu­te lang nicht atmen, und wie unter Was­ser hört er Mega­ns eben­so lang anhal­ten­des Auf­schrei­en, dann ver­schwin­det die Schwär­ze vor sei­nen Augen und Megan lässt sich neben ihm nie­der.

Das war schön“, sagt sie und strei­chelt sei­ne Brust, über die Flüs­sig­kei­ten in sei­ne Bauch­kuh­le lau­fen und dort eine Pfüt­ze bil­den.

Simon bemerkt erst jetzt, wie weich und zart ihre Stim­me ist. Ist das wirk­lich ihre Stim­me, oder ist es der Hip­piet­raum selbst, der die­sen Klang erzeugt? Oder muss man die­se Süße und Sanft­heit schon in sich haben, um für den Traum über­haupt emp­fäng­lich zu sein?

Ich fand es auch schön“, sagt Simon und wun­dert sich über die Weich­heit sei­ner eige­nen Stim­me. Sein Gesicht ist völ­lig von einem Film über­zo­gen, sein Haar ist ver­klebt, alles genau so wie er es sich in sei­nem Rache­durst aus­ge­malt hat­te, aber Megan hat recht, es war eher schön als geil und dre­ckig. Und der star­ke Geschmack in sei­nem Mund passt zum Mond und den Ster­nen über ihm, und in ein paar Stun­den wird er zur auf­ge­hen­den Son­ne pas­sen. Simon will Megan dich­ter an sich her­an­zie­hen, aber das geht nicht so leicht wie mit Mer­le, sie muss ihm dabei sozu­sa­gen assis­tie­ren.

Wie fühlst du dich jetzt?“, fragt sie.

Gut“, sagt Simon, und es stimmt sogar. „Und du?“

Sehr gut. Aber ich habe mich vor­hin am Feu­er schon gut gefühlt. Du warst wütend auf dei­ne Freun­din. Bist du immer noch wütend?“

Im Moment kein biss­chen mehr. Mor­gen viel­leicht schon. Aber so waren immer­hin wir zusam­men.“

Weil du wütend warst? Das wäre ein eher trau­ri­ger Grund für unser Zusam­men­sein, fin­dest du nicht?“

Irgend­wann hat Simon mal gele­sen, dass die Wahr­heit dem Men­schen zumut­bar ist. Er will ehr­lich sein zu Megan, aber nicht so ehr­lich, dass es ihr weh tut. Er legt sei­ne Hand auf ihre, die schwer auf sei­ner Brust liegt. „Ich fin­de schön, dass wir jetzt zusam­men sind, aber ich hät­te es nicht getan, wenn Mer­le nichts gemacht hät­te. Mit nie­man­dem.“

Ver­ste­he. Und willst du noch, dass Mer­le auf dich wütend ist?“

Ich glau­be, ich hät­te es lie­ber, wenn sie nicht wütend auf mich ist.“ Er weiß selbst nicht, ob das auch nur ein biss­chen stimmt. Er selbst fühlt kei­ne Wut, son­dern ist ganz gelas­sen und sogar ein klein wenig high, und das nicht nur weil sei­ne über­gro­ße Gelieb­te so vie­le Spu­ren auf ihm hin­ter­las­sen hat, wie er woll­te. Er kann nur hof­fen, dass Megan, die ihn ja durch­schaut, nicht auf die Idee kommt, dass ihre ver­meint­li­che Unat­trak­ti­vi­tät Teil sei­nes Rache­plans war, aber viel­leicht kommt sie ja als Hip­pie nicht auf so kru­de Ideen, und die­ser Teil­aspekt bleibt sein schmut­zi­ges klei­nes Geheim­nis.

Pete, Dawn und die Ande­ren sind noch immer am Fluss­ufer. Simon kann nicht genau hören, was sie reden, aber ihre Stim­men lie­gen warm und har­mo­nisch über­ein­an­der. Er wür­de gern mit Sicher­heit wis­sen, ob sie so ver­schwo­ren sind wie damals er und sei­ne teil­wei­se ent­schwun­de­nen Kind­heits­freun­de, oder eigent­lich wie unge­bun­de­ne Ato­me, die ein­fach nur in der glei­chen Rich­tung durch den Kos­mos trei­ben, weil ihre Stoß­rich­tung die­sel­be war. Und es kön­nen belie­big vie­le hin­zu­kom­men, ver­lo­ren gehen oder aus­ge­tauscht wer­den. Viel­leicht, denkt er mit Nietz­sche und den India­nern, sind sie so ego­is­tisch wie Her­den­tie­re, die zwar mit­ein­an­der zie­hen, aber eigent­lich hofft jedes Her­den­tier nur auf den Schutz der Her­de und küm­mert sich ansons­ten nicht um die ande­ren Tie­re. Es hofft bloß, dass das Tier neben ihm statt sei­ner geris­sen wird und es selbst flie­hen kann, weil die Raub­tie­re mit dem unglück­li­chen Art­ge­nos­sen beschäf­tigt sind, das ihm die­sen unfrei­wil­li­gen Dienst erwie­sen hat.

Tag 4, Donnerstag, 14. Mai 2020

und wei­ter…

Ande­rer­seits hat Simon Fil­me von kämp­fen­den Zebras gese­hen, die ver­letz­te Tie­re aus der Her­de gegen Löwen ver­tei­di­gen.

Wol­len wir zurück zu den ande­ren gehen?“ Megan küsst ihn auf den Mund und beginnt auf­zu­ste­hen.

Ja, möch­test du? Okay.“ Simon ist schnel­ler auf den Bei­nen, hebt ihre Klei­der auf und gibt sie ihr. Eigent­lich hat er kei­ne Lust zu gehen. Und schon gar nicht will er jetzt Mer­le tref­fen mit ihrem blö­den John.

Wie ist das eigent­lich mit euch? Wollt ihr für immer Hip­pies blei­ben und her­um­zie­hen? Oder wollt ihr zusam­men für euch so etwas wie Eden fin­den und euch da nie­der­las­sen, wenn ihr zu alt für die­ses Leben seid?“

Du fragst dich: Wie lan­ge kann man ein rich­ti­ger Hip­pie sein, bevor das hip­pie­ge­rech­te Eigen­heim kom­men muss?“ Megan zupft ihr Kleid zurecht. „Jetzt gera­de ist mein Ver­trau­en ins Leben noch groß, und ich wür­de sagen, dass ich noch sehr lan­ge so her­um­zie­hen möch­te. Mit mei­nen Leu­ten, so wie du mit Mer­le zusam­men­blei­ben willst, wie ich ver­mu­te.“

Ja, das will ich wohl. Trotz allem.“ Er nimmt ihre Hand, sie gehen so zurück zum Fluss­ufer, und zu sei­ner Erleich­te­rung sind die Ande­ren gera­de im Auf­bruch, und von Mer­le und John ist nichts zu sehen.

Wir gehen zurück“, ruft Dawn ihnen zu. Die Hun­de stür­men her­an, sprin­gen ein­mal an Megan empor und ren­nen zurück zu Pete.

Bis gleich“, ruft Megan zurück, und alle win­ken und gehen wei­ter.

Simon zieht sich an und greift nach sei­nen Ziga­ret­ten. „Weißt du, es war ganz schön takt­voll von dir, dass du nicht zurück­ge­fragt hast, ob Mer­le und ich über­haupt ein rich­ti­ges Paar sind.“

Wie­so, wegen John?“ Megan winkt lachend ab. „Das macht doch nur so viel mit euch, wie du dar­aus machst.“

Ach ja? Klingt ja fast logisch und noch dazu ganz ein­fach. Es war aber Sex.“ Simon hat sei­ne Ziga­ret­te heiß geraucht und tritt sie in den Sand. „Aber noch­mal zu eurer Grup­pe. Magst du jeden von euch? Ich mei­ne, nicht als bro­thers and sis­ters, son­dern so wie er oder sie ist? Jeder für sich?“

Ja, jeden auf sei­ne Art: Auch John, wenn du das wis­sen woll­test. Viel­leicht sogar ganz beson­ders John.“ Sie lächelt.

Simon zieht kräf­tig an der nächs­ten Ziga­ret­te, aber das bewuss­te lan­ge Aus­at­men hilft über­haupt nicht gegen das Zie­hen in der Magen­ge­gend. Er macht einen Schritt auf Megan zu und stoppt, weil er nicht sicher ist, ob er bedroh­lich wirkt. Und das will er auf gar kei­nen Fall. Aller­dings kann er nicht ver­hin­dern, dass ein Knur­ren in sei­ner Stim­me liegt als aus ihm her­vor­bricht: „John ist kei­ner von euch. Jeder wür­de das sofort bemer­ken. Er ist nicht ein­mal ein Hip­pie, der mit euch träumt, son­dern ein beschis­se­nes Role­mo­del, ein selbst­ver­lieb­ter blö­der Macker, wie es ihn über­all auf der Welt in jeder Sze­ne gibt. Wenn ich mich fra­ge, war­um ein Typ wie der zu euch Hip­pies gesto­ßen ist, dann des­halb, weil er von einem Hip­pie, ganz anders als von einem Rap­per, nichts zu befürch­ten hat, wenn er des­sen Freun­din knallt.“

Aber du bist kein Hip­pie. Also wirst du dir das nicht gefal­len las­sen und ihm die Fres­se polie­ren, oder wie ihr das bei euch nennt?“ Mega­ns Stim­me hat einen lau­ern­den und besorg­ten Unter­ton, aber die Sanft­heit ist noch immer da. Ganz im Gegen­satz zu Simons Gebell, das noch immer pein­lich unan­ge­nehm nach­klingt.

Natür­lich nicht“, sagt er so mil­de wie er kann, schaut zu Boden und denkt ein­mal mehr an Wieb­ke Harms, sei­ne ver­pass­te rot­haa­ri­ge Gelieb­te, und ihre The­se von der sexu­el­len Befrei­ung der Män­ner durch das Hip­pie­tum.

Viel­leicht, kommt ihm in den Sinn, sind Hip­pie­män­ner ja ein­fach nur fei­ger als die ande­ren hete­ro­nor­ma­ti­ven Män­ner aus der nor­ma­len Welt. Sie ficken sich durch alle Weib­chen des Rudels und dar­über hin­aus, und geben ein­an­der dann das Peace­zei­chen, um die eigent­lich vor­ge­se­he­nen Revier­kämp­fe nicht aus­tra­gen zu müs­sen.

Komm, gehen wir zurück“, sagt Megan und will ihn mit sich zie­hen. Simon lässt ihre Hand nicht los, rührt sich aber auch nicht vom Fleck, was einen optisch unauf­fäl­li­gen aber fes­ten Kara­te­stand erfor­dert.

Megan lässt los. „Du willst jetzt aber nicht Mer­le und John abfan­gen, oder? Er ist kein biss­chen so, wie du es dir aus­malst.“

Und ich bin kein Axt­mör­der. Ich will jetzt ein­fach nicht zurück zu den ande­ren. Und nicht weil ich sie nicht mag oder sowas. Wenn du dir Sor­gen machst, dass ich John im Fluss erträn­ke, dann bleib doch ein­fach. Ich bin jetzt gern mit dir zusam­men, aber ich will nicht zurück ans Feu­er.“

Klingt okay für mich. Und zu dem, was du vor­hin gesagt hast, von wegen takt­voll. Ich fin­de übri­gens schon, dass ihr ein rich­ti­ges Paar seid, du und Mer­le. Sogar ein sehr schö­nes.“

Ja, fin­dest du? Schö­ner als du und ich. Oder als Mer­le und John? Oder ist jedes Lie­bes­paar schön?“

Ja, jedes ech­te Lie­bes­paar ist schön.“ Megan gibt ihm einen Klaps auf den Hin­tern, der ihn nach vorn Rich­tung Fluss tau­meln lässt, mit dem lin­ken Fuß ins Was­ser.

