Literarischer Kulturaustausch‹ 2020

Die fol­gen­den Tex­te sind im Rah­men unse­rer Schreib­werk­statt ›Lite­ra­ri­scher Kul­tur­aus­tausch‹ unter der Anlei­tung von Ange­li­ka Sinn ent­stan­den. Des Semi­nar fand an zwei Sams­ta­gen im Febru­ar und April 2020 statt, wobei der zwei­te Ter­min auf­grund der Coro­na-Pan­de­mie online durch­ge­führt wur­de.

 

…, wenn das Tele­fon klin­gelt

 

Mit dem Por­trät in der Hand

Ich weiß nur, dass du da warst. Dein Por­trät ist jetzt in mei­nen Hän­den und… und… Erin­ne­rung.

Die Pla­ça de Catalunya vol­ler Lärm und über­all die unbe­kann­ten Gesich­ter, die lach­ten, die neu­gie­rig auf La Sagra­da Fami­lia de Gau­di waren und die kei­ne Ahnung hat­ten, wie groß unse­re Freu­de war. Ich traf dich, ich hör­te dir zu. Nur ein Tisch, zwei Tas­sen Kaf­fee.

Dei­ne gute Lau­ne, dei­ne Geschich­ten und Anek­do­ten, der Anruf dei­ner Mut­ter, dei­ne Sor­ge wegen der Hit­ze, dein Man­gel an Schmin­ke, dei­ne bra­si­lia­ni­schen gro­ßen Fan-Ohr­rin­ge, dei­ne Wor­te der Eupho­rie in jedem vier­ten Satz, dei­ne Haa­re zu einem Kno­ten zusam­men­ge­bun­den, die Son­nen­creme auf dem Tisch neben dei­nem Fla­men­co-Fächer ohne Spit­zen und die­ses Wie­der­se­hen nach 8 Jah­ren. Seit­dem saßen wir nicht mehr am glei­chen Tisch und ich habe nie wie­der Creme Brû­lée pro­biert.

Heu­te feh­len mir eine tröst­li­che Umar­mung, die Spa­zier­gän­ge zu zweit, der lachen­de Kom­pli­zen­blick und der Strand. Ich habe nur dein Por­trät in der Hand, dei­ne Stim­me am Tele­fon und vie­le Jah­re der Sehn­sucht.

 

Was ich an dir schät­ze, Caro­li­na

Jeder sagt “durch dick und dünn”. Da sind wir in der welt­wei­ten Kri­se, wir lachen über absur­de Wit­ze und kind­li­ches Beneh­men. Dei­ne Hand ist immer vol­ler Hoff­nung und Ver­trau­en für mich. Dei­ne Geschich­ten, die von Hei­lung han­deln. Ich füh­le dei­ne Gesell­schaft in der Fer­ne. Die schlech­ten Nach­rich­ten schei­nen immer gar nicht so schlecht zu sein, weil sie die bes­te Aus­re­de sind, mit dir zu spre­chen. Die Welt steht Kopf, es gibt Kala­mi­tä­ten, ich höre kei­nen Reg­gaeton, ich lese die ame­ri­ka­ni­schen Zei­tun­gen, ich schreie in der Stil­le unter dem Kis­sen, ich sehe die alten Fil­me bis zum Ende der Dun­kel­heit, und ich tei­le den Geschmack für vene­zo­la­ni­sche Scho­ko­la­de mit dir. Dein Wort ist not­wen­dig, wenn kei­ner mit mir spricht. Ich ernäh­re mich von dei­nem posi­ti­ven Ver­stand.

 

In der Sekun­de einer Pan­de­mie

In der Sekun­de, als alles begann. Welt­wei­te Ein­sam­keit erobert die Stra­ßen und wirft unse­ren Kalen­der ins Lee­re. Nie­mand hat einen Zeit­plan oder einen fes­ten Ter­min.

Von die­sem Moment an wird die Beschrän­kung zu etwas All­täg­li­chem, und unse­re See­len müs­sen auf sich selbst auf­pas­sen. Ein Auf­ruf, uns von unse­ren Mit­men­schen zu distan­zie­ren, bringt Käl­te wie Schnee auf die Schul­tern und lässt sie lang­sam erfrie­ren. Ver­giss die Umar­mun­gen, den Tan­go, den Bole­ro, den Quin­ce­a­ñe­ras-Wal­zer, zwei spa­ni­sche Begrü­ßungs­küs­se.

Trans­pa­ren­tes anti­bak­te­ri­el­les Hand­gel-Anti­sep­ti­kum in jeder Tasche, Toi­let­ten­pa­pier ist nir­gends zu fin­den, Men­schen schau­en miss­trau­isch, Men­schen ent­fer­nen sich von­ein­an­der, Hus­ten ist nicht erlaubt.

Und was mache ich? Ich blei­be unter der Decke ver­steckt. 8 Tage, 2 Wochen, 56 Tage, 3 Mona­te, unbe­stimm­te Zeit.

Und was machst du? Du rufst mich an. Ein­mal in der Woche, don­ners­tags und an den Sonn­ta­gen, alle zwei Tage, jeden Tag, mit­tags.

Dei­ne hoff­nungs­vol­le Art, mich davon zu über­zeu­gen, dass die Zukunft bes­ser sein wird als die­se Gegen­wart, ist das ein­zi­ge, was mich beglei­tet. Dei­ne Stim­me vol­ler wei­ser Rat­schlä­ge nimmt mich bei der Hand in der Ver­zweif­lung und der Unsi­cher­heit.

Und jetzt füh­le ich mich mehr denn je dei­nem vio­let­ten Licht näher, wenn die Welt dazu gezwun­gen ist, sich nicht die Hand zu geben.

Humor, stun­den­lan­ge Gesprä­che, mein Erdungs­draht.

In die­ser Sekun­de, wenn wir alle in unse­ren Häu­sern ein­ge­sperrt sind, in der sich alle Freun­de in größ­ter Ent­fer­nung füh­len, in der sich Fami­li­en getrennt vor­kom­men, in der vie­le Men­schen nur ihren Hund Con­an, Bru­no oder Luna als Mit­be­woh­ner haben, wenn es kei­ne Man­da­ri­nen auf den Tischen und kei­ne Geburts­tags­blu­men gibt, wenn vie­le ihre Geschen­ke per Post erhal­ten und ich nicht mal das. Alle Gedan­ken dre­hen sich in einem end­lo­sen Kreis. Die Wor­te wie­der­ho­len sich wie die Tage. Ich füh­le mich wie ein ver­las­se­nes Kind, des­sen ein­zi­ges Spiel­zeug ein Tele­fon ist. Durch das Tele­fon habe ich die glei­che Distanz zu jedem, der anruft, egal wo auf der Welt er ist. Ja, dei­ne Stim­me in der Hand: Dein makel­lo­ser Geist erfüllt mein Zim­mer mit Opti­mis­mus. Alles hat Licht.

Mei­ne frei­wil­li­ge Ein­sam­keit malt mei­ne Kalen­der weiß. Aber die Zeit gewinnt jedes Mal ihren Wert zurück, wenn das Tele­fon klin­gelt.

Ernes­to Sala­zar-Jimé­nez