Ausschreibung: Virtuelles Lyrik-Atelier

Foto: Schirin Nowrousian
Foto: Schi­rin Now­rou­si­an

Gemein­sam mit der Lyri­ke­rin Schi­rin Now­rou­si­an bie­tet das Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor im Spätsommer/Herbst ein vir­tu­el­les Lyrik-Ate­lier an. In Ein­zel­sit­zun­gen haben die sechs Teilnehmer*innen Gele­gen­heit, sich mit der Dich­te­rin über eige­ne Tex­te aus­zu­tau­schen. Bewer­bun­gen wer­den ab sofort ange­nom­men.

Wei­te­re Infos gibt es hier››

Virtuelles Lyrik-Atelier

Foto: Schirin Nowrousian
Foto: Schi­rin Now­rou­si­an

Du schreibst schon seit einer Wei­le Lyrik in Deutsch, Eng­lisch und/oder Fran­zö­sisch und sitzt gera­de wie­der an einem Gedicht, das Du ger­ne mal mit jeman­dem ‚vom Fach‘ bespre­chen wür­dest, in locker-freund­li­cher Atmo­sphä­re? Dann bist Du hier genau rich­tig.

Im Spätsommer/Herbst bie­tet das Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor zusam­men mit der Lyri­ke­rin Schi­rin Now­rou­si­an Euch ein 1‑zu-1-Lyrik-Ate­lier an: die Gele­gen­heit also, mit einer tol­len Dich­te­rin in den direk­ten Aus­tausch zu Euren eige­nen Tex­ten zu tre­ten!

Hier könnt Ihr sehen, was Schi­rin Now­rou­si­an schon so alles gemacht hat:    https://www.literaturport.de/Schirin.Nowrousian/

Und so geht’s:

Du wählst 2 bis max. 5 Gedich­te von Dir aus, mit denen Du Dich auf einen Ate­lier-Platz bewer­ben möch­test und die Du bis spä­tes­tens 31.7. (Dead­line) an fol­gen­de Adres­se schickst:
schirin.nowrousian@literaturkontor-bremen.de

  • Eine The­men­vor­ga­be gibt es nicht.
  • Die maxi­ma­le Län­ge pro Gedicht ist: 2 DinA4-Norm­sei­ten (eine Norm­sei­te = DIN A4, maxi­mal 30 Zei­len à 60 Anschlä­ge, Leer­zei­chen inbe­grif­fen, Schrift­grö­ße: 12 Punkt).
  • Die Gedich­te kön­nen auf Deutsch ver­fasst sein oder auf Fran­zö­sisch oder Eng­lisch, wenn Du in einer die­ser Spra­chen schreibst.

Da die Teilnehmer*innenzahl auf maxi­mal 6 begrenzt ist, wird unter allen Ein­sen­dun­gen eine Aus­wahl getrof­fen. Du erhältst dann bis Ende August eine Nach­richt, ob Du einen Platz erhal­ten hast oder nicht. Begrün­dun­gen und Erläu­te­run­gen zum Aus­wahl­pro­zess wer­den nicht ver­sen­det.

Und dann gibt es im Zeit­raum Sep­tem­ber bis Novem­ber pro Teilnehmer*innen 3 indi­vi­du­el­le Ate­lier-Gesprä­che, d.h. 3 Sky­pe-Tref­fen à 45 Minu­ten, in denen Du Dich mit Schi­rin Now­rou­si­an zu ein, zwei, drei Gedich­ten von Dir aus­tauschst, nach Her­zens­lust und mit bes­ter Lau­ne: in freund­lich-locke­rer Ate­lier-Stim­mung.

Schi­rin bie­tet zur Ter­min­fin­dung jedem/jeder Teilnehmer*in ein paar Aus­wahl­ter­mi­ne in dem oben genann­ten Lauf­zeit­fens­ter des Pro­jek­tes an, sodass vor Pro­jekt­be­ginn für alle Sit­zun­gen die Daten vor­ab fest­ge­legt wer­den.

Ach­tung! Es gibt vier Vor­aus­set­zun­gen, um sich bewer­ben zu kön­nen:

 1) Das Ate­lier ist nicht für Schreibanfänger*innen kon­zi­piert. Du soll­test also mit dem lite­ra­ri­schen Schrei­ben schon ein wenig län­ger ver­traut sein.

2) Du soll­test min­des­tens 16 Jah­re alt sein (eine Alters­gren­ze nach oben gibt es nicht).

3) Du musst – soll­test Du einen Platz bekom­men – ein Sky­pe-Pro­fil haben oder Dir eines anle­gen, um teil­neh­men zu kön­nen.

4) Und eine wei­te­re Vor­aus­set­zung gibt es noch:

Dein Wohn­sitz muss in Bre­men oder in Bre­mens Umzu lie­gen (umzu = bis ca. 50 km um Bre­men her­um).

Und nun auf:

Schickt uns Eure Gedich­te.
Wir freu­en uns auf Eure Ein­sen­dun­gen!
schirin.nowrousian@literaturkontor-bremen.de

Ein Pro­jekt des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors
Vil­la Ichon // Goe­the­platz 4 // 28201 Bre­men
0421 327943
info@literaturkontor-bremen.de
www.literaturkontor-bremen.de

Johanna Schwarz: An Bord eines Raumschiffs

Johan­na Schwarz (*1990 in Mün­chen) stu­dier­te Kul­tur- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft in Bre­men und nahm wäh­rend­des­sen an zahl­rei­chen Semi­na­ren zum krea­ti­ven und lite­ra­ri­schen Schrei­ben teil (u.a. an meh­re­ren Work­shops des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors). Aktu­ell arbei­tet sie an der Uni­ver­si­tät Bre­men und ist frei­be­ruf­lich im Lite­ra­tur- und Kul­tur­be­reich tätig. In die­sem Zuge lei­tet sie auch die wort­WERK­STATT in der westend Kul­tur­werk­statt und ist Mit­glied im Team des glo­ba­le-Fes­ti­val für grenz­über­schrei­ten­de Lite­ra­tur. In der Mini­Lit-Rei­he ist ein Text von ihr im Werk­statt­heft “An Bord — Über­Le­ben von A nach B” (Heft 6) erschie­nen.

Foto: privat
Foto: pri­vat

Lektüre aus unseren Werkstätten

Es ent­ste­hen regel­mä­ßig im Rah­men unse­rer ange­bo­te­nen Werk­stät­ten, Semi­na­re und Work­shops zahl­rei­che lite­ra­ri­sche Tex­te durch die Teil­neh­men­den. Eine Aus­wahl aus den ein­zel­nen Semi­na­ren ver­öf­fent­li­chen wir von Zeit zu Zeit hier››

Literarischer Kulturaustausch‹ 2020

Die fol­gen­den Tex­te sind im Rah­men unse­rer Schreib­werk­statt ›Lite­ra­ri­scher Kul­tur­aus­tausch‹ unter der Anlei­tung von Ange­li­ka Sinn ent­stan­den. Des Semi­nar fand an zwei Sams­ta­gen im Febru­ar und April 2020 statt, wobei der zwei­te Ter­min auf­grund der Coro­na-Pan­de­mie online durch­ge­führt wur­de.

 

…, wenn das Tele­fon klin­gelt

 

Mit dem Por­trät in der Hand

Ich weiß nur, dass du da warst. Dein Por­trät ist jetzt in mei­nen Hän­den und… und… Erin­ne­rung.

Die Pla­ça de Catalunya vol­ler Lärm und über­all die unbe­kann­ten Gesich­ter, die lach­ten, die neu­gie­rig auf La Sagra­da Fami­lia de Gau­di waren und die kei­ne Ahnung hat­ten, wie groß unse­re Freu­de war. Ich traf dich, ich hör­te dir zu. Nur ein Tisch, zwei Tas­sen Kaf­fee.

Dei­ne gute Lau­ne, dei­ne Geschich­ten und Anek­do­ten, der Anruf dei­ner Mut­ter, dei­ne Sor­ge wegen der Hit­ze, dein Man­gel an Schmin­ke, dei­ne bra­si­lia­ni­schen gro­ßen Fan-Ohr­rin­ge, dei­ne Wor­te der Eupho­rie in jedem vier­ten Satz, dei­ne Haa­re zu einem Kno­ten zusam­men­ge­bun­den, die Son­nen­creme auf dem Tisch neben dei­nem Fla­men­co-Fächer ohne Spit­zen und die­ses Wie­der­se­hen nach 8 Jah­ren. Seit­dem saßen wir nicht mehr am glei­chen Tisch und ich habe nie wie­der Creme Brû­lée pro­biert.

Heu­te feh­len mir eine tröst­li­che Umar­mung, die Spa­zier­gän­ge zu zweit, der lachen­de Kom­pli­zen­blick und der Strand. Ich habe nur dein Por­trät in der Hand, dei­ne Stim­me am Tele­fon und vie­le Jah­re der Sehn­sucht.

 

Was ich an dir schät­ze, Caro­li­na

Jeder sagt “durch dick und dünn”. Da sind wir in der welt­wei­ten Kri­se, wir lachen über absur­de Wit­ze und kind­li­ches Beneh­men. Dei­ne Hand ist immer vol­ler Hoff­nung und Ver­trau­en für mich. Dei­ne Geschich­ten, die von Hei­lung han­deln. Ich füh­le dei­ne Gesell­schaft in der Fer­ne. Die schlech­ten Nach­rich­ten schei­nen immer gar nicht so schlecht zu sein, weil sie die bes­te Aus­re­de sind, mit dir zu spre­chen. Die Welt steht Kopf, es gibt Kala­mi­tä­ten, ich höre kei­nen Reg­gaeton, ich lese die ame­ri­ka­ni­schen Zei­tun­gen, ich schreie in der Stil­le unter dem Kis­sen, ich sehe die alten Fil­me bis zum Ende der Dun­kel­heit, und ich tei­le den Geschmack für vene­zo­la­ni­sche Scho­ko­la­de mit dir. Dein Wort ist not­wen­dig, wenn kei­ner mit mir spricht. Ich ernäh­re mich von dei­nem posi­ti­ven Ver­stand.

 

In der Sekun­de einer Pan­de­mie

In der Sekun­de, als alles begann. Welt­wei­te Ein­sam­keit erobert die Stra­ßen und wirft unse­ren Kalen­der ins Lee­re. Nie­mand hat einen Zeit­plan oder einen fes­ten Ter­min.

Von die­sem Moment an wird die Beschrän­kung zu etwas All­täg­li­chem, und unse­re See­len müs­sen auf sich selbst auf­pas­sen. Ein Auf­ruf, uns von unse­ren Mit­men­schen zu distan­zie­ren, bringt Käl­te wie Schnee auf die Schul­tern und lässt sie lang­sam erfrie­ren. Ver­giss die Umar­mun­gen, den Tan­go, den Bole­ro, den Quin­ce­a­ñe­ras-Wal­zer, zwei spa­ni­sche Begrü­ßungs­küs­se.

Trans­pa­ren­tes anti­bak­te­ri­el­les Hand­gel-Anti­sep­ti­kum in jeder Tasche, Toi­let­ten­pa­pier ist nir­gends zu fin­den, Men­schen schau­en miss­trau­isch, Men­schen ent­fer­nen sich von­ein­an­der, Hus­ten ist nicht erlaubt.

Und was mache ich? Ich blei­be unter der Decke ver­steckt. 8 Tage, 2 Wochen, 56 Tage, 3 Mona­te, unbe­stimm­te Zeit.

Und was machst du? Du rufst mich an. Ein­mal in der Woche, don­ners­tags und an den Sonn­ta­gen, alle zwei Tage, jeden Tag, mit­tags.

Dei­ne hoff­nungs­vol­le Art, mich davon zu über­zeu­gen, dass die Zukunft bes­ser sein wird als die­se Gegen­wart, ist das ein­zi­ge, was mich beglei­tet. Dei­ne Stim­me vol­ler wei­ser Rat­schlä­ge nimmt mich bei der Hand in der Ver­zweif­lung und der Unsi­cher­heit.

Und jetzt füh­le ich mich mehr denn je dei­nem vio­let­ten Licht näher, wenn die Welt dazu gezwun­gen ist, sich nicht die Hand zu geben.

Humor, stun­den­lan­ge Gesprä­che, mein Erdungs­draht.

In die­ser Sekun­de, wenn wir alle in unse­ren Häu­sern ein­ge­sperrt sind, in der sich alle Freun­de in größ­ter Ent­fer­nung füh­len, in der sich Fami­li­en getrennt vor­kom­men, in der vie­le Men­schen nur ihren Hund Con­an, Bru­no oder Luna als Mit­be­woh­ner haben, wenn es kei­ne Man­da­ri­nen auf den Tischen und kei­ne Geburts­tags­blu­men gibt, wenn vie­le ihre Geschen­ke per Post erhal­ten und ich nicht mal das. Alle Gedan­ken dre­hen sich in einem end­lo­sen Kreis. Die Wor­te wie­der­ho­len sich wie die Tage. Ich füh­le mich wie ein ver­las­se­nes Kind, des­sen ein­zi­ges Spiel­zeug ein Tele­fon ist. Durch das Tele­fon habe ich die glei­che Distanz zu jedem, der anruft, egal wo auf der Welt er ist. Ja, dei­ne Stim­me in der Hand: Dein makel­lo­ser Geist erfüllt mein Zim­mer mit Opti­mis­mus. Alles hat Licht.

Mei­ne frei­wil­li­ge Ein­sam­keit malt mei­ne Kalen­der weiß. Aber die Zeit gewinnt jedes Mal ihren Wert zurück, wenn das Tele­fon klin­gelt.

Ernes­to Sala­zar-Jimé­nez

Lehrauftrag ›Kreatives Schreiben‹ — WiSe 2019 / 2020: ›Zeit, Ort, Atmosphäre‹

In dem Semi­nar ›Krea­ti­ves Schrei­ben‹ haben sich die Stu­die­ren­den im Win­ter­se­mes­ter 2019 / 20 damit beschäf­tigt, wie wich­tig Zeit, Ort und Atmo­sphä­re für einen Text sind und wie es ihnen gelin­gen kann, die­se Kom­po­nen­ten in ihre Geschich­ten ein­flie­ßen zu las­sen.

Zwei Exkur­sio­nen stan­den auf dem Pro­gramm: zum Haupt­bahn­hof und in den Bür­ger­park.
Lesen Sie hier eine Aus­wahl der nach den „Bege­hun­gen“ ent­stan­de­nen Tex­te.

Ver­spä­tung
Ich schla­ge mein Buch zu, gäh­ne aus­gie­big und schaue genervt zu der gro­ßen Anzei­ge­ta­fel, die mir ver­kün­det, dass mein Zug 40 Minu­ten Ver­spä­tung hat. Wenigs­tens habe ich hier mei­ne Ruhe, da der Bahn­steig um die­se Zeit bei­na­he leer ist. Gesell­schaft leis­tet mir nur eine Krä­he, die auf dem Boden nach Ess­ba­rem sucht. Ein kal­ter Wind­stoß lässt mich erschau­dern, und ich ste­cke die Hän­de tief in die Taschen mei­nes Man­tels.
Ich höre das lau­te Rum­peln eines her­an­na­hen­den Güter­zu­ges. Wie schon so oft fan­ge ich an, die Wag­gons zu zäh­len. Bis 13 kom­me ich, als der Zug mit einem lau­ten, in den Ohren schmer­zen­den Quiet­schen anhält.
Inzwi­schen ver­kün­det mir die Anzei­ge hämisch, dass mein Zug wohl doch 50 Minu­ten Ver­spä­tung hat. Gedank­lich lege ich schon mal wei­te­re zehn Minu­ten drauf. Mein Blick wan­dert zurück zu dem Güter­zug, und ich betrach­te den aus­geb­li­che­nen Schrift­zug auf einem der Con­tai­ner. „Wir fah­ren für Volks­wa­gen“, dane­ben das alte Logo der Fir­ma.
Auch die ande­ren Wag­gons sehen alt und ver­dreckt aus. Wer­den Güter­zü­ge eigent­lich gewa­schen? Gibt es eine Wasch­an­la­ge für Züge? Wenn ich dar­an den­ke, dass man bei einer Zug­fahrt oft­mals durch die schmut­zi­gen Schei­ben nicht nach drau­ßen bli­cken kann, bezweif­le ich das.
Ich star­re den Güter­zug an. Er starrt zurück. „Wir kom­men hier wohl bei­de so schnell nicht weg, was?“ Gra­de als ich den Gedan­ken zu Ende gebracht habe, rollt er wie­der an.
Mei­ne Bahn fällt aus.

