Tag 5, Freitag, 15. Mai 2020

und die letz­te Nacht.… 

Was ist mit dir und Mer­le? Auf eine gewis­se Wei­se kennst du sie ja nun so gut wie ich. Magst du sie?“

John zögert. „Ich fin­de sie sehr auf­re­gend und inspi­rie­rend, und sie hat bestimmt eine wei­che Sei­te, aber … tut mir leid, ich fang noch­mal von vor­ne an. Weißt du, Megan und Mer­le haben mir bei­de gesagt, du wür­dest mich im Fluss erträn­ken, wenn ich was Fal­sches sage, und es klang, als wäre es nicht nur ein Witz.“

Schon gut, ich wer­de nicht Mega­ns Bru­der umbrin­gen, und jede ande­re Sze­ne wie zum Bei­spiel, dass ich dich schla­ge, wäre mir zu pein­lich. Also sag schon was du wolltest.“ 

Okay, ich glau­be das mal.“ John holt tief Luft. Er macht das so unauf­fäl­lig wie mög­lich, und sein Blick ist offen, freund­lich und besorgt. „Weißt du, ich hab gefühlt wie schnell es geht, ihr gefal­len zu wol­len. Sogar ihr zu ver­fal­len. Und ich bin froh, dass es ganz klar ist, dass sie mit dir wei­ter­zie­hen will und dich behal­ten will. Ihr wer­det wei­ter­zie­hen, und nicht sie und ich. Und wenn es dich nicht gäbe und sie allei­ne hier bei uns auf­ge­taucht wäre, ich wür­de alles ver­su­chen, ihr nicht zu ver­fal­len. Ich mei­ne, du weißt es viel bes­ser und fühlst unend­lich viel stär­ker für sie als ich. Du berührst sie und fühlst: Das ist mehr als die gro­ße Lie­be, das ist das wah­re nack­te Leben. Und du willst das alles, aber es ist so viel grö­ßer als du. Du kannst es nicht fas­sen, schon gar nicht fest­hal­ten. Ich mei­ne, du liebst sie und wirst mit ihr zie­hen, aber viel­leicht wäre es bes­ser für dich, du wür­dest Megan lie­ben und bei uns blei­ben. Aber das ist nur so ein Gefühl von mir, und viel­leicht ist es ja auch ver­rückt, und du kannst den Blöd­sinn ver­ges­sen, und Mer­le ist das größ­te Glück, das man haben kann.“

John steht auf und kramt in sei­ner Hosen­ta­sche. „Sor­ry“, sagt er und zieht ein Han­dy her­vor. „Hey, gro­ße Schwes­ter, ich sit­ze hier am Fluss mit dei­nem Lover, und es ist alles cool … nein, er hat mich ver­schont. Er ist sehr cool, und wir kom­men gleich.“ John steckt das Han­dy wie­der weg und reicht Simon die Hand, um ihn emporzuziehen.

Ihr und Handys?“

Na klar, für den Notfall.“ 

Wir haben extra kei­ne mit.“

Echt nicht? Jesus … wol­len wir gehen?“

Geh ruhig. Ist ja jetzt alles cool. Ich blei­be noch hier.“

John lässt den aus­ge­streck­ten Arm sin­ken und nickt. „Dach­te ich mir schon. Okay, aber pass gut auf dich auf, versprochen?“ 

Pass gut auf sie auf, sag­te Vin­ce ein­dring­lich und sein trau­ri­ger Blick, den Simon vom Mond her zu füh­len glaubt, war nicht ohne Ver­trau­en. Vin­ce, der wei­ter im Süden sei­ne Krei­se zieht, immer sei­ne ver­lo­re­ne Toch­ter vor Augen, für die er nichts mehr tun kann. 

Simon ist ein paar hun­dert Meter fluss­auf­wärts gegan­gen, bis er eine Stel­le fand, an der es vie­le fla­che Stei­ne gab, die er bis zum ande­ren Ufer sprin­gen las­sen konn­te. Break on through to the other side, denkt er. Einer nach dem ande­ren auf die ret­ten­de Seite. 

Auf Mer­le auf­pas­sen und zugleich auf sich selbst war viel­leicht ein zu gro­ßer Wider­spruch, um ihn zu leben. Merk­wür­dig, die­se lebens­klu­gen, prag­ma­ti­schen Rat­schlä­ge von jeman­dem wie John. Wirf dei­ne Lie­be woan­ders hin, sonst ver­glühst du. War das der zen­tra­le Vorschlag? 

Oder gera­de gar nicht merk­wür­dig bei jeman­dem wie John, der vor­gibt, ein Hip­pie zu sein, dabei nichts so rich­tig liebt, son­dern ganz vie­les ein­fach nur ganz geil fin­det. Viel­leicht mit Aus­nah­me sei­ner Schwes­ter Megan. 