Lie­be macht schön. Und ihr seid ein schö­nes Paar. Das ist etwas Beson­de­res. Aber nicht weil ihr so beson­ders seid, ver­stehst du? Ihr seid nicht das eine, alles über­strah­len­de Herr­schafts­paar. Oder, hey Sport­ler, willst du mit dei­ner Braut die Num­mer eins sein und alle Lie­bes­tur­nie­re gewin­nen?“

Ich habe einen Nas­sen, denkt Simon. Er tritt mit dem lin­ken Fuß auf, und aus dem Schuh schmatzt es. Bestimmt hat­te er schon andert­halb Jahr­zehn­te lang kei­nen Nas­sen mehr, aber es ist ein ange­nehm ver­trau­tes Gefühl. Er öff­net die Arme ganz weit und legt sie so weit er kann um Megan. „Ich hof­fe schon mein gan­zes Leben lang, dass ich nicht so blöd bin.“

Sei ein­fach nicht blöd“, sagt Megan noch eine Spur wei­cher und wär­mer als sonst. „Und komm bald nach.“

Mei­ne Schwes­ter hat gesagt, dass ich dich wahr­schein­lich hier fin­den wür­de.“ Es ist Johns sof­te und dabei durch­drin­gend männ­li­che Stim­me in sei­nem Rücken. Simon hat ihn kom­men gehört, ist aber reg­los sit­zen­ge­blie­ben und hat wei­ter auf den Fluss und die Bäu­me dahin­ter gestarrt, deren Wip­fel in leich­ter Bewe­gung sind. Genau die Bäu­me, unter denen Mer­le frei­en Hip­pie­s­ex hat­te.

Simon weiß selbst am bes­ten, dass die Ges­te unecht ist und er den stol­zen India­ner spielt und viel­leicht noch mehr den durch den wil­den Wes­ten strei­fen­den Shao­lin Cai­ne aus der Fern­seh­se­rie von frü­her, der immer alles rich­tig mach­te. Aller­dings war Cai­ne, so wei­se und fried­fer­tig er auch war, in jeder Fol­ge dazu gezwun­gen, sei­ne allen über­le­ge­nen Kampf­küns­te zu demons­trie­ren.

Simon hat drei has­ti­ge Ziga­ret­ten geraucht, nach­dem Megan gegan­gen war, dann sah er Mer­le und John am ande­ren Fluss­ufer. Wäh­rend sie durch den Fluss schwam­men, robb­te er rück­wärts hin­ter die ers­te Baum­rei­he zurück und dach­te wütend: Die­se Fle­cken kriegst du nicht mit Was­ser weg. Er sah zu, wie sie ein­an­der abrie­ben, mit­ein­an­der her­um­al­ber­ten, sich end­lich anzo­gen und schließ­lich Rich­tung Camp­ground gin­gen. Erst woll­te er hin­ter­her­schlei­chen, aber dann kehr­te er bloß zum Fluss zurück, um abzu­war­ten ob Mer­le kom­men wür­de.

Was tust du hier? War­um kommst du nicht zu uns?“ Jetzt ist da auch noch Johns Hand, die sich freund­schaft­lich auf sei­ne Schul­ter legt. Du traust dich ja was, denkt Simon. Ich könn­te die­se Hand neh­men und damit machen, was ich woll­te.

Simon fährt in einer plötz­li­chen Bewe­gung empor.

Okay, Mann, das war schnell“, sagt John, der ein paar Schrit­te zurück­ge­wi­chen ist und sich um eine beschwich­ti­gen­de Hal­tung bemüht. Simon ist damit zufrie­den. Er lässt noch ein paar Sekun­den ver­ge­hen, dann sagt er so soft er kann: „Ich woll­te gera­de zu euch, aber jetzt setz du dich doch zu mir.“

Okay.“ John setzt sich und war­tet, ein biss­chen so wie ein Schü­ler ohne Haus­auf­ga­ben vor Unter­richts­be­ginn.

Simon setzt sich ihm gegen­über. „Wer ist denn dei­ne Schwes­ter?“, fragt er und beugt sich etwas vor.

Mei­ne Schwes­ter Megan. Ich glau­be, in ganz bestimm­ter Wei­se kennst du sie bes­ser als ich. Auch wenn ich sie schon mein gan­zes Leben ken­ne.“

Dei­ne Schwes­ter Megan. Meinst du eine von dei­nen vie­len Schwes­tern, weil ihr doch alle Brü­der und Schwes­tern seid?“

Nein, Megan ist mei­ne gro­ße Schwes­ter. Mei­ne rich­ti­ge Schwes­ter, oder mei­ne leib­li­che Schwes­ter, um es ganz deut­lich zu machen. Und ganz sicher ist sie mei­ne über alles gelieb­te Schwes­ter, die alle Schlä­ge mei­nes Stief­va­ters auf sich genom­men hat, die eigent­lich für mich bestimmt waren.“

Oh, ver­ste­he.“ Simon lässt den Mund offen ste­hen, bis sich davor eine Bla­se bil­det, die „Plopp“ macht. Sei­ne Feind­se­lig­keit ver­liert sich, denn auf irgend­ei­ne Wei­se gleicht das die Sache aus. Zumin­dest, wenn man einer ganz bestimm­ten kru­den Män­ner­lo­gik folgt, die er zwar immer gehasst hat, aber die ganz offen­sicht­lich bestim­mend für ihn ist, trotz Curt Cobain, Alter­na­tiv Rock und Phi­lo­so­phie­stu­di­um.

Magst du mei­ne Schwes­ter?“ John fragt das völ­lig offen­her­zig, ohne jeden Unter­ton, höchs­tens, dass so etwas wie Ver­trau­en mit­schwingt. Über­haupt wirkt er kein biss­chen mehr so selbst­ver­liebt wie vor­hin am Lager­feu­er, als er all die Songs raus­hau­te, und viel­leicht war es es auch vor­hin nicht, und der in sei­ner Eitel­keit ver­letz­te Freund Mer­les hat alles häss­lich ver­zerrt wahr­ge­nom­men. Oder John ist jetzt ein­fach nur unsi­cher, ob die­ser Typ aus Deutsch­land, der stumpf und sto­isch am Fluss­ufer vor sich hin­brü­te­te, nicht doch noch um sich schlägt wie sei­ne anti­ken oder auch moder­ne­ren Vor­fah­ren.

Ja, schon“, sagt Simon. „Doch irgend­wie schon ganz schön.“

Das kann kei­ner bes­ser ver­ste­hen als ich“, sagt John lächelnd.

Viel­leicht ist er auf eine ähn­li­che Wei­se erleich­tert wie Simon, oder die­ses archai­sche Erbe drückt ihn ein­fach weni­ger, oder er kennt die­ses Gift gar nicht, oder der Hip­piet­raum war stark genug für eine Art von Exor­zis­mus.

Tag 5, Freitag, 15. Mai 2020

und die letz­te Nacht.…

Was ist mit dir und Mer­le? Auf eine gewis­se Wei­se kennst du sie ja nun so gut wie ich. Magst du sie?“

John zögert. „Ich fin­de sie sehr auf­re­gend und inspi­rie­rend, und sie hat bestimmt eine wei­che Sei­te, aber … tut mir leid, ich fang noch­mal von vor­ne an. Weißt du, Megan und Mer­le haben mir bei­de gesagt, du wür­dest mich im Fluss erträn­ken, wenn ich was Fal­sches sage, und es klang, als wäre es nicht nur ein Witz.“

Schon gut, ich wer­de nicht Mega­ns Bru­der umbrin­gen, und jede ande­re Sze­ne wie zum Bei­spiel, dass ich dich schla­ge, wäre mir zu pein­lich. Also sag schon was du woll­test.“

Okay, ich glau­be das mal.“ John holt tief Luft. Er macht das so unauf­fäl­lig wie mög­lich, und sein Blick ist offen, freund­lich und besorgt. „Weißt du, ich hab gefühlt wie schnell es geht, ihr gefal­len zu wol­len. Sogar ihr zu ver­fal­len. Und ich bin froh, dass es ganz klar ist, dass sie mit dir wei­ter­zie­hen will und dich behal­ten will. Ihr wer­det wei­ter­zie­hen, und nicht sie und ich. Und wenn es dich nicht gäbe und sie allei­ne hier bei uns auf­ge­taucht wäre, ich wür­de alles ver­su­chen, ihr nicht zu ver­fal­len. Ich mei­ne, du weißt es viel bes­ser und fühlst unend­lich viel stär­ker für sie als ich. Du berührst sie und fühlst: Das ist mehr als die gro­ße Lie­be, das ist das wah­re nack­te Leben. Und du willst das alles, aber es ist so viel grö­ßer als du. Du kannst es nicht fas­sen, schon gar nicht fest­hal­ten. Ich mei­ne, du liebst sie und wirst mit ihr zie­hen, aber viel­leicht wäre es bes­ser für dich, du wür­dest Megan lie­ben und bei uns blei­ben. Aber das ist nur so ein Gefühl von mir, und viel­leicht ist es ja auch ver­rückt, und du kannst den Blöd­sinn ver­ges­sen, und Mer­le ist das größ­te Glück, das man haben kann.“

John steht auf und kramt in sei­ner Hosen­ta­sche. „Sor­ry“, sagt er und zieht ein Han­dy her­vor. „Hey, gro­ße Schwes­ter, ich sit­ze hier am Fluss mit dei­nem Lover, und es ist alles cool … nein, er hat mich ver­schont. Er ist sehr cool, und wir kom­men gleich.“ John steckt das Han­dy wie­der weg und reicht Simon die Hand, um ihn empor­zu­zie­hen.

Ihr und Han­dys?“

Na klar, für den Not­fall.“

Wir haben extra kei­ne mit.“

Echt nicht? Jesus … wol­len wir gehen?“

Geh ruhig. Ist ja jetzt alles cool. Ich blei­be noch hier.“

John lässt den aus­ge­streck­ten Arm sin­ken und nickt. „Dach­te ich mir schon. Okay, aber pass gut auf dich auf, ver­spro­chen?“

Pass gut auf sie auf, sag­te Vin­ce ein­dring­lich und sein trau­ri­ger Blick, den Simon vom Mond her zu füh­len glaubt, war nicht ohne Ver­trau­en. Vin­ce, der wei­ter im Süden sei­ne Krei­se zieht, immer sei­ne ver­lo­re­ne Toch­ter vor Augen, für die er nichts mehr tun kann.

Simon ist ein paar hun­dert Meter fluss­auf­wärts gegan­gen, bis er eine Stel­le fand, an der es vie­le fla­che Stei­ne gab, die er bis zum ande­ren Ufer sprin­gen las­sen konn­te. Break on through to the other side, denkt er. Einer nach dem ande­ren auf die ret­ten­de Sei­te.

Auf Mer­le auf­pas­sen und zugleich auf sich selbst war viel­leicht ein zu gro­ßer Wider­spruch, um ihn zu leben. Merk­wür­dig, die­se lebens­klu­gen, prag­ma­ti­schen Rat­schlä­ge von jeman­dem wie John. Wirf dei­ne Lie­be woan­ders hin, sonst ver­glühst du. War das der zen­tra­le Vor­schlag?

Oder gera­de gar nicht merk­wür­dig bei jeman­dem wie John, der vor­gibt, ein Hip­pie zu sein, dabei nichts so rich­tig liebt, son­dern ganz vie­les ein­fach nur ganz geil fin­det. Viel­leicht mit Aus­nah­me sei­ner Schwes­ter Megan.

Simon fin­det einen nahe­zu per­fek­ten Stein, aber er ist miss­mu­tig und wirft ihn has­tig und in einem schlech­ten Win­kel, so dass der Stein ein­fach nur ins Was­ser schießt und still ver­sinkt.

Es gibt da einen alten japa­ni­schen Hai­ku, in dem es heißt: In den alten Teich. Fällt ein Frosch. Plumps. Und Simon kann sich auch den­ken was Cas­ta­ne­das Scha­ma­ne mit mil­der Stren­ge zu ihm gesagt und ihn dazu mit sei­nen Habicht­au­gen durch­leuch­tet hät­te: Du bist wütend und fühlst dich des­halb im Recht, und du nimmst dich so ver­dammt wich­tig.

Es stimmt schon, beschließt Simon. Der Gedan­ke, dass John nichts wei­ter ist als ein ober­fläch­li­cher Par­ty­lö­we, der zufäl­lig auf einer Hip­pie­par­ty lan­de­te, hat mit sei­nem über­stei­ger­ten Gefühl der eige­nen Wich­tig­keit zu tun. Es ist ein Gedan­ke, der auf­plus­tert, häss­lich macht, und wahr­schein­lich sogar völ­li­ger Blöd­sinn ist.

Die­ser John, obwohl jün­ger als er, hat­te ehr­lich besorgt geklun­gen. Sogar so als wüss­te er, wovon er sprach. Und er klang wie ein Freund.

Oder doch nicht, fällt es Simon an, du willst doch nur dei­ne klei­ne See­le beru­hi­gen, indem du dich dem Aggres­sor an den Hals schmeißt.

