Schreibprojekt ›Nähe‹: ›Acht Rosenlängen Abstand‹

Foto: Jens Laloire
Foto: Jens Laloire

Nähe trotz Coro­na? Die Autorin Bet­ty Kolod­zy hat Bre­me­rin­nen und Bre­mer gebe­ten, ihr Brie­fe zu schi­cken

Bre­men. Die Nähe kommt in leuch­ten­dem Tür­kis. Andert­halb Din-A4-Sei­ten hat Albrecht Clauß geschrie­ben, blau­grü­ne Tin­te, gro­ße, gleich­mä­ßi­ge Schrift, eine von der Sor­te, um die man Schul­freun­de benei­det hat. Clauß erzählt davon, wie er den Abstand erlebt, das vie­le Allein­sein, die ver­ord­ne­te Distanz. Wie sie ihn sei­nes liebs­ten Hob­bys beraub­te: des gemein­sa­men Tan­zens. Jetzt, schreibt Clauß, tan­ze er nicht mehr mit ande­ren, son­dern „solo im Wohn­zim­mer“. Weni­ger schön sei das, aber viel­leicht auch „eine neue Mög­lich­keit, die ande­ren aus einer gewis­sen Ent­fer­nung wahr­zu­neh­men, die Bezie­hungs­qua­li­tät even­tu­ell neu zu defi­nie­ren“. Dahin­ter ver­merkt er in Klam­mern: „Viel­leicht über­deckt die übli­che Umar­mung auch eini­ges.“

Emp­fän­ge­rin die­ser per­sön­li­chen Zei­len ist die Bre­mer Schrift­stel­le­rin Bet­ty Kolod­zy. Eine Frau, die Clauß nicht kennt, zumin­dest nicht per­sön­lich. Einen Monat ist es her, dass Kolod­zy dazu ein­lud, ihr Brie­fe zu schrei­ben – um ein­an­der „trotz 1,5 Meter Sicher­heits­ab­stand und Besuchs­ver­bot nahe zu sein“. Um die 40 Bre­me­rin­nen und Bre­mer kamen dem nach, jede ein­zel­ne ihrer Zusen­dun­gen hat Kolod­zy gele­sen, jede ein­zel­ne mehr­fach, „um alles auf­zu­sau­gen, das Papier, die Schrift, die Spra­che, die Wor­te“. Brie­fe zu schrei­ben, sagt Kolod­zy, brau­che Zeit; genau­so brau­che es Zeit, sie zu lesen. Zu wür­di­gen? Auch das, sagt sie. „Vie­le Men­schen haben sich nicht nur Zeit genom­men, sie haben sehr Pri­va­tes mit mir geteilt, mir zum Bei­spiel von ihrer Ein­sam­keit erzählt.“ Etwas, das sie sehr gerührt habe, manch­mal auf­ge­wühlt, manch­mal meh­re­re Tage beglei­tet.

Das Schrei­ben von Chris­ti­ne Netsch zum Bei­spiel, getippt in vie­len Absät­zen. Ein Brief­ge­dicht. „Ja, ich kom­me auch zur Ruhe in mei­nem Haus“, schreibt sie. „Auch schön, wenn kei­ner was von mir will. Nur ich!“ Aber da sei­en auch die ande­ren Momen­te, die, in denen sie die Berüh­run­gen ande­rer ver­mis­se, vor allem aber ihr Enkel­kind: „die klei­nen Arme, die sich mir um den Hals legen, die ver­schmier­te Schnu­te, die sich mei­nem Gesicht nähert, das Lau­te, die Unord­nung (…), die kind­li­che Freu­de über die Nackt­schne­cke, gemein­sam ihrer Schleim­spur fol­gen.“ Was ist der Mensch ohne die Nähe derer, die er liebt? Die­se Fra­ge lässt Netsch offen – und endet mit zwei Wor­ten, die das beklem­men­de Gefühl beschrei­ben, das sie der­zeit tag­täg­lich beglei­tet: „schmerz­haf­te Enge“.

Wor­te, die sie so ergrif­fen hät­ten, dass sie wei­nen muss­te, sagt Kolod­zy. „Wir ken­nen ein­an­der nicht, aber die­se Gedan­ken sind natür­lich auch mir nicht fremd, die habe auch ich gera­de oft.“ Sie selbst ver­misst ihre 80-jäh­ri­ge Mut­ter, die in Mün­chen lebt, mit der sie momen­tan nur tele­fo­nie­ren kann, weil Besu­che zu gefähr­lich wären. Auch von die­sen eige­nen Sor­gen erzählt Kolod­zy in ihren Ant­wort­brie­fen – „um das Ver­trau­en zurück­zu­ge­ben, das mir ent­ge­gen­ge­bracht wird“.

