Tag 5, Freitag, 1. Mai 2020

Heu­te ist Fei­er­tag. Seit fast zwan­zig Jah­ren arbei­te ich im Home­of­fice und Fei­er­ta­ge sind wich­tig. Sie sind nicht dazu da, die Sachen nach­zu­ho­len, die man an ande­ren Tagen nicht geschafft hat! Ja, ich weiß: Außer man hat nichts geschafft und viel zu tun und das Wochen­en­de (oder der Fei­er­tag) fühl­ten sich schon vor­her an wie eine beson­ders geeig­ne­te Zeit, in der man viel mehr tun könn­te. Hah! Wenn es vor­her nicht geklappt hat, ändert auch die Tat­sa­che, dass die Geschäf­te geschlos­sen sind, wenig, vor allem jetzt. Im Gegen­teil, es wird sich unge­recht anfüh­len, an einem Tag zu arbei­ten, der nor­ma­ler­wei­se frei wäre.

Heu­te ist also Zeit für etwas ande­res.

(Aber ein Tipp zum Home­of­fice für die, die allein zu Hau­se sind: Licht­we­cker kau­fen, auf fünf stel­len. Und To-Do-Lis­ten in Spal­ten auf­bau­en, sodass auch Haus­halt und all­ge­mei­ner Orga-Kram Platz fin­det. Es ist außer­dem leich­ter, um elf einen Timer auf eine Stun­de zu stel­len, in die­ser Zeit das Bad zu put­zen, einen Kaf­fee zu trin­ken und zu tele­fo­nie­ren und anschlie­ßend wei­ter­zu­ar­bei­ten, als demo­ti­viert auf den Rech­ner zu star­ren. Das men­ta­le Äqui­va­lent zu Blei­stift­an­spit­zen hat ja kei­nen Sinn, wenn es nie­mand sieht.)

Die BÜCHER-Redak­ti­on, zu der ich gehö­re, hat in den letz­ten zwei Wochen alles nach­ge­holt, was vor­her lie­gen geblie­ben ist, ges­tern war das nächs­te Heft pünkt­lich fer­tig. Natür­lich waren die Bedin­gun­gen erschwert. Es gibt bei uns im Team eine Mut­ter von drei­jäh­ri­gen Zwil­lin­gen und zwei wei­te­re Müt­ter mit Kin­dern unter fünf. Wir sind übri­gens alles Frau­en, und bei den meis­ten ging der Groß­teil der Fami­li­en­ar­beits­ka­pa­zi­tä­ten für die Jobs der Män­ner drauf.

Bei unse­rem ers­ten Zoom-Mee­ting vor etwa vier Wochen stell­ten wir oben­drein depri­miert fest, dass wir, lei­den­schaft­li­che Lese­rin­nen, Schwie­rig­kei­ten hat­ten, uns auf Bücher zu kon­zen­trie­ren, selbst wenn Zeit da war. Ein ech­ter Schock! Wir waren irri­tiert, es zeig­te, wie viel aus dem Gleich­ge­wicht gera­ten war. Inzwi­schen haben wir lesen müs­sen. Ich kann sagen, dass es hilf­reich ist. Es dau­ert zwar län­ger, sich auf ein Buch ein­zu­las­sen, aber der Gewinn ist auch grö­ßer. Für eine Zeit ist man wie­der woan­ders, bei ande­ren Men­schen mit Coro­na-frei­en Schick­sa­len, das Hirn wird mit ande­ren The­men sti­mu­liert.

Ich war hoch­er­freut, als die Buch­hand­lun­gen wie­der öff­ne­ten, obwohl ich befürch­te, dass vie­le Men­schen gera­de das Gefühl haben, wäh­rend der Lek­tü­re eines Buches etwas Wich­ti­ges zu ver­pas­sen, wir sind ja in Alarm­be­reit­schaft. Aber das ist nur der inne­re Zustand, der äuße­re ver­ord­net Ruhe und Distanz. Viel­leicht ist es auch die­se Dis­kre­panz, die unse­re Syn­ap­sen so sehr stra­pa­ziert, ein Buch kann also Abhil­fe schaf­fen, zumin­dest gegen das Zap­peln. Und des­halb hier ein paar Buch­tipps zum Fei­er­tag – Roma­ne, die mich und mei­ne Kol­le­gin­nen in den letz­ten Wochen wie­der ins Lot gebracht haben, indem sie uns emo­tio­nal und intel­lek­tu­ell berühr­ten:

Für mich war eine beson­de­re Ent­de­ckung die Bio­gra­phie von Nata­lia Ginz­burg, ich brauch­te nur weni­ge Sät­ze zu lesen und ich war bei San­dra Petri­gna­ni, die als jun­ge Frau Nata­lia Ginz­burg in ihrer Woh­nung besuch­te. Petri­gna­ni ist selbst erfolg­rei­che Schrift­stel­le­rin und erzählt aus ihrer Per­spek­ti­ve, wie sie Stück für Stück mehr über Nata­li­as Leben erfährt, beschreibt Gesprä­che oder Brie­fe, Begeg­nun­gen mit Freun­den der Autorin und Ver­le­ge­rin. Als ich das las, spür­te ich die Lie­be zur Lite­ra­tur der bei­de Frau­en, die ihr ihr gan­zes Leben wid­me­ten, und wuss­te wie­der, war­um ich tue, was ich tue.

