Tag 5, Freitag, 8. Mai 2020

Heu­te ist mein letz­ter Ein­trag hier. Mei­ne Blog-Zeit ist um. Also die, für die ich ange­fragt wur­de und wo die Ein­trä­ge vom Lite­ra­tur­kon­tor ver­öf­fent­licht wer­den. Aber irgend­wie habe ich mich dar­an gewöhnt. Viel­leicht soll­te ich ein­fach wei­ter­ma­chen. Sozu­sa­gen vir­tu­ell. Ein Blog ohne Web ist ja wohl vir­tu­ell. Vir­tu­ell in einer vir­tu­el­len Welt – so ähn­lich wie minus mal minus plus ergibt. Ist zwar am Ende dann auch ganz banal nur ein Text auf einem Blatt Papier – aber vir­tu­el­ler Blog, das klingt doch voll vorn.

Außer­dem … wenn ich mir vor­stel­le, ich wür­de ein Buch schrei­ben, greift gleich wie­der mein hoher Anspruch auf Inhalt und Spra­che und Form und … und schon geht der schö­ne Fluss flö­ten.

… und mein Ansatz mit der Mini­mal Lite­ra­tu­re hat mich nicht so über­zeugt.

… und da es an Auf­trä­gen man­gelt, muss ich mir sel­ber Auf­trä­ge gene­rie­ren.

Also blog­ge ich ein­fach wei­ter. Ich könn­te mir auch einen Stift neh­men und auf einen Block schrei­ben – aber dann wäre ich ja ein Blo­cker, und das klingt über­haupt nicht nach Schreib­fluss.

Und außer­dem nach voll hin­ten.

Aller­dings:

Noch mehr Avant­gar­de wäre es, ein­fach zu schwei­gen. Die Daten­men­ge, die unse­ren Pla­ne­ten über­schwemmt, nicht wei­ter mit Film­chen und Bild­chen und Text­chen zu füt­tern. Jetzt, wo wirk­lich alle ins Netz drän­gen und um jeden Klick kämp­fen, ein­fach ver­stum­men.

Ver­schwin­den.

Schwei­gen als Kunst.

Eigent­lich ein sinn­vol­les Kon­zept, nur lei­der nicht markt­kon­form. Dafür kriegt man weder Geld noch Auf­merk­sam­keit noch Applaus (okay, der wäre dafür eh zu laut). Viel­leicht könn­te ich einen För­der­an­trag stel­len? Wobei das auch nicht zum Kon­zept passt. Für Schwei­gen als Kunst – dafür muss man kei­nen Antrag stel­len.

Hm .…

Viel­leicht soll­te ich zu mei­nen Wur­zeln zurück­keh­ren? So Rich­tung Stra­ßen­mu­sik? Jetzt, wo der Lock­down sich lang­sam wie­der lockert und die Auto­lob­by schon voll am durch­star­ten ist, dort gegen­steu­ern? Bevor ratz­fatz aus der Fuß­gän­ger­zo­ne eine Auto­bahn gewor­den ist. Der SUV ist ja der idea­le Abstand­hal­ter.

Was mich mit am meis­ten reizt am Thea­ter, an der Musik, an Lesun­gen und dem gan­zen in der Regel unter „Kunst“ sub­su­mier­ten Kram, den ich so mache, ist doch vor allem die Begeg­nung und der Moment, das Feu­er und die Ver­letz­lich­keit des Augen­blicks, den ich nicht nach­träg­lich am Schnei­de­tisch bear­bei­ten kann? Also wenn ich ehr­lich bin: Abge­film­tes Thea­ter erin­nert mich immer an Lei­chen­schau­haus.

Wie­so also nicht, statt alle Kunst ins Netz zu ver­la­gern, nach Nischen in der rea­len Welt suchen. Wie­so nicht Bal­kon-Thea­ter? Fens­ter-Lesun­gen? Bau­ge­rüst-Musik? Ter­ras­sen-Tanz? … und Gedich­te pla­ka­tie­ren, Expo­na­te expo­nie­ren? Geht alles, habe ich teil­wei­se schon gemacht – nicht aus der Not her­aus, son­dern aus Lust am Expe­ri­ment – aber dar­auf lie­ße sich jetzt auf­bau­en.

Der Bal­kon vom Goe­the-Thea­ter wäre zum Bei­spiel wie gemacht dafür. Davor kön­nen sich genug Leu­te mit dem nöti­gen Min­dest­ab­stand ver­tei­len, Hygie­ne­re­geln etc. lie­ßen sich rela­tiv ein­fach ein­hal­ten. Also, wie wär’s, Herr Bör­ger­ding? Am bes­ten wie das fah­ren­de Volk zu Moliè­res Zei­ten: Statt Laut­spre­cher auf­stel­len sich ein­fach selbst hin­stel­len, als laut Spre­cher. Wenn Sie oder Ihr Ensem­ble nicht wol­len … ich stell mich gern dahin. Und lese mei­nen nächs­ten Blog vor. Oder Block. Oder was auch immer …

Was (voll) hin­ten und (voll) vorn ist, ist sowie­so nur eine Fra­ge der Per­spek­ti­ve.