Erschrie­be­ne Nähe, die gibt es also? Ja, sagt Kolod­zy. Sie sei erstaunt, wie ver­bun­den sie sich die­sen eigent­lich ja so frem­den Men­schen füh­le, Men­schen, die sie nie gese­hen, nie gehört, nur gele­sen habe. Ist es also die Spra­che, die ver­bin­det? „Auch, vor allem aber das For­mat, der Brief“, sagt sie. „Man weiß ja: Die­ses Blatt Papier lag vor jemand ande­rem auf dem Tisch, die­ser jemand hat sich Gedan­ken gemacht, etwas aus sei­nem Inne­ren nach außen getra­gen – und das liegt nun hier vor mir.“

Unter­schied­lichs­te Tex­te haben ihren Weg zu Kolod­zy gefun­den, auf mit Sti­ckern oder Zeich­nun­gen ver­se­he­nem Brief­pa­pier, auf schlich­ten Bögen, auf Post­kar­ten. Eli­sa­beth Herr­mann etwa hat Goe­thes “Erl­kö­nig” in eine Coro­na-Bal­la­de ver­wan­delt, in der nicht das Kind, son­dern das Virus “einen grau­si­gen Tod” stirbt. Irm­gard Majer beschreibt in Vers­form, wie anders sich ihre Spa­zier­gän­ge anfüh­len: „Lächeln im Park / frü­her oft mit Unbe­kann­ten getauscht im Vor­über­ge­hen, hei­ter. Heu­te / mit stei­gen­den Coro­na-Infi­zier­ten­zah­len / vie­le Bli­cke, die sich abwen­den schon vor der Pflicht­di­stanz / als ob Bli­cke anste­cken­der wären als Atem.“ Ange­li­ka Bruns indes schickt eine All­tags­be­ob­ach­tung in fünf Zei­len, ein Minia­tur­ge­dicht: “Allein / im Blu­men­meer / der net­te Ver­käu­fer / hält acht Rosen­län­gen weit / Abstand.”

Sie sei begeis­tert davon, wie krea­tiv die Bre­me­rin­nen und Bre­mer sei­en, sagt Kolod­zy, wie sie, teils schrei­ber­probt, teils Lai­en, Wor­te fän­den für das, was der­zeit vie­le Men­schen sprach­los mache. Jeden ein­zel­nen Brief hat sie beant­wor­tet oder beant­wor­tet ihn noch, zwei Stück pro Tag, mehr nicht. “Ich möch­te jeder Absen­de­rin, jedem Absen­der mei­ne vol­le Auf­merk­sam­keit wid­men”, sagt Kolod­zy, “das geht nur mit genü­gend Zeit”.

Und jetzt? Neue Brie­fe kom­men nun nicht mehr an; das Pro­jekt, das Kolod­zy gemein­sam mit dem Lite­ra­tur­kon­tor initi­iert hat­te, ende­te am 25. April. “Ein Teil der Zusen­dun­gen soll ab Ende des Monats auf der Web­site des Lite­ra­tur­kon­tors geteilt wer­den, damit mög­lichst vie­le Men­schen lesen kön­nen, was ich lesen durf­te”, sagt Kolod­zy. “Natür­lich nur von denen, die einer Ver­öf­fent­li­chung zuge­stimmt haben.” Auch eine Lesung sei denk­bar, sagt Lite­ra­tur­kon­tor-Geschäfts­füh­rer Jens Laloire, irgend­wann, nach Coro­na, viel­leicht sogar ein Buch. Bis dahin will Kolod­zy die letz­ten Brie­fe beant­wor­ten, die letz­ten Wor­te nach­hal­len las­sen. Und, wenn mög­lich, ein biss­chen von der Nähe dabe­hal­ten, die zu ihr kam, per Post, aus Bre­men und umzu.


Er erschien im Weser-Kurier, am 2. Mai 2020
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Ein wei­te­rer Arti­kel zum Pro­jekt ist im deutsch-tsche­chi­schen Online-Maga­zin ›jádu‹ erschie­nen, ver­fasst wur­de er von Janika Rehak.
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