Tag 4, Donnerstag, 7. Mai 2020

10 Din­ge gegen die Langeweile:

  1. Nicht mehr „10 din­ge gegen die lan­ge­wei­le“ goo­geln. Statt­des­sen gucken, …
  2. … wie es z.B. in den Unter­künf­ten für Geflüch­te­te hier um die Ecke aus­sieht. Da ist es nicht so leicht, die Abstands­re­geln ein­zu­hal­ten. Da kann man sich rich­tig krea­tiv Gedan­ken machen. Oder tol­le Rechen­auf­ga­ben fürs Home­schoo­ling erstel­len: Wie groß muss ein Zim­mer sein, damit 6 Bewoh­ner jeder­zeit einen Min­dest­ab­stand von 1,5 Metern ein­hal­ten kön­nen? Okay, wenn x‑hundert Geflüch­te­te in einem Haus leben, ist das ja eine Haus­ge­mein­schaft, qua­si ein gro­ße Fami­lie. Die dür­fen dau­er­ku­scheln. Aber die müss­ten dann auch zusam­men spa­zie­ren bzw. demons­trie­ren dür­fen, ohne dafür belangt zu wer­den. Da weiß die Bre­mer Behör­de anschei­nend selbst nicht so genau, was sie will …
  3. … wie es sich in den völ­lig über­füll­ten Lagern z.B. auf Les­bos leben lässt. Oder ster­ben lässt. Seit­dem sich die deut­sche Poli­tik nach einem kur­zen „Wir schaf­fen das!“ einen ein­ge­bil­de­ten Band­schei­ben­scha­den geholt hat und sich die Rich­tung von einer (zuge­ge­be­ner­ma­ßen nicht uner­heb­li­chen) frem­den­feind­li­chen Min­der­heit vor­ge­ben lässt, traut sie sich nur noch, kleins­te Päck­chen zu schnü­ren — man könn­te sich ja ver­he­ben. 47 unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge! Puh, ganz schön hea­vy!! Kann ein Land mit über 83.000.000 Ein­woh­nern das schaf­fen?!? Von dem Kraft­akt muss man sich jetzt erst mal erholen.
  4. … wie es gera­de um die See­not­ret­tung im Mit­tel­meer steht. Muss man natür­lich nicht. Man kann es auch mit dem Innen­mi­nis­te­ri­um hal­ten, das am 6.4. an die deut­schen See­not­ret­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen schrieb: „Ange­sichts der aktu­el­len schwie­ri­gen Lage appel­lie­ren wir des­halb an Sie, der­zeit kei­ne Fahr­ten auf­zu­neh­men und bereits in See gegan­ge­ne Schif­fe zurück­zu­ru­fen.“ Weg­gu­cken ist immer eine gute Lösung. Was ich nicht seh, tut mir nicht weh. Und wer ertrinkt, kann kein Coro­na-Virus an Land schmug­geln – da ist das Weg­gu­cken rich­tig konstruktiv.
  5. … wie die Coro­na-Pan­de­mie in den Län­dern des glo­ba­len Südens wirkt, wo der nächs­te Arzt bzw. das nächs­te Kran­ken­haus weit weg oder unbe­zahl­bar ist. Wo die Staa­ten über kei­ne Mit­tel ver­fü­gen, die dro­hen­de Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit auf­zu­fan­gen, und ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung eh schon von der Hand in den Mund lebt … und eine Aus­gangs­sper­re des­we­gen genau­so töd­lich sein kann wie kei­ne. Stra­ßen­ver­käu­fer im Home-Office – klingt viel­leicht lus­tig, ist es aber nicht: „In Ruan­da, Ugan­da und Kenia star­ben mehr Men­schen durch Poli­zei­ge­walt im Rah­men der Aus­gangs­sper­re als durch das Virus. Doch jetzt kommt die Pha­se, in wel­cher vie­le nicht an Covid-19, son­dern an Hun­ger und Man­gel­er­schei­nun­gen zugrun­de­ge­hen“ (taz, 30.4.2020)
  6. Sich fra­gen, was zu tun ist.

Okay, die Zustän­de in den über­füll­ten Lagern auf Les­bos waren schon vor Coro­na unhalt­bar, die flüch­ten­den Men­schen an den Gren­zen Euro­pas sind auch ohne Virus ertrun­ken. Die Welt war bereits vor­her für vie­le kein Para­dies. Aber wo gera­de ger­ne von Soli­da­ri­tät, Ver­ant­wor­tung, Zusam­men­halt etc. gere­det wird, könn­te man das zur Abwechs­lung ernst neh­men und nicht am erst­bes­ten Gar­ten­zaun enden lassen.

Ein Bei­spiel:

Einer­seits tei­le ich den Zwei­fel mit eini­gen Leu­ten, ob ich für bestimm­te Coro­na-Hilfs­pro­gram­me wirk­lich bedürf­tig genug bin. Ob ich ande­ren nicht viel­leicht etwas weg­neh­me, die es drin­gen­der brau­chen. Noch geht’s. Ande­rer­seits spü­re ich die Unsi­cher­heit. Die Kri­se kann dau­ern. Für kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen sieht’s gera­de bis ins nächs­te Jahr düs­ter aus.

Oder noch länger …

Aber damit fal­len auch die Soli-Kon­zer­te oder –Lesun­gen weg, die ich sonst mache. Die mir wich­ti­ger sind als vie­les, was ande­re für unver­zicht­bar hal­ten. Wo steht geschrie­ben, dass die Prio­ri­tä­ten der ande­ren auch mei­ne sein müs­sen? Gön­ne ich mir also wei­ter die­sen Luxus / Ablass­han­del / die­se Ges­te / Selbst­ver­ständ­lich­keit und begrei­fe mich als Umver­tei­lungs­stel­le, als Kor­rek­tiv einer Poli­tik der Aus­gren­zung — und bean­tra­ge trotz­dem, was ich darf.

Ich weiß ja, dass es Leu­te gibt, die es drin­gen­der brauchen.

Und wo ich sie finde …

Mor­gen dre­he ich mich dann wie­der brav um mich selbst. Aber immer­hin als links­dre­hen­des Fruchtjoghurtbakterium.