Tag 1, Montag, 11. Mai 2020

Lie­be Freun­de,

Da ich als zahn­schwit­zen­der Irrer gese­hen wer­den müss­te, wenn ich mich schrift­lich hin­sicht­lich mei­ner Gefüh­le zu Coro­na und den Maß­nah­men äußern wür­de, bin ich mal lie­ber nicht ganz so blö­de. Es ist alles blö­de, wie jeder weiß, und irgend­wann habe ich mich tat­säch­lich an eine von mir längst ver­ges­se­ne halb­fer­ti­ge Erzäh­lung erin­nert, über ein Lie­bes­paar, das auf einer Ame­ri­ka­rei­se zugrun­de geht, und die ein­fach mal wei­ter­ge­schrie­ben. Ich schrei­be gera­de an einem Kapi­tel, in dem das Paar auf eine Grup­pe jun­ger Neo-Hip­pies trifft.

So fängt es an …

Never trust a hip­pie but some parts of the hip­pie dream are true

Bis zum White Moun­tain Natio­nal Park sind es viel­leicht hun­dert Mei­len. Wir kön­nen da eine Nacht blei­ben, dann wei­ter nach Nor­den durch Mai­ne bis nach Kana­da hin­auf, wür­de ich sagen. Also, Neu-Frank­reich. Auch wenn uns da kei­ner ver­steht. Was meinst du?“ Mer­le hebt die Schul­tern und sieht aus dem Fens­ter, und Simon ver­sucht sich zu sagen, dass das eben ein Zei­chen ihrer behaup­te­ten Unkom­pli­ziert­heit ist und nicht etwa Des­in­ter­es­se an sei­nen lang­wei­li­gen Rei­se­plä­nen. Er sagt all das, was er letz­te Nacht über Howard und June gedacht hat. Mer­le fin­det schon, dass es eine Tra­gö­die ist, wenn Lie­ben­de ster­ben, auch wenn sie alt sind und ewig lan­ge zuvor glück­lich leb­ten. Aber sie fin­det außer­dem, dass es von allen Tra­gö­di­en die kleins­te ist.

Mei­ne ers­te Freun­din, wenn du so willst, Hes­ter, hat­te einen ziem­li­chen Hip­pie­touch und Dre­ad­locks. Wir waren in der zehn­ten Klas­se. Ich war fünf­zehn und sie schon sech­zehn, und wir kamen auf Klas­sen­fahrt zusam­men.“

Die, mit der du nur geknutscht hast, weil du dich nicht vor ihr aus­zie­hen woll­test, weil du zurück mit der Puber­tät warst?“ Mer­le grinst, und Simon grinst zurück. Hab ich dir schon erzählt, oder sieht man mir das immer noch an? Egal. Jeden­falls, ich war kein Hip­pie, son­dern ein Nor­ma­lo, und ich war mit fünf wei­te­ren Nor­ma­los auf einem Zim­mer. An jedem lang­wei­li­gen Abend nach Bett­ru­he beno­te­ten wir das Aus­se­hen aller Mäd­chen aus der Klas­se. Alle fan­den, dass Hes­ter eine glat­te sechs war und dass sie sich nicht wäscht und nach Schnod­der riecht.“

Und was hast du dazu gesagt?“

Nichts. Ich hab ihr ne vier gege­ben. Das war auf­fäl­lig genug.“

Ver­ste­he, du Feig­ling.“ Mer­le stößt Simon an. „Und wie sexy fin­dest du die Hip­pies da drü­ben? Glaubst du, die rie­chen nach Schnod­der?“

Ich fin­de die gut.“

Auf der Camp­si­te gegen­über ste­hen zwei bunt bemal­te Vans, aus denen vor­hin lau­ter jun­ge Hip­pies zusam­men­ström­ten. Jetzt sind aller­dings gera­de alle aus­ge­flo­gen.

Eigent­lich hat­ten Simon und Mer­le die White Moun­tains bloß durch­fah­ren wol­len, aber dann haben sie die Hip­pie-Vans gese­hen und sind ihnen aus Spaß gefolgt. Bis hier­her auf den Cold River Camp­ground, und jetzt sind sie Nach­barn.