Han­nah-Sophie Eylers

 

Am See
Mina starr­te auf die blau­grau­en Wel­len. Der Wind feg­te ihr um die Ohren, die Schau­kel, auf der sie saß, beweg­te sich leicht. Eigent­lich war sie mit ihrer Freun­din Sofie ver­ab­re­det gewe­sen, aber sie hat­ten sich in der Schu­le gestrit­ten. Da war Sofie allei­ne nach Hau­se gegan­gen, und Minas Füße hat­ten sie hier­her an den See gebracht. Außer dem lau­ten Rau­schen des Win­des hör­te sie kaum etwas, nur hin und wie­der mal das Krei­schen eines Vogels oder, weit ent­fernt, das Geräusch fah­ren­der Autos. „Blö­de Sofie, immer das­sel­be mit ihr“, mur­mel­te Mina, befrei­te ihre Füße aus dem Sand und stieß sich ab. Sie schau­kel­te immer höher und höher, und es begann ihr  Spaß zu machen. Plötz­lich fühl­te sie sich nur noch frei und leicht. Die Son­ne bahn­te sich einen Weg durch die Wol­ken, und die Welt schien wie­der ein klei­nes biss­chen bes­ser zu sein.

Car­la Velas­co Sie­ker

 

Das Wie­der­se­hen
Es war schon spät, als Vyven am Bahn­hof ankam, um dort auf Robin zu war­ten. Der Bahn­hof war nicht mehr als ein Holz­dach und ein Stein­fuß­bo­den neben zwei Glei­sen mit­ten im Nir­gend­wo. Hin­ter den Glei­sen wuch­sen ein paar Bäu­me. Der Him­mel war in oran­ges und rosa Licht gehüllt, das von den Wol­ken auf­ge­nom­men wur­de, und der hel­le Boden fun­kel­te im Schein der tief ste­hen­den Son­ne.
Um einen geeig­ne­ten Platz zum War­ten zu fin­den, schau­te Vyven sich um. Nur zwei Per­so­nen waren auf dem Bahn­steig zu sehen: ein Elf, der hin und wie­der zur Uhr schau­te, die von der Decke her­ab­hing, und ein jun­ger Wind Gen­a­si, des­sen hel­les Haar weh­te, obwohl es wind­still war. Auch Vyven schau­te nun auf die Uhr. Robin soll­te bald ankom­men.
Plötz­lich trom­mel­te Regen auf das Dach, und hin und wie­der hör­te man einen Was­ser­trop­fen, der durch ein Leck drang, in eine sich schnell bil­den­de Pfüt­ze fal­len. Das sanf­te Plopp-Geräusch war nur zu hören, wenn man sich dar­auf kon­zen­trier­te.
Ent­spannt schloss Vyven die Augen, und ein fried­li­ches Lächeln erschien auf sei­nem Gesicht. Dem war­men Som­mer­re­gen hör­te er ger­ne zu, und der Geruch von war­mer, nas­ser Erde ließ sein Lächeln noch brei­ter wer­den. Er wur­de an die Zeit erin­nert, die er mit Robin auf der Wald­lich­tung ver­bracht hat­te. Sie hat­ten sich gera­de erst ken­nen­ge­lernt, und der Ort wur­de zu einem Treff­punkt, den er so schnell nicht ver­ges­sen wür­de. Doch ohne Robin war es dort trau­rig und leer. Zum Glück muss­te er jetzt nicht mehr lan­ge auf ihn war­ten.
Nach einer Wei­le wur­de er vom Pfei­fen des Zuges aus sei­nen Gedan­ken geris­sen. Schnell trat er ein paar Schrit­te zurück, damit Robin ihn gleich ent­de­cken konn­te, und schau­te dem Zug, der in den Bahn­hof ein­fuhr, ent­ge­gen. Als der Zug zum Ste­hen gekom­men war und die Türen end­lich auf­gin­gen, lehn­te Vyven sich etwas vor, auf­ge­regt, Robin end­lich wie­der in sei­ne Arme schlie­ßen zu kön­nen. Glück­li­cher­wei­se muss­te er nicht lan­ge war­ten, da kam der dun­kel­häu­ti­ge jun­ge Mann schon auf ihn zuge­rannt. Vor Freu­de fing Vyven an zu strah­len. Er schloss die Arme um den Kör­per sei­nes Gelieb­ten. Der bekann­te Geruch von Zitro­ne und getrock­ne­ten Kräu­tern stieg ihm in die Nase, und ein woh­li­ges Gefühl brei­te­te sich in ihm aus. End­lich füh­le er sich wie­der kom­plett.

Mere­te Bom­ma­ri­us

 

Ver­lau­fen
Sie rutsch­te aus und fiel hin. Matsch sicker­te durch den Stoff ihres Rockes und kleb­te kalt an ihren Bei­nen. War ihre Strumpf­ho­se zuvor schon von etli­chen Lauf­ma­schen durch­zo­gen gewe­sen, hat­te sie sich nun end­gül­tig ein Loch in den fei­nen Nylon­stoff geris­sen. Ein Spa­zier­gang bei Regen, in Rock und Blu­se und abseits des ange­leg­ten Weges, war kei­ne gute Idee gewe­sen. So weit in die klei­ne Wild­nis des Parks hin­ein­zu­lau­fen, dass man die Ori­en­tie­rung ver­lor und nun bei Stark­re­gen den Weg zurück fin­den muss­te, eine gera­de­zu mise­ra­ble.
Flu­chend erhob Caro sich von dem durch­weich­ten Boden, sehr dar­auf bedacht, das Gleich­ge­wicht zu hal­ten. Der Geruch ver­mo­dern­der Blät­ter stieg ihr in die Nase.
Durch ihre nas­sen Haa­re hin­durch ver­such­te sie, die Umge­bung zu erken­nen. Der plötz­li­che Wol­ken­bruch hat­te sie an dem sonst so schö­nen Herbst­tag über­rascht. Sie fror, ihre Klei­dung war kom­plett durch­nässt, und weit und breit war nie­mand zu sehen, den sie nach dem Weg hät­te fra­gen kön­nen. Sie ver­such­te nicht in Panik zu ver­fal­len. Dies war nur ein klei­nes Stück Wald, ange­legt in einem Park, der Regen wür­de auf­hö­ren und sie wür­de einen Weg zurück fin­den. Es war weder Nacht, noch war sie die Haupt­dar­stel­le­rin eines Hor­ror­films, in dem sich eine jun­ge, allein­ste­hen­de, nai­ve Frau allei­ne auf den Weg in einen Wald macht, nur um von den Natur­ge­wal­ten über­rascht zu wer­den und sich zu ver­lau­fen… wobei sie ja eigent­lich genau die­sem Bild ent­sprach! Ärger­lich schüt­tel­te sie den Kopf. Sie soll­te bes­ser auf­hö­ren, Bücher mit Titeln wie „Mur­der Park“ zu lesen!
Auf wacke­li­gen Bei­nen hat­te sie sich wie­der auf­ge­rich­tet. Sie hielt sich am Ast des nächs­ten Bau­mes wie an einem Ret­tungs­an­ker fest, strich sich die nas­sen Haa­re aus den Augen und hin­ter­ließ dabei eine dunk­le Spur aus Matsch auf ihrer Stirn. Dann sah sie sich um, konn­te aber höchs­tens zehn Meter weit sehen, so sehr schränk­te der Sturz­bach, der vom Him­mel auf sie her­ab­pras­sel­te, ihre Sicht ein. Der Tram­pel­pfad, dem sie auf eine klei­ne Anhö­he gefolgt war, ent­pupp­te sich als Hin­der­nis­lauf. Die kah­len Bäu­me rag­ten spitz in ihren Weg, graue, teil­wei­se mit Moos bedeck­te Zwei­ge lagen auf dem Boden, Wur­zeln bra­chen aus der Erde her­vor und bil­de­ten tücki­sche Stol­per­fal­len.
Allei­ne bei dem Gedan­ken, ihre rela­tiv siche­re Posi­ti­on ver­las­sen zu müs­sen, nahm ihr Herz­schlag zu. Der Ast gab ihr Halt. Die nack­te Baum­kro­ne über ihr bot zumin­dest ein wenig Schutz vor dem Regen. Doch es gab kei­ne Alter­na­ti­ve. Sie wür­de wei­ter­ge­hen müs­sen, um aus dem Wald her­aus­zu­fin­den, über Wur­zeln, spit­ze Äste und rut­schi­gen Matsch.

Kim Punt­ke

Auf­grund der aktu­el­len Situa­ti­on fin­den Ver­an­stal­tun­gen bis auf Wei­te­res online statt. Auch für Juni 2020 geplan­te Lesun­gen wer­den ver­scho­ben oder fal­len aus.

Die Pro­sa­werk­statt mit Micha­el Wil­den­hain wird in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den an die­ser Stel­le von uns aus­ge­schrie­ben. Eine nächs­te Run­de steht noch nicht fest.

Für das Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor lei­te­te Wil­den­hain bereits eine Roman­werk­statt (2010) sowie drei Pro­sa­werk­stät­ten (2012, 2016 & 2019).

Echotexte auf Gedichte von Paul Celan gesucht

Im Rah­men der Initia­ti­ve Echo­Raum für Paul Celan im dop­pel­ten Jubi­lä­ums­jahr 2020

Für lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Expert*innen besteht kein Zwei­fel, dass Paul Celan zu den welt­weit bedeu­tends­ten und ein­fluss­reichs­ten Autoren des 20. Jahr­hun­derts und der jün­ge­ren Lite­ra­tur­ge­schich­te gehört. „Ver­mut­lich gibt es kaum einen deutsch­spra­chi­gen Lyri­ker – und zwar bezo­gen auf die gesam­te Lite­ra­tur­ge­schich­te – der so stark inter­na­tio­nal gewirkt hat wie Celan“, schreibt Wolf­gang Emme­rich im Celan Hand­buch von 2014. Über kaum einen zwei­ten Autor der letz­ten hun­dert Jah­re erschei­nen mehr Abhand­lun­gen und Unter­su­chun­gen zum Werk. Steht aber die Rele­vanz, die Paul Cel­ans Lyrik sei­tens der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft zuge­schrie­ben wird, in einem Ver­hält­nis zur Prä­senz sei­ner Tex­te im kul­tu­rel­len Leben der Gegen­wart?

Um die­ser Fra­ge nach­zu­ge­hen, wird im dop­pel­ten Jubi­lä­ums­jahr des Dich­ters (100. Geburts­tag und 50. Todes­tag) in Bre­men ein Echo­Raum für Paul Celan eröff­net. Die Initia­ti­ve ver­bin­det sich mit der Ein­la­dung zeit­ge­nös­si­scher Künstler*innen und Wissenschaftler*innen zu einem Echo, das sich der Begeg­nung und dem Gespräch mit sei­nen Wer­ken ver­dankt.

Die denk­wür­di­ge Ver­bin­dung Paul Cel­ans zu Bre­men, wo er 1958 eine poe­to­lo­gisch wie gesell­schaft­lich zukunfts­wei­sen­de Rede anläss­lich der Ver­lei­hung des Bre­mer Lite­ra­tur­prei­ses gehal­ten hat, legt eine Koope­ra­ti­on mit dem Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor nahe. Mit die­ser Aus­schrei­bung möch­ten wir Bre­mer Autor*innen aller Alters­stu­fen zum Ver­fas­sen von Tex­ten anre­gen, die aus einer aktu­el­len Begeg­nung mit Cel­ans Werk her­vor­ge­hen. Dabei sol­len kei­ner­lei inhalt­li­che oder for­ma­le Vor­ga­ben das Schrei­ben sol­cher Tex­te ein­schrän­ken. Ob Pro­sa-Minia­tur, Gedicht, Short­sto­ry, Rap, lite­ra­ri­scher Essay oder Slam-Poem – solan­ge die Tex­te vom Umfang her eine Lese­zeit von 10 Minu­ten nicht über­schrei­ten, sind alle lite­ra­ri­schen Gat­tun­gen und Gen­res erlaubt und erwünscht.

Eine öffent­li­che Lesung der durch eine Jury aus­ge­wähl­ten Tex­te ist im Ver­an­stal­tungs­pro­gramm des für die Zeit vom 19. bis 24. Novem­ber 2020 in Bre­men statt­fin­den­den Sym­po­si­ons Echo­Raum für Paul Celan vor­ge­se­hen.

Ein­sen­de­schluss ist der 31. August.

Alle Ein­sen­dun­gen bit­te ent­we­der per Mail an:

info@literaturkontor-bremen.de
(Betreff: Echos auf Paul Celan)

oder per Post (bit­te mit Anga­be einer Mail­adres­se) an:
Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor
Stich­wort: Echos auf Paul Celan
Goe­the­platz 4
28203 Bre­men

Ergän­zun­gen zur Aus­schrei­bung

Spielt Paul Celan heut­zu­ta­ge für Autor*innen über­haupt noch eine Rol­le, ver­mö­gen bestimm­te Gedich­te oder Moti­ve aus sei­nem Werk immer noch ande­re zu inspi­rie­ren und wie könn­te ein lite­ra­ri­sches Echo klin­gen, wenn Gegenwartsautor*innen unter­schied­li­chen Alters auf sei­ne Tex­te reagie­ren? Die­se Fra­gen bil­den den Aus­gangs­punkt für unse­re Aus­schrei­bung, schließ­lich scheint mitt­ler­wei­le außer­halb der Fach­krei­se auch bei lite­ra­risch Inter­es­sier­ten oft nur der Name geläu­fig und wenn über­haupt wird der Name mit der „Todes­fu­ge“ in Ver­bin­dung gebracht, also dem­je­ni­gen Gedicht, das Celan am liebs­ten aus dem Ver­kehr gezo­gen hät­te, weil er den Ein­druck hat­te, dass es vor allem als Ali­bi benutzt wird, wenn es um deut­sche ‚Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung‘ geht.

Von den­je­ni­gen, die tat­säch­lich bis zur Lek­tü­re Cel­an­scher Gedich­te vor­ge­drun­gen sind und denen das Inter­es­se dar­an auch nach den übli­chen Gedicht­ana­ly­sen in der Schul­zeit noch nicht völ­lig ver­gan­gen ist, beken­nen nicht weni­ge, dass sie die Tex­te nicht ver­ste­hen, schwie­rig fin­den. Her­me­ti­sche Lyrik eben, dies vor allem für jene, die kei­ne tie­flo­ten­den und akri­bi­schen lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ana­ly­sen zu Rate zie­hen wol­len.

Was die Inter­pre­ta­ti­on von Cel­ans Tex­ten angeht, so scheint sich die bereits Anfang der 70-er Jah­re von Peter Szon­di vor­ge­tra­ge­ne Auf­fas­sung zuneh­mend durch­zu­set­zen, dass die „Fremd­be­stim­mung“ durch bio­gra­phi­sche Bezü­ge oder eine Welt der Lek­tü­re und die „Selbst­be­stim­mung“ durch das Gedicht als sol­ches glei­cher­ma­ßen zu berück­sich­ti­gen sei­en.

Den­noch bleibt die Fra­ge, ob Begeg­nun­gen mit einem Werk und die schöp­fe­ri­schen Anre­gun­gen, die sie aus­lö­sen kön­nen, nur dann Rele­vanz haben, wenn sie nach Vor­schrift erfol­gen.

Zwei­fels­oh­ne sehen sich zeit­ge­nös­si­sche Autor*innen einem ande­ren Erleb­nis­ho­ri­zont gegen­über, als Autor*innen der 60-er und 70-er Jah­re und schrei­bend bewe­gen sie sich zumeist in sprach­li­chen Strö­mun­gen, die jene der dama­li­gen Zeit weit hin­ter sich gelas­sen haben. Das kann aber kaum bedeu­ten, dass mit Tex­ten, die vor ein paar Jahr­zehn­ten ent­stan­den sind oder die gar Jahr­hun­der­te alt sind, kei­ne Gesprä­che mehr mög­lich sind. Auf sol­che Gesprä­che aber setz­te Celan mit sei­nen Tex­ten:

Das Gedicht wird – unter wel­chen Bedin­gun­gen! – zum Gedicht eines – immer noch – Wahr­neh­men­den, dem Erschei­nen­den Zuge­wand­ten, die­ses Erschei­nen­de Befra­gen­den und Anspre­chen­den; es wird Gespräch – oft ist es ver­zwei­fel­tes Gespräch. Erst im Raum die­ses Gesprächs kon­sti­tu­iert sich das Ange­spro­che­ne, ver­sam­melt es sich um das es anspre­chen­de und nen­nen­de Ich. (Der Meri­di­an, Rede zur Ver­lei­hung des Büch­ner-Prei­ses 1960)

 

Wir sind gespannt und freu­en uns auf das Echo der Bre­mer Autor*innen!

