Texte aus Berlin für ›Bremen liest!‹

Katha­ri­na Mevis­sen und Fabi­an Hisch­mann waren ursprüng­lich als ehe­ma­li­ge Bre­mer Autor*innen aus Ber­lin zur drit­ten Bre­mer Lese­nacht ›Bre­men liest!‹ ein­ge­la­den. Auf­grund der coro­nabe­ding­ten Pro­gramm­än­de­run­gen fällt die Lesung vor Ort aller­dings aus. Statt­des­sen baten wir sie, Tex­te zum The­ma ›Buch­hand­lun­gen‹ zu schrei­ben. Gewis­ser­ma­ßen nach dem Mot­to: Wenn der Text nicht in die Buch­hand­lung kom­men kann, dann kommt die Buch­hand­lung in den Text. Die Ergeb­nis­se sind hier zu fin­den.


Katha­ri­na Mevis­sen
Die Augenöffnerin

Ich kau­fe Bücher, immer und überall. Im All­tag, auf mei­nem Weg durch die Stadt, durch die Städte, betre­te Buchläden wie Lebensmittelgeschäfte, kau­fe Bücher wie Brot und Kuchen. Auch auf Rei­sen, wenn ich mich über mei­nen Mut­ter­sprach­raum hin­aus bewe­ge, keh­re ich in Buchläden ein: Neh­me fremd­spra­chi­ge Bücher zur Hand, tra­ge sie eine Wei­le im Geschäft her­um, um sie schließ­lich lie­gen zu las­sen oder zu erwer­ben — in der Hoff­nung, durch die Bücher auch die Spra­chen die­ser Orte mit heim­brin­gen zu können, auf dass sie Platz neh­men in mei­nem Schreiball­tag. Denn Bücher mate­ria­li­sie­ren Sprache(n), und Spra­che ist die Vor­aus­set­zung mei­nes Schrei­bens — also häufe ich sie an.

Die Libr­ai­re Ouvrir l’œil ist ein gut sor­tier­ter Ort. Eine Buch­hand­lung im Zen­trum von Lyon, deren Name ver­spricht, dass sie Augen öffnen kann. Und tatsächlich: Mir gehen die Augen über. Sie strotzt und schil­lert vor Büchern, die ich gleich zur Hand neh­men will.

"Schreiben und Lesen sind für Schreibende nicht ganz so verschieden. Beide Tätigkeiten verlangen, wach und bereit zu sein für unerklärliche Schönheit (...) schriftstellerischer Vorstellungskraft. (...) Beide erfordern Aufmerksamkeit für die Stellen, wo die Vorstellungskraft sich selbst sabotiert, sich selbst die Türen verschließt, die Sicht verdirbt." (Morrison)*

Ich bin ori­en­tie­rungs­los und gie­rig, fra­ge also den Buchhändler, wo ich fin­de, was ich noch nicht suche. Der Buchhändler ist so gut sor­tiert wie sein Laden. Das Gespräch mit ihm wan­dert von Regal zu Regal — von Despen­tes über Chol­let zu Fanon, von Klas­sik zu Pop, von Comic zu biblio­phi­len Gra­fik- Edi­tio­nen — und könnte ein Lite­ra­tur­pod­cast sein. Einer, den ich sofort abon­nie­ren würde. Aber die Libr­ai­re Ouvrir l’œil lässt mich auch blin­zeln. Was mir nicht auf­ge­fal­len ist: Alle Buchhändler*innen, an die ich mich erin­ne­re, sind weiß. Aber der Inha­ber der Augenöffnerin ist ein Schwar­zer Fran­zo­se. Das müsste nicht wei­ter erwähnt wer­den. Wenn mir nicht so außergewöhnlich vorkäme, was eigent­lich als Normalität gel­ten könnte. Und doch eine Normalität verkörpert, die zu sel­ten anzu­tref­fen ist. Plötzlich wun­de­re ich mich über all die wei­ßen deut­schen Antiquar*innen und Buchhändler*innen, über mei­ne hartnäckige color­blind­ness, die mich die wei­ße Norm übersehen lässt und den Schwar­zen Buchhändler nicht.

Der Lite­ra­tur­be­trieb ist ein streng sor­tier­ter Ort, des­sen Qualität unter der wei­ßen männlichen Ord­nung lei­det. Will eine Buch­hand­lung gut sor­tiert sein, muss sie Fra­gen ertra­gen. Für wen gibt es Platz und wel­chen: Wem gehört das Schau­fens­ter, wem das Brett auf Augenhöhe? Für wen muss man sich bücken und wer liegt im Wühlkorb? Wer wird zur Klas­sik gestellt und wer zur Frau­en­li­te­ra­tur? Wer sitzt am Mikro und wer putzt nach Ver­an­stal­tungs­en­de die Klos, spült die Gläser? Und schließ­lich, wer auch immer einen Buch­la­den führt: Womit bestückt er die Bret­ter und wie weiß blei­ben sie dabei? Was emp­fiehlt sie ori­en­tie­rungs­lo­sen, gie­ri­gen Kund*innen, die noch nicht wis­sen, was sie suchen?

Ich rei­be mir die Augen und kau­fe einen Sta­pel Bücher. In mei­nem Regal ste­hen sie auf den bes­ten Plätzen und schau­en mir über die Schul­ter.

* Ver­weis: Toni Mor­ri­son: Im Dun­keln spie­len. Wei­ße Kul­tur und lite­ra­ri­sche Ima­gi­na­ti­on, 1994. Kim­ber­ly Crens­haw: See­ing Race again. Coun­te­ring Color­blind­ness across the Disci­pli­nes, 2019.

