Tag 4, Donnerstag, 14. Mai 2020

und wei­ter…

Ande­rer­seits hat Simon Fil­me von kämp­fen­den Zebras gese­hen, die ver­letz­te Tie­re aus der Her­de gegen Löwen verteidigen.

Wol­len wir zurück zu den ande­ren gehen?“ Megan küsst ihn auf den Mund und beginnt aufzustehen.

Ja, möch­test du? Okay.“ Simon ist schnel­ler auf den Bei­nen, hebt ihre Klei­der auf und gibt sie ihr. Eigent­lich hat er kei­ne Lust zu gehen. Und schon gar nicht will er jetzt Mer­le tref­fen mit ihrem blö­den John.

Wie ist das eigent­lich mit euch? Wollt ihr für immer Hip­pies blei­ben und her­um­zie­hen? Oder wollt ihr zusam­men für euch so etwas wie Eden fin­den und euch da nie­der­las­sen, wenn ihr zu alt für die­ses Leben seid?“

Du fragst dich: Wie lan­ge kann man ein rich­ti­ger Hip­pie sein, bevor das hip­pie­ge­rech­te Eigen­heim kom­men muss?“ Megan zupft ihr Kleid zurecht. „Jetzt gera­de ist mein Ver­trau­en ins Leben noch groß, und ich wür­de sagen, dass ich noch sehr lan­ge so her­um­zie­hen möch­te. Mit mei­nen Leu­ten, so wie du mit Mer­le zusam­men­blei­ben willst, wie ich vermute.“

Ja, das will ich wohl. Trotz allem.“ Er nimmt ihre Hand, sie gehen so zurück zum Fluss­ufer, und zu sei­ner Erleich­te­rung sind die Ande­ren gera­de im Auf­bruch, und von Mer­le und John ist nichts zu sehen.

Wir gehen zurück“, ruft Dawn ihnen zu. Die Hun­de stür­men her­an, sprin­gen ein­mal an Megan empor und ren­nen zurück zu Pete.

Bis gleich“, ruft Megan zurück, und alle win­ken und gehen weiter.

Simon zieht sich an und greift nach sei­nen Ziga­ret­ten. „Weißt du, es war ganz schön takt­voll von dir, dass du nicht zurück­ge­fragt hast, ob Mer­le und ich über­haupt ein rich­ti­ges Paar sind.“

Wie­so, wegen John?“ Megan winkt lachend ab. „Das macht doch nur so viel mit euch, wie du dar­aus machst.“

Ach ja? Klingt ja fast logisch und noch dazu ganz ein­fach. Es war aber Sex.“ Simon hat sei­ne Ziga­ret­te heiß geraucht und tritt sie in den Sand. „Aber noch­mal zu eurer Grup­pe. Magst du jeden von euch? Ich mei­ne, nicht als bro­thers and sis­ters, son­dern so wie er oder sie ist? Jeder für sich?“

Ja, jeden auf sei­ne Art: Auch John, wenn du das wis­sen woll­test. Viel­leicht sogar ganz beson­ders John.“ Sie lächelt.

Simon zieht kräf­tig an der nächs­ten Ziga­ret­te, aber das bewuss­te lan­ge Aus­at­men hilft über­haupt nicht gegen das Zie­hen in der Magen­ge­gend. Er macht einen Schritt auf Megan zu und stoppt, weil er nicht sicher ist, ob er bedroh­lich wirkt. Und das will er auf gar kei­nen Fall. Aller­dings kann er nicht ver­hin­dern, dass ein Knur­ren in sei­ner Stim­me liegt als aus ihm her­vor­bricht: „John ist kei­ner von euch. Jeder wür­de das sofort bemer­ken. Er ist nicht ein­mal ein Hip­pie, der mit euch träumt, son­dern ein beschis­se­nes Role­mo­del, ein selbst­ver­lieb­ter blö­der Macker, wie es ihn über­all auf der Welt in jeder Sze­ne gibt. Wenn ich mich fra­ge, war­um ein Typ wie der zu euch Hip­pies gesto­ßen ist, dann des­halb, weil er von einem Hip­pie, ganz anders als von einem Rap­per, nichts zu befürch­ten hat, wenn er des­sen Freun­din knallt.“

Aber du bist kein Hip­pie. Also wirst du dir das nicht gefal­len las­sen und ihm die Fres­se polie­ren, oder wie ihr das bei euch nennt?“ Mega­ns Stim­me hat einen lau­ern­den und besorg­ten Unter­ton, aber die Sanft­heit ist noch immer da. Ganz im Gegen­satz zu Simons Gebell, das noch immer pein­lich unan­ge­nehm nachklingt.

