Tag 5, Freitag, 22. Mai 2020

Erdenbewohner*innen

Gemein­sa­mes Den­ken kann rich­tig­ge­hend high machen.

Auch von Jonas möch­te ich erfah­ren, wie er die Zei­ten wahr­nimmt. Er ist Neunt­kläss­ler.

Wir spa­zie­ren dis­ku­tie­rend durch die Son­ne. Über das Wehr und am Fluss ent­lang.

Es beein­druckt mich vom ers­ten Moment an, dass wir in einer Art und Wei­se mit­ein­an­der reden, die ich als höchs­te Kunst des Gedan­ken­aus­tauschs bezeich­nen wür­de.

Ein Wort gibt das ande­re, The­sen wer­den in die Welt gesetzt, wie­der in Fra­ge gestellt, Gedan­ken gedreht und gewen­det, gemein­sam von unter­schied­li­chen Sei­ten beleuch­tet. Es ist wie ein Schwin­gen auf einer Wel­len­län­ge und genau­so haben sich unse­re Schrit­te sofort ein­an­der ange­passt.

Dabei kann­ten wir uns bis vor weni­gen Minu­ten noch gar nicht.

Jonas ist unglaub­lich infor­miert über poli­ti­sche Gescheh­nis­se rund um den Erd­ball, wen­dig in sei­nen Gedan­ken­gän­gen. Es macht mir Spaß, mit ihm zu dis­ku­tie­ren.

Mehr als das. Es beglückt mich zu erle­ben, wie er sich als jun­ger Mensch so tief­grei­fen­de Gedan­ken macht, um das Leben vor der eige­nen Haus­tür, um gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen, den Zustand der Welt.

Jonas kennt nur drei bis vier Gleich­alt­ri­ge in sei­nem direk­ten Umfeld, die auch poli­tisch inter­es­siert sind.

Er star­tet bei Trump. Wir reden über den sich bewaff­nen­den Wider­stand gegen die Coro­na-Maß­nah­men in Ame­ri­ka. Und dar­über, ob poli­tisch radi­ka­le Stim­men von offi­zi­el­len Sei­ten im Inter­net ver­drängt wer­den soll­ten in die Unsicht­bar­keit, oder nicht. Wir erkun­den den Vor­schlag einer mög­li­chen „Dean­ony­mi­sie­rung“ des Inter­nets, den Jonas auf­ge­bracht hat.

Und das ist nur ein win­zi­ger Bruch­teil der The­men­krei­se, die wir auf unse­rer Run­de durch­schrei­ten.

Jonas will nicht weg­schau­en, aber er möch­te auch nicht schwarz­se­hen.

Fata­lis­mus bringt nichts.

Ich neh­me jede Men­ge Impul­se aus die­sem Gespräch mit.

Und habe neue Per­spek­ti­ven gewon­nen.

Schnitt.

Zuletzt möch­te ich noch eine Gedenk­mi­nu­te ein­le­gen für Kali, Bru­no-Hen­ri­et­te und Lil­ly. Drei Hüh­ner, die Her­zens­ge­fähr­ten von Leif, Las­se und Janosch in den ver­gan­ge­nen Coro­na-Wochen. Die der Mar­der getö­tet hat. Vor weni­gen Tagen nur.

Eigent­lich woll­te ich ihnen einen gan­zen Tagestext wid­men. Nun ist es anders gekom­men.

Ich glau­be, die Sache mit den Hüh­nern möch­te lie­ber ein gan­zes Kin­der­buch wer­den. Eine Geschich­te vom Leben, von lan­gen gemein­sa­men Wochen, von Annä­he­run­gen, geteil­ten Ent­de­ckun­gen, auch eine Geschich­te vom Ster­ben. Und davon, dass das Leben für die ande­ren wei­ter­geht. Und dass im Her­zen sogar Platz ist für neue Hüh­ner­freund­schaf­ten, auch wenn Kali, Bru­no-Hen­ri­et­te und Lil­ly uner­setz­lich blei­ben.

Schnitt.

Ich blei­be eine unver­bes­ser­li­che Opti­mis­tin und möch­te zual­ler­al­ler­letzt noch zwei Links zu Tex­ten tei­len, die mich in den letz­ten Wochen ermu­tigt haben:

Mary Oli­ver: Wild Geese

http://www.phys.unm.edu/~tw/fas/yits/archive/oliver_wildgeese.html

und

Charles Eisen­stein: Die Krö­nung (The Coro­na­ti­on)

https://charleseisenstein.org/essays/die-kronung/