Simon fin­det einen wei­te­ren fla­chen Stein und wirft ihn. Er kennt die­se gedank­li­chen Quer­schlä­ger, die ihm die Wirk­lich­keit so unge­nieß­bar machen sol­len wie nur mög­lich. Sie kom­men wie ein Schwarm Hor­nis­sen durch ein offen gelas­se­nes Fens­ter, und sie klin­gen auch so. Simon weiß auch, woher sie kom­men. Es sind Stim­men, die erst­mals kurz nach dem Abitur in ihm laut wur­den, als die Visio­nen bezüg­lich sei­nes eige­nen Lebens aus­blie­ben und er nach einer Rei­se durch India­ner­land sein Phi­lo­so­phie­stu­di­um begann. Sie sagen: Du bist ein Bür­ger­kind, dem es immer gut ging. Was du tust und denkst, hat kei­nen Wert, weil du nie für etwas kämp­fen muss­test. Alles was du je errei­chen wirst, wird auch nur ein Geschenk sein. Auf dich allein gestellt wirst du immer ver­sa­gen, und wenn du nicht ver­sagst, hat­test du Hil­fe, die du auch nicht ver­dient hast.

Alles Gedan­ken, die Hand in Hand gehen mit der gefühl­ten Gering­schät­zung, die Mer­le ihm manch­mal ent­ge­gen­bringt.

Aber ande­rer­seits, was könn­te eine von so hef­ti­gen Wesen bewohn­te Frau wie Mer­le dazu trei­ben, mit jeman­dem zusam­men zu sein, den sie ver­ach­tet? Nichts viel­leicht. Wahr­schein­lich nichts, oder ein Abgrund in ihr, den er noch nicht kennt. Aber Spe­ku­la­tio­nen ab ins Feu­er, sag­te David Hume schon vor Jahr­hun­der­ten, und Simon steckt sich eine Ziga­ret­te an und dann noch eine und stellt fest, dass ihn nun kei­ne klei­nen Krämp­fe mehr schüt­teln. Ver­fluch­te Hip­pies, denkt er noch belus­tigt, und vor ihm ist der Fluss und dahin­ter gro­ße Wald­ge­bie­te, die er noch nicht kennt, so wie er den aller­größ­ten Teil der Welt noch nicht kennt. Rie­si­ge Wäl­der, die nach Nor­den hin bis zur Hud­son Bay rei­chen und still ruhen wie viel­leicht gro­ße unent­deck­te Räu­me sei­ner selbst.

Er wird das Ver­spre­chen hal­ten, das er Vin­ce gege­ben hat. Vin­ce, des­sen Umlauf­bahn sie ver­las­sen haben. Vin­ce, der Mer­les Ver­letz­lich­keit sah und Ver­trau­en zu ihm hat­te.

Und was kennt dage­gen John schon von Mer­le außer dem Duft ihrer Möse an einem bestimm­ten Tag, womit er kurz­zei­tig unver­schäm­tes Glück hat­te? Und viel­leicht, höchst­wahr­schein­lich lei­der, hat­te er noch Glück mit ein oder zwei Din­gen, die Mer­le mit ihm ange­stellt hat. Na und? Schon sehr bald wird er sich nicht mehr so rich­tig dar­an erin­nern.

Aber einen wei­te­ren Stich gibt es Simon doch. Er selbst hat immer mehr in die Frau­en und Mäd­chen inves­tiert, die er gekannt hat­te. Er hat nie ver­ges­sen, wovon sie nachts träum­ten, aber ihre Düf­te, so zen­tral sie für ihn auch waren, und das waren sie, sind nicht mehr klar in sei­nen Erin­ne­run­gen.

Aber soll das jetzt irgend­wie tröst­lich für ihn sein? Er ist ja nicht John. Viel­leicht erin­nert John sich nur an die Düf­te und an das, was die dazu­ge­hö­ri­gen Frau­en mit ihm anstell­ten.

Und was weiß der Typ dann nicht? Was abso­lu­te Ver­bun­den­heit ist und das eige­ne Leben für­ein­an­der in die Waag­scha­le wer­fen und die nicht enden­de Lie­be?

Simon geht auf der Suche nach neu­en fla­chen Stei­nen am Fluss­ufer auf und ab und weiß nicht so recht. Howard und June hat­ten all das, aber sind sie jetzt, am Ende, bes­ser dran als John es sein wird, für den Fall, dass er die gan­ze Sache auch wei­ter­hin lässt? So wie Her­mann Hes­ses Gold­mund, der sein Leben lang auf Wan­der­schaft ist und Glücks­frag­men­te sam­melt, aber sie sind am Ende wie bun­te Mosa­ik­stei­ne, die nichts erge­ben, die sich zu kei­nem Mus­ter fügen, zu kei­ner Geschich­te, die einen Sinn ergibt. Und doch hat Hes­se so viel lie­ber über Gold­mund geschrie­ben als über die Sess­haf­ten und Schät­ze Bewah­ren­den, über die letzt­end­lich ja auch Pest und Tod hin­weg­ras­te.

Wuss­te der ster­ben­de Gold­mund, dass er jede Men­ge Schön­heit berührt und gekos­tet hat­te? Aber wenn Gold­mund dank­bar starb – Simon weiß es nicht mehr – dann heißt das auch nur, dass Hes­se sei­nen Lieb­ling nicht ins Lee­re lau­fen las­sen woll­te. Der wun­der­schö­ne Gold­mund, der Suchen­de und Lieb­ha­ber, der alle gro­ßen Gefüh­le kann­te und tief­grün­dig war, wie ein Mensch es nur sein konn­te.

Wenn John so wäre wie Gold­mund, gäbe es kei­ne Schwie­rig­kei­ten. Simon wür­de Mer­le Gold­mund gön­nen und Gold­mund Mer­le, gar kein Pro­blem.

Aber John ist viel­leicht doch in ers­ter Linie ein Lebe­mann in Hip­pie­kos­tü­mie­rung, der stumpf und tough genug ist, sei­nem neben ihm sit­zen­den Tod auf die Schul­ter zu klop­fen und zu sagen: Es ist okay, nimm mich mit und, dan­ke Gott, es war wirk­li­che eine Rie­sen­par­ty, die du für mich geschmis­sen hast.

Und wie abge­klärt wird dage­gen Howard sein, wenn er aus der Sym­bio­se her­aus­ge­ris­sen wur­de? Und wird er dank­bar sein für all die Jah­re der Lie­be, wenn sie unwie­der­bring­lich vor­bei sind? Soll er Junes Geist lie­ben, den er sich selbst her­bei­phan­ta­siert?

Simon!“ Das war Mer­les Stim­me, etwa von dort, wo die Hip­pies vor­hin ins Was­ser gehüpft sind. Dann rufen auch die ande­ren nach ihm.

Ich bin hier“, ruft Simon zurück, weil er nicht belei­digt oder neu­ro­tisch erschei­nen will. „Ich kom­me zu euch.“

Ich kom­me zu euch … hm … Mor­gen beginnt wie­der ein Kin­der­wo­chen­en­de ohne Kin­der, denn Coro­na ist ein Ver­bün­de­ter mei­ner Ex, und es sieht so aus, als wür­de jeder Mas­ken­trä­ger ihr recht geben …

Es heißt ja in vie­len Büchern, Fil­men und Seri­en, dass man sehr auf der Hut sein soll­te, wenn Begrif­fe wie “Soli­da­ri­tät” und “Ver­ant­wor­tung” im Umlauf sind, aber eine glaub­haf­te Ver­schwö­rungs­theo­rie fin­de ich auch nicht.

Tag 1, Montag, 18. Mai 2020

Linier­tes Papier

Ich schrei­be von Hand. Das habe ich lan­ge nicht getan.

An vie­len Mor­gen der letz­ten Wochen habe ich mich wie heu­te hin­ge­setzt mit einer Ruhe, die es in Zei­ten eines nor­ma­len Schul­be­triebs für mich nicht gibt.

Eine gro­ße hand­ge­bun­de­ne Klad­de vor mir. Der Kugel­schrei­ber aus Metall, schwarz und dünn, liegt kühl in mei­ner Hand. Dazu ein ers­ter Kaf­fee.

Es ist nicht so, dass ich im All­tag nicht mit der Hand schrei­ben wür­de. Ganz im Gegen­teil, ich brau­che mei­ne Hand, um schrei­bend und zeich­nend zu den­ken. In mei­nen Denk­pro­zes­sen brei­ten sich Nota­te und klei­ne Scrib­bel über gan­ze Sei­ten aus wie Wol­ken, die auf­quel­len und sich ver­dich­ten, nur begrenzt durch die Kan­ten des Papiers.

Über­haupt ist mir als Illus­tra­to­rin der Stift in der Hand sehr ver­traut.

Aber län­ge­re Tex­te, lite­ra­ri­sche Tex­te und auch Sach­tex­te schrei­be ich seit Lan­gem am Com­pu­ter. Die Bear­bei­tung und der Über­blick sind so viel ein­fa­cher. Alles lässt sich umstel­len, neu kom­bi­nie­ren, kor­ri­gie­ren – und es blei­ben kei­ne ver­wir­ren­den Spu­ren vor­he­ri­ger Ver­sio­nen zurück.

Aber auf dem Papier flie­ßen die Gedan­ken anders und das Inne­hal­ten erscheint mir genuss­vol­ler.

Die Lini­en zie­hen mir gera­de­zu die Gedan­ken aus dem Kopf.

Jetzt also schrei­be ich für den Coro­na-Blog.

Hier geht es letzt­lich um ein digi­ta­les For­mat.

Und so ent­steht wie­der ein­mal die für mich typi­sche Umständ­lich­keit, so als könn­te ich nie ein­fach nur den direk­ten Weg neh­men.

Aber auf Umwe­gen gibt es viel zu ent­de­cken.

Ich lie­be Umwe­ge, auch wenn ich mich manch­mal ver­lau­fe.

Und ich bin viel­leicht ein wenig alt­mo­disch, jeden­falls kon­ser­va­tiv im Sin­ne von bewah­rend.

Ich bin Geschichte(n)sammlerin. Und das möch­te ich auch in den nächs­ten Tagen tun: Geschich­ten­sam­meln, Gedan­ken, Wün­sche, Beob­ach­tun­gen ande­rer, im Hier und Jetzt.
In die­sen außer­ge­wöhn­li­chen Zei­ten.

Tag 2, Dienstag, 19. Mai 2020

Löschen und erin­nern

Ich bin neu­gie­rig auf Men­schen.

Das ist wohl die wich­tigs­te Zutat in mei­nem beruf­li­chen Pot­pour­ri.

In mei­nem Leben über­haupt.

Ich kom­mu­ni­zie­re exzes­siv, nicht sel­ten bis zur Ver­aus­ga­bung.

Gleich­zei­tig ist der Aus­tausch von Gedan­ken und Ideen für mich wesent­li­ches Lebens­eli­xier.

Wir müs­sen Ihnen als Pro­vi­der Ihrer Web­sei­te lei­der mit­tei­len, dass Sie kei­ne wei­te­ren Nach­rich­ten emp­fan­gen kön­nen. Ihr Spei­cher ist voll. Wir emp­feh­len Ihnen zunächst Ihren Müll­ei­mer zu lee­ren.“

Der Müll­ei­mer ist nicht mein Pro­blem. Und end­lich ist ein­mal Zeit, in den Abgrund zu sehen.

Ich arbei­te mich durch 2774 mar­kier­te E‑Mails. Tau­che fast einen gan­zen Tag lang ab in Stim­men aus der Ver­gan­gen­heit, eige­ne und die von ande­ren, samm­le offe­ne Enden ein, schrei­be hier und da eine E‑Mail, um einen Faden wie­der­auf­zu­neh­men. Es ist ein wil­der Mix aus per­sön­li­chen Nach­rich­ten und beruf­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on.

Viel zu vie­le Ideen, um alle zu Ende gedacht zu wer­den. Bei­na­he erschla­gend in ihrer Fül­le.

Aber auch ein Schatz, ein Fun­dus, aus dem ich bewusst und unbe­wusst schöp­fe.

Löschen, löschen, löschen und noch ein­mal löschen, es fällt nicht leicht los­zu­las­sen … und dar­auf zu ver­trau­en, dass wie­der­kommt, was wie­der­kom­men soll.

Um frei zu sein für die Gegen­wart.

Schnitt.

Ich rufe mei­ne ehe­ma­li­ge Nach­ba­rin und Freun­din an. Sie ist 84 Jah­re alt und wohnt in einem Wohn­stift. In der Recher­che­zeit zu mei­nem Buch „Kir­schen­die­be oder als der Krieg vor­bei war“ habe ich vie­le Stun­den mit ihr gespro­chen, mäan­dern­de Gesprä­che, auf den Spu­ren der Erin­ne­rung.

