Auszüge aus den Antwortbriefen der Autorin

Zwei Brie­fe am Tag beant­wor­te­te Bet­ty Kolod­zy und reagier­te in ihnen mit der­sel­ben Offen­heit, die ihr in den Anschrif­ten ent­ge­gen gebracht wur­de. Eine Aus­wahl ihrer Ant­wor­ten lesen Sie hier:

Vom 2. April 2020

Sehr geehr­ter Herr Clauß,

bit­te erschre­cken Sie nicht, weil ich Ihnen kei­nen hand­schrift­li­chen Brief schi­cke. Mei­ne Schrift ist ziem­lich unle­ser­lich (teil­wei­se auch für mich), so dass ich seit über 20 Jah­ren Brie­fe tip­pe, dafür aber im 10-Fin­ger-Sys­tem, blind.

Ihr Brief hat mich in ver­schie­de­ner Hin­sicht sehr gefreut. Tür­ki­se Tin­te (oder Petrol?) in einer Typo­gra­fie, die so gleich­mä­ßig und schön daher­kommt: groß­zü­gig und luf­tig, aus­ge­wo­gen. Raum zwi­schen den ein­zel­nen Let­tern und Wor­ten. Abstand und Nähe.

Sie bezeich­nen sich als pas­sio­nier­ten Brie­fe­schrei­ber und ich fra­ge mich, ob Ihre Zei­len immer in Tür­kis oder auch in ande­ren Far­ben auf die Rei­se gehen. Die Far­be Tür­kis hat­te mich einen län­ge­ren Lebens­ab­schnitt beglei­tet und stimmt mich auch heu­te noch posi­tiv.

Ihre Lieb­lings­ak­ti­vi­tät, den zeit­ge­nös­si­schen Tanz, tei­len wir in gewis­ser Wei­se. Doch wäh­rend Sie ihn aktiv aus­üben, genie­ße ich ihn vom Zuschau­er­platz aus. Letz­tens sogar in einer der vor­de­ren Rei­hen an der Büh­ne, wo man auch das Atmen der Tän­zer wahr­neh­men konn­te und die unge­heu­re Kraft­an­stren­gung und Kon­zen­tra­ti­on bei­na­he haut­nah mit­er­leb­te, die sich aus der Distanz in schein­ba­re Leich­tig­keit ver­wan­deln.

Wäh­rend Sie im Wohn­zim­mer tan­zen, spa­zie­re ich drau­ßen her­um und beob­ach­te mich und die ande­ren Pas­san­ten beim Aus­wei­chen. Ich kann Sla­lom lau­fen. Dem Poli­zei­wa­gen, der am Oster­deich Strei­fe fährt, wei­che ich aller­dings viel zu früh aus und ver­rin­ge­re damit unge­wollt den Abstand zu zwei Jugend­li­chen, die sich, dem Gebot der Stun­de ent­spre­chend, auf zwei Bän­ken sit­zend unter­hal­ten. Das Sla­lom­lau­fen habe ich über meh­re­re Jah­re wäh­rend mei­ner täg­li­chen Weser­spa­zier­gän­ge trai­niert, das Aus­wei­chen vor Inli­nern, Rad­fah­rern, Wal­kern, Spa­zier­gän­gern, Hun­den und Krä­hen.

Unse­re Fort­be­we­gung im öffent­li­chen Raum kommt mir seit den Aus­gangs­be­schrän­kun­gen vor wie eine ein­stu­dier­te Cho­reo­gra­fie. Oder mehr oder weni­ger ein­stu­diert, manch­mal lose und offen, so dass jedem Ein­zel­nen genü­gend Raum bleibt, sich und sei­ne Per­sön­lich­keit in das Stück ein­zu­brin­gen. Ich bege­be mich also gedank­lich in die Vogel­per­spek­ti­ve (z.B. auf den Turm des Bre­mer Doms) und beob­ach­te die­ses Trei­ben da unten, das, säße ich auf einem Platz im Publi­kum, mir nur logisch erschie­ne. Nach­voll­zieh­bar, und auch sonst bleibt doch nach dem Besuch des Tanz­thea­ters genü­gend Raum für eige­ne Inter­pre­ta­tio­nen bzw. das inten­si­ve Gefühl, das sich ein­stellt. Doch aus der Nähe bzw. aus dem Invol­viert­sein ins Gan­ze, Selt­sa­me, fühlt es sich merk­wür­dig an. Manch­mal auch uner­träg­lich, wie schnell man auf der Hut ist. Vor sei­nen Mit­men­schen!