Jens Laloire (für das Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor ) und Peer de Smit (für das Insti­tut Echo­Raum Arts und das Pro­jekt Echo­Raum für Paul Celan 2020)

Wei­te­re Infos gibt es außer­dem unter: www.echoraum-arts.com

Schreibprojekt ›Nähe‹: ›Acht Rosenlängen Abstand‹

Foto: Jens Laloire
Foto: Jens Laloire

Nähe trotz Coro­na? Die Autorin Bet­ty Kolod­zy hat Bre­me­rin­nen und Bre­mer gebe­ten, ihr Brie­fe zu schi­cken

Bre­men. Die Nähe kommt in leuch­ten­dem Tür­kis. Andert­halb Din-A4-Sei­ten hat Albrecht Clauß geschrie­ben, blau­grü­ne Tin­te, gro­ße, gleich­mä­ßi­ge Schrift, eine von der Sor­te, um die man Schul­freun­de benei­det hat. Clauß erzählt davon, wie er den Abstand erlebt, das vie­le Allein­sein, die ver­ord­ne­te Distanz. Wie sie ihn sei­nes liebs­ten Hob­bys beraub­te: des gemein­sa­men Tan­zens. Jetzt, schreibt Clauß, tan­ze er nicht mehr mit ande­ren, son­dern „solo im Wohn­zim­mer“. Weni­ger schön sei das, aber viel­leicht auch „eine neue Mög­lich­keit, die ande­ren aus einer gewis­sen Ent­fer­nung wahr­zu­neh­men, die Bezie­hungs­qua­li­tät even­tu­ell neu zu defi­nie­ren“. Dahin­ter ver­merkt er in Klam­mern: „Viel­leicht über­deckt die übli­che Umar­mung auch eini­ges.“

Emp­fän­ge­rin die­ser per­sön­li­chen Zei­len ist die Bre­mer Schrift­stel­le­rin Bet­ty Kolod­zy. Eine Frau, die Clauß nicht kennt, zumin­dest nicht per­sön­lich. Einen Monat ist es her, dass Kolod­zy dazu ein­lud, ihr Brie­fe zu schrei­ben – um ein­an­der „trotz 1,5 Meter Sicher­heits­ab­stand und Besuchs­ver­bot nahe zu sein“. Um die 40 Bre­me­rin­nen und Bre­mer kamen dem nach, jede ein­zel­ne ihrer Zusen­dun­gen hat Kolod­zy gele­sen, jede ein­zel­ne mehr­fach, „um alles auf­zu­sau­gen, das Papier, die Schrift, die Spra­che, die Wor­te“. Brie­fe zu schrei­ben, sagt Kolod­zy, brau­che Zeit; genau­so brau­che es Zeit, sie zu lesen. Zu wür­di­gen? Auch das, sagt sie. „Vie­le Men­schen haben sich nicht nur Zeit genom­men, sie haben sehr Pri­va­tes mit mir geteilt, mir zum Bei­spiel von ihrer Ein­sam­keit erzählt.“ Etwas, das sie sehr gerührt habe, manch­mal auf­ge­wühlt, manch­mal meh­re­re Tage beglei­tet.

Das Schrei­ben von Chris­ti­ne Netsch zum Bei­spiel, getippt in vie­len Absät­zen. Ein Brief­ge­dicht. „Ja, ich kom­me auch zur Ruhe in mei­nem Haus“, schreibt sie. „Auch schön, wenn kei­ner was von mir will. Nur ich!“ Aber da sei­en auch die ande­ren Momen­te, die, in denen sie die Berüh­run­gen ande­rer ver­mis­se, vor allem aber ihr Enkel­kind: „die klei­nen Arme, die sich mir um den Hals legen, die ver­schmier­te Schnu­te, die sich mei­nem Gesicht nähert, das Lau­te, die Unord­nung (…), die kind­li­che Freu­de über die Nackt­schne­cke, gemein­sam ihrer Schleim­spur fol­gen.“ Was ist der Mensch ohne die Nähe derer, die er liebt? Die­se Fra­ge lässt Netsch offen – und endet mit zwei Wor­ten, die das beklem­men­de Gefühl beschrei­ben, das sie der­zeit tag­täg­lich beglei­tet: „schmerz­haf­te Enge“.

Wor­te, die sie so ergrif­fen hät­ten, dass sie wei­nen muss­te, sagt Kolod­zy. „Wir ken­nen ein­an­der nicht, aber die­se Gedan­ken sind natür­lich auch mir nicht fremd, die habe auch ich gera­de oft.“ Sie selbst ver­misst ihre 80-jäh­ri­ge Mut­ter, die in Mün­chen lebt, mit der sie momen­tan nur tele­fo­nie­ren kann, weil Besu­che zu gefähr­lich wären. Auch von die­sen eige­nen Sor­gen erzählt Kolod­zy in ihren Ant­wort­brie­fen – „um das Ver­trau­en zurück­zu­ge­ben, das mir ent­ge­gen­ge­bracht wird“.

Erschrie­be­ne Nähe, die gibt es also? Ja, sagt Kolod­zy. Sie sei erstaunt, wie ver­bun­den sie sich die­sen eigent­lich ja so frem­den Men­schen füh­le, Men­schen, die sie nie gese­hen, nie gehört, nur gele­sen habe. Ist es also die Spra­che, die ver­bin­det? „Auch, vor allem aber das For­mat, der Brief“, sagt sie. „Man weiß ja: Die­ses Blatt Papier lag vor jemand ande­rem auf dem Tisch, die­ser jemand hat sich Gedan­ken gemacht, etwas aus sei­nem Inne­ren nach außen getra­gen – und das liegt nun hier vor mir.“

Unter­schied­lichs­te Tex­te haben ihren Weg zu Kolod­zy gefun­den, auf mit Sti­ckern oder Zeich­nun­gen ver­se­he­nem Brief­pa­pier, auf schlich­ten Bögen, auf Post­kar­ten. Eli­sa­beth Herr­mann etwa hat Goe­thes “Erl­kö­nig” in eine Coro­na-Bal­la­de ver­wan­delt, in der nicht das Kind, son­dern das Virus “einen grau­si­gen Tod” stirbt. Irm­gard Majer beschreibt in Vers­form, wie anders sich ihre Spa­zier­gän­ge anfüh­len: „Lächeln im Park / frü­her oft mit Unbe­kann­ten getauscht im Vor­über­ge­hen, hei­ter. Heu­te / mit stei­gen­den Coro­na-Infi­zier­ten­zah­len / vie­le Bli­cke, die sich abwen­den schon vor der Pflicht­di­stanz / als ob Bli­cke anste­cken­der wären als Atem.“ Ange­li­ka Bruns indes schickt eine All­tags­be­ob­ach­tung in fünf Zei­len, ein Minia­tur­ge­dicht: “Allein / im Blu­men­meer / der net­te Ver­käu­fer / hält acht Rosen­län­gen weit / Abstand.”

Sie sei begeis­tert davon, wie krea­tiv die Bre­me­rin­nen und Bre­mer sei­en, sagt Kolod­zy, wie sie, teils schrei­ber­probt, teils Lai­en, Wor­te fän­den für das, was der­zeit vie­le Men­schen sprach­los mache. Jeden ein­zel­nen Brief hat sie beant­wor­tet oder beant­wor­tet ihn noch, zwei Stück pro Tag, mehr nicht. “Ich möch­te jeder Absen­de­rin, jedem Absen­der mei­ne vol­le Auf­merk­sam­keit wid­men”, sagt Kolod­zy, “das geht nur mit genü­gend Zeit”.

Und jetzt? Neue Brie­fe kom­men nun nicht mehr an; das Pro­jekt, das Kolod­zy gemein­sam mit dem Lite­ra­tur­kon­tor initi­iert hat­te, ende­te am 25. April. “Ein Teil der Zusen­dun­gen soll ab Ende des Monats auf der Web­site des Lite­ra­tur­kon­tors geteilt wer­den, damit mög­lichst vie­le Men­schen lesen kön­nen, was ich lesen durf­te”, sagt Kolod­zy. “Natür­lich nur von denen, die einer Ver­öf­fent­li­chung zuge­stimmt haben.” Auch eine Lesung sei denk­bar, sagt Lite­ra­tur­kon­tor-Geschäfts­füh­rer Jens Laloire, irgend­wann, nach Coro­na, viel­leicht sogar ein Buch. Bis dahin will Kolod­zy die letz­ten Brie­fe beant­wor­ten, die letz­ten Wor­te nach­hal­len las­sen. Und, wenn mög­lich, ein biss­chen von der Nähe dabe­hal­ten, die zu ihr kam, per Post, aus Bre­men und umzu.


Er erschien im Weser-Kurier, am 2. Mai 2020
Zu lesen ist er auch hier››

Ein wei­te­rer Arti­kel zum Pro­jekt ist im deutsch-tsche­chi­schen Online-Maga­zin ›jádu‹ erschie­nen, ver­fasst wur­de er von Janika Rehak.
Zu fin­den ist er hier››

Die für den 28. April 2020 in der Vil­la Spon­te geplan­te Lesung aus der Antho­lo­gie „So nimmt man das Leben mit“, erschie­nen im Sujet Ver­lag, muss­te lei­der auf­grund der Coro­na-Kri­se in die zwei­te Jah­res­hälf­te ver­scho­ben wer­den. Für einen ers­ten Ein­druck las die Her­aus­ge­be­rin Ange­li­ka Sinn kur­zer­hand eine klei­ne Aus­wahl an Tex­ten ein.

Die acht Autor*innen sind Zahirul Islam Babul (Ban­gla­desch), Ernes­to Sala­zar-Jimé­nez (Vene­zue­la), Saber Lati­fi (Iran), Mila Cha­mi (Syri­en), Sal­man Nur­hak (Tür­kei), Far­han Heb­bo (Syri­en), Rosa Jais­li (Chi­le) und Mad­jid Mohit (Iran). Sie alle muss­ten aus ihren Hei­mat­län­dern flüch­ten und leben mitt­ler­wei­le in Deutsch­land. In ihren Geschich­ten und Gedich­ten geht es um Kind­heit, Fami­lie, Freund­schaft und Lie­be, um das All­täg­li­che und Beson­de­re eines jeden Lebens.

Ange­li­ka Sinn (Hg.): So nimmt man das Leben mit

Eine Antho­lo­gie mit Tex­ten von Zahirul Islam Babul, Mila Cha­mi, Far­han Heb­bo, Rosa Jais­li, Saber Lati­fi, Mad­jid Mohit, Sal­man Nur­hak und Ernes­to Sala­zar-Jimé­nez

Sujet Ver­lag, 2019

Ein Buch­pro­jekt des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors

Nähe­res zum Buch gibt es hier››

Foto: Rike Oehlerking
Foto: Rike Oeh­ler­king

Die Unter­sei­te ›audi­os‹ ent­stand im Zuge der Coro­na-Kri­se, als Lesun­gen aus­fal­len muss­ten und wir nach Alter­na­ti­ven such­ten, wie Autor*innen den­noch ihre Zuhö­rer­schaft fin­den konn­ten. Den Auf­takt mach­ten vier Bre­mer Jungautor*innen, die ihre Tex­te aus der Mini­Lit-Rei­he eigent­lich im März 2020 bei einer Lesung prä­sen­tiert hät­ten. Kur­zer­hand lasen sie ihre Tex­te als Audio­ver­sio­nen ein.
Auch Tex­te wei­te­rer geplan­te Lesun­gen beka­men auf die­sem Wege Gehör und sind in den jewei­li­gen Unter­ka­te­go­rien zu fin­den. So zum Bei­spiel eine Aus­wahl an Tex­ten aus der Antho­lo­gie ›So nimmt man das Leben mit‹, gele­sen von der Her­aus­ge­be­rin Ange­li­ka Sinn.
Aus der Rei­he OUT LOUD sind außer­dem von eini­gen Lesun­gen Auf­nah­men ent­stan­den, die als Pod­cast zu hören sind.

Die Audio-Rubrik soll auch zukünf­tig Raum bie­ten, um Tex­te von Bre­mer Autor*innen auch über ihre Lesun­gen hin­aus zugäng­lich zu machen. Wer mag, kann nach der einen oder ande­ren Ver­an­stal­tung dann auch noch­mal nach­hö­ren.

Jan Ewringmann: Keine Balkone

Jan Ewring­mann 1987 in Dort­mund gebo­ren, stu­dier­te Eng­lisch, Kul­tur­wis­sen­schaft und Medi­en­kul­tur in Bre­men. Anschlie­ßend war er als frei­er Jour­na­list für ver­schie­de­ne Medi­en tätig, unter ande­rem für die dpa. Heu­te schreibt er beruf­lich für die Hoch­schu­le Bre­men.

Foto: privat
Foto: pri­vat

Janika Rehak: Sushi, Weißwein, Berchtesgaden

Janika Rehak (*1983) hat in Han­no­ver stu­diert und arbei­tet heu­te als Autorin, Tex­te­rin und Jour­na­lis­tin, unter ande­rem für das deutsch-tsche­chi­sche Online-Maga­zin jádu und den Bre­mer Weser-Kurier. Ihre Kurz­pro­sa wur­de bei Wett­be­wer­ben mehr­fach aus­ge­zeich­net und in ver­schie­de­nen Antho­lo­gien und in der Mini­Lit-Rei­he (Heft 11) ver­öf­fent­licht. Seit 2018 ist sie Vor­stands­mit­glied des Ver­bands deut­scher Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler (VS ver.di) des Lan­des­ver­bands Bre­men-Nie­der­sach­sen.

Foto: privat
Foto: pri­vat

Lui Kohlmann: Hinter der Rosenhecke

Lui Kohl­mann (1995) stu­diert Freie Kunst in Bre­men. Zu ihrem Schaf­fen zäh­len Gedich­te, Wun­der­tü­ten, Künst­ler­bü­cher, Kurz­ge­schich­ten, Comics und Trick­fil­me, die sie in Aus­stel­lun­gen und mul­ti­me­dia­len Lesun­gen prä­sen­tiert. Dar­über hin­aus hat sie Tex­te in der Mini­Lit-Rei­he (Heft 9) ver­öf­fent­licht und ihre Arbei­ten bereits u.a. im Rah­men der Lan­gen Lite­ra­tur­nacht „Bre­men liest“, Lit­Clips und auf dem Zine-Fes­ti­val vor­ge­stellt. Nicht zuletzt ist sie die Grün­de­rin der Qua­dro­po­den-For­schungs­ge­sell­schaft.

Foto: privat
Foto: pri­vat

Helge Hommers: Das letzte Paar Schnürschuhe

Hel­ge Hom­mers, 1989 in Emden gebo­ren, lebt als Jour­na­list und frei­er Autor in Bre­men. Er ist Grün­dungs­mit­glied des Kol­lek­tivs gabrie­le­schreibt­ge­dich­te, hat Kurz­ge­schich­ten in Antho­lo­gien und in der Mini­Lit-Rei­he (Heft 12) ver­öf­fent­licht sowie meh­re­re lite­ra­ri­sche Aus­zeich­nun­gen sowie Sti­pen­di­en erhal­ten – unter ande­rem das Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um 2018 und das Sti­pen­di­um für die Bre­mer Pro­sa­werk­statt 2019. Im April 2020 erschien im Schü­ne­mann Ver­lag sein Buch “Los­las­sen — Alles hat sei­ne Zeit”, das er zusam­men mit Hans Gehrt von Ader­kas schrieb. Aktu­ell schreibt er an sei­nem ers­ten Roman.

Foto: privat
Foto: pri­vat

Laura Müller-Hennig: Kolja

Lau­ra Mül­ler-Hen­nig (*1985) hat im Bereich Thea­ter und Film gear­bei­tet, Medi­en­pro­duk­ti­on und Psy­cho­lo­gie stu­diert und wid­met sich seit meh­re­ren Jah­ren ver­schie­de­nen Kunst­pro­jek­ten. Eini­ge ihrer Tex­te hat sie in Kunst­ka­ta­lo­gen, Antho­lo­gien und Zeit­schrif­ten ver­öf­fent­licht sowie in der Mini­Lit-Rei­he (Heft 1, 7 & 9) der Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors. Dort lei­tet sie seit 2018 eine Schreib­werk­statt für jun­ge Autor*innen. Für eine ihrer Geschich­ten war sie 2016 für den Fried­rich-Glau­ser-Preis in der Spar­te Kurz­kri­mi nomi­niert. 2019 erhielt sie das Sti­pen­di­um für die Bre­mer Pro­sa­werk­statt und das Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um.

Foto: Marc Stavros
Foto: Marc Stav­ros

 

 

 

 

 

Texte für MiniLit gesucht

Für unse­re ›MiniLit‹-Reihe suchen wir aktu­ell wie­der Tex­te von jün­ge­ren Autor*innen (U35/40), die noch kei­ne Erzählungen/ Kurz­ge­schich­ten in der Rei­he ver­öf­fent­licht haben (kür­ze­re Tex­te in den Werk­statt­hef­ten sind aus­ge­nom­men).