Nun möch­te mich mit ihr über die Gegen­wart unter­hal­ten, dar­über, wie sie die gan­ze Situa­ti­on wahr­nimmt. Wie sich das Leben im Wohn­stift anfühlt, ob es sich ver­än­dert hat, ob die Ein­sam­keit grö­ßer gewor­den ist.

Nein, eigent­lich fühlt sie sich nicht ein­sa­mer.

Sie ver­misst den inten­si­ven per­sön­li­chen Aus­tausch mit ihrer Toch­ter und ihrer Enke­lin — und zwar schmerz­lich. Aber auch im Wohn­stift sind neue For­men der Gemein­schaft auf­ge­keimt. Gemein­sa­me Zwei­er­ri­tua­le, zum Bei­spiel die täg­li­chen zehn Minu­ten auf dem Trai­nings­rad gemein­sam mit einer Freun­din aus dem Haus, ver­we­ge­ne Pick­nicks im Flur, mit Kaf­fee und Rum­mi­kub, wöchent­li­ches Sin­gen im Hof und von den Bal­ko­nen, gemein­sa­me Gym­nas­tik unter frei­em Him­mel. Die Unter­bre­chung der Nor­ma­li­tät belebt, auch hier.

Am Ende kom­men wir im Gespräch auf die 1940er Jah­re zurück. Kriegs­en­de. Der 8. Mai liegt weni­ge Tage zurück. Nur 75 Jah­re ist es her, dass der zwei­te Welt­krieg been­det wur­de. Unvor­stell­ba­re 60 Mil­lio­nen Men­schen hat er das Leben gekos­tet.

Es ist so wich­tig, dass wir uns erin­nern.

Und auch gera­de jetzt darf nicht alles ande­re ins gedank­li­che Hin­ter­tref­fen gera­ten ange­sichts der Coro­na-Pan­de­mie.

Tag 3, Mittwoch, 20. Mai 2020

Umher­flat­tern­de Gedan­ken

Ich bin nicht nur süch­tig nach Kom­mu­ni­ka­ti­on, son­dern nach Input aller Art.

Also lese ich, was mir zwi­schen die Fin­ger kommt.

End­lich ist die Stadt­bi­blio­thek wie­der geöff­net.

Ich strei­fe durch die Eta­gen wie ein aus­ge­hun­ger­tes Tier. Las­se mei­nen Blick über die Buch­rü­cken wan­dern, blei­be hän­gen an Büchern, die im Dis­play ste­hen, schwei­fe durch mei­ne eige­nen Gedan­ken, fol­ge einem Impuls nach dem ande­ren und ste­he am Ende mit einem rie­si­gen Berg von Büchern an der Aus­lei­he. So geht es mir jedes Mal.

Ganz beson­ders lie­be ich es, in den Neu­an­schaf­fun­gen zu stö­bern. Nir­gend­wo in der Biblio­thek gibt es eine wil­de­re The­men­mi­schung als hier. Dicht an dicht. Es ist, als wür­den die Bücher schon von sich aus mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren.

Bel­le­tris­tik, Sach­bü­cher, Lehr­bü­cher, Rei­se­füh­rer, Gedicht­bän­de, Fach­bü­cher, Gra­phic Novels, Koch­bü­cher, Geschichts­bü­cher, Werk­bü­cher, Bild­bän­de …

Mein Geist ver­bin­det sich mit allem und jedem.

Ich ken­ne kaum Gleich­alt­ri­ge, die noch lesen. Die haben gar kei­ne Bücher­re­ga­le“, sagt Zoe, mit der ich mich spä­ter auf einen zwei­stün­di­gen Spa­zier­gang tref­fe, um mich mit ihr über ihre Wahr­neh­mung der Coro­na-Zeit und die Kon­takt­be­schrän­kung aus­zu­tau­schen. Sie ist sech­zehn.

Zoes Aus­sa­ge erin­nert mich dar­an, dass ich vor Kur­zem mei­ner zwölf­jäh­ri­gen Toch­ter vor­schlug, wir könn­ten uns bei­de mit unse­ren Büchern an den Wer­der­see legen und lesen.

Voll pein­lich!“, war ihr Kom­men­tar dazu. Dabei liebt sie es, in Geschich­ten ein­zu­tau­chen.

Ich spü­re zur­zeit mehr, was ich selbst will“, sagt Zoe und erzählt auch davon, dass sie sich in die­sen Wochen ohne nor­ma­len Schul­be­such zum ers­ten Mal rich­tig auf ihre viel jün­ge­ren Geschwis­ter ein­lässt. Es ist ein biss­chen so, als ob sie sie noch ein­mal ganz anders ken­nen­ler­nen wür­de, weil plötz­lich so viel Ruhe und Zeit da ist, ihnen zu begeg­nen, mit ihnen zusam­men zu sein.

Zoe genießt die gemein­sa­me Zeit mit ihrer Fami­lie.

Und doch ist es schwie­rig, dass Jugend­li­che durch die Umstän­de plötz­lich gezwun­gen sind, in den Schoß der Fami­lie zurück­zu­schlüp­fen, obwohl alle Zei­chen auf Abna­be­lung ste­hen.

Für ande­re Jugend­li­che wie­der­um gibt es kei­ne fami­liä­re Gebor­gen­heit, in die sie zurück­keh­ren könn­ten.

Tag 4, Donnerstag, 21. Mai 2020

Über­ra­schung und Erfül­lung

Ich bin Opti­mis­tin, Kri­sen inklu­si­ve.

Ich bin Träu­me­rin, aber schaue Men­schen gera­de­her­aus in die Augen.

Eine „unver­bes­ser­li­che Opti­mis­tin“?

Laut Duden ist der Begriff ein­deu­tig nega­tiv kon­no­tiert, fast schon ein Schimpf­wort.

Zitat: „Du bist viel­leicht ein Opti­mist! Du unter­schätzt die sich erge­ben­den Schwie­rig­kei­ten (o.Ä.).“

Eine „hoff­nungs­lo­se Träu­me­rin“?

Hier die Defi­ni­ti­on von Duden:

Ein Träu­mer ist ein „Mensch, der gern träumt, sei­nen Gedan­ken nach­hängt und mit der Wirk­lich­keit nicht recht fer­tig wird.“

Ich glau­be, dass man rea­le Ver­hält­nis­se „erträu­men“ kann. Das hat mit Ver­trau­en zu tun, mit inne­rer Aus­rich­tung. Und mit der Vor­stel­lung, dass wir alle mit allem ver­bun­den sind.

Natür­lich ist die Welt kein Super­markt, aus dem wir uns nach Lust und Lau­ne bedie­nen kön­nen. Alles ist unend­lich viel kom­ple­xer. Oft wis­sen wir ja nicht ein­mal, was gut für uns ist. Es geht um viel Grund­sätz­li­che­res, sogar Außer­sprach­li­ches. Und des­halb über­rascht uns das Leben mit sei­nen kon­kre­ten Wen­dun­gen. Das ist kein Wider­spruch: Über­ra­schung und Erfül­lung zugleich.

Im Grun­de funk­tio­niert mei­ne gesam­te Beruf­lich­keit so.

Ich bin über­zeugt davon, dass Träu­me ein rie­si­ges Poten­zi­al beinhal­ten.

Indi­vi­du­el­le Träu­me und auch kol­lek­ti­ve Träu­me.

Und des­halb glau­be ich auch dar­an, dass die Mensch­heit in der Lage ist, tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen her­bei­zu­füh­ren. Auch dem Tod ins Auge zu sehen, ihn wie­der als Teil des Lebens­kreis­laufs zu begrei­fen.

Roman­ti­sie­re ich?

Gibt es nicht unzäh­li­ge Opfer in die­ser Welt? Aus­ge­lie­fert an Krie­ge, tyran­ni­sche Macht­ha­ber, sozia­le Unge­rech­tig­keit, Ras­sis­mus, Krank­heit, Hun­ger, Will­kür, sexu­el­le Gewalt, Schick­sals­schlä­ge, wirt­schaft­li­che Aus­beu­tung, Zen­sur, man­geln­de Bil­dung, Natur­ka­ta­stro­phen …?

Kann ich nur so daher­re­den, weil ich selbst unend­lich pri­vi­le­giert bin?

Aber ich will kei­nen ein­zi­gen Men­schen auf der Welt auf sei­ne Rol­le als Opfer redu­zie­ren, gebannt in die tota­le Hand­lungs­un­fä­hig­keit. Selbst ein­ge­ker­kert, bedroht, im Ange­sicht des Todes, haben sich Men­schen ihre Wür­de bewahrt, haben Zei­chen gesetzt, über sich selbst hin­aus gewirkt.

Ich weiß nicht, ob ich die Kraft hät­te.

Aber ich weiß, dass ich an Wun­der glau­ben will.

Tag 5, Freitag, 22. Mai 2020

Erdenbewohner*innen

Gemein­sa­mes Den­ken kann rich­tig­ge­hend high machen.

Auch von Jonas möch­te ich erfah­ren, wie er die Zei­ten wahr­nimmt. Er ist Neunt­kläss­ler.

Wir spa­zie­ren dis­ku­tie­rend durch die Son­ne. Über das Wehr und am Fluss ent­lang.

Es beein­druckt mich vom ers­ten Moment an, dass wir in einer Art und Wei­se mit­ein­an­der reden, die ich als höchs­te Kunst des Gedan­ken­aus­tauschs bezeich­nen wür­de.

Ein Wort gibt das ande­re, The­sen wer­den in die Welt gesetzt, wie­der in Fra­ge gestellt, Gedan­ken gedreht und gewen­det, gemein­sam von unter­schied­li­chen Sei­ten beleuch­tet. Es ist wie ein Schwin­gen auf einer Wel­len­län­ge und genau­so haben sich unse­re Schrit­te sofort ein­an­der ange­passt.

Dabei kann­ten wir uns bis vor weni­gen Minu­ten noch gar nicht.

Jonas ist unglaub­lich infor­miert über poli­ti­sche Gescheh­nis­se rund um den Erd­ball, wen­dig in sei­nen Gedan­ken­gän­gen. Es macht mir Spaß, mit ihm zu dis­ku­tie­ren.

Mehr als das. Es beglückt mich zu erle­ben, wie er sich als jun­ger Mensch so tief­grei­fen­de Gedan­ken macht, um das Leben vor der eige­nen Haus­tür, um gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen, den Zustand der Welt.

Jonas kennt nur drei bis vier Gleich­alt­ri­ge in sei­nem direk­ten Umfeld, die auch poli­tisch inter­es­siert sind.

Er star­tet bei Trump. Wir reden über den sich bewaff­nen­den Wider­stand gegen die Coro­na-Maß­nah­men in Ame­ri­ka. Und dar­über, ob poli­tisch radi­ka­le Stim­men von offi­zi­el­len Sei­ten im Inter­net ver­drängt wer­den soll­ten in die Unsicht­bar­keit, oder nicht. Wir erkun­den den Vor­schlag einer mög­li­chen „Dean­ony­mi­sie­rung“ des Inter­nets, den Jonas auf­ge­bracht hat.

Und das ist nur ein win­zi­ger Bruch­teil der The­men­krei­se, die wir auf unse­rer Run­de durch­schrei­ten.

Jonas will nicht weg­schau­en, aber er möch­te auch nicht schwarz­se­hen.

Fata­lis­mus bringt nichts.

Ich neh­me jede Men­ge Impul­se aus die­sem Gespräch mit.

Und habe neue Per­spek­ti­ven gewon­nen.

Schnitt.

Zuletzt möch­te ich noch eine Gedenk­mi­nu­te ein­le­gen für Kali, Bru­no-Hen­ri­et­te und Lil­ly. Drei Hüh­ner, die Her­zens­ge­fähr­ten von Leif, Las­se und Janosch in den ver­gan­ge­nen Coro­na-Wochen. Die der Mar­der getö­tet hat. Vor weni­gen Tagen nur.

Eigent­lich woll­te ich ihnen einen gan­zen Tagestext wid­men. Nun ist es anders gekom­men.

Ich glau­be, die Sache mit den Hüh­nern möch­te lie­ber ein gan­zes Kin­der­buch wer­den. Eine Geschich­te vom Leben, von lan­gen gemein­sa­men Wochen, von Annä­he­run­gen, geteil­ten Ent­de­ckun­gen, auch eine Geschich­te vom Ster­ben. Und davon, dass das Leben für die ande­ren wei­ter­geht. Und dass im Her­zen sogar Platz ist für neue Hüh­ner­freund­schaf­ten, auch wenn Kali, Bru­no-Hen­ri­et­te und Lil­ly uner­setz­lich blei­ben.

