Echotexte auf Gedichte von Paul Celan gesucht

Im Rah­men der Initia­ti­ve Echo­Raum für Paul Celan im dop­pel­ten Jubi­lä­ums­jahr 2020

Für lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Expert*innen besteht kein Zwei­fel, dass Paul Celan zu den welt­weit bedeu­tends­ten und ein­fluss­reichs­ten Autoren des 20. Jahr­hun­derts und der jün­ge­ren Lite­ra­tur­ge­schich­te gehört. „Ver­mut­lich gibt es kaum einen deutsch­spra­chi­gen Lyri­ker – und zwar bezo­gen auf die gesam­te Lite­ra­tur­ge­schich­te – der so stark inter­na­tio­nal gewirkt hat wie Celan“, schreibt Wolf­gang Emme­rich im Celan Hand­buch von 2014. Über kaum einen zwei­ten Autor der letz­ten hun­dert Jah­re erschei­nen mehr Abhand­lun­gen und Unter­su­chun­gen zum Werk. Steht aber die Rele­vanz, die Paul Cel­ans Lyrik sei­tens der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft zuge­schrie­ben wird, in einem Ver­hält­nis zur Prä­senz sei­ner Tex­te im kul­tu­rel­len Leben der Gegen­wart?

Um die­ser Fra­ge nach­zu­ge­hen, wird im dop­pel­ten Jubi­lä­ums­jahr des Dich­ters (100. Geburts­tag und 50. Todes­tag) in Bre­men ein Echo­Raum für Paul Celan eröff­net. Die Initia­ti­ve ver­bin­det sich mit der Ein­la­dung zeit­ge­nös­si­scher Künstler*innen und Wissenschaftler*innen zu einem Echo, das sich der Begeg­nung und dem Gespräch mit sei­nen Wer­ken ver­dankt.

Die denk­wür­di­ge Ver­bin­dung Paul Cel­ans zu Bre­men, wo er 1958 eine poe­to­lo­gisch wie gesell­schaft­lich zukunfts­wei­sen­de Rede anläss­lich der Ver­lei­hung des Bre­mer Lite­ra­tur­prei­ses gehal­ten hat, legt eine Koope­ra­ti­on mit dem Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor nahe. Mit die­ser Aus­schrei­bung möch­ten wir Bre­mer Autor*innen aller Alters­stu­fen zum Ver­fas­sen von Tex­ten anre­gen, die aus einer aktu­el­len Begeg­nung mit Cel­ans Werk her­vor­ge­hen. Dabei sol­len kei­ner­lei inhalt­li­che oder for­ma­le Vor­ga­ben das Schrei­ben sol­cher Tex­te ein­schrän­ken. Ob Pro­sa-Minia­tur, Gedicht, Short­sto­ry, Rap, lite­ra­ri­scher Essay oder Slam-Poem – solan­ge die Tex­te vom Umfang her eine Lese­zeit von 10 Minu­ten nicht über­schrei­ten, sind alle lite­ra­ri­schen Gat­tun­gen und Gen­res erlaubt und erwünscht.

Eine öffent­li­che Lesung der durch eine Jury aus­ge­wähl­ten Tex­te ist im Ver­an­stal­tungs­pro­gramm des für die Zeit vom 19. bis 24. Novem­ber 2020 in Bre­men statt­fin­den­den Sym­po­si­ons Echo­Raum für Paul Celan vor­ge­se­hen.

Ein­sen­de­schluss ist der 31. August.

Alle Ein­sen­dun­gen bit­te ent­we­der per Mail an:

info@literaturkontor-bremen.de
(Betreff: Echos auf Paul Celan)

oder per Post (bit­te mit Anga­be einer Mail­adres­se) an:
Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor
Stich­wort: Echos auf Paul Celan
Goe­the­platz 4
28203 Bre­men

