Tag 2, Dienstag, 28. April 2020

Ges­tern schrieb ich, der Kri­mi, an dem ich arbei­te, käme mir im Moment so banal vor. Das hat mich den Rest des Tages beschäf­tigt, denn das The­ma ist ganz und gar nicht banal: Es geht um Ver­ge­wal­ti­gung. Mir kommt es eher banal vor, die Rea­li­tät in einen span­nen­den, unter­halt­sa­men Plot zu gie­ßen, wenn die Rea­li­tät so wenig unter­halt­sam ist. Dabei war das, sie­he unten, schon vor Coro­na ein Pro­blem, doch plötz­lich sit­ze ich oben­drein an einem his­to­ri­schen Roman. His­to­risch, weil die Zeit sich der­art geän­dert hat, dass alles fern und ver­gan­gen erscheint. Der Roman beginnt im Tau­mel einer Som­mer­nacht, Men­schen sind in den Parks und Stra­ßen unter­wegs, Zwei­sam­keit, Gemein­sam­keit, Geläch­ter. Es gibt Restau­rant­be­su­che, Par­tys. Und sexu­el­le Über­grif­fe, auch eine schwe­re Ver­ge­wal­ti­gung, bei der das Opfer miss­han­delt wird.

Zum Schrei­ben gehört für mich als Kri­mi­au­torin Recher­che. Und was die­se zuta­ge för­der­te, erschreck­te mich (vor allem als Mut­ter einer Toch­ter, die irgend­wann flüg­ge wer­den wird): Bre­men hat­te in der Poli­zei­li­chen Kri­mi­nal­sta­tis­tik 2018 die höchs­te Anzei­gen­ra­te im Bezug auf schwe­re Ver­ge­wal­ti­gung, sexu­el­le Nöti­gung oder Über­grif­fe (einschl. mit Todes­fol­ge) nach §177,178 StGB im gan­zen Bun­des­ge­biet.

Glau­ben Sie nicht? Ich hof­fe auch immer noch, irgend­ein kru­der Rechen­feh­ler ist am Werk. Aber ich hat­te mehr­fach nach­ge­rech­net: In Bre­men wur­den 2018 149 Anzei­gen wegen der oben genann­ten Ver­ge­hen auf­ge­nom­men, es gab 683.000 Ein­woh­ner, das macht einen Pro­zent­satz von 0,02182.
In Ham­burg waren es bei 211 Anzei­gen bei 1.841.000 Ein­woh­nern = 0,01146 %, also etwa halb so vie­le Anzei­gen auf Ein­woh­ner gerech­net.

Ja, jetzt kommt das Argu­ment mit den Stadt­staa­ten.

Ohne Bre­mer­ha­ven, also nur Bre­men Stadt (127 Anzei­gen auf 569.000 Ein­woh­ner) sind es immer noch 0,02232 Pro­zent.
Ber­lin: 768 Anzei­gen auf 3.645.000 Ein­woh­ner = 0,0210 Pro­zent. Köln, 238 Anzei­gen, aber bei 1.085.664 Ein­woh­ner knapp hin­ter Bre­men: 0,02192 Pro­zent. Und so geht das immer wei­ter.

Ich habe den Pro­zent­satz für alle Bun­des­län­der und ver­gleich­ba­re Städ­te aus­ge­rech­net, wur­de rich­tig manisch. Nicht allen Kri­mi­au­toren ist die Rea­li­tät wich­tig, sie stört manch­mal sogar. Die Zah­len haben mich auch ein­ge­schüch­tert, mei­ne Geschich­te gebremst. Wie kann ich dem gerecht wer­den? Was hat das zu bedeu­ten, wo kommt es her? Ist 2018 nur ein zufäl­li­ger Aus­rei­ßer?

Die Kri­mi­nal­sta­tis­tik 2019 ist seit kur­zem online. Und ja, es sind nur win­zi­ge Abwei­chun­gen, zwei­te oder drit­te Nach­kom­ma­stel­le. Aber wenn ich davon aus­ge­he, dass die Hälf­te der Bre­mer Frau­en sind (ohne Kin­der raus­zu­rech­nen), zeigt etwa eine von 4500 Frau­en eine schwe­re Ver­ge­wal­ti­gung an, in Ham­burg nur eine von 9000. Zeigt an, wohl­ge­merkt. Man könn­te über­le­gen, ob Bre­me­rin­nen offen­si­ver sind, wenn es um Anzei­gen­er­stat­tung geht. Eben­so das soge­nann­te Dun­kel­feld. Die­ses wird nach einer Stu­die, erwähnt im BKA Vik­ti­mi­sie­rungs­ser­vey 2017, bei Sexu­al­de­lik­ten übri­gens auf min­des­ten sie­ben Mal höher geschätzt Das ist die Krux bei Sta­tis­ti­ken. Die­se Zah­len haben mich trau­rig gemacht. Pisa-Schluss­licht und Ver­ge­wal­ti­gungs­spit­ze? Unklar auch, war­um in den neu­en Bun­des­län­dern deut­lich weni­ger Ver­ge­wal­ti­gun­gen ange­zeigt wer­den. Auch hier haben sich Zwei­fel gemel­det.

Was bedeu­tet das nun fürs „Schrei­ben“ und vor allem „zu Zei­ten von Coro­na“?

Das The­ma ist nicht banal! Ganz im Gegen­teil, die meis­ten Sexu­al­straf­ta­ten fin­den im nahen Bekann­ten­kreis, Fami­li­en­um­feld oder in Part­ner­schaf­ten statt. Und ich befürch­te, die Anzei­gen wer­den zurück­ge­hen, weil alles, das mensch­li­che Inter­ak­ti­on betrifft, im Moment schwie­rig ist. Eine Spu­ren­si­che­rung am Kör­per ist ein sehr inti­mer Akt.

Der Park erscheint mir plötz­lich siche­rer. Obwohl mir der Gedan­ke naiv vor­kommt, ein Ver­ge­wal­ti­ger hät­te mehr Angst vor Coro­na als vor der Poli­zei.

Das Buch war­tet dar­auf, dass ich wei­ter­schrei­be, der Kri­sen­mo­dus muss sich nur erst wie­der ver­la­gern.

(Quel­len: PKS Jahr­buch 2018 S. V10, Vik­ti­mi­sie­rungs­ser­vey BKA 2017, Ein­woh­ner­zah­len Statista.de)