Auszüge aus Briefen der Teilnehmenden

Vie­le berüh­ren­de, krea­ti­ve und teil­wei­se auch sehr per­sön­li­che Brie­fe haben uns im Rah­men des Brief­aus­tauschs erreicht, des­halb ver­öf­fent­li­chen wir an die­ser Stel­le mit der freund­li­chen Geneh­mi­gung der Autor*innen ein paar aus­ge­wähl­te Aus­zü­ge aus ihren Brie­fen.

aus einem Brief von Bea­te Schwarz

… Wie für vie­le hat die­se Kon­takt­sper­re zwei Sei­ten: Die Bedro­hung durch die Krank­heit auf der Welt – und das reicht von schreck­li­chen Sze­na­ri­en in wei­ten Län­dern und Sor­ge um ganz ver­trau­te „Vor­er­krank­te“ und Alte, und die ande­re Sei­te: Die ver­ord­ne­te Aus­zeit, mit vie­len Frei­hei­ten.

Aus dem Abstand erscheint ja vie­len in neu­em Licht: Was ver­mis­se ich gar nicht, von dem ich es dach­te? Eine klei­ne Rei­se nach Wan­ger­oo­ge war geplant, eine Geburts­tags­fei­er, Besu­che – nichts davon – herr­lich, ich brau­che kei­ne Tasche zu packen, kei­ne Zug­ver­bin­dung raus­zu­su­chen.

Ich säe Blu­men aus und freue mich über klei­ne grü­ne Sten­gel, die schon bald eine Idee von sich auf­kei­men las­sen. Und beim Wach­sen kann ich fast zuse­hen.

Den Amseln beim Baden.

Den noch fast vol­len Mond beim Wan­dern über den Him­mels­bo­gen.

Und ich suche mich am Him­mel zurecht­zu­fin­den:

Der Ori­on noch tief am West­him­mel, die Venus leuch­tet so hell wie sel­ten im Stier …

Manch­mal, wenn ich früh auf­ste­he, um mei­ne Kat­ze raus­zu­las­sen, leuch­tet der rote Mars im Süd­os­ten. Über Venus und Mars freu­en wir uns ja immer beson­ders, wenn wir sie sehen, weil sie so „nah“ sind!

Nähe hat gar nichts mit Ent­fer­nung zu tun!

 

aus einem Brief von Peter Böh­me

Im Begriff der
Pfingst­ro­sen im Glas
prall ent­fal­tet die Blü­te
tief rot vio­lett

Betö­rend der Duft
leicht und sanft die Berüh­rung
der mensch­li­chen Hand
bleibt doch Fremd­heit ganz nah dran
Un-begriff-nes Erstau­nen

 

aus einem Brief von Han­ne­lo­re Ski­e­ra (89 Jah­re alt)

… „Nähe“ ist für mich ein gro­ßes The­ma. Seit ich mir Gedan­ken dar­über mache, was ich eigent­lich als das Schöns­te für mich im Leben anse­he, bin ich bald zu der Fest­stel­lung gekom­men, das Beglü­ckends­te sind die Men­schen, die ich lieb habe und die mir wich­tig sind. Die­se Über­zeu­gung zieht sich als roter Faden durch mein lan­ges Leben.

Wenn ich zurück­den­ke, durch alle Pha­sen: Klein­kind­heit, Schul­zeit, Jugend­zeit nach dem 2. Welt­krieg in Jugend­ver­bin­dun­gen, evan­ge­lisch geprägt, und eben­sol­cher Gemein­de­ar­beit, einen gro­ßen Freun­des­kreis, der heu­te noch im Kern besteht, in 11-jäh­ri­ger Ehe und Fami­li­en­ar­beit, in vor­he­ri­ger, selb­stän­di­ger Berufs­ar­beit, in der Frie­dens­be­we­gung wäh­rend des soge­nann­ten Kal­ten Krie­ges (80-er Jah­re).

Ich bin vie­len Men­schen begeg­net, habe mit vie­len Leu­ten zusam­men jeweils etwas gemacht. Ich bin sicher, gegen­sei­ti­ge Wert­schät­zun­gen haben viel mit Nähe zu tun. Nähe zu Men­schen ist es wohl, was ich als Schöns­tes im Leben emp­fin­de. Und es so erlebt zu haben und noch so zu erle­ben, bedeu­tet für mich, einen gro­ßen Reich­tum zu besit­zen, der mir nicht weg­ge­nom­men wer­den kann.

Mate­ri­ell bin ich nie reich gewe­sen, aber durf­te mit gesun­den Kin­dern in einem eige­nen Haus leben, das ich seit vie­len Jah­ren zur Hälf­te ver­mie­tet habe.

Mein lan­ges Allein­le­ben hat wohl auch dazu geführt, mich nach Men­schen umzu­se­hen, wel­ches mir jeweils zur Zeit der Kon­takt­auf­nah­me gar nicht bewusst war. Es ist mehr eine nach­träg­li­che Ein­ord­nung.