Wei­te­re Infos zur Aus­schrei­bung gibt es hier»

Fortsetzungsprogramm zur Unterstützung freischaffender Künstler*innen im Rahmen der Corona-Krise

Der Senat hat am 2. Juni 2020 das Sofort­pro­gramm zur Unter­stüt­zung pro­fes­sio­nel­ler, selb­stän­di­ger und frei­schaf­fen­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler — das auf­grund der Aus­wir­kun­gen der Coro­na­vi­rus-Kri­se am 31. März 2020 mit Wir­kung bis zum 31. Mai 2020 beschlos­sen wor­den war — durch ein Fort­set­zungs­pro­gramm ver­län­gert.
In dem Pro­gramm sol­len wei­ter­hin pro­fes­sio­nel­le, selb­stän­di­ge und frei­schaf­fen­de Künstler*innen, die wegen der Coro­na­vi­rus-Kri­se durch Ein­nah­me­aus­fäl­le in eine Not­la­ge gera­ten, für ihre Lebens­hal­tung unter­stützt wer­den.

Für die Mona­te Juni bis August 2020 soll eine erneu­te ein­ma­li­ge, nicht rück­zahl­ba­re Unter­stüt­zung in Höhe von bis zu 3.000 € nach Maß­ga­be die­ser Richt­li­nie gewährt wer­den. Es ste­hen dafür ins­ge­samt Haus­halts­mit­tel in Höhe von 750.000 € zur Ver­fü­gung.

Anträ­ge kön­nen ab sofort gestellt wer­den.

Die För­der­richt­li­nie, das Antrags­for­mu­lar und wei­te­re Infor­ma­tio­nen sind zu fin­den unter:
kultur.bremen.de/startseite/corona__hinweise_fuer_kulturakteure-17312#Hinweise%20f%FCr%20Kulturakteure

Weitere Soforthilfemöglichkeit für selbstständig tätige Kulturschaffende

Die VGH-Stif­tung hat einen Son­der­fonds auf­ge­legt. Bis zum 30. Juni 2020 kön­nen frei­be­ruf­lich bzw. selbst­stän­dig täti­ge Kul­tur­schaf­fen­de mit Erst­wohn­sitz in Nie­der­sach­sen oder Bre­men, deren Arbeit inhalt­lich einem der in der För­der­kon­zep­ti­on der Stif­tung defi­nier­ten För­der­be­rei­che zuzu­ord­nen ist, eine Sofort­hil­fe von ein­ma­lig 2.000 Euro bean­tra­gen. Die ent­spre­chen­den Anträ­ge kön­nen aus­schließ­lich online gestellt wer­den. Die Stif­tung ermög­licht dar­über hin­aus auch die Eil-Bean­tra­gung von Pro­jekt­gel­dern (u.a. für digi­ta­le For­ma­te). Bit­te die För­der­kri­te­ri­en beach­ten, die auf der Inter­net­sei­te der Stif­tung zu fin­den sind:

https://www.vgh-stiftung.de/vgh

Außer­dem hat die Nie­der­säch­si­sche Spar­kas­sen­stif­tung für Kul­tur­schaf­fen­de mit Erst­wohn­sitz in Nie­der­sach­sen eben­falls einen ver­gleich­ba­ren Son­der­fonds auf­ge­legt: https://www.nsks.de/nsks

Schreiben in Zeiten von Corona – Blog mit Bremer Autor*innen

Alle Lesun­gen sind abge­sagt, Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen nach hin­ten ver­scho­ben, Schreib­work­shops kön­nen nicht statt­fin­den, oder wenn über­haupt, dann nur online. Was bedeu­tet das für all jene, die mit dem Schrei­ben ihr Geld ver­die­nen? Wie gehen sie damit um, wenn plötz­lich alle Ein­nah­men weg­bre­chen und voll­kom­men unklar ist, wie es wei­ter­ge­hen wird?

In den kom­men­den sechs Wochen berich­ten sechs Bre­mer Autor*innen jeweils eine Woche vom Schrei­ben in Zei­ten von Coro­na. Den Auf­takt macht die Kin­der­buch-Autorin Anna Lott (Woche 1), die zugleich allein­er­zie­hen­de Mut­ter von zwei Söh­nen ist. Sie erzählt in den ers­ten Blog-Bei­trä­gen von ihrem neu­en All­tag zwi­schen Schrei­ben, Kin­der­be­treu­ung und Anträ­gen auf Coro­na-Sofort­hil­fe. Außer­dem in dem kom­men­den Wochen mit dabei sind die Autor*innen Corin­na Ger­hards (Woche 2), Mei­ke Dan­nen­berg (Woche 3), Jörg Iser­mey­er (Woche 4), Colin Bött­ger (Woche 5) und Anke Bär (Woche 6). Vom 14. April bis zum 22. Mai blog­gen sie mon­tags bis frei­tags fürs Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor.

Zum Blog geht es hier››

Lesung für zuhause: Auszüge aus Anthologie eingelesen

Auch die für den 28. April 2020 in der Vil­la Spon­te geplan­te Lesung aus der Antho­lo­gie ›So nimmt man das Leben mit‹ muss­te auf­grund der Coro­na-Kri­se ver­scho­ben wer­den. Die Her­aus­ge­be­rin Ange­li­ka Sinn las eini­ge Tex­te aus dem Buch ein, um Neu­gie­ri­gen einen ers­ten Ein­druck zu ver­mit­teln.

Zur Audio-Lesung geht es hier››

MiniLit-Lesungen zum Anhören

Eigent­lich hät­ten wir Ende März im Rah­men des Fes­ti­vals ›Gast­ge­ber Spra­che‹ eine Mini­Lit-Lesung im NUNATAK in Blu­men­thal gehabt. Wie so vie­les muss­te auch die­se Lesung aus­fal­len. Damit man den­noch die Chan­ce hat, sich die Tex­te anzu­hö­ren, wer­den wir in den kom­men­den Wochen ein paar Tex­te aus unse­rer Mini­Lit-Rei­he als Audio­ver­sio­nen auf unse­rer Home­page ver­öf­fent­li­chen. Den Anfang machen Lau­ra Mül­ler-Hen­nig, Hel­ge Hom­mers, Janika Rehak und Lui Kohl­mann, die im März zusam­men die Lesung im NUNATAK gehabt hät­ten. Los geht es heu­te mit ›Kol­ja‹ von Lau­ra-Mül­ler-Hen­nig. Zur Audio­ver­si­on geht es hier››

Vorübergehende Grundsicherung und KSK stehen nebeneinander

In der KSK ver­si­cher­te Künst­ler „flie­gen“ bei Bean­tra­gung der Grund­si­che­rung nicht auto­ma­tisch aus der KSK.
Ent­schei­dend ist, dass es sich nach den aktu­el­len Hil­fen aus dem Sozi­al­schutz-Paket  nur um einen vor­über­ge­hen­den Bezug der Grund­si­che­rung han­delt, der  unschäd­lich für die KSK-Ver­si­che­rung ist.
(Natür­lich ist aber wie immer jeder Ein­zel­fall zu betrach­ten und auch die wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen der KSK müs­sen vor­lie­gen.)

Corona: Wissenswertes über Förderungen und Soforthilfen

Wir haben ver­schie­de­ne Infor­ma­tio­nen der letz­ten Wochen auf der Unter­sei­te Info-Mate­ri­al gebün­delt. Hier fin­den sich z.B. Hin­wei­se zu den Beschlüs­sen des Bre­mer Senats zur Coro­na-Sofort­hil­fe für Kleinst­un­ter­neh­men und Frei­schaf­fen­de Künstler*innen, Infos von der VG Wort, der KSK und des VS.
Die Sei­te wird fort­lau­fend aktua­li­siert.

Foto: Cosima Hanebeck
Foto: Cosi­ma Hane­beck

Anke Bär ist Autorin, Illus­tra­to­rin und Kul­tur­for­sche­rin und lebt mit ihrer Fami­lie in Bre­men.
 Es macht sie glück­lich, Bücher für Kin­der zu schrei­ben und zu illus­trie­ren, am liebs­ten bei­des auf ein­mal.

www.ankebaer.de

Anke Bär schreibt vom 18. bis 22. Mai 2020 täg­lich für unse­ren Coro­na-Blog.

Foto: Victor Ströver, nordsign
Foto: Vic­tor Strö­ver, nord­sign

Colin Bött­ger arbei­tet als frei­er Schrift­stel­ler, Schreib­do­zent und Ten­nis-Coach. Für sei­ne drei bis­her ver­öf­fent­lich­ten Roma­ne hat er ver­schie­de­ne Prei­se erhal­ten. Bereits seit meh­re­ren Jah­ren lei­tet er die Offe­ne Schreib­werk­statt des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors. Er ist Vater von zwei Söh­nen und lebt in Bre­men.

Colin Bött­ger schreibt vom 11. bis 15. Mai 2020 täg­lich für unse­ren Coro­na-Blog.
Foto: privat
Foto: pri­vat

Jörg Iser­mey­er, gebo­ren 1968 in Bad Sege­berg. Nach einem Stu­di­um der Sozio­lo­gie, Psy­cho­lo­gie und Pädagogik in Göttingen zog er die freie Künstlerlaufbahn einer Universitäts-Karriere vor und lebt heu­te als Schau­spie­ler, Regis­seur, Theaterpädagoge, Musi­ker und Schrift­stel­ler mit sei­ner Fami­lie in Bre­men.

www.literaturhaus-bremen.de/autor/joerg-isermeyer‑2

Kon­takt: j.isermeyer@gmx.de

Jörg Iser­mey­er schreibt vom 4. bis 8. Mai 2020 täg­lich für unse­ren Coro­na-Blog.

Foto: Blaise Bougois
Foto: Blai­se Bou­go­is

Mei­ke Dan­nen­berg, geb. 1974 in Bre­men, begann wäh­rend des Stu­di­ums der ange­wand­ten Kul­tur­wis­sen­schaf­ten in Lüne­burg, für ver­schie­de­ne Medi­en zu schrei­ben. Seit 2010 ist sie Redak­teu­rin des BÜCHER­ma­ga­zins und ist außer­dem Kri­mi-Autorin. Mei­ke Dan­nen­berg wohnt mit ihrer Fami­lie in Bre­men.

www.meikedannenberg.de

Mei­ke Dan­nen­berg schreibt vom 27. April bis 1. Mai 2020 täg­lich für unse­ren Coro­na-Blog.

Foto: privat
Foto: pri­vat

Corin­na Ger­hards (*1977): Gelern­te Tisch­le­rin, spä­ter Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten. Heu­te arbei­tet die allein­er­zie­hen­de Mut­ter als freie Schrift­stel­le­rin, aus­ge­bil­de­te Dreh­buch­au­torin, Jugend­buch-Gut­ach­te­rin, Jour­na­lis­tin und Dozen­tin für Krea­ti­ves Schrei­ben.

www.corinnagerhards.de

Corin­na Ger­hards schreibt vom 20. bis 24. April 2020 täg­lich für unse­ren Coro­na-Blog.

Foto: Julia Windhoff
Foto: Julia Wind­hoff

Anna Lott schreibt Bücher, Dreh­bü­cher und Hör­funk­ge­schich­ten und ist zuneh­mend für ihre leben­di­gen und humor­vol­len Lesun­gen bekannt. Ihre Bücher erschei­nen in den Ver­la­gen Are­na, dtv juni­or, Carl­sen und Thie­ne­mann-Ess­lin­ger. Sie lebt mit ihren zwei Söh­nen in Bre­men.

Anna Lott schreibt vom 14. bis 18. April 2020 täg­lich für unse­ren Coro­na-Blog.

Tag 1, Montag, 20. April 2020

Eigent­lich geht es mir gut

Ich bin ein grund­sätz­lich opti­mis­ti­scher Mensch. Zumin­dest so lan­ge mir ande­re dabei zugu­cken. Ich habe ein Dach, das mir auf den Kopf fal­len kann. Ich kann mich dar­über beschwe­ren, dass ich immer dicker wer­de, so ohne rich­ti­ge Bewe­gung und Fit­ness­stu­dio, weil ich einen vol­len Kühl­schrank habe. (Das mit dem Fit­ness­stu­dio steht an die­ser Stel­le sym­bo­lisch, natür­lich gehe ich da sonst auch nicht hin, es geht ums Prin­zip). Ich habe kei­ne Eltern oder älte­ren Ver­wand­ten mehr, um die ich mich sor­gen müss­te, und kei­ne klei­nen Kin­der, denen ich zum 27. Mal „Das Klei­ne Ich bin Ich“ vor­le­se, wäh­rend ich auf allen Vie­ren als Wau­wau durch die Woh­nung rob­be und sie das Sofa mit Fin­ger­far­ben ver­zie­ren.

Eigent­lich geht es mir gut.

Ich suche nach den posi­ti­ven Nach­rich­ten, schaue mir immer wie­der Fische in den Kanä­len Vene­digs an, die sin­ken­den CO2-Zah­len und Vide­os von Zusam­men­halt und sin­gen­den Men­schen auf Bal­ko­nen. Aber dann drü­cke ich ein­mal nicht schnell genug den Stopp-Knopf und statt glück­li­chen Del­phi­nen sehe ich wei­nen­de Kran­ken­schwes­tern. Und dann den­ke ich an den alten Mann, der im Kino immer in der Rei­he vor mir sitzt. Und an mei­ne Lieb­lings-Kiosk­ver­käu­fe­rin, die das Ren­ten­al­ter längst über­schrit­ten hat. Ich fra­ge mich, ob sie noch da sind. Ich den­ke dar­an, wann ich das letz­te Mal jemand umarmt habe, wann ich mei­ne Freun­de das letz­te Mal gese­hen habe und wann ich das letz­te Mal im Kino, auf einer Lesung, einem Kon­zert oder ein­fach in einem Stra­ßen­ca­fé gewe­sen bin und dabei noch nicht ein­mal wuss­te, dass es ein letz­tes Mal war. Ich ver­su­che, nicht dar­an zu den­ken, dass ich kei­ne Ahnung habe, wo mei­ne nächs­ten Auf­trä­ge her­kom­men sol­len, ohne die übli­chen Netz­werk-Ver­an­stal­tun­gen. Ohne Film­pro­duk­tio­nen. Ohne Leh­re. Ohne Men­schen! Und es funk­tio­niert nicht ganz mit dem Nicht-dar­an-Den­ken.

Dann bricht alles zusam­men.

Für einen Augen­blick, viel­leicht auch für meh­re­re, viel­leicht für Stun­den, legt sich die Angst schwer auf mei­ne Brust – ob es jemals wie­der so wird, wie es war, und wie lan­ge dau­ert es noch? Und dann schä­me ich mich, so zu füh­len, weil es ande­ren so viel schlech­ter geht.

Ich set­ze mei­ne selbst­ge­mach­te Schutz­mas­ke auf und gehe unter Ein­hal­tung aller Sicher­heits­re­geln eine Run­de in der Son­ne spa­zie­ren und für einen Moment fühlt es sich wie­der fast nor­mal an.

Fast.

Eigent­lich geht es mir gut.

Tag 2, Dienstag, 21. April 2020

Die Sache mit der Schlaf­an­zug­ho­se

Wir sind auf­ge­flo­gen.

Nor­ma­ler­wei­se geschah das, was wir Autoren den gan­zen Tag machen, hin­ter ver­schlos­se­nen Türen. Es hat­te etwas Magi­sches, Geheim­nis­vol­les, wenn der Schrei­ber­ling sich in sein Sank­tum zurück­zog und mit einem fer­ti­gen Manu­skript wie­der hin­aus­kam.

Jetzt füh­le ich mich durch­schaut.

Selbst in mei­ner eige­nen Vor­stel­lung sitzt der Autor hübsch gestrie­gelt wahl­wei­se in Twee­tan­zug oder im flie­ßen­den Gewand an einem Jugend­stil-Schreib­tisch, krault gele­gent­lich die Kat­ze auf dem Schoß und nippt an einem Rot­wein oder einer Tee­tas­se, wäh­rend er uner­müd­lich ent­we­der sehr intel­li­gent vor sich hin sin­niert oder mit flie­gen­den Fin­gern die Tas­ten bear­bei­tet.

Da die meis­ten Autoren das immer schon in ihren eige­nen vier Wän­den machen, han­delt es sich sozu­sa­gen um den Pro­to­typ des Home­of­fice.

Was für vie­le bis­her ein mys­ti­sches Wort, viel­leicht im bes­ten Fall eine Traum­vor­stel­lung war, ist von heu­te auf mor­gen All­tags­rea­li­tät gewor­den.

