Tag 3, Mittwoch, 20. Mai 2020

Umher­flat­tern­de Gedan­ken

Ich bin nicht nur süch­tig nach Kom­mu­ni­ka­ti­on, son­dern nach Input aller Art.

Also lese ich, was mir zwi­schen die Fin­ger kommt.

End­lich ist die Stadt­bi­blio­thek wie­der geöff­net.

Ich strei­fe durch die Eta­gen wie ein aus­ge­hun­ger­tes Tier. Las­se mei­nen Blick über die Buch­rü­cken wan­dern, blei­be hän­gen an Büchern, die im Dis­play ste­hen, schwei­fe durch mei­ne eige­nen Gedan­ken, fol­ge einem Impuls nach dem ande­ren und ste­he am Ende mit einem rie­si­gen Berg von Büchern an der Aus­lei­he. So geht es mir jedes Mal.

Ganz beson­ders lie­be ich es, in den Neu­an­schaf­fun­gen zu stö­bern. Nir­gend­wo in der Biblio­thek gibt es eine wil­de­re The­men­mi­schung als hier. Dicht an dicht. Es ist, als wür­den die Bücher schon von sich aus mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren.

Bel­le­tris­tik, Sach­bü­cher, Lehr­bü­cher, Rei­se­füh­rer, Gedicht­bän­de, Fach­bü­cher, Gra­phic Novels, Koch­bü­cher, Geschichts­bü­cher, Werk­bü­cher, Bild­bän­de …

Mein Geist ver­bin­det sich mit allem und jedem.

Ich ken­ne kaum Gleich­alt­ri­ge, die noch lesen. Die haben gar kei­ne Bücher­re­ga­le“, sagt Zoe, mit der ich mich spä­ter auf einen zwei­stün­di­gen Spa­zier­gang tref­fe, um mich mit ihr über ihre Wahr­neh­mung der Coro­na-Zeit und die Kon­takt­be­schrän­kung aus­zu­tau­schen. Sie ist sech­zehn.

Zoes Aus­sa­ge erin­nert mich dar­an, dass ich vor Kur­zem mei­ner zwölf­jäh­ri­gen Toch­ter vor­schlug, wir könn­ten uns bei­de mit unse­ren Büchern an den Wer­der­see legen und lesen.

Voll pein­lich!“, war ihr Kom­men­tar dazu. Dabei liebt sie es, in Geschich­ten ein­zu­tau­chen.

Ich spü­re zur­zeit mehr, was ich selbst will“, sagt Zoe und erzählt auch davon, dass sie sich in die­sen Wochen ohne nor­ma­len Schul­be­such zum ers­ten Mal rich­tig auf ihre viel jün­ge­ren Geschwis­ter ein­lässt. Es ist ein biss­chen so, als ob sie sie noch ein­mal ganz anders ken­nen­ler­nen wür­de, weil plötz­lich so viel Ruhe und Zeit da ist, ihnen zu begeg­nen, mit ihnen zusam­men zu sein.

Zoe genießt die gemein­sa­me Zeit mit ihrer Fami­lie.

Und doch ist es schwie­rig, dass Jugend­li­che durch die Umstän­de plötz­lich gezwun­gen sind, in den Schoß der Fami­lie zurück­zu­schlüp­fen, obwohl alle Zei­chen auf Abna­be­lung ste­hen.

Für ande­re Jugend­li­che wie­der­um gibt es kei­ne fami­liä­re Gebor­gen­heit, in die sie zurück­keh­ren könn­ten.