Schnitt.

Ich blei­be eine unver­bes­ser­li­che Opti­mis­tin und möch­te zual­ler­al­ler­letzt noch zwei Links zu Tex­ten tei­len, die mich in den letz­ten Wochen ermu­tigt haben:

Mary Oli­ver: Wild Geese

http://www.phys.unm.edu/~tw/fas/yits/archive/oliver_wildgeese.html

und

Charles Eisen­stein: Die Krö­nung (The Coro­na­ti­on)

https://charleseisenstein.org/essays/die-kronung/

Artikel & Ausschreibungen

Foto: Rike Oehlerking
Foto: Rike Oeh­ler­king

Die neu­en Pro­jek­te des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors sind alle gut ange­lau­fen und wer­den toll ange­nom­men. Auch die Pres­se hat bereits eini­ge der Pro­jek­te bespro­chen bzw. Inter­views mit den Pro­jekt­lei­te­rin­nen geführt. Zu die­sen Arti­keln und wei­te­ren Inter­views und Por­träts der ver­gan­ge­nen Mona­te geht es hier»

Zu einem Bei­trag von Radio Bre­men Zwei über unse­ren Blog, die Lyrik-Hot­line und den Brief­aus­tausch geht es hier››

Dar­über hin­aus der Hin­weis, dass wir immer wie­der aus­ge­wähl­te Aus­schrei­bun­gen auf unse­rer Home­page ver­öf­fent­li­chen, wie aktu­ell die Aus­schrei­bung zur Bre­mer Netz­re­si­denz 2020/21 vom vir­tu­el­len Lite­ra­tur­haus Bre­men. Zu den exter­nen Aus­schrei­bun­gen geht es hier››

Projekt Lyrik-Hotline

Foto: Rike Oehlerking
Foto: Rike Oeh­ler­king

Ein Inter­view mit Ange­li­ka Sinn, die die Lyrik-Hot­line im Früh­jahr 2020 anbot, führ­te Sophie Lahu­sen. Es erschien in der taz bre­men, am 1. April 2020. Das Inter­view gibt es hier››

Einen Arti­kel über die Lyrik-Hot­line ver­fass­te Patri­cia Frie­dek. Er erschien in der Wüm­me-Zei­tung des Weser Kurier, am 2. April 2020. Zum Arti­kel geht es hier››

Lyrik-Hotline gegen die kulturelle Isolation

Foto: Rike Oehlerking

Foto: Rike Oehlerking
Fotos: Rike Oeh­ler­king

Öffent­li­che Lesun­gen fal­len aus — was tun? Ein Buch zur Hand neh­men und sel­ber lesen? Rich­tig! Sich die Auf­zeich­nung einer lite­ra­ri­sche Ver­an­stal­tung anschau­en? Auch gut! Oder: Sie las­sen sich am Tele­fon ein Gedicht vor­tra­gen, per­sön­lich für Sie aus­ge­wählt.

Im April ist die Lyrik-Hot­line des Lite­ra­tur­kon­tors mit der Autorin Ange­li­ka Sinn besetzt.
Diens­tags von 18 bis 21 Uhr und don­ners­tags von 15 bis 18 Uhr erwar­tet sie Ihren Anruf — aus­ge­stat­tet mit einer Aus­wahl von Gedich­ten.
Rufen Sie ger­ne an! Unter die­ser Num­mer hören Sie ein Gedicht: 0176 53 56 80 84.
Los geht es am Don­ners­tag, den 2. April, um 15 Uhr. Zum letz­ten Mal erreich­bar ist die Hot­line am 30. April.

„Lyrik-Hot­line gegen die kul­tu­rel­le Iso­la­ti­on“ wei­ter­le­sen

Litko-Schreibwerkstatt für junge Autor*innen ab jetzt online

Foto: Marc Stavros
Foto: Marc Stav­ros

Auch unse­re Schreib­werk­statt für jun­ge Autor*innen fin­det nun online statt. Inter­es­sier­te Jugend­li­che (im Alter von 14 bis 19 Jah­ren) kön­nen sich ab sofort per E‑Mail bei der Pro­jekt­lei­te­rin Lau­ra Mül­ler-Hen­nig mel­den und erhal­ten dar­auf­hin von ihr eine Schreib­an­re­gung. Für dar­aus ent­ste­hen­de Tex­te oder Text­ideen gibt es dann (eben­falls per E‑Mail) ein per­sön­li­ches Feed­back von der Pro­jekt­lei­te­rin, und eine indi­vi­du­ell ange­pass­te zwei­te Schreib­an­re­gung. Mit­ma­chen kön­nen alle, die Lust am Schrei­ben haben, ganz unab­hän­gig von der Text­form. Ob Kurz­ge­schich­ten, Gedich­te, Minia­tu­ren, Song­tex­te oder ande­res – alles ist mög­lich.

Für alle, die dabei sein wol­len: Ein­fach eine Mail schrei­ben an
laura.mueller-hennig@literaturkontor-bremen.de
Die Teil­nah­me ist wie immer kos­ten­los.

 

Nähe­re Infos zur Schreib­werk­statt gibt es hier››

NÄHE in Zeiten von Distanz

Foto: Rike Oehlerking
Foto: Rike Oeh­ler­king
Foto: Kerstin Rolfes
Foto: Kers­tin Rol­fes
Nach knapp 50 Zusen­dun­gen von über 40 Schreiber*innen ist das Pro­jekt Ende April zu Ende gegan­gen.
Einen aus­führ­li­chen Weser Kurier-Arti­kel von Katha­ri­na Froh­ne zum Ver­lauf des Pro­jekts gibt es hier›› 
Ein wei­te­rer Arti­kel zum Pro­jekt ist im deutsch-tsche­chi­schen Online-Maga­zin ›jádu‹ erschie­nen, ver­fasst wur­de er von Janika Rehak. Zu fin­den ist er hier››
Die ursprüng­li­che Aus­schrei­bung gibt es hier››

Nähe in Zeiten von Distanz

Fotos: Rike Oehlerking
Fotos: Rike Oeh­ler­king

Ein Brief­aus­tausch zwi­schen Bet­ty Kolod­zy und Bremer*innen in Koope­ra­ti­on mit dem Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor.

Ein Bericht von Bet­ty Kolod­zy.

Eigent­lich war das Gan­ze eher eine Art Expe­ri­ment mit ergeb­nis­of­fe­nem Aus­gang: Wer wür­de sich jetzt, wo die Welt gera­de mit einer Wucht zum Still­stand kam, schon die Mühe machen, einen Brief zu ver­fas­sen, geschwei­ge denn, die­sen mit Mas­ke und Abstand in einer Post­fi­lia­le auf­zu­ge­ben oder in einen öffent­li­chen Brief­kas­ten zu wer­fen? Whats­App, Sky­pe, Face­Time und Tele­fon las­sen grü­ßen.

Doch dann kam alles ganz anders: Als hät­ten die Brie­fe­schrei­ben­den nur auf den Start­schuss zu solch einem Pro­jekt gewar­tet! Mit dem Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor als Adres­se und Jens Laloire als Hüter der in Wel­len ein­lau­fen­den Post („Es kamen vier Brie­fe an, Bet­ty. Sie sind wie­der nur für dich!“), begann der Kon­takt mit mir unbe­kann­ten Men­schen.

Ich bekam Post aus Schwa­ne­we­de-Neu­en­kir­chen, Sot­trum, Cux­ha­ven, Schö­ne­beck, Bruch­hau­sen-Vil­sen, Asen­dorf, Vege­sack, Rit­ter­hu­de, aus dem Vier­tel, aus der Neu­stadt … Von Frau­en und Män­nern in unter­schied­li­chen Lebens­si­tua­tio­nen … Und bis zum Alter von 89 Jah­ren! Kunst­post­kar­ten (auch eige­ne Kunst, also die einer Bre­mer Künst­le­rin, die ein bezau­bern­des Gedicht schick­te *), Ansichts­kar­ten aus fer­nen, auf ein­mal uner­reich­bar schei­nen­den Desti­na­tio­nen, grü­ne, gel­be, rosa Kuverts mit Ernie-und-Ber­t‑, Blu­men- oder dun­kel­blau­en Beet­ho­ven-Brief­mar­ken. Hand­ge­schrie­be­ne und getipp­te Zei­len. Zeich­nun­gen und Illus­tra­tio­nen. Eine Audio­da­tei mit Hör­buch, geschrie­ben von einer Freun­din­nen-Cli­que – inklu­si­ve Brief, kunst­voll illus­trier­tem Cover mit Ele­men­ten der Sto­ry, Fotos und Film zu den Autorin­nen.

Fast 50 Zusen­dun­gen, die mich zutiefst berühr­ten, die ich auf dem Rück­weg vom Lite­ra­tur­kon­tor wie einen Schatz nach Hau­se trug, um sie zu gege­be­ner Zeit zu öff­nen und zu lesen. Zwei, drei Mal pro Woche hol­te ich „mei­ne“ Post ab …

ABSTAND!!!!

Kei­ne Sor­ge: Auch die Brief­über­ga­be folg­te einem stren­gen Ritu­al, das heu­te sicher­lich Hygie­nekon­zept genannt wer­den darf. Oder soll. Auch Spra­che wan­delt sich. Ich erin­ne­re mich an das Wort See­len­hy­gie­ne, das mich, als es damals auf­kam, auf Anhieb abstieß. Hygie­nekon­zept im Zusam­men­hang mit Kul­tur lässt mich erschau­ern. Auch nach drei Mona­ten Coro­na noch. Lesun­gen, Kon­zer­te, Kino, Thea­ter, Hygie­nekon­zept. Ich den­ke an das kom­men­de Sil­ves­ter ganz ohne Tanz.

Um den Coro­na-Auf­la­gen oder ‑Maß­nah­men Fol­ge zu leis­ten, ver­ab­re­de­ten Jens Laloire und ich uns vor dem Ein­gang der Vil­la Ichon. Genau genom­men in Nähe einer Holz­bank unter dem Schat­ten­baum, von dem sich der Pau­la-Moder­sohn-Becker-Steg hin­ter über­bor­den­dem Früh­lings­grün nur erah­nen lässt. Auf jene Holz­bank leg­te Jens mei­ne Post und mach­te ein paar aus­la­den­de Schrit­te Rich­tung Thea­ter, so dass ich, mich nun Rich­tung Bank bewe­gend, die ver­schlos­se­nen Brief­um­schlä­ge in Emp­fang neh­men konn­te.

Danach spra­chen wir mit gebüh­ren­der Distanz ein paar Tak­te, wäh­rend die Vögel der Wall­an­la­gen zwit­scher­ten. Im Lau­fe der Zeit, und weil außer der Natur und unse­rem Spre­chen eigent­lich gar kei­ne ande­ren Geräu­sche zu hören waren (die Men­schen blie­ben zu Hau­se, die Autos der Poser war­te­ten dort auf bes­se­re Zei­ten) ent­stand eine Art Gleich­klang: Natur, Wor­te, gespro­chen und geschrie­ben. Ja, auch die geschrie­be­nen, noch ein­ge­schlos­se­nen Wor­te misch­ten sich in die­se Minu­ten und dräng­ten an die Ober­flä­che. Das war das Signal zum Auf­bruch.

Ich beant­wor­te­te maxi­mal zwei Brie­fe am Tag. Mehr nicht, weil ja die Wor­te der Schrei­ben­den ihre Wir­kung ent­fal­ten soll­ten und ich mich auf sie ein­las­sen woll­te.

Neben Men­schen, die schon regel­mä­ßig schrie­ben, fühl­ten sich vie­le durch den Auf­ruf zum Brief­aus­tausch zum ers­ten Mal dazu inspi­riert, eige­ne Gedan­ken zu einem The­ma (hier: Nähe) in Wor­te zu fas­sen.

Sie schick­ten mir Brie­fe, in denen sie Per­sön­li­ches aus ihrem Leben in Bezug auf Nähe schil­der­ten (Das Ver­trau­en berühr­te mich sehr), aber auch Gedich­te, eine Erl­kö­nig-Adap­ti­on, eine phi­lo­so­phi­sche Oster­ha­si­ge­schich­te, magi­sche Natur­er­leb­nis­se, Gedan­ken­split­ter, Gefühls­be­schrei­bun­gen …

Noch heu­te füh­le ich mich den Autorin­nen und Autoren der Brie­fe ver­bun­den, obwohl ich sie noch nie gese­hen habe. Viel­leicht ken­ne ich sie nun ein biss­chen, und ich glau­be und hof­fe, dass auch sie mich durch unser gemein­sa­mes Pro­jekt etwas näher ken­nen­ge­lernt haben. Manch­mal ent­deck­te ich Par­al­le­len zwi­schen den Ver­fas­se­rin­nen und Ver­fas­sern unter­ein­an­der oder auch mir. Das zeigt mir, wie ähn­lich wir uns alle doch sind. Oder wie nah.

