Tag 4, Donnerstag, 21. Mai 2020

Über­ra­schung und Erfüllung

Ich bin Opti­mis­tin, Kri­sen inklusive.

Ich bin Träu­me­rin, aber schaue Men­schen gera­de­her­aus in die Augen.

Eine „unver­bes­ser­li­che Optimistin“?

Laut Duden ist der Begriff ein­deu­tig nega­tiv kon­no­tiert, fast schon ein Schimpfwort.

Zitat: „Du bist viel­leicht ein Opti­mist! Du unter­schätzt die sich erge­ben­den Schwie­rig­kei­ten (o.Ä.).“

Eine „hoff­nungs­lo­se Träumerin“?

Hier die Defi­ni­ti­on von Duden:

Ein Träu­mer ist ein „Mensch, der gern träumt, sei­nen Gedan­ken nach­hängt und mit der Wirk­lich­keit nicht recht fer­tig wird.“

Ich glau­be, dass man rea­le Ver­hält­nis­se „erträu­men“ kann. Das hat mit Ver­trau­en zu tun, mit inne­rer Aus­rich­tung. Und mit der Vor­stel­lung, dass wir alle mit allem ver­bun­den sind.

Natür­lich ist die Welt kein Super­markt, aus dem wir uns nach Lust und Lau­ne bedie­nen kön­nen. Alles ist unend­lich viel kom­ple­xer. Oft wis­sen wir ja nicht ein­mal, was gut für uns ist. Es geht um viel Grund­sätz­li­che­res, sogar Außer­sprach­li­ches. Und des­halb über­rascht uns das Leben mit sei­nen kon­kre­ten Wen­dun­gen. Das ist kein Wider­spruch: Über­ra­schung und Erfül­lung zugleich.

Im Grun­de funk­tio­niert mei­ne gesam­te Beruf­lich­keit so.

Ich bin über­zeugt davon, dass Träu­me ein rie­si­ges Poten­zi­al beinhalten.

Indi­vi­du­el­le Träu­me und auch kol­lek­ti­ve Träume.

Und des­halb glau­be ich auch dar­an, dass die Mensch­heit in der Lage ist, tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen her­bei­zu­füh­ren. Auch dem Tod ins Auge zu sehen, ihn wie­der als Teil des Lebens­kreis­laufs zu begreifen.

Roman­ti­sie­re ich?

Gibt es nicht unzäh­li­ge Opfer in die­ser Welt? Aus­ge­lie­fert an Krie­ge, tyran­ni­sche Macht­ha­ber, sozia­le Unge­rech­tig­keit, Ras­sis­mus, Krank­heit, Hun­ger, Will­kür, sexu­el­le Gewalt, Schick­sals­schlä­ge, wirt­schaft­li­che Aus­beu­tung, Zen­sur, man­geln­de Bil­dung, Naturkatastrophen …?

Kann ich nur so daher­re­den, weil ich selbst unend­lich pri­vi­le­giert bin?

Aber ich will kei­nen ein­zi­gen Men­schen auf der Welt auf sei­ne Rol­le als Opfer redu­zie­ren, gebannt in die tota­le Hand­lungs­un­fä­hig­keit. Selbst ein­ge­ker­kert, bedroht, im Ange­sicht des Todes, haben sich Men­schen ihre Wür­de bewahrt, haben Zei­chen gesetzt, über sich selbst hin­aus gewirkt.

Ich weiß nicht, ob ich die Kraft hätte.

Aber ich weiß, dass ich an Wun­der glau­ben will.