Es beküm­mert mich, wenn ich, als schal­te sich ein auto­ma­ti­scher Hebel um, auf Abstand gehe, viel­leicht sogar noch eine ver­är­ger­te Gri­mas­se zie­he, weil wie­der wel­che zu zweit oder zu dritt (ein Hund als Beglei­ter) an mir vor­bei­ge­hen und nicht mal der ret­ten­de Rad­weg die 2 Meter Abstand her­gibt.

Was für ver­rück­te Gedan­ken. Wie ver­än­dern wir uns gera­de, wie mutie­ren wir zu men­schen­scheu­en Wesen? Es ist ja nicht so, dass ich ein Fan von Gedrän­ge wäre oder von Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen, ich bin meist sogar sehr ger­ne allei­ne, aber die­ses das-Wei­te-vor-den-Mit­men­schen-Suchen, lässt mich zu dem Schluss kom­men, dass auch ich ein Her­den­tier zu sein schei­ne.

Sie tan­zen nun allei­ne im Wohn­zim­mer, aus der Distanz zu den ande­ren. Zu Ihren Mit­tän­zern, die Sie zur Zeit auf Ihrem Bild­schirm sehen? Sie wer­den also aus der Fer­ne zu einem Teil des Gan­zen?

Der Arti­kel „In wei­ter Fer­ne so nah“, der mit sei­nen Fotos aus den (Kunst-)Museen die obe­re Hälf­te Ihrer ers­ten Sei­te schmückt, passt tat­säch­lich zum Brief­aus­tausch. Ob vom Weser Kurier geplant oder nicht, kann ich lei­der nicht sagen.

Und wäh­rend ich nun auf mein Getipp­tes bli­cke, mit etwas Abstand, mutet es doch bei­na­he Tür­kis an. Oder Petrol.

Vie­len Dank für Ihre Inspi­ra­ti­on und Zeit!

Mit den bes­ten Wün­schen und herz­li­chen Grü­ßen
Bet­ty Kolod­zy


Vom 3. April 2020

Lie­be Chris­ti­ne Netsch,

vie­len Dank für Ihren Brief, Ihren schö­nen Text und die guten Wün­sche.

Ihre Gedan­ken und Gefüh­le haben mich sehr berührt, sogar zum Wei­nen gebracht. Ich muss­te an einen lie­ben Ver­wand­ten den­ken, der vor eini­ger Zeit ver­starb, in des­sen letz­ten Stun­den, Tagen und Wochen wir das Glück hat­ten, bei ihm zu sein.

Wie muss es Ange­hö­ri­gen und Freun­den schwer­kran­ker Men­schen heut­zu­ta­ge gehen?

Ihre Wor­te erin­ner­ten mich auch an geflüch­te­te Men­schen, die mit ihren Ver­wand­ten, manch­mal den Eltern und/oder Geschwis­tern, manch­mal über Jah­re und Tau­sen­de von Kilo­me­ter ent­fernt, nur über das Smart­pho­ne ver­bun­den sind.

In sol­chen Situa­tio­nen erkennt man die posi­ti­ven Sei­ten heu­ti­ger, oft geschmäh­ter, Tech­no­lo­gien. Sie ver­bin­den, doch in ein­ge­schränk­ter Wei­se, wie Sie das ein­drück­lich schil­dern. Es wer­den nicht alle Sin­ne mit­ein­be­zo­gen, was fehlt sind die Düf­te und das Berüh­ren, das Wahr­neh­men von Atmo­sphä­re … Selbst Geräu­sche schei­nen in Erman­ge­lung von Nähe absurd: Kürz­lich bemerk­te ich den Gesang eines Spat­zen, der auf einem kana­ri­en­gel­ben For­sy­thi­enstrauch saß, wäh­rend ich mich mit einem Bekann­ten (2 Meter Abstand auf schma­lem Geh­weg) unter­hielt, der mir erzähl­te, wie sehr sei­ner Frau und sei­nen Kin­dern die Iso­la­ti­on zu schaf­fen mache. Der Spatz zwit­scher­te unge­rührt wei­ter – so fröh­lich und opti­mis­tisch sei­ne Melo­die — doch der For­sy­thi­enstrauch wirk­te auf ein­mal grell, der Him­mel zu blau, die Coro­na-Aus­nah­me­si­tua­ti­on erscheint mir manch­mal immer noch wie ein sur­rea­ler Film mit gewal­ti­ger Über­län­ge. Viel­leicht könn­te man sie als Auf­ga­be begrei­fen, sich in Demut zu üben. Oder in Geduld. Oder … Was mei­nen Sie?