Ich glau­be, dass alle Hip­pies aller Zei­ten so ziem­lich nach allem rie­chen, was mensch­li­che Kör­per so her­ge­ben“, sagt Simon, „aber auf eine irgend­wie gute Wei­se.“

Du meinst, es ist sexy, wenn spe­zi­ell Hip­pies nach all ihren Kör­per­flüs­sig­kei­ten rie­chen?“

Nicht expli­zit sexy“, wehrt Simon vor­sichts­hal­ber ab, „aber eben auch nicht schlimm.“

Wie­so, weil sie so tol­le und freie Men­schen sind? Also, ich hab schon mal mit Hip­pies in einer WG gewohnt und nie­mand hat je abge­wa­schen oder das Klo geputzt. Fin­dest du Hip­pies auch dann noch gut, wenn du wüss­test, dass ich lau­ter Kama­su­tra-Orgi­en mit ihnen hat­te?“

Simon stutzt. „Was kommt denn jetzt noch?“ Fragt er mit Ban­gen.

Nichts, war nur Quatsch. Erleich­tert?“

Etwas erleich­tert. Aber lie­ber du und tau­send Hip­pies als du und einer mei­ner Klas­sen­ka­me­ra­den aus der zehn­ten Klas­se.“

Fin­de ich auch“, sagt Mer­le.

Und zwar des­halb, weil Hip­pies im All­ge­mei­nen nicht dem düs­te­ren Traum von Erobe­rung nach­ja­gen. Es liegt am Hip­piet­raum. Sie sind so … da sind sie ja wie­der.“ Simon freut sich rich­tig, so wie als klei­ner Jun­ge im Kino, und der heiß ersehn­te Film beginnt.

Aus dem Wald ist Geläch­ter zu hören und hell klin­gen­de jun­ge Stim­men, und Sekun­den spä­ter kom­men die neu­en Nach­barn zwi­schen den Bäu­men her­vor und lau­fen zu ihren Vans. Alle sie­ben Jun­gen und die vier Mäd­chen.

Sie haben bestimmt alle mit­ein­an­der Sex, denkt Simon. Wenn Men­schen Wesen sind, die ent­we­der zu aggres­si­ven Schim­pan­sen oder Bono­bos ten­die­ren, dann ist klar, woher das Hip­pie-Gen kommt.

Seit die ers­ten Hip­pies vor einem hal­ben Jahr­hun­dert auf die­sem Pla­ne­ten auf­schlu­gen, sind sie nie ganz wie­der ver­schwun­den. Und viel­leicht blei­ben sie ja für immer, ganz gleich, wohin sich der gan­ze gro­ße Rest der Welt dreht. Denn es ist etwas am Traum der Hip­pies – eine Sehn­sucht, oder Wahr­heit, oder Schön­heit – das ein­fach nicht ster­ben will und wie ein Bazil­lus des Guten immer wie­der neue Wir­te fin­det.

Und?“, fragt Mer­le. „Sol­len wir jetzt gleich zu ihnen rüber­ge­hen?“

Unbe­dingt.“

Von den jun­gen Hip­pies aus den Vans ist John der bes­te Sän­ger und Gitar­rist, und als das Feu­er rich­tig auf­lo­dert und schon Glut abge­wor­fen hat, spielt und singt nur noch er. Nir­va­na, die Lemon­heads, Shins und Songs aus der Zeit der ers­ten Hip­pies.

Er kann jeden Song, den Mer­le hören will. Und Mer­le ist fas­zi­niert und um so vie­les begeis­ter­ter als bei Simons Vor­le­sen am Seba­go Lake.

Etwas von PJ Har­vey wäre jetzt gut“, sagt Mer­le und John wirft den Kopf etwas zurück, und sein Haar – es ist so lang und dun­kel wie Mer­les Haar – bewegt sich gut­aus­se­hend mit. John nickt und sagt mit sono­rer Stim­me: „Lass mich mal über­le­gen.“

Er muss nur kurz über­le­gen, um dann so gefühl­voll wie gekonnt eine ziem­lich mas­ku­li­ne Ver­si­on von „I can hard­ly wait“ zu brin­gen.

Mer­le war­tet den Applaus der Grup­pe ab, an dem Simon sich ver­hal­ten betei­ligt, um nicht blöd auf­zu­fal­len, und als er ver­ebbt, sagt sie nur: „Wow!“

Simon nickt dem Hip­pie neben ihm, der ihm die Hand auf die Schul­ter gelegt hat, lächelnd zu.

John macht Pau­se. Er möch­te kali­for­ni­schen Rot­wein und einen Joint, von zar­ten Frau­en­hän­den gedreht. Simon hat so sei­ne Beden­ken, aber er lächelt wei­ter. Aus­ge­rech­net John. So wie John Tra­vol­ta, John Way­ne, John Ram­bo oder – was viel­leicht am aller­schlimms­ten ist – Long John Sil­ver. Wie kann ein John ein Hip­pie sein?

