Tag 4, Donnerstag, 30. April 2020

Heu­te woll­te ich über die Angst schrei­ben, aber dann bekam ich Angst, dass ich jam­me­re. Das gefällt mir im Moment nicht beson­ders: Ich habe sehr gro­ße, immer wie­der auf­flam­men­de Angst, reflex­ar­tig wer­de ich von Freun­den beru­higt. Nie­mand möch­te, dass das, was ich emp­fin­de, näher an der Rea­li­tät lie­gen könn­te als ein ver­meint­li­ches Sicher­heits­ge­fühl. Aber wer weiß das schon so genau? Auf jeden Fall ist es unan­ge­nehm – mir und mei­nem Gegen­über –, dass ich stän­dig als Cas­san­dra her­u­mun­ke, aber ich kann nicht so recht aus mei­ner Haut. Ich hat­te das vor Coro­na schon, wir sind enge Ver­trau­te, die Angst und ich.

Neu­lich hielt ein jun­ger Mann vor unse­rer Vor­gar­ten­tür, wir hat­ten da die­se Ver­schen­ke­kis­te ste­hen, und er such­te sich etwas für sei­ne noch recht klei­nen Kin­der raus, wäh­rend ich eine Blu­me ein­topf­te.

Fünf und drei Jah­re?“, sag­te ich. „Wie kommt ihr klar?“

Tja, gereizt“, ant­wor­te er. Er hat­te dunk­le Schat­ten um die Augen. Er sag­te, dass er nicht ver­ste­he, was das alles sol­le, Schwe­den, und alles gar nicht so schlimm.

Ich sag­te, ich kön­ne das alles sehr gut ver­ste­hen, sei fast froh dar­um, dass die Regeln mei­nen Ängs­ten so ent­sprä­chen, dann müss­te ich mich nicht als ner­vö­ses Ner­ven­bün­del outen. Ich mein­te, dass das bestimmt durch mei­ne Erkran­kung käme, dass ich wis­se, wie es sich anfühlt, vom eige­nen Kör­per ver­ra­ten zu wer­den (Ich habe kei­ne Haa­re).

Er guck­te ein wenig mit­lei­dig. Rand­grup­pe. Klar. Dann sag­te ich, dass Lebens­er­fah­run­gen unse­re Ängs­te prä­gen und dass die Poli­ti­ker (Alters­durch­schnitt fünf­zig) sicher über­wie­gend schon Erfah­run­gen mit Krank­heit und Tod im nähe­ren Umfeld gemacht hät­ten. Er sei doch wahr­schein­lich gera­de mal drei­ßig, oder?

Unser Gespräch wur­de unter­bro­chen, er war sicher sehr froh dar­über. In mei­nem Kopf lief es noch wei­ter. Ich woll­te ihm erklä­ren, dass ich damit mein­te, die Poli­ti­ker sei­en nicht objek­tiv, genau wie ich. Anhand der Zah­len ist es objek­tiv nicht zu erwar­ten, dass sowohl mein Mann als auch ich ster­ben wer­den, und trotz­dem habe ich dazu in vie­len Näch­ten Alp-Wachträu­me.

Mor­gens um Vier ist die Stun­de des Wol­fes.

Am Anfang der Pan­de­mie, als „Tria­ge“ zur Rea­li­tät in den Nach­bar­län­dern wur­de, scherz­te ich, ich wür­de mir mit Edding: „Das ist kein Krebs, sieht nur so aus“, auf die Glat­ze schrei­ben. Es war nur ein hal­ber Scherz, denn das Gefühl, als Mensch in gesund, alt, jung, schön, gebil­det oder unge­bil­det kate­go­ri­siert zu wer­den, ist ein sehr bedroh­li­ches Sze­na­rio, das aller­dings auch unter­schwel­lig in sozia­ler Inter­ak­ti­on mit­läuft.

Ich habe es, und das ist natür­lich sub­jek­tiv, schon häu­fi­ger so emp­fun­den, dass ich ohne Perü­cke gleich­zei­tig als arm wahr­ge­nom­men wur­de. Eine selt­sa­me Kau­sa­li­tät, die etwas damit zu tun haben könn­te, dass mir auch manch­mal im Job anschei­nend weni­ger zuge­traut wur­de. Oder als Klein­gärt­ne­rin (wobei unser Gar­ten für sich spricht, wir kön­nen das tat­säch­lich nicht so beson­ders gut). Und natür­lich ist es eine unbot­mä­ßi­ge Unter­stel­lung, dass im Kran­ken­haus nicht die tat­säch­li­che Ursa­che einer solch ver­wir­ren­den Erkran­kung erfasst und ver­stan­den wer­den könn­te. Ich kann also froh sein, nur kahl und nicht acht­zig plus zu sein, aber in dem Fal­le wür­de ich womög­lich über eine Botox-Behand­lung nach­den­ken und ver­su­chen, mir fal­sche Papie­re zu beschaf­fen, wenn die Zah­len bedroh­lich stie­gen.

Mein Mann ist hier der Prag­ma­ti­ker. Er sagt, es gin­ge sowie­so nicht um die Men­schen oder den Schutz von Rand­grup­pen, son­dern dar­um, dass wir nicht in der Lage sei­en, die Wir­kung einer Expo­nen­ti­al­funk­ti­on zu erfas­sen. Wenn man die dann ver­steht, wäre es bereits zu spät, dann wäre nicht nur das Gesund­heits­sys­tem am Ende, son­dern die Wirt­schaft gleich mit, weil in Deutsch­land rund 11 Mil­lio­nen Men­schen gleich­zei­tig mit Fie­ber im Bett lägen.

Ich schaue mir die „Übersterb­lich­keit“ an und den­ke, bald wis­sen wir mehr, und dann habe ich hof­fent­lich nicht mehr so viel Angst. Oder noch mehr, wer weiß das schon. Aber es tut mir leid, dass ich den jun­gen Mann so abge­kan­zelt habe, er hat das Recht, kei­ne Angst zu haben. Ich benei­de ihn dar­um und wer­de nicht über per­sön­li­che Wahr­hei­ten strei­ten. Zum Glück gibt es Regeln von Men­schen, die so viel Angst haben wie ich.