Ihnen, Ihrem Mann und Ihrer Fami­lie, beson­ders dem Nackt­schne­cken­fan, alles erdenk­lich Gute und ganz viel Gesund­heit und Glück!

Mit herz­li­chen Grü­ßen
Bet­ty Kolod­zy


Vom 16. April 2020

Lie­be Frau Rädisch,

vie­len Dank für Ihre abwechs­lungs­rei­che Post.

Da Sie die Vil­la Ichon ja gut ken­nen, möch­te ich Ihnen kurz die Über­ga­be der Brie­fe schil­dern:

Alle zwei, drei Tage mache ich mich zu Fuß auf den Weg durch das ent­schleu­nig­te, zur­zeit nur von weni­gen Men­schen fre­quen­tier­te Stein­tor Rich­tung Goe­the­platz. Drau­ßen vor der Vil­la rufe ich Jens Laloire (meist ist ein Fens­ter geöff­net) und war­te mit gebüh­ren­dem Abstand (min­des­tens eins fünf­zig rück­wärts), bis Jens die Trep­pe her­un­ter­kommt, mei­ne (Ihre) Brie­fe auf die Holz­bank legt und zwei Meter zur Sei­te tritt, dabei aber auf sei­ner Gera­den bleibt.

Anschlie­ßend unter­hal­ten wir uns auf Abstand. Nur ein paar Minu­ten, wäh­rend ein eisi­ger Wind von den Wall­an­la­gen Rich­tung Thea­ter pfeift. Selt­sa­mer­wei­se liegt der Ort der Brief­über­ga­be jedes Mal im Schat­ten, egal zu wel­cher Tages­zeit. Doch es gibt einen Licht­blick: ein klei­nes Fleck­chen Son­ne auf dem Trot­toir, drei Meter ent­fernt, samt sich bewe­gen­dem Blät­ter­mo­sa­ik.

Mit den Brie­fen unter dem Arm schlen­de­re ich nach Hau­se, und es berei­tet mir das aller­größ­te Ver­gnü­gen, sie zu lesen. Zum Bei­spiel, dass Sie und Ihr Mann mit Ihren 300 Meter ent­fern­ten Nach­barn zur­zeit tele­fo­nisch kom­mu­ni­zie­ren. Ich fra­ge mich, ob Sie dabei vor Ihren Häu­sern ste­hen oder im Gar­ten. Ob Sie sich zuwin­ken. Sieht man sich auf die­se Ent­fer­nung über­haupt?

Dass Sie Ihren allein­ste­hen­den Nach­barn mit Hüh­ner­sup­pe ver­sor­gen, fin­de ich ganz wun­der­bar. Zufäl­li­ger­wei­se lag heu­te früh vor mei­ner Tür eine Bäcker­tü­te mit zwei fri­schen Crois­sants und eine Packung Earl-Grey-Tee. Ich glau­be zu ahnen, dass sie von mei­ner fran­zö­si­schen Nach­ba­rin stam­men, der ich kürz­lich zu Ostern etwas an die Tür häng­te.

Es ist eine wirk­lich ver­rück­te Zeit. Aber irgend­wie auch schön. So still … Dann kom­men einem wie­der die vie­len Schat­ten­sei­ten in den Sinn.

Ich hof­fe auch, dass Ihre Aiy­sa ohne Sie wei­ter lesen übt, ich den­ke, es ist eine sehr schwie­ri­ge Zeit für geflüch­te­te Men­schen. Mei­ne jun­gen Eng­lisch­schü­ler, die in beeng­ten Wohn­ver­hält­nis­sen in einem Über­gangs­wohn­heim leben, wer­den sicher­lich sehr zurück­fal­len in ihren Leis­tun­gen. Das tut mir sehr Leid. Ich fra­ge mich sowie­so, wel­che Spu­ren die Iso­la­ti­on und Enge hin­ter­las­sen wer­den.

Ihr Gedicht „Son­nen­un­ter­gang“ lässt so vie­le Bil­der im Kopf ent­ste­hen. Ob die bei­den Alten mit zwei Meter Abstand auf einer Park­bank sit­zen?

Ich hof­fe, es gibt bald wie­der kul­tu­rel­le Ereig­nis­se, über die Sie berich­ten kön­nen.

Auf jeden Fall aber erst ein­mal viel Freu­de und Erfolg bei der Aus­saat der Blüh­wie­sen­sa­men!