Mei­ne Kol­le­gin Tina, Lieb­ha­be­rin der Bücher von Siri Hust­ve­dt, nann­te als eines ihrer Lieb­lings­bü­cher des Früh­lings „Je tie­fer die Was­ser“ von Kat­ya Ape­ki­na, in dem es um Schwes­tern geht, die zu dem ent­frem­de­ten Vater, einem Schrift­stel­ler, nach New York kom­men, nach­dem die Mut­ter „etwas Dum­mes“ getan hat. Kunst, die Metro­po­le, das selt­sa­me Fami­li­en­kon­strukt, der Roman hat vie­le span­nen­de Aspek­te.

Gefes­selt hat sie auch die Lek­tü­re der Aben­teu­er­ge­schich­te von Chris­to­pher Kloeb­le über einen hoch­be­gab­ten indi­schen Wai­sen­jun­gen, der 1854 zwei deut­sche Brü­der bei ihren Rei­sen bis zum Hima­la­ya beglei­te­te – mit dem Wunsch, spä­ter ein Muse­um sei­nes rie­si­gen Lan­des zu grün­den „Das Muse­um der Welt“.

Da ich das Res­sort Kri­mi betreue, freue ich mich immer wie­der über Kri­mi­nal­ro­ma­ne, die so viel mehr sind, als nur eine span­nen­de Geschich­te. „Mira­cle Creek“ von Angie Kim ent­wi­ckelt vom ers­ten Augen­blick an einen Sog, der dann aber weni­ger in eine getrie­be­ne Kri­mi­nal­ge­schich­te führt als in eine intel­li­gen­te und scho­nungs­lo­se Gesell­schafts­ana­ly­se, in deren Zen­trum eine Fami­lie korea­ni­scher Ein­wan­de­rer und eine Grup­pe Müt­ter von Kin­dern mit Behin­de­run­gen ste­hen. Trotz­dem gibt es ein Ver­bre­chen, aber von wem, das klärt sich erst wäh­rend eines Pro­zes­ses, der aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven geschil­dert wird.

Auch mei­ne Kol­le­gin Katha­ri­na, die das Hör­buch betreut, kann ver­ste­hen, war­um wir und das Kind, uns so auf den drit­ten Teil von „Kan­na­wo­ni­wa­sein!“ freu­en. Das Buch scheint unter Eltern bereits Krei­se zu zie­hen. In den Geschich­ten über die Freun­de Finn und Jola aus der „Tzit­ti“ geht es im bes­ten Sin­ne aben­teu­er­lich zu, und Jolas „Ber­li­ner Schnau­ze“ wird von Ste­fan Kamin­ski geni­al gele­sen. Lei­der dau­ert es noch bis Juni zum drit­ten Teil, aber den ers­ten und zwei­ten Band gibt es ja schon, läuft hier rauf und run­ter.

Ich könn­te die Lis­te noch fort­set­zen, aber ich möch­te die Län­ge die­ses Blogs nicht wei­ter über­stra­pa­zie­ren. Vor allem möch­te ich zei­gen, dass das Rei­sen nicht ganz vor­bei ist: zwi­schen zwei Buch­de­ckeln fand ich, wie immer, eine gan­ze Welt. Und wie gesagt: Heu­te ist Fei­er­tag, bau­en Sie ein Wich­tel­haus und brin­gen sie es in den Park, gute Lau­ne bei ande­ren hebt auch die eige­ne. Wir sind ein Wald und tan­zen den Coro­na-Wal­zer.

Blei­ben Sie gesund!

PS: Hier die Über­sicht zu den erwähn­ten Büchern:

San­dra Petri­gna­ni: Die Frei­beu­te­rin, Randomhouse/btb

Kat­ya Ape­ki­na: Je tie­fer die Was­ser, Suhr­kamp Ver­lag

Chris­to­pher Kloeb­le: Das Muse­um der Welt, dtv

Angie Kim: Mira­cle Creek, han­ser­blau

Mar­tin Muser: Kan­na­wo­ni­wa­sein! Gele­sen von Ste­fan Kamin­ski, Sil­ber­fisch

 

Die Nächs­te Aus­ga­be des BÜCHER­ma­ga­zins erscheint am 20.05. im fal­ke­me­dia Ver­lag.