Die meis­ten Rat­schlä­ge für die Arbeit im Home­of­fice, begin­nen mit den glei­chen zwei Punk­ten:

  • Ste­hen Sie auf!
  • Zie­hen Sie sich eine Hose an!

Da man das „nor­mal“ arbei­ten­den Men­schen ja auch nicht extra auf­lis­tet, wird somit auto­ma­tisch unter­stellt, dass Men­schen im Home­of­fice das nicht zwangs­läu­fig tun.

Ich möch­te mich dazu an die­ser Stel­le nicht wei­ter äußern …

Den­noch bin ich mir bewusst, dass, wenn ich jetzt sage, ich arbei­te von zu Hau­se, mir ein wis­sen­des, leicht spöt­ti­sches Nicken ent­ge­gen­ge­bracht wird, viel­leicht sogar gemischt mit ein wenig Mit­leid. Denn jeder weiß jetzt, dass das heißt:

Stun­den­lan­ge „Recher­che“ (Nur noch ein Arti­kel, dann lege ich wirk­lich los!), zahl­rei­che, über den Tag ver­teil­te Aus­flü­ge zum Kühl­schrank (nur noch ne Klei­nig­keit Essen, dann lege ich wirk­lich los!!). Schnell noch ein­mal che­cken, ob auf Social Media nicht was unge­mein Wich­ti­ges pas­siert ist (nur noch…) und der plötz­li­che uner­klär­li­che Drang, die Bade­zim­mer-Arma­tu­ren mal wie­der rich­tig gründ­lich zu polie­ren … Bis es schon fast Abend ist und man ver­zwei­felt ver­sucht, das Tages­pen­sum noch zu schaf­fen.

Immer­hin – wäh­rend ich mir sehr inten­siv vor­neh­me, gleich rich­tig los zu arbei­ten, liegt tat­säch­lich ein Kater auf mei­nem Schoß und sab­bert ein biss­chen im Schlaf. Wenn er wie­der auf­steht, hin­ter­lässt er eine Wol­ke sei­nes Win­ter­fells auf mei­ner Schlaf­an­zug­ho­se.

Es wird Früh­ling. Auch im Home­of­fice.

Tag 3, Mittwoch, 22. April 2020

Die Sache mit David Lynch

David Lynch sag­te kürz­lich in einem Inter­view, er glau­be dar­an, dass die Welt nach Coro­na „more spi­ri­tu­al and much kin­der“ wird. Mal ganz abge­se­hen von sei­ner sehr pri­vi­le­gier­ten Sicht der Din­ge, mit Haus und Geld und Sicher­hei­ten, weiß ich nicht ganz, was ich davon hal­ten soll. Obwohl das gan­ze Sze­na­rio gera­de durch­aus an einen Lynch-Film erin­nert, ist er ja nun nicht gera­de für sei­ne strah­len­den Hap­py Ends bekannt.

Als alb­traum­haft und sur­rea­lis­tisch beschreibt Wiki­pe­dia Lynchs Fil­me. Und irgend­wie trifft es die Zeit gera­de ganz gut. Aber so geheim­nis­voll und gegen unse­re Seh­ge­wohn­hei­ten die­se oft sind, ver­fol­gen sie doch immer einen dra­ma­tur­gi­schen Bogen, ange­führt durch eine inne­re Getrie­ben­heit.

Zur­zeit fühlt es sich dage­gen eher an wie „zwi­schen den Jah­ren“, jene dump­fen Tage einer ein­ge­fro­re­nen Nicht-Zeit, nur mit mehr Warm. Und dass wir nicht wis­sen, wann Sil­ves­ter ist.

Dabei wäre es so schön, die­ses eine Datum zu haben, an dem mit einem Knall auf der gan­zen Erde die Türen wie­der auf­flie­gen, die Men­schen sich auf der Stra­ße in den Armen lie­gen, Sam­ba-Bands durch die Stra­ßen zie­hen und alle wild tan­zend den Neu­be­ginn begrü­ßen.

Statt­des­sen mutet es eher an wie eine mit­tel­mä­ßi­ge Serie, “Lost” viel­leicht, die recht span­nend anfängt, dann aber immer mehr nach­lässt, viel zu oft ver­län­gert wird und am Ende in Bana­li­tä­ten ver­siegt, weil sich her­aus­stellt, dass selbst die Macher lan­ge nicht wuss­ten, wie sie eigent­lich enden soll­te.

Was wird dann aus all den Rufen nach einer neu­en Welt? Nach mehr Soli­da­ri­tät und den gan­zen Din­gen, von denen wir jetzt ent­we­der mer­ken, dass wir sie gar nicht brau­chen oder dass wir sie ganz drin­gend brau­chen und viel zu lan­ge für selbst­ver­ständ­lich genom­men haben? Schüt­teln wir uns in eini­gen Wochen oder eini­gen Mona­ten oder eini­gen Jah­ren wie ein nas­ser Hund und machen ein­fach so wei­ter wie zuvor?

Irgend­wann fra­gen unse­re Enkel uns dann viel­leicht nach “damals, als die Welt still stand”, und alles, an das wir uns erin­nern, ist irgend­et­was Dif­fu­ses mit Toi­let­ten­pa­pier …

Tag 4, Donnerstag, 23. April 2020

Die Sache mit den Gum­mi­bä­ren

Immer wenn ich zur­zeit mit ande­ren Fil­me­ma­chern spre­che, kommt irgend­wann das The­ma auf, ob wir (logis­tisch und finan­zi­ell bei­sei­te gelas­sen) über­haupt noch „ganz nor­ma­le“ Fil­me machen kön­nen, wenn das alles ansatz­wei­se vor­bei ist. Wenn ich jetzt an einem Dreh­buch arbei­te, dür­fen sich die Leu­te dar­in umar­men? Dür­fen sie dicht­ge­drängt in Clubs rum­hän­gen und ohne Gesichts­mas­ke ein­kau­fen gehen? Oder heißt es dann gleich: „Ach! Du drehst his­to­risch!“

Sprich: Wer­den wir in Zukunft Fil­me und Bücher in „Befo­re Coro­na“ (BC) und „After Coro­na“ (AC) ein­tei­len müs­sen? Zucken wir nicht jetzt schon leicht zusam­men beim Fern­se­hen und möch­ten den Schau­spie­lern zuru­fen: Wo ist denn hier der Min­dest­ab­stand??

Seit Stun­den scrol­le ich hin und her, wechs­le zwi­schen Net­flix und Prime, schaue die ers­ten Minu­ten einer neu­en Serie, über die ich schon ganz viel gehört habe, und gehe wie­der raus.

Seit wann sind eigent­lich alle Seri­en so düs­ter? Selbst sol­che, die noch nett ange­fan­gen haben, wer­den ab der drit­ten Staf­fel spä­tes­tens depri­mie­rend und dun­kel. Als ob eine gute Cha­rak­ter­ent­wick­lung nur statt­fin­den kann, wenn wir uns nach anfäng­li­chem In-Sicher­heit-Wie­gen, erst lang­sam und dann immer rasan­ter ihren Abgrün­den nähern.

Wenn ich gera­de Abgrün­de sehen möch­te, schal­te ich die Nach­rich­ten ein.

Als der Strea­ming­dienst Dis­ney+ im März in Deutsch­land an den Start gegan­gen ist, haben alle damit gerech­net, dass „The Man­da­lo­rian“ sprung­haft an die Spit­ze der meist geschau­ten Seri­en schnellt. Statt­des­sen fand sich auf Platz Eins etwas gänz­lich ande­res wie­der:

Die Gum­mi­bä­ren­ban­de.

Und ich traue mich mal zu behaup­ten, dass das nicht nur an den gan­zen gelang­weil­ten Kin­dern lag …

Um ehr­lich zu sein, hat mich die­se Platt­form bis­her null inter­es­siert. Aber auch mein ers­ter Gedan­ke war: Es gibt die Gum­mi­bä­ren­ban­de?? Wie sieht das noch mal mit dem Pro­be­mo­nat aus?

Ich glau­be tat­säch­lich, dass sich etwas in der Film­welt ändern wird.

Ich glau­be, die Zeit des „dunk­ler, schwe­rer, grau­si­ger, depres­si­ver“ ist vor­bei.

Es ist als ob wir all die­se dys­to­pi­schen Seri­en, Fil­me und Bücher brauch­ten, weil wir tief in uns wuss­ten, dass wir uns dar­auf vor­be­rei­ten muss­ten, dass es bald sehr viel här­ter wird, dass die Frei­heit und die Sicher­heit, in der wir uns so selbst­ver­ständ­lich wieg­ten, auf sehr dün­nem Eis steht.

Aber jetzt, wo wir es erle­ben, wird es wie­der Zeit uns zu erin­nern, was wir eigent­lich wol­len, statt uns damit zu beschäf­ti­gen, wo wir hin­kom­men könn­ten, wenn alles den Bach run­ter­geht. Ziem­lich viel ist in einem wah­ren Was­ser­fall, viel schnel­ler und uner­war­te­ter fluss­ab­wärts gegan­gen, als wir je gedacht hät­ten. Nun brau­chen wir wie­der Medi­en, die uns zei­gen, wo wir hin­kom­men könn­ten, wenn alles ein biss­chen bes­ser wird, mit Hoff­nung und Uto­pien, viel­leicht genau­so über­zeich­net wie vor­her die Dys­to­pien.

Es lebe die Gum­mi­bä­ren­ban­de und das klei­ne Stück­chen hei­le Welt!

Tag 5, Freitag, 24. April 2020

Ruhe

Ich weiß noch, dass es mich immer ein wenig gewun­dert hat, in Fil­men oder Lite­ra­tur über Krieg zu beob­ach­ten, dass trotz aller schreck­li­chen Din­ge, die pas­sier­ten, der All­tag irgend­wie wei­ter­ging. Kin­der wur­den gebo­ren, Men­schen ver­lieb­ten sich, Kuchen wur­den geba­cken.

In jenen ers­ten ver­wir­ren­den, über­wäl­ti­gen­den Tagen des Lock­downs, die so gar nichts mit All­tag zu tun hat­ten, fast undenk­bar. Da fiel in einem ame­ri­ka­ni­schen Maga­zin ein Satz, der mir seit­dem immer wie­der durch den Kopf geht:

The fee­ling you are fee­ling now is grief.“

Wir hat­ten nicht nur unse­re momen­ta­ne Frei­heit, Tref­fen mit Freun­den und Fami­lie und even­tu­ell unse­ren Job ver­lo­ren, son­dern vor allem ein Sicher­heits­ge­fühl, mit dem die meis­ten von uns auf­ge­wach­sen sind. Wir muss­ten plötz­lich erfah­ren, dass die Welt, wie wir sie kann­ten, von jetzt auf gleich eine ganz ande­re wer­den konn­te, oder noch schlim­mer – eine Welt, von der wir noch immer nicht wis­sen, wie sie in einem Monat oder einem Jahr aus­se­hen wird. Da war Trau­er doch ein sehr ange­brach­tes Gefühl.

Durch unse­re glo­ba­li­sier­te Ver­netzt­heit konn­ten wir also plötz­lich beob­ach­ten, wie Mil­li­ar­den von Men­schen auf der gan­zen Erde geschlos­sen wie nie die berühm­ten 5 Pha­sen durch­lie­fen:

Ange­fan­gen beim Leug­nen – „Alles nicht so schlimm“, „Nur ´ne Grip­pe“, „Kann uns nicht gefähr­lich wer­den“ – ging es nach den ers­ten Ein­schrän­kun­gen und der Erkennt­nis, dass uns das sehr wohl doch pas­sie­ren kann, schnell in Zorn über. Von „Wie kann man uns nur so maß­re­geln!“ bis hin zu einem exem­pla­ri­schen Die­ter Nuhr, der wet­tert, dass er gefäl­ligst auf­tre­ten will.

Dann folg­te das Ver­han­deln, zu dem durch­aus auch Ver­schwö­rungs­theo­rien gehö­ren, die im Grun­de nur ein ver­zwei­fel­ter Ver­such sind, dem Gan­zen einen Sinn zu geben. Aber auch das kon­stan­te Auf­zäh­len der vie­len guten Sei­ten, die Bil­der von einer sich erho­len­den Natur und dem Zusam­men­halt der Men­schen ver­fol­gen eigent­lich das glei­che Ziel.

Die vor­letz­te Stu­fe ist die Trau­er sel­ber, bis hin zur Depres­si­on, das lang­sa­me Abschied­neh­men von der Welt, die wir kann­ten.

Wir haben vie­le Din­ge, die wir lieb­ge­won­nen haben, zumin­dest vor­über­ge­hend ver­lo­ren. Eine melan­cho­li­sche Schwe­re drückt mitt­ler­wei­le auf die pani­sche Auf­re­gung der ers­ten Wochen, und zu wis­sen, dass sie da auch noch eine Wei­le lie­gen blei­ben wird, drückt auf unse­re Schul­tern.

Aber wenn die ers­te Schock­star­re vor­bei ist, wenn die Pha­sen der Trau­er durch­lau­fen sind, egal ob es sich um einen Krieg, eine Tren­nung, den Ver­lust eines gelieb­ten Men­schen oder eine welt­wei­te Pan­de­mie han­delt, wenn Leug­nen, Zorn, Ver­han­deln und Depres­si­on über­wun­den sind, dann tritt die Akzep­tanz ein, die uns letzt­end­lich wie­der hand­lungs­fä­hig macht.

Es hat nur weni­ge Wochen gedau­ert und wir wech­seln auto­ma­tisch die Stra­ßen­sei­te, kön­nen uns eine Welt ohne Zoom kaum noch vor­stel­len, wun­dern uns, wenn wir einen Laden direkt betre­ten kön­nen, ohne vor­her in zwei Meter Abstän­den davor auf Ein­lass gewar­tet zu haben.

Kin­der wer­den gebo­ren, Men­schen ver­lie­ben sich, Kuchen wer­den geba­cken (oder in unse­rem Fall eher Unmen­gen an Brot). Die Welt dreht sich wei­ter. Und zusam­men mit der Akzep­tanz kommt nach all den Wochen des emo­tio­na­len Cha­os’ end­lich wie­der Schritt für Schritt ein biss­chen von der inne­ren Ruhe zurück, die wir so ver­misst haben.

Auch wenn selbst die­se Ruhe jetzt eine ande­re ist.

Tag 1: Dienstag, 14. April 2020

Rück­blick – Mit­te März:

Fakt 1: 17 Lesungs­ab­sa­gen für die­sen Monat auf­grund der (über)regionalen Schul‑, Thea­ter- und Biblio­theks­schlie­ßun­gen. Ein her­ber Ver­lust, fällt doch damit ein gro­ßer Teil mei­ner kal­ku­lier­ten Ein­künf­te für die nächs­ten Mona­te weg, und zwar nicht nur für mich, son­dern für mei­ne gan­ze drei­köp­fi­ge Fami­lie.

Fakt 2: Die Schu­len in Bre­men wer­den geschlos­sen. Da ich allein­er­zie­hend bin, bedeu­tet das: Ich bin für die nächs­ten zwei Wochen Leh­re­rin und Rund­um­ver­sor­ge­rin mei­ner zwei Söh­ne.

Erkennt­nis 1: Ent­schä­di­gung für Lesungs­aus­fäl­le? Null. Nix. Mir wird zum ers­ten Mal tat­säch­lich bewusst, dass es kei­ne Ver­trä­ge gibt, die mich finan­zi­ell absi­chern, alles läuft auf Abspra­chen- und Ver­trau­ens­ba­sis. Hat ja auch bis­lang immer pri­ma funk­tio­niert. Ich tele­fo­nie­re mit einem der vier Ver­la­ge, für die ich schrei­be. Die Ansprech­part­ne­rin, die Lesun­gen in die Wege lei­tet und koor­di­niert, sagt mir Bera­tung und Unter­stüt­zung zu, schickt mir einen Ver­trags­ent­wurf für die Zukunft. Doch eine Absi­che­rung im Fal­le einer Pan­de­mie ist auch dar­in nicht ent­hal­ten. All­ge­mei­ne Ver­wir­rung. Par­al­lel dazu Mails von Schu­len: „Scha­de, dass es nicht klappt. Alles Gute!“ Das ist nett gemeint, genau­so wie der Plan, eini­ge Lesun­gen in den Herbst zu ver­le­gen. Dann jedoch habe ich bereits zahl­rei­che Lesun­gen an ande­ren Orten und schrei­be an Pro­jek­ten. Dem­zu­fol­ge gibt es kaum Kapa­zi­tä­ten, den finan­zi­el­len Ver­lust aus­zu­glei­chen. Und: Die Ein­künf­te feh­len de fac­to jetzt.

