Tag 3, Mittwoch, 29. April 2020

Der Coro­no-Fami­li­en­k­nast lässt uns rotie­ren. Manch­mal wird der Ton rau, vor allem, wenn Zet­tel weg sind und schlech­te Lau­ne auf­kommt, weil Gerä­te oder Mate­ria­li­en nicht ver­füg­bar schei­nen. Dann bricht für einen Moment alles zusam­men, die müh­sam zusam­men­ge­fal­te­te Stim­me will sich blä­hen, aus­bre­chen aus dem freund­lich, hilfs­be­rei­ten Ton-Kor­sett. Aber was kann das Kind dafür, dass es in sei­nem Alter dazu genö­tigt wird, sich an Tagen wie die­sem – lin­ker Fuß vorm Bett, grau­er Him­mel – allei­ne zu meh­re­ren Stun­den Heim­ar­beit zu moti­vie­ren?

Ich durch­fors­te mein Hirn nach den Din­gen, die uns der­zeit Struk­tur geben und die Lau­ne heben.

1) Aus­mis­ten: Wahr­schein­lich hät­ten wir ohne die erzwun­ge­ne Zeit nie­mals das Kin­der­zim­mer so effi­zi­ent in ein Jugend­zim­mer ver­wan­delt. Müll­sä­cke voll mit Aus­mal­bil­dern, Plas­tik­fi­gür­chen, zer­bro­che­nen Flum­mis und Kram, der Kin­dern in unse­rer Kon­sum­ge­sell­schaft fast auf­ge­nö­tigt wird, von der Plas­tik­kat­ze als Floh­markt­ge­schenk (Bit­te Kind, sag ein­fach Nein!) bis zum jähr­li­chen Auf­kle­ber-Sam­mel­fi­gu­ren-Album-Wahn­sinn in der Weih­nachts­zeit. Fünf Mal füll­ten wir die Kis­te vor der Haus­tür mit Spiel­zeug, Büchern, Mur­meln und Klein­kram, ver­schick­ten Pake­te, mot­te­ten das Play­mo­bil für die Zeit ein, in der es wie­der Floh­märk­te gibt, stell­ten die Möbel um und Sachen im Inter­net ein.

2) Bewe­gung in den vier Wän­den: Von dem Geld hat sich das Kind eine Turn­mat­te gekauft. Air­track, wie ich lern­te. Die Koh­le­fa­sern in der Luft­kam­mer machen so ein inter­es­san­tes Geräusch: Whu­um, Whu­um, manch­mal knallt sie auch auf den Boden, wenn eine Ecke sich durch den Schwung hebt, Wapp. Das hat also, wie vie­les gera­de, zwei Sei­ten, aber Hand­stand, Rad­schlag und ‑wen­de, das läuft. Den gan­zen Tag, über den Tag ver­teilt. Wir fin­den das gut, obwohl es im Wohn­zim­mer statt­fin­det. Vor Coro­na wären wir durch­ge­dreht, aber jetzt ist das irgend­wie in Ord­nung. Die Akro­ba­tik­grup­pe des Bre­mer Zir­kus­vier­tels probt wäh­rend der Zoom-Stun­den gera­de Sofa-Kunst­stü­cke, um sie zu einer Online-Zir­kus­show zusam­men­zu­schnei­den. Das Kind pro­biert, was sich von der Turn­mat­te aufs Sofa über­tra­gen lässt. (Ruhig blei­ben!)

3) Wich­tel: In Ham­burg hat jemand an einem Baum­stamm ein Wich­tel­haus gebaut, klei­ne Tür, Tisch­chen, Namens­schild. Sehr nied­lich und weil die Idee so ein­leuch­tend ist, (Spiel­plät­ze gesperrt), ist der Schan­zen­park jetzt mit Wich­teln bevöl­kert, die man zwar nicht sieht, aber ihre Häus­chen. Also: Wich­tel­haus für Bür­ger­park bau­en! Wir waren beun­ru­higt, dass die Lau­ne sin­ken könn­te, wenn es jemand abräumt, schließ­lich ist es ein öffent­li­cher Park. Aber nach drei Tagen tauch­ten statt­des­sen ein Mari­en­kä­fer, ein win­zi­ger Kür­bis und ein Bild in dem Ensem­ble auf, die Gegen­stän­de wur­den ver­rückt. Das Kind ist ent­zückt. Ich träu­me von einem Bür­ger­park vol­ler Wich­tel­häus­chen, wäh­rend und nach Coro­na.

4) Kis­ten in den Stra­ßen: Wir gehen spa­zie­ren, das tun wir sonst eher im Wald, aber hier fin­den wir Din­ge. Mein Mann ver­folgt seit Jah­ren das Prin­zip erra­ti­scher Bil­dung. Wenn er von einem The­ma eines Buches kei­ne Ahnung hat, sieht er es als Zei­chen und nimmt es mit: Zoo­lo­gie der wir­bel­lo­sen Tie­re, Bio­nik, Kunst aus Alt­vor­der­asi­en und Ägyp­ten. Er hat mich über die Kno­ten­schrift der Inkas infor­miert, so pro­fi­tie­ren wir alle. Im Moment ist die Zeit gut für Hori­zont­er­wei­te­rung, über­all in unse­rer Gegend ste­hen Bücher­kis­ten. Neu­lich hat er „Por­trät zeich­nen“ auf­ge­sam­melt, das Buch aus den Acht­zi­gern ist nicht so streng natu­ra­lis­tisch, da wird auch gek­ri­ckelt, das Kind schloss sich an. Mein Mann sagt, und ich bin froh drum, dass er das nicht tut, wenn er hier in der Gegend Sozio­lo­gie, Phi­lo­so­phie und poli­ti­sches Sach­buch mit­neh­men wür­de, müss­ten wir anbau­en.

5) Brett­spie­le: Wir spie­len auch sonst Brett­spie­le. Seit eini­gen Tagen wird mit einer wei­te­ren Fami­lie über Brettspiel.de und Boardgamearena.com gespielt. Par­al­lel läuft ein Video, damit man sich über die Ton­spur unter­hal­ten kann. Aber es wur­den auch schon Com­pu­ter auf Bücher­sta­peln schräg gestellt, im Auge der Kame­ra das Spiel­brett eines Spiels, das bei­de Fami­li­en besit­zen. Ging auch irgend­wie.

Das alles auf­zu­schrei­ben, was unser Leben der­zeit berei­chert, hat jetzt tat­säch­lich etwas genutzt, ich läch­le und bin gerührt. Wir Men­schen sind so unglaub­lich gut, krea­ti­ve Lösun­gen für Pro­ble­me zu ent­wi­ckeln, wir müs­sen uns nur dar­an erin­nern. Und inzwi­schen sind auch die Haus­auf­ga­ben erle­digt.