Natür­lich nicht“, sagt er so mil­de wie er kann, schaut zu Boden und denkt ein­mal mehr an Wieb­ke Harms, sei­ne ver­pass­te rot­haa­ri­ge Gelieb­te, und ihre The­se von der sexu­el­len Befrei­ung der Män­ner durch das Hippietum.

Viel­leicht, kommt ihm in den Sinn, sind Hip­pie­män­ner ja ein­fach nur fei­ger als die ande­ren hete­ro­nor­ma­ti­ven Män­ner aus der nor­ma­len Welt. Sie ficken sich durch alle Weib­chen des Rudels und dar­über hin­aus, und geben ein­an­der dann das Peace­zei­chen, um die eigent­lich vor­ge­se­he­nen Revier­kämp­fe nicht aus­tra­gen zu müssen.

Komm, gehen wir zurück“, sagt Megan und will ihn mit sich zie­hen. Simon lässt ihre Hand nicht los, rührt sich aber auch nicht vom Fleck, was einen optisch unauf­fäl­li­gen aber fes­ten Kara­te­stand erfordert.

Megan lässt los. „Du willst jetzt aber nicht Mer­le und John abfan­gen, oder? Er ist kein biss­chen so, wie du es dir ausmalst.“

Und ich bin kein Axt­mör­der. Ich will jetzt ein­fach nicht zurück zu den ande­ren. Und nicht weil ich sie nicht mag oder sowas. Wenn du dir Sor­gen machst, dass ich John im Fluss erträn­ke, dann bleib doch ein­fach. Ich bin jetzt gern mit dir zusam­men, aber ich will nicht zurück ans Feuer.“

Klingt okay für mich. Und zu dem, was du vor­hin gesagt hast, von wegen takt­voll. Ich fin­de übri­gens schon, dass ihr ein rich­ti­ges Paar seid, du und Mer­le. Sogar ein sehr schönes.“

Ja, fin­dest du? Schö­ner als du und ich. Oder als Mer­le und John? Oder ist jedes Lie­bes­paar schön?“

Ja, jedes ech­te Lie­bes­paar ist schön.“ Megan gibt ihm einen Klaps auf den Hin­tern, der ihn nach vorn Rich­tung Fluss tau­meln lässt, mit dem lin­ken Fuß ins Wasser.

Lie­be macht schön. Und ihr seid ein schö­nes Paar. Das ist etwas Beson­de­res. Aber nicht weil ihr so beson­ders seid, ver­stehst du? Ihr seid nicht das eine, alles über­strah­len­de Herr­schafts­paar. Oder, hey Sport­ler, willst du mit dei­ner Braut die Num­mer eins sein und alle Lie­bes­tur­nie­re gewinnen?“

Ich habe einen Nas­sen, denkt Simon. Er tritt mit dem lin­ken Fuß auf, und aus dem Schuh schmatzt es. Bestimmt hat­te er schon andert­halb Jahr­zehn­te lang kei­nen Nas­sen mehr, aber es ist ein ange­nehm ver­trau­tes Gefühl. Er öff­net die Arme ganz weit und legt sie so weit er kann um Megan. „Ich hof­fe schon mein gan­zes Leben lang, dass ich nicht so blöd bin.“

Sei ein­fach nicht blöd“, sagt Megan noch eine Spur wei­cher und wär­mer als sonst. „Und komm bald nach.“

Mei­ne Schwes­ter hat gesagt, dass ich dich wahr­schein­lich hier fin­den wür­de.“ Es ist Johns sof­te und dabei durch­drin­gend männ­li­che Stim­me in sei­nem Rücken. Simon hat ihn kom­men gehört, ist aber reg­los sit­zen­ge­blie­ben und hat wei­ter auf den Fluss und die Bäu­me dahin­ter gestarrt, deren Wip­fel in leich­ter Bewe­gung sind. Genau die Bäu­me, unter denen Mer­le frei­en Hip­pie­s­ex hatte.

Simon weiß selbst am bes­ten, dass die Ges­te unecht ist und er den stol­zen India­ner spielt und viel­leicht noch mehr den durch den wil­den Wes­ten strei­fen­den Shao­lin Cai­ne aus der Fern­seh­se­rie von frü­her, der immer alles rich­tig mach­te. Aller­dings war Cai­ne, so wei­se und fried­fer­tig er auch war, in jeder Fol­ge dazu gezwun­gen, sei­ne allen über­le­ge­nen Kampf­küns­te zu demonstrieren.