Erkennt­nis 2: Mein akri­bisch aus­ge­tüf­tel­ter Plan einer Kom­bi­na­ti­on von Home-Schoo­ling mor­gens und Roman­schrei­ben am Nach­mit­tag funk­tio­niert nicht. Mei­ne Kids benö­ti­gen mei­ne Unter­stüt­zung inclu­si­ve Unmen­gen an geschmier­ten But­ter­bro­ten. Beim anschlie­ßen­den gemein­sa­men Mit­tag­essen pen­ne ich fast ein. Dann zie­he ich mich wie geplant in mein Büro zurück. Doch mein Kopf ist dumpf und leer. Ich lege mich eine Wei­le auf´s Sofa. Aber ich kann nicht schla­fen, ich bin zu ner­vös. Ich kapie­re, dass ich aller Vor­aus­sicht nach in den nächs­ten Wochen, viel­leicht sogar Mona­ten kein Geld ver­die­nen wer­de.

Erkennt­nis 3: Ich brau­che einen neu­en Plan.

Tag 2, Mittwoch, 15. April 2020

Noch immer Rück­blick – Mit­te März

Es gibt ein Quatsch­spiel, das Kin­der ger­ne spie­len, es heißt „Ver­kehr­te Welt“. Bei die­sem Spiel wird alles in sein Gegen­teil ver­kehrt. Da ist die Son­ne plötz­lich gefro­ren oder unter den Füßen wach­sen Dau­er­wel­len. So ist das gera­de:

Infor­ma­tio­nen aus der Pres­se aktua­li­sie­ren sich im Minu­ten­takt, die Leh­re­rin­nen mei­ner Kin­der schi­cken unzäh­li­ge Mails, dazu Anru­fe von Ver­wand­ten, Freun­den, Kol­le­gin­nen, Tipps und Nach­rich­ten aus der Buch- und Film­bran­che. Ich füh­le mich wie in die­ser glä­ser­nen Kugel, in der frü­her die Lot­to­ku­geln umher­wir­bel­ten. Jetzt sau­sen die Kugeln um mich her­um, pras­seln auf mich ein, sind teil­wei­se so schnell, dass mir ganz schwind­lig wird. Und mit­ten­drin ste­he ich, erschöpft und schwit­zend auf der Pau­sen­tas­te mei­nes beruf­li­chen All­tags, und ver­su­che einen neu­en Plan zu schmie­den. Ein Plan, der nicht dem Motor mei­ner exis­ten­ti­el­len Angst folgt, son­dern akut, hand­fest und nach­hal­tig wirk­sam ist. Denn Angst macht mit­un­ter dumm. Da spre­che ich aus Erfah­rung.

Also sprin­ge ich von der Pau­sen­tas­te und bege­be mich an den Rand des Gesche­hens. Von dort aus beob­ach­te ich, wel­che Wege die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus der Kin­der­buch­bran­che unter­neh­men, um die finan­zi­el­len Ver­lus­te auf­grund ent­fal­le­ner Lesun­gen aus­zu­glei­chen. Vie­le jam­mern. Ist alles schreck­lich, ich weiß. Aber es hilft mir gera­de nicht wei­ter. Vie­le set­zen sich für Online-Lesun­gen ein. Lesun­gen im Netz? Mei­ne Lesun­gen leben von Aus­tausch, Koope­ra­ti­on, Freu­de im Mit­ein­an­der, von Quatsch und Kurz­wei­lig­keit. Und, jetzt mal ehr­lich: Erwach­se­ne mögen das ja gut fin­den, aber Kin­der? Hal­lo?! Wir sind nicht im zwei­ten Welt­krieg, wir schrei­ben das Jahr 2020, es gibt Fil­me, Hör­spie­le, Blogs, E‑Books und Games! Ein Schwall Lot­to­ku­geln pras­selt auf mich ein. Aua. Okay, okay, ich habe Vor­ur­tei­le. Ich gebe es zu. Ich schaue mir also eine Online-Lesung von einer Kin­der­buch­au­torin an, die ganz beson­ders für die­sen Weg der Lite­ra­tur­ver­mitt­lung schwärmt. Sor­ry, ich bin raus.

Doch plötz­lich habe ich Selbst­zwei­fel: Mache ich gera­de etwas kom­plett falsch? Mache ich mich mit mei­ner Hal­tung zur Außen­sei­te­rin mei­ner Bran­che, weil ich nicht mit­ma­che? Nun ist sie plötz­lich doch da, die Angst. Nicht nur die Ver­la­ge und Pro­duk­ti­ons­fir­men haben Schnapp­at­mung auf­grund des Still­stan­des, auch mir wird schwind­lig. Ich begin­ne nachts schlecht zu schla­fen. Mei­ne Kin­der spü­ren mei­ne Anspan­nung. So geht das nicht.

Stopp.

Tag 3, Donnerstag, 16. April 2020

Wie war das? Was habe ich da geschrie­ben? „Ein Plan, der nicht dem Motor mei­ner exis­ten­ti­el­len Angst folgt, son­dern akut, hand­fest und nach­hal­tig wirk­sam ist.“

Oha.

Ich beschlie­ße, Ping­pong zu spie­len. So nen­ne ich die Art und Wei­se, wie ich am liebs­ten arbei­te. Ich ent­wick­le Expo­sés, Kon­zep­te und Ideen und mache den Auf­schlag. Ping. Und dann war­te ich ab, was von den Ver­lags­lek­to­rin­nen oder ande­ren Kooperationspartner(inne)n zurück­kommt. Pong. Oder es läuft anders her­um: Sie haben eine Idee und ich spie­le den Ball zurück. Wenn es gut läuft, flie­gen anschlie­ßend die Bäl­le hin und her. Ich lie­be die­se Art von Aus­tausch. Das tut nicht nur den Geschich­ten gut, das tut auch mir gut und beflü­gelt mich.

Die Coro­na-Situa­ti­on ver­än­dert alles. Aber die­ses gut funk­tio­nie­ren­de Kon­zept könn­te auch hier funk­tio­nie­ren. Also pro­bie­re ich es aus.

Ping (Auf­schlag 1): Ich schil­de­re mei­nem Ver­lag ehr­lich mei­ne Sor­gen: Dass ich aktu­ell einen erheb­li­chen finan­zi­el­len Ein­bruch habe. Dass ich aktu­ell nicht arbei­ten kann. Dass ich nicht weiß, wann das wie­der mög­lich sein wird. Dass ich Angst habe, dass die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ohne Kin­der mit lodern­dem Feu­er­schweif an mir vor­bei­zi­schen, wäh­rend ich aus­ge­brannt am Stra­ßen­rand lie­ge. Schluss­fra­ge: Gibt es Sicher­hei­ten?

Ping (Auf­schlag 2): Ich stel­le einen Antrag beim Land Bre­men für Solo­selbst­stän­di­ge. Zunächst woll­te ich das nicht. Ich dach­te: „Ach, ich hab doch noch genü­gend Rück­la­gen für die nächs­ten Mona­te, ande­re haben das doch viel nöti­ger als ich.“ Ich ertapp­te mich dabei, dass ich mei­ne Arbeit gering­schät­ze, indem ich so etwas den­ke. Durch den Aus­tausch, vor allem mit Kol­le­gin­nen aus der Krea­tiv­bran­che, weiß ich, dass ich nicht die ein­zi­ge Frau bin, die in sol­chen Bah­nen denkt.

Der Auf­schlag gelingt nicht wirk­lich. Der Ping­pong­ball lan­det näm­lich zunächst beim BIS in Bre­mer­ha­ven und nicht bei der Bre­mer Auf­bau­bank. Oh.

Ping (Auf­schlag 2a): Ich küm­me­re mich dar­um, dass mein Antrag bei der Bre­mer Auf­bau­bank ankommt.

Ping (Auf­schlag 2b): Ich küm­me­re mich par­al­lel um die Künst­ler­so­fort­hil­fe des Lan­des Bre­men. Him­mel, ist das kom­pli­ziert. Wann darf man was wie wo ein­rei­chen? Und war­um soll ich auf­lis­ten, wie viel Geld ich trotz der Lesungs­aus­fäl­le den­noch ver­dient habe und ver­die­ne? Ver­ste­hen die Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter der Behör­de, wie Men­schen wie ich ihre Ein­künf­te kal­ku­lie­ren? Dass einen Monat die Flut ins Haus schwappt und dann wie­der mona­te­lang Ebbe herrscht? Aus­ge­rech­net der März sieht auf­grund der aus­ste­hen­den Tan­tie­men gut aus. Lügen? Bes­ser nicht. Eine Stra­fe in die­ser Situa­ti­on hat mir gera­de noch gefehlt. Ich fül­le den Antrag ehr­lich aus. Und dann: Auf­schlag.

Und jetzt war­te ich aufs Pong.

Tag 4, Freitag, 17. April 2020

Noch immer März

Ich bin baff. Nein, mehr noch. Ich bin gerührt.

Die Pro­gramm­lei­te­rin einer mei­ner Ver­la­ge, mit denen ich arbei­te, ruft mich am spä­ten Frei­tag­nach­mit­tag an. Sie erklärt mir, dass vie­le Ver­la­ge um ihre Exis­tenz kämp­fen, in den Han­dels­we­gen herr­sche mit­un­ter Still­stand. Vie­le Lek­to­rin­nen arbei­ten im Home-Office. Die Neu­erschei­nun­gen fin­den ihr Publi­kum nicht auf­grund der geschlos­se­nen Buch­hand­lun­gen, Ama­zon kon­zen­triert sich vor­ran­gig auf Hygie­ne­ar­ti­kel und Tech­nik, stellt den Buch­han­del hin­ten­an. Nicht zu ver­ges­sen die aus­ge­fal­le­nen Buch­mes­sen in Leip­zig, Bolo­gna, Lon­don. Es feh­len die Wor­te für die­se schwie­ri­ge Zeit. Nicht nur ihr, auch mir.

Sie hät­te von mei­nen Befürch­tun­gen gehört, des­halb rufe sie an. Sie ver­si­chert mir, dass der Ver­lag mich nicht im Stich lässt. Ich bin kurz davor zu heu­len. Die Haut ist dünn in die­ser Zeit.

Mei­ne Bran­che ist ste­tig unsi­cher, du kannst Glück haben oder Pech oder irgend­et­was dazwi­schen. Es gibt eine Men­ge fabel­haf­ter Autorin­nen und Autoren, dafür reicht der Platz hier nicht, um all ihre Namen auf­zu­schrei­ben. Ich bin eine von vie­len. Ob fabel­haft oder nicht, las­sen wir ein­mal außen vor.

Das, was hier gera­de geschieht, fühlt sich an wie ein Sech­ser im Lot­to. Ich ste­he nicht mehr wie noch vor eini­gen Tagen in der glä­ser­nen Kugel auf der Pau­sen­tas­te und schwit­ze zwi­schen umher­flie­gen­den Lot­to­ku­geln. Nein. Sechs Kugeln lie­gen in mei­ner Hand. Denn vor mir tut sich wie­der eine Per­spek­ti­ve auf.

Nicht zum ers­ten Mal wird mir bewusst, wie wich­tig mir Ver­bind­lich­kei­ten für mei­ne krea­ti­ve Arbeit sind. Ver­bind­lich­kei­ten, die nicht immer, aber oft finan­zi­el­le Sicher­hei­ten nach sich zie­hen. Ein Teil eines Gan­zen zu sein. Zuge­hö­rig zu sein. Das ist in mei­nem Beruf oft vakant. Ich ken­ne vie­le Kunst­schaf­fen­de, die ent­spannt sind, obwohl sie kei­ne Ahnung haben, ob ein Ver­lag mit ihnen arbei­ten möch­te oder nicht. Die nicht wis­sen, was sie im nächs­ten Monat ver­die­nen wer­den. Ich bin nicht so. Nicht erst, seit­dem ich Mut­ter von zwei Kin­dern bin.

In den letz­ten Tagen hat­te ich ver­sucht, ein altes, über­schau­ba­res Pro­jekt aus mei­nem digi­ta­len Ord­ner „Pro­jekt­ideen“ erneut zum Leben zu erwe­cken. Etwas, das ich trotz der gro­ßen Her­aus­for­de­rung des All­tags der­zeit bewäl­ti­gen kann. Doch die Tex­te waren lieb­los und zynisch gewor­den. Ich weiß, dass ich so schrei­be, wenn ich ängst­lich bin. Dann bro­delt es in mir wie in einem sau­ren Hexen­kes­sel und her­aus kommt zwar etwas Knal­li­ges, Lus­ti­ges, aber es ist ätzend, geprägt von einem grund­sätz­li­chen Pes­si­mis­mus. Ich mag es nicht, wenn ich so schrei­be. Inter­es­san­ter­wei­se hat­te ich auch noch nie Erfolg damit.

Inner­halb kür­zes­ter Zeit schrei­be ich das Kon­zept um. Mit Herz, Lei­den­schaft und Ver­stand. Und dann eine Mail vom Land Bre­men. Ich bekom­me die Künst­ler­so­fort­hil­fe! Gibt es eigent­lich einen Sie­be­ner im Lot­to?

 

Fort­set­zung folgt am mor­gi­gen Sams­tag mit Tag 5 und Anna Lotts Abschluss­text. Wer mit der Autorin in Kon­takt tre­ten möch­te, kann das über ihre Home­page. Rück­mel­dun­gen zum Blog kön­nen dar­über hin­aus auch ger­ne ans Lit­ko geschickt wer­den: info@literaturkontor-bremen.de.

Tag 5, Samstag, 18. April 2020

Inzwi­schen ist eine Wei­le ver­gan­gen. Mei­ne Kin­der sind aktu­ell in der glä­ser­nen Kugel ihres Vaters. Ich bin in der glä­ser­nen Kugel daheim, Noch immer flie­gen die Lot­to­ku­geln um mich her­um, doch ich schwit­ze nicht mehr und die Pau­sen­tas­te ist inzwi­schen ver­schwun­den. Statt­des­sen sit­ze ich auf der Play­tas­te. An mei­nem Schreib­tisch, ohne Mund­schutz, dafür jedoch aus­ge­stat­tet mit einem beque­men Sicher­heits­helm. Damit die beson­ders har­ten Kugeln an mir abpral­len. Ha! Aus­ge­trickst!

Wäh­rend ich einer­seits die­sen Blog schrei­be und ENDLICH an mei­nem Roman wei­ter­ar­bei­te, beschäf­tigt mich ande­rer­seits die Fra­ge, inwie­fern ich eigent­lich inhalt­lich mit den aktu­el­len Gescheh­nis­sen in die­ser Zeit krea­tiv umge­he. Ich habe kei­ner­lei Bedürf­nis, die­se Zeit lite­ra­risch kon­kret zu the­ma­ti­sie­ren. Was jedoch nicht bedeu­tet, dass ich nicht auf die aktu­el­len Gescheh­nis­se reagie­re – ganz im Gegen­teil.

In den letz­ten Wochen plopp­te immer wie­der der Schrift­stel­ler Otfried Preuß­ler in mei­nen Gedan­ken auf. 1962 erschien sein ers­ter „Räu­ber Hotzenplotz“-Roman. Trotz sei­nes unschlag­ba­ren Erfolgs erleb­te Preuß­ler immer wie­der Gegen­wind. Kri­ti­ker war­fen ihm Welt­frem­de vor, denn er reagier­te nicht vor­der­grün­dig auf die The­men sei­ner Zeit, wie bei­spiels­wei­se anti­au­to­ri­tä­re Erzie­hung, Wider­stand gegen Atom­kraft und so wei­ter. Nein, er erzähl­te Geschich­ten, weil Men­schen Geschich­ten lie­ben, in die sie ein­tau­chen kön­nen, die sie sprich­wört­lich „welt­ver­ges­sen“ machen. Oder welt­of­fen, wie man es nimmt.

Ich ver­las­se mei­ne Kugel und gehe jog­gen. Wäh­rend ich an Men­schen mit ver­knif­fe­nen Mün­dern und ent­spann­ten Bäu­chen vor­bei­lau­fe, fra­ge ich mich, war­um ich stän­dig dar­an den­ken muss. Was hat Otfried Preuß­ler mit heu­te und jetzt zu tun? In mei­nen Gedan­ken wir­beln die Fra­gen und Ant­wor­ten hin und her. Etwa so:

Möch­te ich das Virus in mei­nen Geschich­ten the­ma­ti­sie­ren?

Nein, auf gar kei­nen Fall. Das rea­le Virus macht bloß Angst und hilft aktu­ell nie­man­dem. Mal davon abge­se­hen, habe ich kei­ne Lust dazu.

Könn­te das Virus nicht ein Bild für einen star­ken Ant­ago­nis­ten sein?

Ja, mög­li­cher­wei­se. Die grau­en Män­ner in Micha­el Endes „Momo“ waren eine fabel­haf­te Über­set­zung der Depres­si­on in Figu­ren.

Ist viel­leicht irgend­et­was am Virus lus­tig?