Übri­gens habe ich auch viel ehren­amt­li­che Arbeit geleis­tet, haupt­säch­lich in Zusam­men­hang mit mei­ner Kir­chen­ge­mein­de und dabei mich als Ler­nen­de und Her­aus­ge­for­der­te erlebt.

Ich habe nie­mals Ein­sam­keit emp­fun­den und schon gar kei­ne Lan­ge­wei­le. Dazu hat wohl auch mein Rie­sen­gar­ten bei­getra­gen, der das Haus umgibt, und in dem ich immer noch was tue, wenn auch sehr lang­sam.

Die­se Lebens­ge­schich­te mit so vie­len leben­di­gen Erfah­run­gen mit Men­schen und die Mög­lich­keit des Tele­fo­nie­rens lässt eben auch jetzt die Coro­na-Kri­sen­zeit gelas­sen erle­ben.

 

aus einem Brief von Fried­helm Farin

Nähe
Nähe sucht Schutz, sucht Trost,
Berüh­rung und Gebor­gen­heit,
sie mei­det den schmerz­haf­ten Druck.

Nähe ist mehr als der Hauch am Ohr,
das Geräusch des Atems vor dem Traum.

Nähe misst nicht bloß Zen­ti­me­ter,
geschwei­ge ein Meter fünf­zig bis zwei Meter,
wo sich ihr Man­gel jetzt sogar in Für­sor­ge wan­delt.

Nähe ist immer auch das Tei­len von Gemein­sam­kei­ten,
Idea­len und Hoff­nun­gen
Anteil­nah­me und Hilfs­be­reit­schaft,
inne­re Offen­heit, im Geis­te auf­ein­an­der zuzu­ge­hen.

So ist sie mehr als eine Dimen­si­on im Raum,
zugleich auch ein Maß der Zeit
und hier zuerst im Jetzt,
erst danach im bedach­ten rück­wärts­ge­wand­ten Blick.

Und man­ches Mal sehnt sie sich auch hoff­nungs­voll
nach dem Mor­gen.

 

aus einem Brief von Ange­li­ka Bruns

Allein
im Blu­men­meer
der net­te Ver­käu­fer
hält acht Rosen­län­gen weit
Abstand

 

aus einem Brief von Jür­gen Bos­se

Die Stadt ist leer, die Stra­ßen still – in der Nacht. Coro­na hat die Welt an die Ket­te gelegt. Selbst Tou­ris sind dem Markt­platz fern, nur Hand­wer­ker und Hun­de­be­sit­zer zie­hen ihre run­den. Wo die gan­ze Welt zwei Meter Abstand hält, ist die kör­per­li­che Nähe im Cock­pit eines Trans­por­ters etwas unge­wohnt Son­der­ba­res. Ist die Nähe zu dem Neben­leut‘ auf der Sitz­bank in der Stra­ßen­bahn etwas Beson­de­res aus unwirk­li­chem Ges­tern – fast schon kuscheln.

 

aus einem Brief von Ingrid Ken­ner-Mau­cher

Lie­be Frau Kolod­zy,

ich schrei­be ger­ne Brie­fe und bekom­me ger­ne Brie­fe. Das ist lei­der sehr sel­ten gewor­den!

Das The­ma „Nähe beschäf­tigt mich sehr, beson­ders jetzt in der Coro­na­kri­se. Ich ver­mis­se mei­ne Fami­lie, mei­ne Freun­de und Bekann­ten, ihnen zu begeg­nen, so ganz per­sön­lich, ein­schließ­lich einer herz­li­chen Umar­mung. Berüh­rung schafft Nähe, und die ist durch die Medi­en und das Inter­net nicht zu erset­zen, aber z. Zt. ein gutes Hilfs­mit­tel, um sich vor der per­sön­li­chen Iso­la­ti­on bes­ten­falls ein wenig zu schüt­zen.

Nähe ist auch Ver­bin­dung zu Men­schen in aller Welt, ohne ein­an­der zu ken­nen oder sich je getrof­fen zu haben. Wir sind auf die­sem Pla­ne­ten mit­ein­an­der ver­bun­den, leben von die­ser Erde und mit die­ser Erde, von Luft, Was­ser, Son­ne und Mond, sit­zen alle in einem Boot und mit glei­chen Grund­be­dürf­nis­sen. Das for­dert uns zur Rück­sicht­nah­me her­aus, was manch­mal in viel­fa­cher Hin­sicht sehr, sehr schwer zu sein scheint. Gera­de jetzt!

Dies sind ganz spon­tan geschrie­be­ne Zei­len und hof­fent­lich gut les­bar!

Herz­li­che Grü­ße, in Ver­bun­den­heit

Ingrid Ken­ner-Mau­cher

Schweig still mein Herz
die Bäu­me beten.
Ich sprach zum Baum:
erzähl mir von Gott
und er blüh­te.