Simon hat drei has­ti­ge Ziga­ret­ten geraucht, nach­dem Megan gegan­gen war, dann sah er Mer­le und John am ande­ren Fluss­ufer. Wäh­rend sie durch den Fluss schwam­men, robb­te er rück­wärts hin­ter die ers­te Baum­rei­he zurück und dach­te wütend: Die­se Fle­cken kriegst du nicht mit Was­ser weg. Er sah zu, wie sie ein­an­der abrie­ben, mit­ein­an­der her­um­al­ber­ten, sich end­lich anzo­gen und schließ­lich Rich­tung Camp­ground gin­gen. Erst woll­te er hin­ter­her­schlei­chen, aber dann kehr­te er bloß zum Fluss zurück, um abzu­war­ten ob Mer­le kom­men würde.

Was tust du hier? War­um kommst du nicht zu uns?“ Jetzt ist da auch noch Johns Hand, die sich freund­schaft­lich auf sei­ne Schul­ter legt. Du traust dich ja was, denkt Simon. Ich könn­te die­se Hand neh­men und damit machen, was ich wollte.

Simon fährt in einer plötz­li­chen Bewe­gung empor.

Okay, Mann, das war schnell“, sagt John, der ein paar Schrit­te zurück­ge­wi­chen ist und sich um eine beschwich­ti­gen­de Hal­tung bemüht. Simon ist damit zufrie­den. Er lässt noch ein paar Sekun­den ver­ge­hen, dann sagt er so soft er kann: „Ich woll­te gera­de zu euch, aber jetzt setz du dich doch zu mir.“

Okay.“ John setzt sich und war­tet, ein biss­chen so wie ein Schü­ler ohne Haus­auf­ga­ben vor Unterrichtsbeginn.

Simon setzt sich ihm gegen­über. „Wer ist denn dei­ne Schwes­ter?“, fragt er und beugt sich etwas vor.

Mei­ne Schwes­ter Megan. Ich glau­be, in ganz bestimm­ter Wei­se kennst du sie bes­ser als ich. Auch wenn ich sie schon mein gan­zes Leben kenne.“

Dei­ne Schwes­ter Megan. Meinst du eine von dei­nen vie­len Schwes­tern, weil ihr doch alle Brü­der und Schwes­tern seid?“

Nein, Megan ist mei­ne gro­ße Schwes­ter. Mei­ne rich­ti­ge Schwes­ter, oder mei­ne leib­li­che Schwes­ter, um es ganz deut­lich zu machen. Und ganz sicher ist sie mei­ne über alles gelieb­te Schwes­ter, die alle Schlä­ge mei­nes Stief­va­ters auf sich genom­men hat, die eigent­lich für mich bestimmt waren.“

Oh, ver­ste­he.“ Simon lässt den Mund offen ste­hen, bis sich davor eine Bla­se bil­det, die „Plopp“ macht. Sei­ne Feind­se­lig­keit ver­liert sich, denn auf irgend­ei­ne Wei­se gleicht das die Sache aus. Zumin­dest, wenn man einer ganz bestimm­ten kru­den Män­ner­lo­gik folgt, die er zwar immer gehasst hat, aber die ganz offen­sicht­lich bestim­mend für ihn ist, trotz Curt Cobain, Alter­na­tiv Rock und Philosophiestudium.

Magst du mei­ne Schwes­ter?“ John fragt das völ­lig offen­her­zig, ohne jeden Unter­ton, höchs­tens, dass so etwas wie Ver­trau­en mit­schwingt. Über­haupt wirkt er kein biss­chen mehr so selbst­ver­liebt wie vor­hin am Lager­feu­er, als er all die Songs raus­hau­te, und viel­leicht war es es auch vor­hin nicht, und der in sei­ner Eitel­keit ver­letz­te Freund Mer­les hat alles häss­lich ver­zerrt wahr­ge­nom­men. Oder John ist jetzt ein­fach nur unsi­cher, ob die­ser Typ aus Deutsch­land, der stumpf und sto­isch am Fluss­ufer vor sich hin­brü­te­te, nicht doch noch um sich schlägt wie sei­ne anti­ken oder auch moder­ne­ren Vorfahren.

Ja, schon“, sagt Simon. „Doch irgend­wie schon ganz schön.“

Das kann kei­ner bes­ser ver­ste­hen als ich“, sagt John lächelnd.

Viel­leicht ist er auf eine ähn­li­che Wei­se erleich­tert wie Simon, oder die­ses archai­sche Erbe drückt ihn ein­fach weni­ger, oder er kennt die­ses Gift gar nicht, oder der Hip­piet­raum war stark genug für eine Art von Exorzismus.