* „Acht Rosen­län­gen Abstand“ aus dem Elf­chen der Künst­le­rin Ange­li­ka Bruns wur­de am 2. Mai 2020 zur Head­line in Katha­ri­na Froh­nes Arti­kel im Weser Kurier

Brief-Collage

Von den Brie­fen hat Bet­ty Kolod­zy sich zur fol­gen­den Col­la­ge aus Brief­frag­men­ten inspi­rie­ren las­sen (mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Autor*innen und einem herz­li­chen Dank an die­se*)

Ohne dei­ne Berüh­rung

Wer spu­ket her­um durch Raum und Wind, ver­brei­tet sich rasant, geschwind … Und dann war Ruhe. Coro­na hat die Welt an die Ket­te gelegt. Nach kur­zem Inne­hal­ten und Erstau­nen über­neh­men die Vögel. Der Fisch­rei­her steht mit lan­gen Bei­nen auf dem Dach. Wie in Tran­ce über­wacht er das Gesche­hen. Man ist den ande­ren zuge­wandt und lässt doch eine Distanz, eine respekt­vol­le Gren­ze. Aber heu­te, mit stei­gen­den C‑Infiziertenzahlen: vie­le Bli­cke, die sich abwen­den schon vor der Pflicht­di­stanz. Viel­leicht über­deck­te die übli­che Umar­mung auch eini­ges? Neu­lich, schreibst Du, hät­test Du eine Freun­din in aller Öffent­lich­keit umarmt. Wie mag sich das ange­fühlt haben? Und spür­tet ihr nicht die Bli­cke aus 1,5 Metern Ent­fer­nung? Unver­ant­wort­lich, wie Du sel­ber fin­dest, aber die Wie­der­se­hens­freu­de nach Wochen der Iso­la­ti­on … In deut­li­chem Abstand, jedoch nah genug. Wäre das nicht auch eine Mög­lich­keit gewe­sen? Eine Freun­din in aller Öffent­lich­keit umarmt … Unge­heu­er­lich! Wenn Du‘s wenigs­tens gehal­ten hät­test wie der net­te Ver­käu­fer im Blu­men­meer: acht Rosen­län­gen Abstand. Prall ent­fal­te­te Blü­ten. Tief rot vio­lett. Betö­rend ihr Duft.

Pfingst­ro­sen im Glas, im mil­den Abend­licht. Die Ver­bin­dung zu Men­schen in aller Welt, ohne ein­an­der zu ken­nen oder je getrof­fen zu haben. Nähe ist mehr als eine Dimen­si­on im Raum, in dem uns die Wor­te blei­ben. Lass mich Dein war­mes Atmen hören. Nimm dann von mir das Schwei­gen und tra­ge es bis in die schwar­ze Stil­le.

*Jür­gen Bos­se, Peter Böh­me, Ange­li­ka Bruns, Tomas Bün­ger, Albrecht Clauß, Ger­lind Eiw, Wal­traud Fit­schen, Eli­sa­beth Herr­mann, Frie­de­ri­ke Her­man­ni, Kay Ketel­sen, Ingrid Ken­ner-Mau­cher, Elke Stein

Auszüge aus Briefen der Teilnehmenden

Vie­le berüh­ren­de, krea­ti­ve und teil­wei­se auch sehr per­sön­li­che Brie­fe haben uns im Rah­men des Brief­aus­tauschs erreicht, des­halb ver­öf­fent­li­chen wir an die­ser Stel­le mit der freund­li­chen Geneh­mi­gung der Autor*innen ein paar aus­ge­wähl­te Aus­zü­ge aus ihren Brie­fen.

„Aus­zü­ge aus Brie­fen der Teil­neh­men­den“ wei­ter­le­sen

Offene Schreibzeit mit Jutta Reichelt im Internet

Foto: privat
Foto: pri­vat

Zur­zeit läuft die Offe­ne Schreib­zeit, die wir sonst jeden drit­ten Frei­tag im Monat in der Vil­la Ichon anbie­ten, als offe­ne vir­tu­el­le Schreib­werk­statt auf Jut­ta Rei­chelts Blog. Dort bie­tet die Autorin Schreib­an­re­gun­gen an und tauscht sich mit den Teilnehmer*innen ihrer Schreib­werk­statt über das Schrei­ben aus.

Jut­ta Rei­chelt über die vir­tu­el­le Schreib­werk­statt: ›Mei­ne wich­tigs­te Auf­ga­be sehe ich auch dort dar­in, Men­schen in ihren Schreib­pro­zes­sen zu unter­stüt­zen – durch Schreib­an­re­gun­gen, die es ihnen erleich­tern „ins Schrei­ben“ zu kom­men, durch Tipps bei kon­kre­ten Fra­gen oder Unsi­cher­hei­ten, durch Infor­ma­tio­nen über typi­sche Her­aus­for­de­run­gen des Schreib­pro­zes­ses.‹

Hier geht es zur Offe­nen Schreib­zeit››

Senat beschließt Sofortprogramm zur Unterstützung freischaffender Künstler*innen

Da vie­le frei­schaf­fen­de Künstler*innen bei den vor­han­de­nen För­der­pro­gram­men durchs Ras­ter fal­len, hat der Senat am 31. März 2020 ein Sofort­pro­gramm zur Unter­stüt­zung frei­schaf­fen­der Künstler*innen auf­grund der Aus­wir­kun­gen der Coro­na­vi­rus-Kri­se beschlos­sen. In der För­der­richt­li­nie zum beschlos­se­nen Sofort­pro­gramm heißt es:

In dem Pro­gramm sol­len selb­stän­di­ge Künstler/innen, die wegen der Coro­na­vi­rus-Kri­se nach­ge­wie­se­ne Ein­nah­me­aus­fäl­le seit dem Stich­tag 18. März 2020 infol­ge der Absa­ge von Ver­an­stal­tun­gen oder der Schlie­ßung von Ein­rich­tun­gen haben, eine ein­ma­li­ge, nicht rück­zahl­ba­re Unter­stüt­zung in Höhe von bis zu 2.000 € nach Maß­ga­be die­ser Richt­li­nie erhal­ten kön­nen. Es ste­hen Haus­halts­mit­tel in Höhe von 500.000 € zur Ver­fü­gung.

„Senat beschließt Sofort­pro­gramm zur Unter­stüt­zung frei­schaf­fen­der Künstler*innen“ wei­ter­le­sen

Unterstützung von Autor*innen

Aufgrund der aktu­el­len Ent­wick­lung muss­ten auch wir schwe­ren Her­zens alle lite­ra­ri­schen Ver­an­stal­tun­gen der kom­men­den Wochen absagen (bis mind. Ende Juni).

Unser Ziel ist es, alle Ver­an­stal­tun­gen nach­zu­ho­len und dafür neue Ter­mi­ne zu fin­den, sobald sich die Lage beru­higt hat. Doch selbst wenn uns das gelin­gen soll­te, ändert es nichts dar­an, dass vie­le Autor*innen sowie alle wei­te­ren frei­schaf­fen­den Künstler*innen und Freiberufler*innen aller Art damit umge­hen müs­sen, dass ihnen ihre Ein­nah­men teil­wei­se auf Wochen kom­plett weg­bre­chen.

Die­se Aus­fäl­le las­sen sich in der aktu­el­len Lage nicht kom­pen­sie­ren, und auch nicht in den kom­men­den Mona­ten. Darlehen/Kredite sind in die­ser Situa­ti­on kei­ne wirk­li­che Hil­fe. Daher braucht es ande­re For­men der Unter­stüt­zung wie z.B. ein (tem­po­rä­res) bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men — und des­halb unter­stüt­zen wir fol­gen­de Peti­ti­on, die sich genau dafür ein­setzt! Wer die­se Initia­ti­ve eben­falls unter­stüt­zen will, möge die Peti­ti­on unter­schrei­ben, tei­len und mit Spen­den unter­füt­tern.

https://www.openpetition.de/petition/online/hilfen-fuer-freiberufler-und-kuenstler-waehrend-des-corona-shutdowns‑2

Für freie Autor*innen fin­den sich hier wei­te­re wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen vom VS, der VG Wort und der Kul­tur­be­hör­de.

„Unter­stüt­zung von Autor*innen“ wei­ter­le­sen

Unterstützung von Buchhandlungen

Buch­hand­lun­gen sind zen­tral für die Bre­mer Lite­ra­tur­sze­ne. Sie ver­sor­gen uns nicht nur mit lebens­not­wen­di­gem Lese­stoff, son­dern schaf­fen Auf­merk­sam­keit für ein­zel­ne Bücher und Autor*innen. Sie sind Begeg­nungs- und Ver­an­stal­tungs­orte – ins­be­son­de­re auch für vie­le Bre­mer Autor*innen, die oft in Buch­hand­lun­gen ihre neu­en Bücher vor­stel­len (z.B. im Rah­men einer Bre­mer Buch­Pre­mie­re). Ohne Buch­hand­lun­gen gäbe es zum Bei­spiel auch nicht unse­re Lite­ra­tur­nachtBre­men liest“.

Dar­über hin­aus leis­ten die Buchhändler*innen noch vie­les mehr. Dass sie nun ihre Läden schlie­ßen muss­ten, bedeu­tet für vie­le so gro­ße Umsatz­ver­lus­te, dass sie per­spek­ti­visch in ihrer Exis­tenz bedroht sind.

Des­halb bedarf es der unkom­pli­zier­ten und schnel­len Unter­stüt­zung durch die Bun­des­re­gie­rung. Aber es braucht dar­über hin­aus auch die Unter­stüt­zung aller Leser*innen!

Die meis­ten Buch­hand­lun­gen bie­ten aktu­ell an, dass man tele­fo­nisch oder online bei ihnen Bücher bestel­len kann, die dann gelie­fert wer­den. Bevor wir also auf gro­ße Online-Händ­ler aus­wei­chen, soll­ten wir lie­ber bei den loka­len Buch­hand­lun­gen nach­fra­gen, ob sie momen­tan lie­fern. Je mehr Bücher bestellt wer­den, des­to mehr loh­nen sich die Lie­fe­run­gen auch für die Buchhändler*innen. Hier sind Hams­ter­käu­fe im Sin­ne der Soli­da­ri­tät also durch­aus sinn­voll!

Absage aller Veranstaltungen der kommenden Wochen

Auf­grund der aktu­el­len Ent­wick­lung und der Emp­feh­lun­gen, die von den Behör­den aus­ge­spro­chen wer­den, sagt das Team des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor alle Lesungen/Veranstaltungen der kom­men­den Wochen (bis min­des­tens Ende Juni) ab, bei denen das Lit­ko Ver­an­stal­ter bzw. Koope­ra­ti­ons­part­ner ist.
Wir bedau­ern die Absa­gen sehr, hal­ten sie momen­tan aber für die ein­zig rich­ti­ge Ent­schei­dung. Bei allen Ver­an­stal­tun­gen hof­fen wir natür­lich dar­auf, dass wir sie nach­ho­len kön­nen, sobald sich die Lage beru­higt hat. Bis dahin fin­den eini­ge Ver­an­stal­tun­gen online statt. In unse­rem Kalen­der wird stets Aktu­el­les ange­kün­digt.
Auch wenn die Lesun­gen ent­fal­len, gibt es natür­lich den­noch die Bücher der Autor*innen, die in den kom­men­den Wochen gele­sen hät­ten, in den Bre­mer Buch­hand­lun­gen zu kau­fen. Gera­de in Zei­ten, in denen vie­le Autor*innen Hono­rar­aus­fäl­le ver­kraf­ten müs­sen, wäre es eine schö­ne soli­da­ri­sche Ges­te, ihre Bücher zu kau­fen, um dar­in auf dem hei­mi­schen Sofa oder in der Früh­lings­son­ne zu schmö­kern. Für Frei­schaf­fen­de gibt es außer­dem auf unse­rer Unter­sei­te Info-Mate­ri­al einen Über­blick von För­de­run­gen und Sofort­hil­fen.
Mit herz­li­chen Grü­ßen, das Team des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor!