Simon fin­det einen nahe­zu per­fek­ten Stein, aber er ist miss­mu­tig und wirft ihn has­tig und in einem schlech­ten Win­kel, so dass der Stein ein­fach nur ins Was­ser schießt und still versinkt. 

Es gibt da einen alten japa­ni­schen Hai­ku, in dem es heißt: In den alten Teich. Fällt ein Frosch. Plumps. Und Simon kann sich auch den­ken was Cas­ta­ne­das Scha­ma­ne mit mil­der Stren­ge zu ihm gesagt und ihn dazu mit sei­nen Habicht­au­gen durch­leuch­tet hät­te: Du bist wütend und fühlst dich des­halb im Recht, und du nimmst dich so ver­dammt wichtig. 

Es stimmt schon, beschließt Simon. Der Gedan­ke, dass John nichts wei­ter ist als ein ober­fläch­li­cher Par­ty­lö­we, der zufäl­lig auf einer Hip­pie­par­ty lan­de­te, hat mit sei­nem über­stei­ger­ten Gefühl der eige­nen Wich­tig­keit zu tun. Es ist ein Gedan­ke, der auf­plus­tert, häss­lich macht, und wahr­schein­lich sogar völ­li­ger Blöd­sinn ist.

Die­ser John, obwohl jün­ger als er, hat­te ehr­lich besorgt geklun­gen. Sogar so als wüss­te er, wovon er sprach. Und er klang wie ein Freund. 

Oder doch nicht, fällt es Simon an, du willst doch nur dei­ne klei­ne See­le beru­hi­gen, indem du dich dem Aggres­sor an den Hals schmeißt. 

Simon fin­det einen wei­te­ren fla­chen Stein und wirft ihn. Er kennt die­se gedank­li­chen Quer­schlä­ger, die ihm die Wirk­lich­keit so unge­nieß­bar machen sol­len wie nur mög­lich. Sie kom­men wie ein Schwarm Hor­nis­sen durch ein offen gelas­se­nes Fens­ter, und sie klin­gen auch so. Simon weiß auch, woher sie kom­men. Es sind Stim­men, die erst­mals kurz nach dem Abitur in ihm laut wur­den, als die Visio­nen bezüg­lich sei­nes eige­nen Lebens aus­blie­ben und er nach einer Rei­se durch India­ner­land sein Phi­lo­so­phie­stu­di­um begann. Sie sagen: Du bist ein Bür­ger­kind, dem es immer gut ging. Was du tust und denkst, hat kei­nen Wert, weil du nie für etwas kämp­fen muss­test. Alles was du je errei­chen wirst, wird auch nur ein Geschenk sein. Auf dich allein gestellt wirst du immer ver­sa­gen, und wenn du nicht ver­sagst, hat­test du Hil­fe, die du auch nicht ver­dient hast. 

Alles Gedan­ken, die Hand in Hand gehen mit der gefühl­ten Gering­schät­zung, die Mer­le ihm manch­mal entgegenbringt. 

Aber ande­rer­seits, was könn­te eine von so hef­ti­gen Wesen bewohn­te Frau wie Mer­le dazu trei­ben, mit jeman­dem zusam­men zu sein, den sie ver­ach­tet? Nichts viel­leicht. Wahr­schein­lich nichts, oder ein Abgrund in ihr, den er noch nicht kennt. Aber Spe­ku­la­tio­nen ab ins Feu­er, sag­te David Hume schon vor Jahr­hun­der­ten, und Simon steckt sich eine Ziga­ret­te an und dann noch eine und stellt fest, dass ihn nun kei­ne klei­nen Krämp­fe mehr schüt­teln. Ver­fluch­te Hip­pies, denkt er noch belus­tigt, und vor ihm ist der Fluss und dahin­ter gro­ße Wald­ge­bie­te, die er noch nicht kennt, so wie er den aller­größ­ten Teil der Welt noch nicht kennt. Rie­si­ge Wäl­der, die nach Nor­den hin bis zur Hud­son Bay rei­chen und still ruhen wie viel­leicht gro­ße unent­deck­te Räu­me sei­ner selbst.

Er wird das Ver­spre­chen hal­ten, das er Vin­ce gege­ben hat. Vin­ce, des­sen Umlauf­bahn sie ver­las­sen haben. Vin­ce, der Mer­les Ver­letz­lich­keit sah und Ver­trau­en zu ihm hatte. 