Foto: Denise Sterr
Foto: Deni­se Sterr

Katha­ri­na Mevis­sen ist 1991 gebo­ren und bei Aachen auf­ge­wach­sen. An der Uni­ver­si­tät Bre­men hat sie Kul­tur­wis­sen­schaft und trans­na­tio­na­le Lite­ra­tur­wis­sen­schaft stu­diert und in Ber­lin eine Dreh­buch-Aus­bil­dung absol­viert. Bis 2017 war sie Hein­rich-Böll-Stu­di­en­sti­pen­dia­tin. Für ihr Roman­ma­nu­skript erhielt sie das Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um 2016. Heu­te lebt und arbei­tet sie als freie Autorin in Ber­lin, zudem lei­tet sie die von ihr mit­ge­grün­de­te gebär­den­sprach­li­che Lite­ra­tur­in­itia­ti­ve »hand­ver­le­sen«.
Zum Roman


Fabi­an Hisch­mann
Dies ist eine Geschich­te über muti­ge Men­schen, über ihre Bur­gen und deren Ver­tei­di­gung gegen die Zeit und ande­re Unge­heu­er –

So ähn­lich könn­te mein Text begin­nen, wäre er ein Old­school-Mär­chen.
Aber es soll kurz um die Rea­li­tät gehen. Bezie­hungs­wei­se um Orte, die mir hel­fen die­se Rea­li­tät bes­ser zu ver­ste­hen oder für eine Wei­le aus ihr zu flie­hen.
Es sind Orte, an denen Bücher nicht bloß aus Dis­tink­ti­ons– oder Deko­grün­den im Regal ste­hen, son­dern aus Über­zeu­gung (auch wenn das sel­ten reich macht, also im prag­ma­ti­schen Geld-Sinn).

Unab­hän­gi­ge Buch­hand­lun­gen sind ste­tig schwin­den­de Echo­kam­mern hap­ti­scher Wort­kunst –

könn­te es in einem arg pes­si­mis­ti­schen Feuil­le­ton-Arti­kel hei­ßen und noch etli­che Zei­chen wei­ter neb­lig dahin mäan­dern.
Mei­ne liebs­ten Buchhändler*innen (an die­ser Stel­le vie­le Grü­ße an „Die Buch­kö­ni­gin“ in Ber­lin-Neu­kölln und „Eisen­herz“ in Ber­lin-Schö­ne­berg, an Nina und Franz und all eure Kompliz*innen!) drü­cken sich da, trotz allem, zum Glück kla­rer und begeis­ter­ter aus. Und wahr­schein­lich ist es genau die­ser Mix den es braucht, also aus Klar­sicht und Begeis­te­rung, um das Schiff (meta­pho­risch-sub­til geht anders, I know) auf Kurs zu hal­ten und opti­mis­tisch durch all die digi­ta­len Nebel­bän­ke und kapi­ta­lis­ti­schen Stür­me zu steu­ern.

Die loka­le, unab­hän­gi­ge Buch­hand­lung ist sicher –

okay, das haben Politiker*innen noch nie gesagt. Und so ein Ver­spre­chen wäre am Ende erfah­rungs­ge­mäß wohl auch nicht viel mehr als ein rhe­to­ri­sches Pus­te­blüm­chen.
Trotz­dem ist sicher ein gutes Adjek­tiv, wenn ich an mei­ne Lieb­lings­buch­hand­lun­gen den­ke. Denn es sind siche­re (Schutz-)Räume für quee­re, unab­hän­gi­ge Pos­tio­nen, für diver­se Autor*innen und Lesen­de.

Viel –

so möch­te ich auf die Fra­ge, was Buch­hand­lun­gen mir bedeu­ten, ant­wor­ten.
Mög­li­cher­wei­se ist die­se Ant­wort für man­che zu knapp, aber ich mag Leer­stel­len und ver­ra­te ungern zu viel.
Das ist übri­gens auch eine Qua­li­tät guter Buchhändler*innen: Emp­feh­len ohne Impe­ra­tiv und/oder Spoi­ler.

Aber weil ich ja kein Buch­händ­ler bin, mache ich zum Schluss genau das Gegen­teil: Die bes­te Buch­hand­lung in Bre­men heißt „Gol­den Shop“ und ihr müsst alle dort ein­kau­fen! Und wenn ihr in Ber­lin seid in der „Buch­kö­ni­gin“! Und bei „Eisen­herz“! Und …

Foto: privat
Foto: pri­vat

Fabi­an Hisch­mann, gebo­ren 1983 in Donau­eschin­gen, stu­dier­te Krea­ti­ves Schrei­ben und Kul­tur­jour­na­lis­mus in Hil­des­heim und am Deut­schen Lite­ra­tur­in­sti­tut in Leip­zig. 2011 erhielt er das Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um. 2013 war er Teil­neh­mer der Jür­gen-Pon­to-Schreib­werk­statt, 2015 Sti­pen­di­at der Kunst­stif­tung Baden-Würt­tem­berg. 2017 wur­de er zum Fes­ti­val Neue Lite­ra­tur nach New York City ein­ge­la­den und erhielt ein Auf­ent­halts­sti­pen­di­um des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Künst­ler­hau­ses in Eckern­för­de. Kurz­ge­schich­ten von ihm wur­den in ver­schie­de­nen Zeit­schrif­ten und Antho­lo­gien ver­öf­fent­licht. Sein Debüt­ro­man “Am Ende schmei­ßen wir mit Gold” war 2014 für den Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se nomi­niert, sein zwei­ter Roman “Das Umge­hen der Orte” erschien 2017 und 2019 sein Erzäh­lungs­band “Alle wol­len was erle­ben”. Fabi­an Hisch­mann lebt in Ber­lin.