Ulrike Draesner erhält den Preis der LiteraTour Nord 2020

Foto: Dominik Butzmann
Foto: Domi­nik Butz­mann

Als Mit­ver­an­stal­ter der Lite­ra­Tour Nord gra­tu­lie­ren wir ganz herz­lich Ulri­ke Dra­es­ner zum Preis der Lite­ra­Tour Nord 2020!

Die in Ber­lin und Oxford leben­de freie Schrift­stel­le­rin Ulri­ke Dra­es­ner erhält den von der VGH-Stif­tung aus­ge­lob­ten und mit 15.000 Euro dotier­ten Preis der Lite­ra­Tour Nord. Mit die­ser Ent­schei­dung wür­di­gen Jury und Stif­te­rin die Autorin sowohl für ihr bis­he­ri­ges Werk als auch für ihre zuletzt erschie­ne­ne Novel­le „Kanal­schwim­mer“ (mare Ver­lag, 2019).

Wei­te­re Infos gibt es hier››

Ausschreibung für die 3. Bremer Literaturnacht am 4. September 2020

Lie­be Autorin­nen und Autoren,

nach den erfolg­rei­chen ers­ten bei­den Aus­ga­ben von „Bre­men liest!“ öff­nen Bre­mens Buch­hand­lun­gen und Ver­la­ge auch im Jahr 2020 einen Abend lang ihre Türen. Orga­ni­sa­to­ren der 3. Bre­mer
Lite­ra­tur­nacht,
die am Frei­tag, 4. Sep­tem­ber 2020, von vor­aus­sicht­lich 19 bis 24 Uhr statt­fin­det, sind das Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor und Wel­len­schlag Text- und Ver­lags­kon­tor in Koope­ra­ti­on mit dem Bör­sen­ver­ein des Deut­schen Buch­han­dels Nord und dem vir­tu­el­len Lite­ra­tur­haus Bre­men sowie mit freund­li­cher Unter­stüt­zung des Sena­tors für Kul­tur Bre­men und der Bre­mer Lite­ra­tur­stif­tung.

Auch für die drit­te Auf­la­ge der Lite­ra­tur­nacht suchen wir wie­der Bre­mer Autor*innen, die eine halb­stün­di­ge Lesung in einer der betei­lig­ten Buch­hand­lun­gen anbie­ten möch­ten. Sowohl bereits eta­blier­te Literat*innen als auch Nachwuchsautor*innen sind herz­lich ein­ge­la­den. Das The­ma und Gen­re sind frei wähl­bar.

Anmel­dun­gen sind bit­te per Mail an Hel­ge Hom­mers (helge.hommers@literaturkontor-bremen.de) zu rich­ten, der in die­sem Jahr für das Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor alle Anmel­dun­gen ent­ge­gen­nimmt.
Ein­sen­de­schluss ist der 16. März 2020. Fol­gen­de Anga­ben sind not­wen­dig:

  • Wer liest? (Name der Autorin/des Autors)
  • Was soll gele­sen wer­den? (Titel des Textes/Buches). Die Buchhändler*innen wür­den sich freu­en, wenn Autor*innen, die schon ver­öf­fent­licht haben,            aus ihren bereits erschie­ne­nen
    Büchern lesen (statt aus bis­her noch unver­öf­fent­lich­ten Tex­ten). In die­sem Fall bit­te Ver­lag            & Erschei­nungs­jahr ange­ben.
  • Wel­cher Gat­tung & wel­chem Gen­re lässt sich der Text zuord­nen? (Lyrik, Pro­sa, Kri­mi etc.)

Eine Wunsch-Buch­hand­lung für die Lesung anzu­ge­ben, ist lei­der nicht mög­lich, da allein schon die Orga­ni­sa­ti­on und Ver­tei­lung der Mit­wir­ken­den auf die ein­zel­nen Lese­or­te jedes Jahr eine logis­ti­sche Her­aus­for­de­rung dar­stellt. Aller­dings wer­den wir ver­su­chen, Autor*innen, die bereits in den ver­gan­ge­nen Jah­ren bei „Bre­men liest“ dabei waren, in Buch­hand­lun­gen unter­zu­brin­gen, in denen sie bis­her noch nicht gele­sen haben.

Nach Ein­sen­de­schluss wer­den wir eine Lis­te mit den gesam­mel­ten Anmel­dun­gen erstel­len und den betei­lig­ten Buch­hand­lun­gen vor­le­gen. Die­se wäh­len dann jeweils drei Autor*innen aus, die für sie infra­ge kom­men.

Bis Mit­te Mai erhal­ten alle Autor*innen Bescheid, ob sie an der 3. Bre­mer Lite­ra­tur­nacht teil­neh­men und wenn ja, in wel­cher Buch­hand­lung sie lesen wer­den. Das Hono­rar für die Lesen­den beträgt min­des­tens 100,- Euro pro Lesung (eine geplan­te Erhö­hung auf 150,- Euro ist abhän­gig von der Bewil­li­gung bean­trag­ter Pro­jekt­mit­tel beim Sena­tor für Kul­tur, die auf­grund der lau­fen­den Haus­halts­ver­hand­lun­gen noch aus­steht).

Ansprech­part­ner für Anmel­dung und Nach­fra­gen ist Hel­ge Hom­mers:
helge.hommers@literaturkontor-bremen.de

Wir freu­en uns auf vie­le Anmel­dun­gen und eine span­nen­de 3. Bre­mer Lite­ra­tur­nacht!

Herz­li­che Grü­ße
Gabrie­le Becker (Wel­len­schlag) & Jens Laloire (Lite­ra­tur­kon­tor)

PS: Die­se Aus­schrei­bung darf sehr ger­ne wei­ter­ge­lei­tet wer­den!

Exposés schreiben

Ein Work­shop des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors mit der Dra­ma­tur­gin und Autorin Regi­na Weber

Wie schrei­be ich ein Expo­sé für einen fik­tio­na­len Stoff, um mich für ein Sti­pen­di­um zu bewer­ben oder mich bei einem Ver­lag oder einer Agen­tur vor­zu­stel­len?

Mit die­sem Work­shop möch­te das Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor sechs Bre­mer Autor*innen die Mög­lich­keit geben, mit geziel­ter dra­ma­tur­gi­scher Unter­stüt­zung und im gegen­sei­ti­gen Aus­tausch ein aus­sa­ge­kräf­ti­ges Expo­sé für ein Roman­pro­jekt zu ent­wi­ckeln.

Einen Tag lang bespre­chen wir in einer klei­nen Grup­pe die Stof­fe. Die Teilnehmer*innen brin­gen ihr bis­her erar­bei­te­tes Expo­sé (1 — 3 Sei­ten) mit und stel­len ihren Stoff vor. Gemein­sam bespre­chen wir den Stand der Din­ge, Stär­ken und Schwä­chen, und ent­wi­ckeln und dis­ku­tie­ren Vor­schlä­ge zur Über­ar­bei­tung und Wei­ter­ent­wick­lung der Expo­sés. Nicht nur die lei­ten­de Dra­ma­tur­gin, son­dern auch die ande­ren Teilnehmer*innen brin­gen ihre Fra­gen und Ideen ein, um die Expo­sés wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Bis zum zwei­ten Ter­min wer­den alle Expo­sés über­ar­bei­tet und ein zwei­tes Mal dis­ku­tiert. Ziel des Work­shops ist ein aus­sa­ge­kräf­ti­ges Expo­sé, mit dem sich die Autor*innen für ein Sti­pen­di­um bewer­ben oder das sie bei einem Ver­lag oder einer Agen­tur ein­rei­chen kön­nen.

Dead­line für die Bewer­bung ist der 24.2.2020. Bis dahin müs­sen die Expo­sés vor­lie­gen. Eine Woche vor dem ers­ten Work­shop-Ter­min (7.3.) wer­den alle Bewerber*innen benach­rich­tigt und bekom­men die aus­ge­wähl­ten Teilnehmer*innen die Expo­sés der fünf ande­ren zuge­schickt – mit der Bit­te, sie bis zum Work­shop gründ­lich zu lesen.

Ter­mi­ne:             Sams­tag, den 7. und 28. März 2020 jeweils von 10 bis 17 Uhr

Ort:                       Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor, Vil­la Ichon, Goe­the­platz 4, 28203 Bre­men.

Der Work­shop wird orga­ni­siert durch das Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor und ist für Mit­glie­der des Ver­eins kos­ten­los. Ande­re Bremer*innen zah­len einen Unkos­ten­bei­trag von 25,- Euro für bei­de Ter­mi­ne.

Bewer­bun­gen mit den voll­stän­di­gen Kon­takt­da­ten (Name, Anschrift, Tele­fon, E‑Mail-Adres­se) und dem Expo­sé (als PDF) bit­te per E‑Mail an fol­gen­de Adres­se schi­cken: info@literaturkontor-bremen.de

Kon­takt: Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor / Jens Laloire, Vil­la Ichon, Goe­the­platz 4, 28203 Bre­men,
Tel.: 0421 327943, E‑Mail: info@literaturkontor-bremen.de, www.literaturkontor-bremen.de

Regi­na Weber ist nach vie­len Jah­ren als Redak­teu­rin (ARD, ZDF) als frei­be­ruf­li­che Film- und Fern­seh­dra­ma­tur­gin tätig und hat zahl­rei­che Seri­en, TV- Spiel­fil­me und Kino­stof­fe lek­to­riert und dra­ma­tur­gisch beglei­tet. Vom WS 2012/13 bis SS 13 war Regi­na Weber Dozen­tin an der Bre­mer Uni­ver­si­tät für Krea­ti­ves Dreh­buch­schrei­ben. Sie ist Mit­glied im Ver­band für Film- und Fern­seh­dra­ma­tur­gie e.V., VeDRA (www.dramaturgenverband.org/profil/regina-weber und www.skriptreif.de)

OUT LOUD — Zweite Runde

Ende Janu­ar hat die zwei­te Run­de unse­rer Lese­rei­he ›OUT LOUD‹ im Bre­mer Lager­haus begon­nen. Zu Gast sind in die­ser Rei­he Frau­en, die sich in ihren Bücher mit beson­de­ren, muti­gen und bewe­gen­den The­men beschäf­ti­gen. Bereits in die­sem Jahr gele­sen haben Ste­fa­nie de Velas­co (›Kein Teil der Welt‹) und Jana Hen­sel (›Wie alles anders bleibt‹). Die Lesun­gen von Ali­ce Has­ters und Jas­min Schrei­ber wur­den wegen der Coro­na-Kri­se in die zwei­te Jah­res­hälf­te ver­legt.

Wei­te­re Infos gibt es hier»

Literarischer Kulturaustausch

Foto: Rike Oehlerking
Foto: Rike Oeh­ler­king

Eine offe­ne Schreib­werk­statt für Men­schen aus allen Län­dern und Kul­tur­krei­sen

Hei­mat, Glau­be, Iden­ti­tät, Fami­lie und Freund­schaf­ten, woh­nen, arbei­ten, fei­ern – die The­men die­ser Schreib­werk­statt sind viel­fäl­tig.
Teil­neh­men kön­nen Erwach­se­ne jeden Alters aus allen Län­dern und Kul­tur­krei­sen.
Unter Anlei­tung der Autorin Ange­li­ka Sinn schrei­ben sie über die zahl­rei­chen Facet­ten ihrer Her­kunft und Kul­tur, über ihre Erfah­run­gen und Erleb­nis­se.

Per­fek­tes Deutsch und lite­ra­ri­sche Vor­er­fah­rung sind nicht nötig! Die Teil­nah­me an der Schreib­werk­statt ist kos­ten­los.

Ter­mi­ne
Sams­tag, 5. Sep­tem­ber 2020
11 – 17 Uhr

Ort
Vil­la Ichon, Raum 5
Goe­the­platz 4
28203 Bre­men

Nähe­re Infos und Anmel­dung
Ange­li­ka Sinn
kulturaustausch@literaturkontor-bremen.de

Literarischer Kulturaustausch

Foto: Rike Oehlerking
Foto: Rike Oeh­ler­king

Eine offe­ne Schreib­werk­statt für Men­schen aus allen Län­dern und Kul­tur­krei­sen

Hei­mat, Glau­be, Iden­ti­tät, Fami­lie und Freund­schaf­ten, woh­nen, arbei­ten, fei­ern – die The­men die­ser Schreib­werk­statt sind viel­fäl­tig.
Teil­neh­men kön­nen Erwach­se­ne jeden Alters aus allen Län­dern und Kul­tur­krei­sen.
Unter Anlei­tung der Autorin Ange­li­ka Sinn schrei­ben sie über die zahl­rei­chen Facet­ten ihrer Her­kunft und Kul­tur, über ihre Erfah­run­gen und Erleb­nis­se.