Herz­li­che Grü­ße
Bet­ty Kolod­zy


Vom 28. April 2020

Lie­be Ria Helm­s­torff,

vie­len Dank für Ihren Brief und Ihre ganz beson­de­re Begeg­nung.

Beim Lesen hat­te ich das Gefühl, ich hät­te die­se schö­ne und doch auch trau­ri­ge Situa­ti­on selbst erlebt. Ich sah ihn vor mir sit­zen, den klei­nen Affen, blick­te in sei­ne Augen.

Ken­nen Sie Fipps, den Affen, von Wil­helm Busch? Er war einer mei­ner Kind­heits­hel­den. Soweit ich mich erin­ne­re, war er stets zu aller­hand krea­ti­ven Strei­chen auf­ge­legt. Aller­dings gab es auch eine bru­ta­le Sze­ne, in der er jeman­dem mit einer Fri­seur­sche­re in die Nase schnitt. Oder so ähn­lich. Und sicher­lich war die­se unsanf­te Behand­lung als Reak­ti­on auf eine Unge­rech­tig­keit zu sehen, die ihm selbst wider­fuhr. Ich müss­te da mal nach­for­schen. Ich hät­te ihn doch bei­na­he ver­ges­sen.

Inter­es­sant fand ich auch, dass es sich Ihre Kat­ze auf Ihrem Schoß gemüt­lich macht, wäh­rend drau­ßen die ers­ten Vogel­stim­men ertö­nen.

Bis dahin einen herz­li­chen Gruß und vie­le inten­si­ve Begeg­nun­gen!


Vom 3. Mai 2020

Lie­be Frie­de­ri­ke Her­man­ni,

vie­len Dank für Ihre sub­ver­si­ven Gedich­te, für den Zutritt zu den Zier­tür­men Ihres Gehirns – wenn das Mut­ti wüss­te!

Ich dach­te kürz­lich an Umsturz, nach Wochen des Hin­ter­fra­gens der Maß­nah­men, nach den Zwei­feln, ob denn da wirk­lich ganz genau recher­chiert und nicht alles nur von einer von Bil­dern (ich schaue nicht fern) oder wenig aus­sa­ge­fä­hi­gen Zah­len gelei­te­ten Angst über­eilt ent­schie­den wur­de. Seit zwei Tagen schei­ne ich weich­ge­klopft, es dau­ert wohl sechs Wochen, bis man sich an aller­hand wider­na­tür­li­che Zustän­de gewöhnt … Ich arran­gie­re mich mit dem Gan­zen, pro­bie­re, das Bes­te dar­aus zu machen – und habe sogar ange­fan­gen zu kochen! Es macht immer noch kei­nen Spaß, doch ver­geht so Stund‘ um Stund‘, ent­steht Sah­ne, wo kein Mixer, nur ein defek­ter Pürier­stab.

Ich bin sozu­sa­gen eins gewor­den mit der ver­ord­ne­ten Angst. Wer­de in mei­ner Iso­la­ti­on nie wie­der mei­ne Fri­seur-Freun­din anru­fen, wer­de mir anhand eines Netz-Tuto­ri­als das Haa­re­schnei­den bei­brin­gen. Alles höchst­per­sön­lich und höchst­pro­fes­sio­nell.

Ansons­ten Brie­fe und tele­fo­nie­ren – oder Ihren schö­nen Blog über­flie­gen. Und ich war mehr als erstaunt, als ich dort vor­hin zwei mei­ner nächt­li­chen Traum­or­te, die vor ein paar Tagen in einen Text wan­der­ten, in Ihrem „Auf Gedeih und Ver­derb“ wie­der­fand: den Eng­li­schen Gar­ten und das Amphi­thea­ter!

Irgend­je­mand hat­te mir ges­tern oder vor 25 Jah­ren in Ber­lin von mor­pho­ge­ne­ti­schen Fel­dern erzählt. Ich habe nie näher recher­chiert, son­dern mir das Gan­ze nur vor­ge­stellt, so wie sich auch heu­te jeder sei­ne Theo­rien und Rea­li­tä­ten zusam­men­bas­telt.

Es ist die Zeit der Fik­ti­on! Viel­leicht auch der Gru­sel­ro­ma­ne … Hof­fent­lich kön­nen wir die Rich­tung noch mit­ent­schei­den.

Mit den bes­ten Wün­schen und herz­li­chen Grü­ßen
Bet­ty Kolod­zy

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