Und was kennt dage­gen John schon von Mer­le außer dem Duft ihrer Möse an einem bestimm­ten Tag, womit er kurz­zei­tig unver­schäm­tes Glück hat­te? Und viel­leicht, höchst­wahr­schein­lich lei­der, hat­te er noch Glück mit ein oder zwei Din­gen, die Mer­le mit ihm ange­stellt hat. Na und? Schon sehr bald wird er sich nicht mehr so rich­tig dar­an erinnern. 

Aber einen wei­te­ren Stich gibt es Simon doch. Er selbst hat immer mehr in die Frau­en und Mäd­chen inves­tiert, die er gekannt hat­te. Er hat nie ver­ges­sen, wovon sie nachts träum­ten, aber ihre Düf­te, so zen­tral sie für ihn auch waren, und das waren sie, sind nicht mehr klar in sei­nen Erinnerungen. 

Aber soll das jetzt irgend­wie tröst­lich für ihn sein? Er ist ja nicht John. Viel­leicht erin­nert John sich nur an die Düf­te und an das, was die dazu­ge­hö­ri­gen Frau­en mit ihm anstellten. 

Und was weiß der Typ dann nicht? Was abso­lu­te Ver­bun­den­heit ist und das eige­ne Leben für­ein­an­der in die Waag­scha­le wer­fen und die nicht enden­de Liebe? 

Simon geht auf der Suche nach neu­en fla­chen Stei­nen am Fluss­ufer auf und ab und weiß nicht so recht. Howard und June hat­ten all das, aber sind sie jetzt, am Ende, bes­ser dran als John es sein wird, für den Fall, dass er die gan­ze Sache auch wei­ter­hin lässt? So wie Her­mann Hes­ses Gold­mund, der sein Leben lang auf Wan­der­schaft ist und Glücks­frag­men­te sam­melt, aber sie sind am Ende wie bun­te Mosa­ik­stei­ne, die nichts erge­ben, die sich zu kei­nem Mus­ter fügen, zu kei­ner Geschich­te, die einen Sinn ergibt. Und doch hat Hes­se so viel lie­ber über Gold­mund geschrie­ben als über die Sess­haf­ten und Schät­ze Bewah­ren­den, über die letzt­end­lich ja auch Pest und Tod hinwegraste. 

Wuss­te der ster­ben­de Gold­mund, dass er jede Men­ge Schön­heit berührt und gekos­tet hat­te? Aber wenn Gold­mund dank­bar starb – Simon weiß es nicht mehr – dann heißt das auch nur, dass Hes­se sei­nen Lieb­ling nicht ins Lee­re lau­fen las­sen woll­te. Der wun­der­schö­ne Gold­mund, der Suchen­de und Lieb­ha­ber, der alle gro­ßen Gefüh­le kann­te und tief­grün­dig war, wie ein Mensch es nur sein konnte. 

Wenn John so wäre wie Gold­mund, gäbe es kei­ne Schwie­rig­kei­ten. Simon wür­de Mer­le Gold­mund gön­nen und Gold­mund Mer­le, gar kein Problem. 

Aber John ist viel­leicht doch in ers­ter Linie ein Lebe­mann in Hip­pie­kos­tü­mie­rung, der stumpf und tough genug ist, sei­nem neben ihm sit­zen­den Tod auf die Schul­ter zu klop­fen und zu sagen: Es ist okay, nimm mich mit und, dan­ke Gott, es war wirk­li­che eine Rie­sen­par­ty, die du für mich geschmis­sen hast.

Und wie abge­klärt wird dage­gen Howard sein, wenn er aus der Sym­bio­se her­aus­ge­ris­sen wur­de? Und wird er dank­bar sein für all die Jah­re der Lie­be, wenn sie unwie­der­bring­lich vor­bei sind? Soll er Junes Geist lie­ben, den er sich selbst herbeiphantasiert? 

Simon!“ Das war Mer­les Stim­me, etwa von dort, wo die Hip­pies vor­hin ins Was­ser gehüpft sind. Dann rufen auch die ande­ren nach ihm.

Ich bin hier“, ruft Simon zurück, weil er nicht belei­digt oder neu­ro­tisch erschei­nen will. „Ich kom­me zu euch.“

Ich kom­me zu euch … hm … Mor­gen beginnt wie­der ein Kin­der­wo­chen­en­de ohne Kin­der, denn Coro­na ist ein Ver­bün­de­ter mei­ner Ex, und es sieht so aus, als wür­de jeder Mas­ken­trä­ger ihr recht geben … 

Es heißt ja in vie­len Büchern, Fil­men und Seri­en, dass man sehr auf der Hut sein soll­te, wenn Begrif­fe wie “Soli­da­ri­tät” und “Ver­ant­wor­tung” im Umlauf sind, aber eine glaub­haf­te Ver­schwö­rungs­theo­rie fin­de ich auch nicht.