R. Tago­re

aus einem Brief von Albrecht Clauß

Für mich bie­tet die ver­nunft­ge­bo­te­ne Distanz zu den Mit­men­schen zumin­dest in den all­täg­li­chen Begeg­nun­gen wie auch in mei­ner Lieb­lings­ak­ti­vi­tät, dem zeit­ge­nös­si­schen Tanz*, die neue Mög­lich­keit, die ande­ren aus einer gewis­sen Ent­fer­nung wahr­zu­neh­men, die Bezie­hungs­qua­li­tät evtl. neu zu defi­nie­ren (viel­leicht über­deckt die übli­che Umar­mung auch eini­ges …), und, ins­be­son­de­re beim Tanz, eine Nähe aus der Distanz zu ent­wi­ckeln, die nach mei­nen Erfah­run­gen sehr beglü­ckend sein kann.

Im übri­gen hat mir der Satz von A. Mag­gau­er Kir­sche sehr gefal­len: „Wenn du etwas nicht erken­nen kannst, bist du viel­leicht zu nah dran.“

*beschränkt sich z.Zt. lei­der auf Solos im Wohn­zim­mer!

 

aus einem Brief von Kay Ketel­sen

Zicho­rie (Weg­war­te)

Wenn die Zicho­rie blüht
seh‘ ich nur dich mei­ne Frau
Hell­blau am Weg­rand stehst du
auf­recht im blau­en Gewand und
immer noch bist du mir nah

Wenn die Zicho­rie welkt
seh‘ ich dein sei­de­nes Kleid
weiß ist es leb­lo­ses Weiß
andäch­tig blei­be ich steh’n und
nah kommt mir wie­der dein Tod.

Für Han­ne

 

aus einem Brief von Irm­gard Majer

Lächeln
im Park,
frü­her oft mit
Unbe­kann­ten getauscht im Vor­über­ge­hen,
hei­ter.

Heu­te
mit stei­gen­den
C.-Infiziertenahlen: vie­le Bli­cke,
die sich abwen­den schon vor der
Pflicht­di­stanz,
als ob
Bli­cke anste­cken­der
wären als Atem.

Ich rufe die Revo­lu­ti­on aus:
Infi­ziert alle mit dem Virus Freund­lich­keit,
durch Lächeln,
und Bli­cke.
Ich hof­fe, dass es dabei
wenig davon Gene­se­ne geben wird.

 

aus einem Brief von Julia Soll­busch

Das Huhn und das Ei

Die Stra­ßen und Wege waren unge­wohnt (und herr­lich!!) leer; Oster­ha­si genoss die­se Ruhe und allei­ne unter­wegs zu sein. Gro­ße Ansamm­lun­gen von Men­schen, Tie­ren und auch Hasen waren ein­fach nicht sein Ding. Man war das ein Tumult auf der gest­ri­gen Betriebs­ver­samm­lung, als die Rou­ten und Auf­ga­ben ver­teilt wur­den. Alle stan­den dicht an dicht und es herrsch­te eine Laut­stär­ke, dass man kaum sei­nen eige­nen Gedan­ken hören konn­te. Nähe wird über­schätzt, dach­te Oster­ha­si. Und dann die­se Rum­zi­cke­rei von Huhn und Ei! Jedes Jahr das­sel­be … ich war zuerst da, nein ich, nein ich, nein ich … Oster­ha­si brems­te abrupt ab, um zwei klei­ne Gän­se­blüm­chen weg­zu­knab­bern, die sich ihm zu ver­lo­ckend ent­ge­gen­reck­ten. In die­sem Moment stieß die Son­ne durch zwei Baum­wip­fel und kit­zel­te sein klei­nes Näs­chen. Oster­ha­si nies­te kurz, setz­te sich in eine klei­ne Rasen­mul­de und blick­te ver­son­nen auf den Mor­gen­tau, der sich unter den Son­nen­strah­len erwärm­te und in Mil­lio­nen sil­ber­nen Trop­fen auf der Wie­se ver­teil­te … sieht aus wie ein Meer, dach­te Oster­ha­si. Und über­leg­te: ist es nicht schluss­end­lich immer eine Fra­ge der Per­spek­ti­ve? Oder gar eine phi­lo­so­phi­sche Betrach­tung? Wer war zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Sein oder nicht sein? So nah und doch so fern – so fern und doch so nah? Distanz und Nähe? Wel­che Rol­le neh­men Raum und Zeit und sozia­le Bezie­hung ein? Wel­che Bedeu­tung wird ihnen gewährt?

Eigent­lich auch egal, dach­te Oster­ha­si, wäh­rend er auf­stand und sich ein paar Trop­fen von den Vor­der­pfo­ten schleck­te. Läuft es am Ende nicht immer auf Yin und Yang hin­aus? Auf zwei Gegen­sät­ze, die sich anzie­hen und ergän­zen? Jeder muss für sich her­aus­fin­den, was und wie viel gut für ihn ist. Und Haupt­sa­che, man ist mit dem Her­zen dabei. Er jeden­falls war es.

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