Tag 2, Dienstag, 19. Mai 2020

Löschen und erinnern

Ich bin neu­gie­rig auf Menschen.

Das ist wohl die wich­tigs­te Zutat in mei­nem beruf­li­chen Potpourri.

In mei­nem Leben überhaupt.

Ich kom­mu­ni­zie­re exzes­siv, nicht sel­ten bis zur Verausgabung.

Gleich­zei­tig ist der Aus­tausch von Gedan­ken und Ideen für mich wesent­li­ches Lebenselixier.

Wir müs­sen Ihnen als Pro­vi­der Ihrer Web­sei­te lei­der mit­tei­len, dass Sie kei­ne wei­te­ren Nach­rich­ten emp­fan­gen kön­nen. Ihr Spei­cher ist voll. Wir emp­feh­len Ihnen zunächst Ihren Müll­ei­mer zu leeren.“

Der Müll­ei­mer ist nicht mein Pro­blem. Und end­lich ist ein­mal Zeit, in den Abgrund zu sehen.

Ich arbei­te mich durch 2774 mar­kier­te E‑Mails. Tau­che fast einen gan­zen Tag lang ab in Stim­men aus der Ver­gan­gen­heit, eige­ne und die von ande­ren, samm­le offe­ne Enden ein, schrei­be hier und da eine E‑Mail, um einen Faden wie­der­auf­zu­neh­men. Es ist ein wil­der Mix aus per­sön­li­chen Nach­rich­ten und beruf­li­cher Kommunikation.

Viel zu vie­le Ideen, um alle zu Ende gedacht zu wer­den. Bei­na­he erschla­gend in ihrer Fülle.

Aber auch ein Schatz, ein Fun­dus, aus dem ich bewusst und unbe­wusst schöpfe.

Löschen, löschen, löschen und noch ein­mal löschen, es fällt nicht leicht los­zu­las­sen … und dar­auf zu ver­trau­en, dass wie­der­kommt, was wie­der­kom­men soll.

Um frei zu sein für die Gegenwart.

Schnitt.

Ich rufe mei­ne ehe­ma­li­ge Nach­ba­rin und Freun­din an. Sie ist 84 Jah­re alt und wohnt in einem Wohn­stift. In der Recher­che­zeit zu mei­nem Buch „Kir­schen­die­be oder als der Krieg vor­bei war“ habe ich vie­le Stun­den mit ihr gespro­chen, mäan­dern­de Gesprä­che, auf den Spu­ren der Erinnerung.

Nun möch­te mich mit ihr über die Gegen­wart unter­hal­ten, dar­über, wie sie die gan­ze Situa­ti­on wahr­nimmt. Wie sich das Leben im Wohn­stift anfühlt, ob es sich ver­än­dert hat, ob die Ein­sam­keit grö­ßer gewor­den ist.

Nein, eigent­lich fühlt sie sich nicht einsamer.

Sie ver­misst den inten­si­ven per­sön­li­chen Aus­tausch mit ihrer Toch­ter und ihrer Enke­lin — und zwar schmerz­lich. Aber auch im Wohn­stift sind neue For­men der Gemein­schaft auf­ge­keimt. Gemein­sa­me Zwei­er­ri­tua­le, zum Bei­spiel die täg­li­chen zehn Minu­ten auf dem Trai­nings­rad gemein­sam mit einer Freun­din aus dem Haus, ver­we­ge­ne Pick­nicks im Flur, mit Kaf­fee und Rum­mi­kub, wöchent­li­ches Sin­gen im Hof und von den Bal­ko­nen, gemein­sa­me Gym­nas­tik unter frei­em Him­mel. Die Unter­bre­chung der Nor­ma­li­tät belebt, auch hier.

Am Ende kom­men wir im Gespräch auf die 1940er Jah­re zurück. Kriegs­en­de. Der 8. Mai liegt weni­ge Tage zurück. Nur 75 Jah­re ist es her, dass der zwei­te Welt­krieg been­det wur­de. Unvor­stell­ba­re 60 Mil­lio­nen Men­schen hat er das Leben gekostet.

Es ist so wich­tig, dass wir uns erinnern.

Und auch gera­de jetzt darf nicht alles ande­re ins gedank­li­che Hin­ter­tref­fen gera­ten ange­sichts der Corona-Pandemie.