Grund­sätz­lich nein, aber es gesche­hen Din­ge, die tra­gisch-komisch sind.

Aha. Was ist tra­gisch-komisch?

Die Reak­ti­on eini­ger Men­schen. Sie sind vor­der­grün­dig komisch, doch im Kern tra­gisch. Bei­spiels­wei­se Men­schen mit fast kom­plett ver­hüll­tem Gesicht. Es sieht lus­tig aus, aber dar­un­ter ver­birgt sich mög­li­cher­wei­se Angst.

Möch­te ich das the­ma­ti­sie­ren?

Ja. Denn hier zeigt sich das Mensch­sein in all sei­nen Facet­ten.

Das ist es.

Ich blen­de die aktu­el­le Situa­ti­on nicht aus, ich arbei­te mit ihr. Ich ent­neh­me ihr Komik und Tra­gik für mei­ne Geschich­ten. Ich kre­iere Ant­ago­nis­ten. Ich lache und ich wei­ne mit mei­nen Figu­ren. Ich schütt­le über sie den Kopf und könn­te sie zum Mond schie­ßen. Genau­so wie es viel­leicht einst Otfried Preuß­ler und Micha­el Ende und die vie­len, vie­len ande­ren Autorin­nen und Autoren getan haben und/oder noch heu­te tun. Wer weiß das schon.

Ich jeden­falls mache mich nun an die Arbeit. Wei­ter geht´s!

Tag 1, Montag, 27. April 2020

Schrei­ben zu Zei­ten von Coro­na

Ich weiß, was ich NICHT schrei­be. Ich arbei­te nicht an mei­nem Roman, nicht an mei­nem Kri­mi­plot. Der Kri­mi erscheint mir gera­de zu banal und der Roman ist zwar fast fer­tig, aber da ist die­se Atmo­sphä­re: Auf­bruch, Früh­ling, Jugend. Die­ses Erwa­chen der Prot­ago­nis­tin ist schön und ver­hei­ßungs­voll, aber ich höre früh­mor­gens mei­nen Mann im Bad hus­ten. Das tut er immer, er ist ein rich­ti­ger Schnau­fer, All­er­gi­ker, das hält mich auch sonst wach, aber im Moment klopft mein Herz dann schnel­ler. Kurz vor Son­nen­auf­gang ist die Stun­de der Angst und ich den­ke dar­über nach, wer sich um unser Kind küm­mert, wenn wir bei­de ins Kran­ken­haus müss­ten. Mei­ne sieb­zig­jäh­ri­ge Mut­ter?!

Stream of Con­scious­ness heißt es, wenn man den Stift aufs Papier setzt und ein­fach drauf los schreibt. Ich nut­ze das gele­gent­lich, um men­ta­len Bal­last abzu­wer­fen, um krea­tiv arbei­ten zu kön­nen, doch im Moment ist alles nur Stream of Coro­na. Neu­lich erzähl­te mir eine Kol­le­gin von ihrem Roman-Jour­nal, dort hält sie fest, wor­an sie beim nächs­ten Mal, wenn sie Zeit hat (zwei Kin­der, ein Brot­job im Home­of­fice) im Manu­skript arbei­ten möch­te, weil sie sonst völ­lig den Faden ver­liert. Die ers­te Asso­zia­ti­on, die dar­auf­hin in mei­nem neu­en Jour­nal lan­de­te, war, dass ich ger­ne mit Peter Wohl­le­ben spre­chen wür­de. Er soll mir erklä­ren, wie das ist mit dem gestress­ten Wald, der angeb­lich sogar den Stress­pe­gel eines Men­schen beein­flus­sen kann. Wenn mich sogar ein Wald stres­sen könn­te, dann ist es ja kein Wun­der, dass ich ver­krampft aus einem Super­markt kom­me und heu­len möch­te. Wir eiern mitt­ler­wei­le so um ein­an­der her­um, das Gan­ze erin­nert mich zuneh­mend an einen erzwun­ge­nen Tanz. Wel­chen Sound­track mag der „Coro­na-Step“ haben? Irgend­was Com­pu­ter-Gene­rier­tes, Ambi­ent viel­leicht. Da war etwas Selt­sa­mes an den Ambi­ent-Par­tys, Anfang der Neun­zi­ger, man konn­te sprin­gen, Arme und Bei­ne in alle Rich­tun­gen wer­fen und nie traf oder trat man jeman­den. Kon­takt­ar­me Musik. Also Ambi­ent. Nicht die Ode an die …

Ver­schla­fe­nes Kind: „Darf ich Fern­seh gucken?“

Was? Nein!“

War­um nicht?“ Mau­lig.

Es ist neun Uhr. Du musst früh­stü­cken, bei its­lear­ning schau­en, ob da neue Auf­ga­ben sind. Der Com­pu­ter …“

Ich mach das auf dei­nem Han­dy!“

…“

Nicht mehr ganz so ver­schla­fe­nes Kind: „Was!? Wir sol­len jetzt mit der Mai-Auf­ga­be fürs Baum­ta­ge­buch begin­nen?, ich hab doch noch nicht mal…!“

Ich bezweif­le, dass Ambi­ent der Sound­track ist, eher Neue Musik, irgend­was mit Rück­kopp­lung.

(Vier­zig Minu­ten spä­ter tele­fo­niert das Kind mit einer Klas­sen­ka­me­ra­din. Auf ihren Haus­auf­ga­ben-Zoom haben sie kei­ne Lust mehr, das hat alle gestresst, auch wenn es gut war, zu sehen, dass sie alle vor den glei­chen Pro­ble­men sit­zen: ein Berg, der nicht klei­ner wird, Auf­ga­ben kom­men dazu, kei­ner weiß mehr genau, was wann fer­tig wer­den soll.)

Allei­ne ist doof. Zusam­men vor dem Bild­schirm aber auch.

Wir sind alle dünn­häu­tig im Moment. Ich taue Safran­we­cken auf.

Stream of Coro­na, wo war ich?

Eine Bekann­te erzähl­te, sie käme im Moment so wenig dazu, an ihrem Buch zu arbei­ten, dass sie sich ein Roman-Jour­nal ange­legt hat … Eine Erfah­rung seit Coro­na: Ich mache vie­le Din­ge zwei Mal, wegen der Unter­bre­chun­gen. Über Ambi­ent hat­te damals ein Freund gesagt, die­se Musik sei wie ein Klei­der­schrank, man hän­ge sich ein­fach rein. Jetzt hän­gen wir im Coro­na-Schrank und wenn mein Mann hus­tet, zieht sich die Schlin­ge um den Hals enger.

Ich habe noch wei­ter recher­chiert, über die Ver­bin­dung von Bäu­men unter­ein­an­der. Mykorr­hi­za hie­ße das Netz aus Fein­bo­den­pil­zen, das die Bäu­me im Wald mit­ein­an­der ver­bin­det. Der Pilz ist abhän­gig von den Bäu­men, die Kom­mu­ni­ka­ti­on erfolgt über einen Aus­tausch von Nähr­stof­fen. „Wood-Wide-Web“ nann­te der Wis­sen­schaft­ler in der GEO das. Wenn sogar die Bäu­me so ver­bun­den sind, und mein Herz schnel­ler schlägt, wenn mein Mann hus­tet, was sagt das dann über den Sound­track aus, dem wir uns täg­lich aus­set­zen?

Viel­leicht müs­sen wir den ändern. In Wal­zer, oder so. Irgend­was mit Anfas­sen, zumin­dest men­tal, etwas Geschmei­di­ges, das ver­bin­det, obwohl alle so fern sind.

Tag 3, Mittwoch, 29. April 2020

Der Coro­no-Fami­li­en­k­nast lässt uns rotie­ren. Manch­mal wird der Ton rau, vor allem, wenn Zet­tel weg sind und schlech­te Lau­ne auf­kommt, weil Gerä­te oder Mate­ria­li­en nicht ver­füg­bar schei­nen. Dann bricht für einen Moment alles zusam­men, die müh­sam zusam­men­ge­fal­te­te Stim­me will sich blä­hen, aus­bre­chen aus dem freund­lich, hilfs­be­rei­ten Ton-Kor­sett. Aber was kann das Kind dafür, dass es in sei­nem Alter dazu genö­tigt wird, sich an Tagen wie die­sem – lin­ker Fuß vorm Bett, grau­er Him­mel – allei­ne zu meh­re­ren Stun­den Heim­ar­beit zu moti­vie­ren?

Ich durch­fors­te mein Hirn nach den Din­gen, die uns der­zeit Struk­tur geben und die Lau­ne heben.

1) Aus­mis­ten: Wahr­schein­lich hät­ten wir ohne die erzwun­ge­ne Zeit nie­mals das Kin­der­zim­mer so effi­zi­ent in ein Jugend­zim­mer ver­wan­delt. Müll­sä­cke voll mit Aus­mal­bil­dern, Plas­tik­fi­gür­chen, zer­bro­che­nen Flum­mis und Kram, der Kin­dern in unse­rer Kon­sum­ge­sell­schaft fast auf­ge­nö­tigt wird, von der Plas­tik­kat­ze als Floh­markt­ge­schenk (Bit­te Kind, sag ein­fach Nein!) bis zum jähr­li­chen Auf­kle­ber-Sam­mel­fi­gu­ren-Album-Wahn­sinn in der Weih­nachts­zeit. Fünf Mal füll­ten wir die Kis­te vor der Haus­tür mit Spiel­zeug, Büchern, Mur­meln und Klein­kram, ver­schick­ten Pake­te, mot­te­ten das Play­mo­bil für die Zeit ein, in der es wie­der Floh­märk­te gibt, stell­ten die Möbel um und Sachen im Inter­net ein.

2) Bewe­gung in den vier Wän­den: Von dem Geld hat sich das Kind eine Turn­mat­te gekauft. Air­track, wie ich lern­te. Die Koh­le­fa­sern in der Luft­kam­mer machen so ein inter­es­san­tes Geräusch: Whu­um, Whu­um, manch­mal knallt sie auch auf den Boden, wenn eine Ecke sich durch den Schwung hebt, Wapp. Das hat also, wie vie­les gera­de, zwei Sei­ten, aber Hand­stand, Rad­schlag und ‑wen­de, das läuft. Den gan­zen Tag, über den Tag ver­teilt. Wir fin­den das gut, obwohl es im Wohn­zim­mer statt­fin­det. Vor Coro­na wären wir durch­ge­dreht, aber jetzt ist das irgend­wie in Ord­nung. Die Akro­ba­tik­grup­pe des Bre­mer Zir­kus­vier­tels probt wäh­rend der Zoom-Stun­den gera­de Sofa-Kunst­stü­cke, um sie zu einer Online-Zir­kus­show zusam­men­zu­schnei­den. Das Kind pro­biert, was sich von der Turn­mat­te aufs Sofa über­tra­gen lässt. (Ruhig blei­ben!)

3) Wich­tel: In Ham­burg hat jemand an einem Baum­stamm ein Wich­tel­haus gebaut, klei­ne Tür, Tisch­chen, Namens­schild. Sehr nied­lich und weil die Idee so ein­leuch­tend ist, (Spiel­plät­ze gesperrt), ist der Schan­zen­park jetzt mit Wich­teln bevöl­kert, die man zwar nicht sieht, aber ihre Häus­chen. Also: Wich­tel­haus für Bür­ger­park bau­en! Wir waren beun­ru­higt, dass die Lau­ne sin­ken könn­te, wenn es jemand abräumt, schließ­lich ist es ein öffent­li­cher Park. Aber nach drei Tagen tauch­ten statt­des­sen ein Mari­en­kä­fer, ein win­zi­ger Kür­bis und ein Bild in dem Ensem­ble auf, die Gegen­stän­de wur­den ver­rückt. Das Kind ist ent­zückt. Ich träu­me von einem Bür­ger­park vol­ler Wich­tel­häus­chen, wäh­rend und nach Coro­na.

4) Kis­ten in den Stra­ßen: Wir gehen spa­zie­ren, das tun wir sonst eher im Wald, aber hier fin­den wir Din­ge. Mein Mann ver­folgt seit Jah­ren das Prin­zip erra­ti­scher Bil­dung. Wenn er von einem The­ma eines Buches kei­ne Ahnung hat, sieht er es als Zei­chen und nimmt es mit: Zoo­lo­gie der wir­bel­lo­sen Tie­re, Bio­nik, Kunst aus Alt­vor­der­asi­en und Ägyp­ten. Er hat mich über die Kno­ten­schrift der Inkas infor­miert, so pro­fi­tie­ren wir alle. Im Moment ist die Zeit gut für Hori­zont­er­wei­te­rung, über­all in unse­rer Gegend ste­hen Bücher­kis­ten. Neu­lich hat er „Por­trät zeich­nen“ auf­ge­sam­melt, das Buch aus den Acht­zi­gern ist nicht so streng natu­ra­lis­tisch, da wird auch gek­ri­ckelt, das Kind schloss sich an. Mein Mann sagt, und ich bin froh drum, dass er das nicht tut, wenn er hier in der Gegend Sozio­lo­gie, Phi­lo­so­phie und poli­ti­sches Sach­buch mit­neh­men wür­de, müss­ten wir anbau­en.

5) Brett­spie­le: Wir spie­len auch sonst Brett­spie­le. Seit eini­gen Tagen wird mit einer wei­te­ren Fami­lie über Brettspiel.de und Boardgamearena.com gespielt. Par­al­lel läuft ein Video, damit man sich über die Ton­spur unter­hal­ten kann. Aber es wur­den auch schon Com­pu­ter auf Bücher­sta­peln schräg gestellt, im Auge der Kame­ra das Spiel­brett eines Spiels, das bei­de Fami­li­en besit­zen. Ging auch irgend­wie.

Das alles auf­zu­schrei­ben, was unser Leben der­zeit berei­chert, hat jetzt tat­säch­lich etwas genutzt, ich läch­le und bin gerührt. Wir Men­schen sind so unglaub­lich gut, krea­ti­ve Lösun­gen für Pro­ble­me zu ent­wi­ckeln, wir müs­sen uns nur dar­an erin­nern. Und inzwi­schen sind auch die Haus­auf­ga­ben erle­digt.

Tag 4, Donnerstag, 30. April 2020

Heu­te woll­te ich über die Angst schrei­ben, aber dann bekam ich Angst, dass ich jam­me­re. Das gefällt mir im Moment nicht beson­ders: Ich habe sehr gro­ße, immer wie­der auf­flam­men­de Angst, reflex­ar­tig wer­de ich von Freun­den beru­higt. Nie­mand möch­te, dass das, was ich emp­fin­de, näher an der Rea­li­tät lie­gen könn­te als ein ver­meint­li­ches Sicher­heits­ge­fühl. Aber wer weiß das schon so genau? Auf jeden Fall ist es unan­ge­nehm – mir und mei­nem Gegen­über –, dass ich stän­dig als Cas­san­dra her­u­mun­ke, aber ich kann nicht so recht aus mei­ner Haut. Ich hat­te das vor Coro­na schon, wir sind enge Ver­trau­te, die Angst und ich.

Neu­lich hielt ein jun­ger Mann vor unse­rer Vor­gar­ten­tür, wir hat­ten da die­se Ver­schen­ke­kis­te ste­hen, und er such­te sich etwas für sei­ne noch recht klei­nen Kin­der raus, wäh­rend ich eine Blu­me ein­topf­te.

Fünf und drei Jah­re?“, sag­te ich. „Wie kommt ihr klar?“

Tja, gereizt“, ant­wor­te er. Er hat­te dunk­le Schat­ten um die Augen. Er sag­te, dass er nicht ver­ste­he, was das alles sol­le, Schwe­den, und alles gar nicht so schlimm.

Ich sag­te, ich kön­ne das alles sehr gut ver­ste­hen, sei fast froh dar­um, dass die Regeln mei­nen Ängs­ten so ent­sprä­chen, dann müss­te ich mich nicht als ner­vö­ses Ner­ven­bün­del outen. Ich mein­te, dass das bestimmt durch mei­ne Erkran­kung käme, dass ich wis­se, wie es sich anfühlt, vom eige­nen Kör­per ver­ra­ten zu wer­den (Ich habe kei­ne Haa­re).

Er guck­te ein wenig mit­lei­dig. Rand­grup­pe. Klar. Dann sag­te ich, dass Lebens­er­fah­run­gen unse­re Ängs­te prä­gen und dass die Poli­ti­ker (Alters­durch­schnitt fünf­zig) sicher über­wie­gend schon Erfah­run­gen mit Krank­heit und Tod im nähe­ren Umfeld gemacht hät­ten. Er sei doch wahr­schein­lich gera­de mal drei­ßig, oder?