Ergän­zun­gen zur Aus­schrei­bung

Spielt Paul Celan heut­zu­ta­ge für Autor*innen über­haupt noch eine Rol­le, ver­mö­gen bestimm­te Gedich­te oder Moti­ve aus sei­nem Werk immer noch ande­re zu inspi­rie­ren und wie könn­te ein lite­ra­ri­sches Echo klin­gen, wenn Gegenwartsautor*innen unter­schied­li­chen Alters auf sei­ne Tex­te reagie­ren? Die­se Fra­gen bil­den den Aus­gangs­punkt für unse­re Aus­schrei­bung, schließ­lich scheint mitt­ler­wei­le außer­halb der Fach­krei­se auch bei lite­ra­risch Inter­es­sier­ten oft nur der Name geläu­fig und wenn über­haupt wird der Name mit der „Todes­fu­ge“ in Ver­bin­dung gebracht, also dem­je­ni­gen Gedicht, das Celan am liebs­ten aus dem Ver­kehr gezo­gen hät­te, weil er den Ein­druck hat­te, dass es vor allem als Ali­bi benutzt wird, wenn es um deut­sche ‚Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung‘ geht.

Von den­je­ni­gen, die tat­säch­lich bis zur Lek­tü­re Cel­an­scher Gedich­te vor­ge­drun­gen sind und denen das Inter­es­se dar­an auch nach den übli­chen Gedicht­ana­ly­sen in der Schul­zeit noch nicht völ­lig ver­gan­gen ist, beken­nen nicht weni­ge, dass sie die Tex­te nicht ver­ste­hen, schwie­rig fin­den. Her­me­ti­sche Lyrik eben, dies vor allem für jene, die kei­ne tie­flo­ten­den und akri­bi­schen lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ana­ly­sen zu Rate zie­hen wol­len.

Was die Inter­pre­ta­ti­on von Cel­ans Tex­ten angeht, so scheint sich die bereits Anfang der 70-er Jah­re von Peter Szon­di vor­ge­tra­ge­ne Auf­fas­sung zuneh­mend durch­zu­set­zen, dass die „Fremd­be­stim­mung“ durch bio­gra­phi­sche Bezü­ge oder eine Welt der Lek­tü­re und die „Selbst­be­stim­mung“ durch das Gedicht als sol­ches glei­cher­ma­ßen zu berück­sich­ti­gen sei­en.

Den­noch bleibt die Fra­ge, ob Begeg­nun­gen mit einem Werk und die schöp­fe­ri­schen Anre­gun­gen, die sie aus­lö­sen kön­nen, nur dann Rele­vanz haben, wenn sie nach Vor­schrift erfol­gen.

Zwei­fels­oh­ne sehen sich zeit­ge­nös­si­sche Autor*innen einem ande­ren Erleb­nis­ho­ri­zont gegen­über, als Autor*innen der 60-er und 70-er Jah­re und schrei­bend bewe­gen sie sich zumeist in sprach­li­chen Strö­mun­gen, die jene der dama­li­gen Zeit weit hin­ter sich gelas­sen haben. Das kann aber kaum bedeu­ten, dass mit Tex­ten, die vor ein paar Jahr­zehn­ten ent­stan­den sind oder die gar Jahr­hun­der­te alt sind, kei­ne Gesprä­che mehr mög­lich sind. Auf sol­che Gesprä­che aber setz­te Celan mit sei­nen Tex­ten:

Das Gedicht wird – unter wel­chen Bedin­gun­gen! – zum Gedicht eines – immer noch – Wahr­neh­men­den, dem Erschei­nen­den Zuge­wand­ten, die­ses Erschei­nen­de Befra­gen­den und Anspre­chen­den; es wird Gespräch – oft ist es ver­zwei­fel­tes Gespräch. Erst im Raum die­ses Gesprächs kon­sti­tu­iert sich das Ange­spro­che­ne, ver­sam­melt es sich um das es anspre­chen­de und nen­nen­de Ich. (Der Meri­di­an, Rede zur Ver­lei­hung des Büch­ner-Prei­ses 1960)

 

Wir sind gespannt und freu­en uns auf das Echo der Bre­mer Autor*innen!

Jens Laloire (für das Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor ) und Peer de Smit (für das Insti­tut Echo­Raum Arts und das Pro­jekt Echo­Raum für Paul Celan 2020)

Wei­te­re Infos gibt es außer­dem unter: www.echoraum-arts.com