Tag 3, Mittwoch, 13. Mai 2020

Und wei­ter…

Du kannst alles dar­in machen was du willst.“ Sie macht einen wei­te­ren Schritt Rich­tung Fluss, aber Simon ist gleich dar­auf bei ihr und nimmt ihre Hand. „Nein, ich will dich so, wie du jetzt bist“, sagt Simon. Megan schaut ihn fra­gend an, aber geschmei­chelt ist sie auch, das ist sicher. Sie lässt sich von Simon vom Was­ser weg­zie­hen. „Was meinst du mit: so wie ich jetzt bin?“

Simon holt gespielt tief Luft und sagt: „Ich kann dich nicht so rie­chen und schme­cken wie ich möch­te, wenn du erst im Was­ser warst.“

Oh“, sagt Megan.

Also, was sagst du? Macht es dir was aus?“

Nein, wenn du es unbe­dingt willst, wenn es wich­tig für dich ist, dann ist es schon okay.“ Sie nimmt ihre Klei­der, dreht her­um und stapft vor­an, zurück in den Wald, aus dem sie gekom­men sind. Simon folgt ihr.

Hier ist es gut“, hört er Mega­ns Stim­me aus dem Wald. Als Simon hin­ter die Bäu­me tritt, hat sie ihre Klei­der im Moos aus­ge­brei­tet und sich dar­auf nie­der­ge­las­sen.

Simon geht zu ihr, sie fasst mit bei­den Hän­den sei­ne Hüf­ten, zieht ihn zu sich her­an, und es hat etwas Zere­mo­ni­el­les, wie sie ihn mit ihren Lip­pen umschließt, bis er in ihrem Mund explo­diert. Simon wankt einen Schritt zurück. Er lächelt Megan freund­lich an. „Jetzt will ich das bei dir machen.“ Er legt sich hin und schaut in den Nacht­him­mel. Noch sind da Baum­kro­nen und Ster­ne, und es dau­ert, bis Megan sich auf­ge­rich­tet hat, aber schließ­lich steht sie da und ver­schluckt sogar das Mond­licht. Nicht, dass er es anders gewollt hät­te, aber jetzt gibt es nur noch Schwär­ze, die sich nass und schwe­lend auf ihn her­ab­senkt.

Zuletzt kann Simon eine gefühl­te Minu­te lang nicht atmen, und wie unter Was­ser hört er Mega­ns eben­so lang anhal­ten­des Auf­schrei­en, dann ver­schwin­det die Schwär­ze vor sei­nen Augen und Megan lässt sich neben ihm nie­der.

Das war schön“, sagt sie und strei­chelt sei­ne Brust, über die Flüs­sig­kei­ten in sei­ne Bauch­kuh­le lau­fen und dort eine Pfüt­ze bil­den.

Simon bemerkt erst jetzt, wie weich und zart ihre Stim­me ist. Ist das wirk­lich ihre Stim­me, oder ist es der Hip­piet­raum selbst, der die­sen Klang erzeugt? Oder muss man die­se Süße und Sanft­heit schon in sich haben, um für den Traum über­haupt emp­fäng­lich zu sein?

Ich fand es auch schön“, sagt Simon und wun­dert sich über die Weich­heit sei­ner eige­nen Stim­me. Sein Gesicht ist völ­lig von einem Film über­zo­gen, sein Haar ist ver­klebt, alles genau so wie er es sich in sei­nem Rache­durst aus­ge­malt hat­te, aber Megan hat recht, es war eher schön als geil und dre­ckig. Und der star­ke Geschmack in sei­nem Mund passt zum Mond und den Ster­nen über ihm, und in ein paar Stun­den wird er zur auf­ge­hen­den Son­ne pas­sen. Simon will Megan dich­ter an sich her­an­zie­hen, aber das geht nicht so leicht wie mit Mer­le, sie muss ihm dabei sozu­sa­gen assis­tie­ren.

Wie fühlst du dich jetzt?“, fragt sie.

Gut“, sagt Simon, und es stimmt sogar. „Und du?“

Sehr gut. Aber ich habe mich vor­hin am Feu­er schon gut gefühlt. Du warst wütend auf dei­ne Freun­din. Bist du immer noch wütend?“

Im Moment kein biss­chen mehr. Mor­gen viel­leicht schon. Aber so waren immer­hin wir zusam­men.“

Weil du wütend warst? Das wäre ein eher trau­ri­ger Grund für unser Zusam­men­sein, fin­dest du nicht?“

Irgend­wann hat Simon mal gele­sen, dass die Wahr­heit dem Men­schen zumut­bar ist. Er will ehr­lich sein zu Megan, aber nicht so ehr­lich, dass es ihr weh tut. Er legt sei­ne Hand auf ihre, die schwer auf sei­ner Brust liegt. „Ich fin­de schön, dass wir jetzt zusam­men sind, aber ich hät­te es nicht getan, wenn Mer­le nichts gemacht hät­te. Mit nie­man­dem.“

Ver­ste­he. Und willst du noch, dass Mer­le auf dich wütend ist?“

Ich glau­be, ich hät­te es lie­ber, wenn sie nicht wütend auf mich ist.“ Er weiß selbst nicht, ob das auch nur ein biss­chen stimmt. Er selbst fühlt kei­ne Wut, son­dern ist ganz gelas­sen und sogar ein klein wenig high, und das nicht nur weil sei­ne über­gro­ße Gelieb­te so vie­le Spu­ren auf ihm hin­ter­las­sen hat, wie er woll­te. Er kann nur hof­fen, dass Megan, die ihn ja durch­schaut, nicht auf die Idee kommt, dass ihre ver­meint­li­che Unat­trak­ti­vi­tät Teil sei­nes Rache­plans war, aber viel­leicht kommt sie ja als Hip­pie nicht auf so kru­de Ideen, und die­ser Teil­aspekt bleibt sein schmut­zi­ges klei­nes Geheim­nis.

Pete, Dawn und die Ande­ren sind noch immer am Fluss­ufer. Simon kann nicht genau hören, was sie reden, aber ihre Stim­men lie­gen warm und har­mo­nisch über­ein­an­der. Er wür­de gern mit Sicher­heit wis­sen, ob sie so ver­schwo­ren sind wie damals er und sei­ne teil­wei­se ent­schwun­de­nen Kind­heits­freun­de, oder eigent­lich wie unge­bun­de­ne Ato­me, die ein­fach nur in der glei­chen Rich­tung durch den Kos­mos trei­ben, weil ihre Stoß­rich­tung die­sel­be war. Und es kön­nen belie­big vie­le hin­zu­kom­men, ver­lo­ren gehen oder aus­ge­tauscht wer­den. Viel­leicht, denkt er mit Nietz­sche und den India­nern, sind sie so ego­is­tisch wie Her­den­tie­re, die zwar mit­ein­an­der zie­hen, aber eigent­lich hofft jedes Her­den­tier nur auf den Schutz der Her­de und küm­mert sich ansons­ten nicht um die ande­ren Tie­re. Es hofft bloß, dass das Tier neben ihm statt sei­ner geris­sen wird und es selbst flie­hen kann, weil die Raub­tie­re mit dem unglück­li­chen Art­ge­nos­sen beschäf­tigt sind, das ihm die­sen unfrei­wil­li­gen Dienst erwie­sen hat.