Unser Gespräch wur­de unter­bro­chen, er war sicher sehr froh dar­über. In mei­nem Kopf lief es noch wei­ter. Ich woll­te ihm erklä­ren, dass ich damit mein­te, die Poli­ti­ker sei­en nicht objek­tiv, genau wie ich. Anhand der Zah­len ist es objek­tiv nicht zu erwar­ten, dass sowohl mein Mann als auch ich ster­ben wer­den, und trotz­dem habe ich dazu in vie­len Näch­ten Alp-Wachträu­me.

Mor­gens um Vier ist die Stun­de des Wol­fes.

Am Anfang der Pan­de­mie, als „Tria­ge“ zur Rea­li­tät in den Nach­bar­län­dern wur­de, scherz­te ich, ich wür­de mir mit Edding: „Das ist kein Krebs, sieht nur so aus“, auf die Glat­ze schrei­ben. Es war nur ein hal­ber Scherz, denn das Gefühl, als Mensch in gesund, alt, jung, schön, gebil­det oder unge­bil­det kate­go­ri­siert zu wer­den, ist ein sehr bedroh­li­ches Sze­na­rio, das aller­dings auch unter­schwel­lig in sozia­ler Inter­ak­ti­on mit­läuft.

Ich habe es, und das ist natür­lich sub­jek­tiv, schon häu­fi­ger so emp­fun­den, dass ich ohne Perü­cke gleich­zei­tig als arm wahr­ge­nom­men wur­de. Eine selt­sa­me Kau­sa­li­tät, die etwas damit zu tun haben könn­te, dass mir auch manch­mal im Job anschei­nend weni­ger zuge­traut wur­de. Oder als Klein­gärt­ne­rin (wobei unser Gar­ten für sich spricht, wir kön­nen das tat­säch­lich nicht so beson­ders gut). Und natür­lich ist es eine unbot­mä­ßi­ge Unter­stel­lung, dass im Kran­ken­haus nicht die tat­säch­li­che Ursa­che einer solch ver­wir­ren­den Erkran­kung erfasst und ver­stan­den wer­den könn­te. Ich kann also froh sein, nur kahl und nicht acht­zig plus zu sein, aber in dem Fal­le wür­de ich womög­lich über eine Botox-Behand­lung nach­den­ken und ver­su­chen, mir fal­sche Papie­re zu beschaf­fen, wenn die Zah­len bedroh­lich stie­gen.

Mein Mann ist hier der Prag­ma­ti­ker. Er sagt, es gin­ge sowie­so nicht um die Men­schen oder den Schutz von Rand­grup­pen, son­dern dar­um, dass wir nicht in der Lage sei­en, die Wir­kung einer Expo­nen­ti­al­funk­ti­on zu erfas­sen. Wenn man die dann ver­steht, wäre es bereits zu spät, dann wäre nicht nur das Gesund­heits­sys­tem am Ende, son­dern die Wirt­schaft gleich mit, weil in Deutsch­land rund 11 Mil­lio­nen Men­schen gleich­zei­tig mit Fie­ber im Bett lägen.

Ich schaue mir die „Übersterb­lich­keit“ an und den­ke, bald wis­sen wir mehr, und dann habe ich hof­fent­lich nicht mehr so viel Angst. Oder noch mehr, wer weiß das schon. Aber es tut mir leid, dass ich den jun­gen Mann so abge­kan­zelt habe, er hat das Recht, kei­ne Angst zu haben. Ich benei­de ihn dar­um und wer­de nicht über per­sön­li­che Wahr­hei­ten strei­ten. Zum Glück gibt es Regeln von Men­schen, die so viel Angst haben wie ich.

Tag 5, Freitag, 1. Mai 2020

Heu­te ist Fei­er­tag. Seit fast zwan­zig Jah­ren arbei­te ich im Home­of­fice und Fei­er­ta­ge sind wich­tig. Sie sind nicht dazu da, die Sachen nach­zu­ho­len, die man an ande­ren Tagen nicht geschafft hat! Ja, ich weiß: Außer man hat nichts geschafft und viel zu tun und das Wochen­en­de (oder der Fei­er­tag) fühl­ten sich schon vor­her an wie eine beson­ders geeig­ne­te Zeit, in der man viel mehr tun könn­te. Hah! Wenn es vor­her nicht geklappt hat, ändert auch die Tat­sa­che, dass die Geschäf­te geschlos­sen sind, wenig, vor allem jetzt. Im Gegen­teil, es wird sich unge­recht anfüh­len, an einem Tag zu arbei­ten, der nor­ma­ler­wei­se frei wäre.

Heu­te ist also Zeit für etwas ande­res.

(Aber ein Tipp zum Home­of­fice für die, die allein zu Hau­se sind: Licht­we­cker kau­fen, auf fünf stel­len. Und To-Do-Lis­ten in Spal­ten auf­bau­en, sodass auch Haus­halt und all­ge­mei­ner Orga-Kram Platz fin­det. Es ist außer­dem leich­ter, um elf einen Timer auf eine Stun­de zu stel­len, in die­ser Zeit das Bad zu put­zen, einen Kaf­fee zu trin­ken und zu tele­fo­nie­ren und anschlie­ßend wei­ter­zu­ar­bei­ten, als demo­ti­viert auf den Rech­ner zu star­ren. Das men­ta­le Äqui­va­lent zu Blei­stift­an­spit­zen hat ja kei­nen Sinn, wenn es nie­mand sieht.)

Die BÜCHER-Redak­ti­on, zu der ich gehö­re, hat in den letz­ten zwei Wochen alles nach­ge­holt, was vor­her lie­gen geblie­ben ist, ges­tern war das nächs­te Heft pünkt­lich fer­tig. Natür­lich waren die Bedin­gun­gen erschwert. Es gibt bei uns im Team eine Mut­ter von drei­jäh­ri­gen Zwil­lin­gen und zwei wei­te­re Müt­ter mit Kin­dern unter fünf. Wir sind übri­gens alles Frau­en, und bei den meis­ten ging der Groß­teil der Fami­li­en­ar­beits­ka­pa­zi­tä­ten für die Jobs der Män­ner drauf.

Bei unse­rem ers­ten Zoom-Mee­ting vor etwa vier Wochen stell­ten wir oben­drein depri­miert fest, dass wir, lei­den­schaft­li­che Lese­rin­nen, Schwie­rig­kei­ten hat­ten, uns auf Bücher zu kon­zen­trie­ren, selbst wenn Zeit da war. Ein ech­ter Schock! Wir waren irri­tiert, es zeig­te, wie viel aus dem Gleich­ge­wicht gera­ten war. Inzwi­schen haben wir lesen müs­sen. Ich kann sagen, dass es hilf­reich ist. Es dau­ert zwar län­ger, sich auf ein Buch ein­zu­las­sen, aber der Gewinn ist auch grö­ßer. Für eine Zeit ist man wie­der woan­ders, bei ande­ren Men­schen mit Coro­na-frei­en Schick­sa­len, das Hirn wird mit ande­ren The­men sti­mu­liert.

Ich war hoch­er­freut, als die Buch­hand­lun­gen wie­der öff­ne­ten, obwohl ich befürch­te, dass vie­le Men­schen gera­de das Gefühl haben, wäh­rend der Lek­tü­re eines Buches etwas Wich­ti­ges zu ver­pas­sen, wir sind ja in Alarm­be­reit­schaft. Aber das ist nur der inne­re Zustand, der äuße­re ver­ord­net Ruhe und Distanz. Viel­leicht ist es auch die­se Dis­kre­panz, die unse­re Syn­ap­sen so sehr stra­pa­ziert, ein Buch kann also Abhil­fe schaf­fen, zumin­dest gegen das Zap­peln. Und des­halb hier ein paar Buch­tipps zum Fei­er­tag – Roma­ne, die mich und mei­ne Kol­le­gin­nen in den letz­ten Wochen wie­der ins Lot gebracht haben, indem sie uns emo­tio­nal und intel­lek­tu­ell berühr­ten:

Für mich war eine beson­de­re Ent­de­ckung die Bio­gra­phie von Nata­lia Ginz­burg, ich brauch­te nur weni­ge Sät­ze zu lesen und ich war bei San­dra Petri­gna­ni, die als jun­ge Frau Nata­lia Ginz­burg in ihrer Woh­nung besuch­te. Petri­gna­ni ist selbst erfolg­rei­che Schrift­stel­le­rin und erzählt aus ihrer Per­spek­ti­ve, wie sie Stück für Stück mehr über Nata­li­as Leben erfährt, beschreibt Gesprä­che oder Brie­fe, Begeg­nun­gen mit Freun­den der Autorin und Ver­le­ge­rin. Als ich das las, spür­te ich die Lie­be zur Lite­ra­tur der bei­de Frau­en, die ihr ihr gan­zes Leben wid­me­ten, und wuss­te wie­der, war­um ich tue, was ich tue.

Mei­ne Kol­le­gin Tina, Lieb­ha­be­rin der Bücher von Siri Hust­ve­dt, nann­te als eines ihrer Lieb­lings­bü­cher des Früh­lings „Je tie­fer die Was­ser“ von Kat­ya Ape­ki­na, in dem es um Schwes­tern geht, die zu dem ent­frem­de­ten Vater, einem Schrift­stel­ler, nach New York kom­men, nach­dem die Mut­ter „etwas Dum­mes“ getan hat. Kunst, die Metro­po­le, das selt­sa­me Fami­li­en­kon­strukt, der Roman hat vie­le span­nen­de Aspek­te.

Gefes­selt hat sie auch die Lek­tü­re der Aben­teu­er­ge­schich­te von Chris­to­pher Kloeb­le über einen hoch­be­gab­ten indi­schen Wai­sen­jun­gen, der 1854 zwei deut­sche Brü­der bei ihren Rei­sen bis zum Hima­la­ya beglei­te­te – mit dem Wunsch, spä­ter ein Muse­um sei­nes rie­si­gen Lan­des zu grün­den „Das Muse­um der Welt“.

Da ich das Res­sort Kri­mi betreue, freue ich mich immer wie­der über Kri­mi­nal­ro­ma­ne, die so viel mehr sind, als nur eine span­nen­de Geschich­te. „Mira­cle Creek“ von Angie Kim ent­wi­ckelt vom ers­ten Augen­blick an einen Sog, der dann aber weni­ger in eine getrie­be­ne Kri­mi­nal­ge­schich­te führt als in eine intel­li­gen­te und scho­nungs­lo­se Gesell­schafts­ana­ly­se, in deren Zen­trum eine Fami­lie korea­ni­scher Ein­wan­de­rer und eine Grup­pe Müt­ter von Kin­dern mit Behin­de­run­gen ste­hen. Trotz­dem gibt es ein Ver­bre­chen, aber von wem, das klärt sich erst wäh­rend eines Pro­zes­ses, der aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven geschil­dert wird.

Auch mei­ne Kol­le­gin Katha­ri­na, die das Hör­buch betreut, kann ver­ste­hen, war­um wir und das Kind, uns so auf den drit­ten Teil von „Kan­na­wo­ni­wa­sein!“ freu­en. Das Buch scheint unter Eltern bereits Krei­se zu zie­hen. In den Geschich­ten über die Freun­de Finn und Jola aus der „Tzit­ti“ geht es im bes­ten Sin­ne aben­teu­er­lich zu, und Jolas „Ber­li­ner Schnau­ze“ wird von Ste­fan Kamin­ski geni­al gele­sen. Lei­der dau­ert es noch bis Juni zum drit­ten Teil, aber den ers­ten und zwei­ten Band gibt es ja schon, läuft hier rauf und run­ter.

Ich könn­te die Lis­te noch fort­set­zen, aber ich möch­te die Län­ge die­ses Blogs nicht wei­ter über­stra­pa­zie­ren. Vor allem möch­te ich zei­gen, dass das Rei­sen nicht ganz vor­bei ist: zwi­schen zwei Buch­de­ckeln fand ich, wie immer, eine gan­ze Welt. Und wie gesagt: Heu­te ist Fei­er­tag, bau­en Sie ein Wich­tel­haus und brin­gen sie es in den Park, gute Lau­ne bei ande­ren hebt auch die eige­ne. Wir sind ein Wald und tan­zen den Coro­na-Wal­zer.

Blei­ben Sie gesund!

PS: Hier die Über­sicht zu den erwähn­ten Büchern:

San­dra Petri­gna­ni: Die Frei­beu­te­rin, Randomhouse/btb

Kat­ya Ape­ki­na: Je tie­fer die Was­ser, Suhr­kamp Ver­lag

Chris­to­pher Kloeb­le: Das Muse­um der Welt, dtv

Angie Kim: Mira­cle Creek, han­ser­blau

Mar­tin Muser: Kan­na­wo­ni­wa­sein! Gele­sen von Ste­fan Kamin­ski, Sil­ber­fisch

 

Die Nächs­te Aus­ga­be des BÜCHER­ma­ga­zins erscheint am 20.05. im fal­ke­me­dia Ver­lag.

Tag 1, Montag, 4. Mai 2020

Jetzt bin also ich dran mit „Schrei­ben in Zei­ten von Coro­na“. Ich könn­te natür­lich was über „Schrei­ben in Zei­ten von Coro­na“ schrei­ben. So selbst­re­fle­xiv — über mich am Com­pu­ter, wie ich schrei­bend mit der Kri­se umge­he. Aller­dings sit­ze ich gera­de sel­ten am Com­pu­ter – zumin­dest nicht, um zu schrei­ben. Außer­dem: Das Pro­jekt geht in die 4. Woche und die Gefahr, in einer Wie­der­ho­lungs­schlei­fe zu lan­den, ist nicht ganz von der Hand zu wei­sen. Wür­de immer­hin zur Zeit pas­sen.

Repe­ti­ti­on als Lebens­ge­fühl.

Bestimmt sit­zen etli­che B‑Promis bereits an ihren Wer­ken über ihr Leben im Home-Office, wo sie sei­ten­lang dar­über berich­ten, dass sie nichts zu berich­ten haben. Wobei das ja nichts Neu­es ist. Trotz­dem, mir graut vor den Neu­erschei­nun­gen des nächs­ten Jah­res …

Ande­re Medi­en sind da wei­ter. Da ist der Alp­traum bereits Rea­li­tät. Neu­lich hab ich so eine Mini­se­rie gese­hen, 10-Minu­ten­fil­me über eine Frau vorm Com­pu­ter in Zei­ten von Coro­na. War ein Tipp von einer Freun­din mei­ner Freun­din. Aber ich hab nur die ers­te Fol­ge aus­ge­hal­ten, und auch die nur mit Ach und Krach. Geht um Pro­ble­me von Leu­ten, die kei­ne Pro­ble­me haben. Fängt dem­entspre­chend damit an, dass die Frau vorm Com­pu­ter am Com­pu­ter goo­gelt: „10 din­ge gegen die lan­ge­wei­le“ (genau so – für Groß­buch­sta­ben benutzt man eher zwei Hän­de, aber wenn man so rich­tig gelang­weilt goo­gelt …).

Also, „10 din­ge gegen die lan­ge­wei­le“:

  1. Die­se Serie gucken

Das kam natür­lich nicht als Ant­wort. So selbst­re­fle­xiv war die nicht (also die Serie).

  1. Die Bezie­hung been­den.

Stand auch nicht da, hät­te ich aber lus­tig gefun­den. Hat sie (also die Frau, nicht die Serie) näm­lich vor­ge­habt, gefühlt auch aus Lan­ge­wei­le (Die Bezie­hung zur Serie habe ich dann been­det, defi­ni­tiv aus Lan­ge­wei­le).

  1. Einen Ver­riss über eine lang­wei­li­ge Serie schrei­ben.

Das mach ich gera­de – dabei ist mit gar nicht lang­wei­lig. Im Gegen­teil, end­lich sit­ze ich mal wie­der am Com­pu­ter und arbei­te krea­tiv, dem Lite­ra­tur­kon­tor sei Dank. Die­ser Blog ist näm­lich mein ers­ter Job als arbeits­lo­ser Schrift­stel­ler in Zei­ten von Coro­na. Mit Ver­öf­fent­li­chen ist im Moment schwie­rig, weil die Ver­la­ge ihre Pro­gram­me aus­dün­nen oder kom­plett nach hin­ten ver­schie­ben. Und für die Schub­la­de schrei­ben ist nicht so moti­vie­rend, außer­dem quillt die eh schon über. Auf Lese­rei­sen gehen ist auch nicht ange­sagt. Genau­er gesagt sind die alle abge­sagt. Ich könn­te natür­lich mal wie­der was fürs Thea­ter schrei­ben, da kom­me ich ja her …

Okay, kein Kom­men­tar.

Schrei­be ich also mei­nen ers­ten Blog. Das habe ich zwar noch nie gemacht und auch kei­ne Ahnung, wie das geht – aber das fin­de ich noch her­aus.

Ich habe ja Zeit … in Zei­ten von Coro­na.