Per­fek­tes Deutsch und lite­ra­ri­sche Vor­er­fah­rung sind nicht nötig! Die Teil­nah­me an der Schreib­werk­statt ist kos­ten­los.

Ter­mi­ne
Sams­tag, 8. Febru­ar 2020, und
Sams­tag, 25. April 2020,
jeweils 11 – 16 Uhr

Ort
Vil­la Ichon, Raum 2
Goe­the­platz 4
28203 Bre­men

Nähe­re Infos und Anmel­dung
Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor
info@literaturkontor-bremen.de
0421–327943

Workshop ›Minimale Schreibexkursionen‹

Mit der bil­den­den Künst­le­rin Ste­fie Steden

Ein VS-Autor*innentag für Men­schen aus allen Län­dern, Kul­tur­krei­sen und Alters­grup­pen (ggf. mit eige­nem Lap­top)

Schrei­ben an unge­wöhn­li­chen Orten  des all­täg­li­chen Lebens, im Blick die Umge­bung und das, was uns dabei durch den Kopf geht. Im Anschluss an die Schreib­pha­se ent­ste­hen mehr­stim­mi­ge Tex­te, die sor­tiert, ver­le­sen, über­setzt und spä­ter gedruckt wer­den.

Der Kern des Inter­es­ses der bil­den­den Künst­le­rin Ste­fie Steden erschließt sich im Hier und Jetzt. Gemein­sam mit Teil­neh­men­den mit und ohne künst­le­ri­sche Hin­ter­grün­de erforscht sie den „Augen­blick der Fer­ne“ und nennt es „mini­ma­les Rei­sen“. Gern stellt sie ihre wei­te­ren Pro­jek­te vor: „Zim­mer­rei­sen“ und mini­ma­le Rei­sen in die kunsthallebelow.de

Ste­fie Steden stu­dier­te in den Nie­der­lan­den bil­den­de Kunst und lebt und arbei­tet  seit 1995 in Ber­lin und Below (Meck­len­burg-Vor­pom­mern). Neben Gestal­tung, Auf­bau und kura­to­ri­scher Betreu­ung der KHB (Kunst­hal­le Below), steht das „mini­ma­le Rei­sen“ im Zen­trum ihrer expe­ri­men­tel­len künst­le­ri­schen For­schun­gen.

Die Ver­an­stal­tung fin­det als Koope­ra­ti­on zwi­schen VS – Ver­band deut­scher Schriftsteller*innen Nie­der­sach­sen-Bre­men und dem Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor statt.

KOSTENLOS für Mit­glie­der von VS und Lite­ra­tur­kon­tor, Nicht­mit­glie­der zah­len 10 Euro Auf­wands­ent­schä­di­gung

Am Frei­tag, 28. Febru­ar 2020 von 15–19 Uhr
im Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor

Vil­la Ichon
Goe­the­platz 4
28203 Bre­men

Nähe­re Infos und Anmel­dung
Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor
info@literaturkontor-bremen.de
0421–327943

Neues Angebot: Offene Schreibzeit im Literaturkontor

Am Frei­tag, 17. Janu­ar, star­tet unser neu­es Ange­bot: Die ›Offe­ne Schreib­zeit‹ mit der Autorin Jut­ta Rei­chelt lädt regel­mä­ßig ein zum Schrei­ben und zur Arbeit an eige­nen Tex­ten. Jeden drit­ten Frei­tag im Monat haben Inter­es­sier­te die Mög­lich­keit in einem Zeit­raum von vier Stun­den Unter­stüt­zung zu bekom­men.

Wei­te­re Infos gibt es hier»

Nr. 12: Neuestes MiniLit-Heft

Druck­frisch! Pünkt­lich zum Start ins neue Jahr­zehnt erscheint das zwölf­te Heft unse­rer Mini­Lit-Rei­he.

Dies­mal haben Hel­ge Hom­mers (›Das letz­te Paar Schnür­schu­he‹) und Jan Ewring­mann (›Kei­ne Bal­ko­ne‹) Tex­te zur Aus­ga­be bei­gesteu­ert.

Die Mini­Lit-Hef­te sind kos­ten­los. Sie lie­gen im Lite­ra­tur­kon­tor, in den Bre­mer Buch­hand­lun­gen und an ande­ren Lite­ra­tur- und Kul­tur­or­ten aus.
Viel Spaß beim Lesen!

Wei­te­re Infos

Erfolgreicher Jahresabschluss im Kukoon

Mit der Abschluss­le­sung der dies­jäh­ri­gen Pro­sa-Werk­statt unter der Lei­tung des Autors Micha­el Wil­den­hain beging das Lite­ra­tur­kon­tor am 6. Dezem­ber sei­nen tra­di­tio­nel­len Jah­res­ab­schluss. Dies­mal wur­de erst­mals ins Kul­tur­zen­trum Kuko­on in der Neu­t­stadt gela­den. Es lasen fünf Teilnehmer*innen der Werk­statt: Bet­ti­na Beut­ler-Prahm, The­re­sa Heyn, Hel­ge Hom­mers, Julia San­der und Lau­ra Mül­ler-Hen­nig.

Mit dem Abend blick­te das Lite­ra­tur­kon­tor auf ein erfolg­rei­ches Jahr 2019 zurück: Neben 30 Bre­mer Buch­Pre­mie­ren wur­den Lese­rei­hen wie Lit­Clips und die Lite­ra­Tour Nord durch- und wei­ter­ge­führt. Hin­zu kam die Wie­der­auf­nah­me der Rei­he Dop­pel­pack sowie die Neu­ein­füh­rung der Rei­he OUT LOUD. Außer­dem wur­de zum zwei­ten Mal die Lan­ge Lese­nacht ›Bre­men liest!‹ ver­an­stal­tet. Dar­über hin­aus gab es u.a. ver­schie­de­ne Work­shops, Lesun­gen im Rah­men von Fes­ti­vals, zahl­rei­che Buch­vor­stel­lun­gen, zwei wei­te­re Mini­Lit-Hef­te sowie die Ver­öf­fent­li­chung des Buchs ›So nimmt man das Leben mit‹.

All das und noch mehr war dank vie­ler Projektmitarbeiter*innen und Kooperationsparter*innen auch im 36. Jahr des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor e.V. mit so gro­ßem Erfolg mög­lich. Hier­für sagen wir DANKE!

Fotos: Rike Oehlerking
Fotos: Rike Oeh­ler­king

Rezension: So nimmt man das Leben mit

Ich bin ein Mensch wie Ein­stein / Ent­wur­zelt / In einem frem­den Land lie­ge ich im Kran­ken­haus / Und eines Nachts / erzäh­le ich aus Ver­se­hen / etwas in mei­ner Mut­ter­spra­che / Mit der Bit­te / Ver­sucht mich zu ver­ste­hen /Versucht mei­nen Schmerz zu ver­ste­hen / Ver­sucht mei­ne blau­en Seuf­zer zu ver­ste­hen / Sonst ster­be auch ich nach Mit­ter­nacht.“

Der aus Ban­gla­desch stam­men­de Zah­rad Islam Babul, seit 1988 in Bre­men lebend, greift in sei­nem Gedicht „Mut­ter­spra­che“ in der vor­lie­gen­den Antho­lo­gie einen dop­pel­ten Aspekt vom ent­wur­zel­tem Leben in der Frem­de auf. Es ist die Rück­kehr zur Mut­ter­spra­che in der Stun­de ihres dro­hen­den Ver­lusts und die Wie­der­ge­win­nung des Lebens in einer ande­ren Hei­mat, dem schmerz­haf­ten Exil, in dem alle Verfasser/innen der vor­lie­gen­den Antho­lo­gie leben. Sie haben vor­wie­gend unter der Anlei­tung und Betreu­ung von Ange­li­ka Sinn im Rah­men einer Schreib­werk­statt des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors im Jahr 2017 Tex­te gestal­tet, in denen nicht nur ihre leid­vol­len Erfah­run­gen auf der Flucht vor Krie­gen und Ver­fol­gun­gen auf­ge­zeich­net sind. Viel­mehr sind es tief emp­fun­de­ne Kind­heits­er­leb­nis­se, die beim ers­ten auf­merk­sa­men Lesen des über­sicht­lich gestal­te­ten Text-Bild-Band berüh­ren. Sie stam­men aus der Feder des in Cara­cas (Vene­zue­la) gebo­re­nen Ernes­to Sala­zar-Jimé­nez, der bild­haft-ein­präg­sam über Visio­nen von sei­ner Geburt schreibt. Mila Cha­mi, die aus Homs in Syri­en nach Deutsch­land geflüch­tet ist, singt ihrer Schwes­ter ein Hohe­lied auf die Lie­be und der im Iran gebo­re­ne, seit 2016 in Bre­men leben­de und stu­die­ren­de Saber Lafiti, schreibt eine wun­der­bar ein­präg­sa­me Kind­heits­ge­schich­te über sei­nen Opa. Über­haupt spie­len die erin­ner­ten Erleb­nis­se aus der behü­te­ten Kind­heit auch für ande­re Teilnehmer/innen der Schreib­werk­statt eine wich­ti­ge Rol­le. Da plau­dert Far­han Heb­bo, der vor vier Jah­ren nach Deutsch­land gekom­men ist, „Aus Omas Näh­käst­chen“ und erin­nert sich an den gro­ßen Spiel­platz, auf dem er einst Fuß­ball gespielt hat. Und der aus der öst­li­chen Tür­kei stam­men­de Kur­de Sal­man Nur­hak, der seit 1991 in Deutsch­land, vor­nehm­lich in Bre­men, lebt, berich­tet über eine fei­er­li­che Begeg­nung zwi­schen Mus­li­men und Ale­vi­ten, deren All­tag einst und immer wie­der von hef­ti­gen Span­nun­gen geprägt war und ist.

Die Bei­trä­ge zwei­er Autoren zeich­nen sich durch beson­ders ein­drucks­star­ke Erin­ne­run­gen an ihre Geburts­län­der aus: Die aus Chi­le stam­men­de, seit rund fünf­und­vier­zig Jah­ren vor­nehm­lich in Bre­men leben­de Öko­no­min und renom­mier­te Künst­le­rin Rosa Jais­li und der aus Tehe­ran stam­men­de Mad­jid Mohit, der seit drei­ßig Jah­ren den Bre­mer Sujet-Ver­lag lei­tet. Bei­de wuchern in ihren Natur­stu­di­en und Bil­dern aus der Kind­heit so ein­drucks­voll mit orna­men­ta­len Ein­drü­cken aus ihrer Kind­heit, dass dem Leser gleich­sam neid­vol­le Erin­ne­run­gen an die eige­nen, sicher­lich weit­aus nüch­ter­nen Kind­heits­ta­ge ange­tra­gen wer­den.

Zwei­fel­los hin­ter­lässt der Text-Bild-Band mit den Phan­ta­sie för­dern­den Illus­tra­tio­nen von Tar­lan Mir­s­he­ka­ri vie­le rüh­ren­de Ein­drü­cke, ruft blitz­ar­tig Gefüh­le der Soli­da­ri­tät her­vor, ver­setzt den auf­merk­sam Mit­le­sen­den in eine har­mo­ni­sche Stim­mung, lenkt ihn ab von den bit­te­ren Erfah­run­gen, die Autorin­nen und Autoren der Antho­lo­gie wäh­rend ihrer Zwi­schen­auf­ent­hal­te gesam­melt haben. Umso wun­der­ba­rer dürf­te das Erleb­nis der an der Schreib­werk­statt Betei­lig­ten sein, dass sie Erin­ne­run­gen an ihre Kind­heit und ihre Lebens­er­fah­run­gen mit dem Ziel auf­schrei­ben, um „ihre Iden­ti­tät in die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ihren neu­en Mit­men­schen“ ein­zu­üben, wie es Prof. Dr. Gert Sau­ter­meis­ter in sei­nem Vor­wort for­mu­liert. Eben­so erfreu­lich ist es auch, dass an die­ser Antho­lo­gie eine Rei­he Bre­mer Insti­tu­tio­nen und Stif­tun­gen betei­ligt sind, die ein Anlie­gen geför­dert haben, das den mühe­vol­len Pro­zess der Mit­ge­stal­tung und Inte­gra­ti­on von einst vor Krieg und Ver­nich­tung geflüch­te­ten Mit­men­schen unter­stützt.

Hier geht es zur Antho­lo­gie››


Den Arti­kel ver­fass­te Wolf­gang Schlott
Erschie­nen auf www.fixpoetry.com unter https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/angelika-sinn/so-nimmt-man-das-leben-mit, am 17.02.2020