Simon denkt ein­mal mehr an Wieb­ke, das rot­haa­ri­ge Mäd­chen von sei­ner Schu­le, das er als Gelieb­te ver­passt hat. Was hat­te sie, die grund­sätz­lich die rich­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on für jedes Phä­no­men der Wirk­lich­keit hat­te, im ent­spre­chen­den Ton­fall gesagt? Sie sag­te: Die Hip­pie­be­we­gung hat die Män­ner sexu­ell befreit, nicht die Frau­en.

Simon sieht Mer­le an, die sei­nem Blick aus­zu­wei­chen ver­sucht. Viel­leicht, weil sie frei sein möch­te von ihm.

Hier, für dich“, sagt das wahr­schein­lich jüngs­te Mäd­chen, das sich als Dawn vor­ge­stellt hat, und gibt den schnell und dabei kunst­voll gebau­ten Joint an Mer­le.

Mer­le zieht genuss­voll und gibt ihn wei­ter an natür­lich John, der zufrie­den in den Ster­nen­him­mel schaut. Natür­lich fällt es Simon schwer, den Joint nicht als phal­li­sches Sym­bol zu deu­ten. Er lehnt als Ein­zi­ger ab, bleibt bei sei­nem Wein und schaut in die Run­de.

Alle ande­ren jun­gen Typen hier sind wei­cher als John. Mehr so wie man sich Hip­pies wünscht und weni­ger wie hedo­nis­ti­sche Sur­fer an den Küs­ten Kali­for­ni­ens oder Hawai­is. Zum Bei­spiel Pete – Poor Pete – wie er sich nann­te. Und dann lach­te er wie ein klei­ner Strolch aus Schwarz­weiß­fil­men von frü­her. Er ist der bes­te Freund der zwei Misch­lings­hun­de, die immer um ihn her­um­strei­chen, und jetzt lie­gen sie zusam­men­ge­rollt auf sei­nen Füßen. Ein so net­ter Typ. Mer­le könn­te mit ihm fast tun, was sie woll­te, Simon wäre fast gar nicht böse, aber ihn hat Mer­le nicht ange­se­hen. Oder eben nur freund­lich ange­se­hen. So wie sie die Mäd­chen hier ange­se­hen hat oder deren Freun­de.

Und kei­nes der Mäd­chen hat Simon ange­se­hen, außer der schwe­ren Hip­pie-Lady mit dem mas­si­ven Kör­per­ge­ruch neben ihm, die ihr Bein gegen sei­nes presst.

Wenn Mer­le das sieht, denkt Simon, wird sie was John angeht kei­ne Hem­mun­gen mehr ken­nen. Aber er zieht sein Bein nicht zurück.

Megan heißt die schwe­re Hip­pie-Dame, und ihr Gesicht ist tat­säch­lich wie ein Pfann­ku­chen, aber auch irgend­wie süß, wenn man so will.

Simon ist sich zwar nicht sicher ob er wirk­lich will, aber er ist trot­zig ent­schlos­sen. Er lächelt ihr zu und sie strahlt zurück. Simon spürt den Druck ihres – man kann es gar nicht anders sagen – Flei­sches und presst nun aktiv sein Bein gegen ihr viel dicke­res Bein, das nach­gibt und sich halb um sei­nes legt.

Jetzt sieht Mer­le zu ihm hin und lächelt. Hohn und Spott lie­gen nicht dar­in, auch nichts Gön­ner­haf­tes, son­dern eine Freund­lich­keit, die sie ihm sel­ten schenkt. So wie man einem pla­to­ni­schen Freund zulä­chelt, auf den man sich stets ver­las­sen kann. Oder ist es ein dank­ba­res Lächeln, das so viel heißt wie: Lieb von dir, dass du das auf dich nimmst, damit ich die Par­ty mei­nes Lebens haben kann?

Es gibt vie­le wei­te­re Oder, aber was es auch ist, Simon kann nichts davon gefal­len. Er wirft Mer­le einen Blick zu. Er weiß nicht, wie er gucken soll und wie sein Blick ihm gerät. Viel­leicht fla­ckert dar­in ein biss­chen Zorn und noch ein biss­chen mehr Unsi­cher­heit, aber ganz sicher liegt dar­in kei­ne Über­zeu­gungs- und so über­haupt kei­ne Anzie­hungs­kraft.

Mor­gen mehr …