Tag 1, Montag, 27. April 2020

Schrei­ben zu Zei­ten von Coro­na

Ich weiß, was ich NICHT schrei­be. Ich arbei­te nicht an mei­nem Roman, nicht an mei­nem Kri­mi­plot. Der Kri­mi erscheint mir gera­de zu banal und der Roman ist zwar fast fer­tig, aber da ist die­se Atmo­sphä­re: Auf­bruch, Früh­ling, Jugend. Die­ses Erwa­chen der Prot­ago­nis­tin ist schön und ver­hei­ßungs­voll, aber ich höre früh­mor­gens mei­nen Mann im Bad hus­ten. Das tut er immer, er ist ein rich­ti­ger Schnau­fer, All­er­gi­ker, das hält mich auch sonst wach, aber im Moment klopft mein Herz dann schnel­ler. Kurz vor Son­nen­auf­gang ist die Stun­de der Angst und ich den­ke dar­über nach, wer sich um unser Kind küm­mert, wenn wir bei­de ins Kran­ken­haus müss­ten. Mei­ne sieb­zig­jäh­ri­ge Mut­ter?!

Stream of Con­scious­ness heißt es, wenn man den Stift aufs Papier setzt und ein­fach drauf los schreibt. Ich nut­ze das gele­gent­lich, um men­ta­len Bal­last abzu­wer­fen, um krea­tiv arbei­ten zu kön­nen, doch im Moment ist alles nur Stream of Coro­na. Neu­lich erzähl­te mir eine Kol­le­gin von ihrem Roman-Jour­nal, dort hält sie fest, wor­an sie beim nächs­ten Mal, wenn sie Zeit hat (zwei Kin­der, ein Brot­job im Home­of­fice) im Manu­skript arbei­ten möch­te, weil sie sonst völ­lig den Faden ver­liert. Die ers­te Asso­zia­ti­on, die dar­auf­hin in mei­nem neu­en Jour­nal lan­de­te, war, dass ich ger­ne mit Peter Wohl­le­ben spre­chen wür­de. Er soll mir erklä­ren, wie das ist mit dem gestress­ten Wald, der angeb­lich sogar den Stress­pe­gel eines Men­schen beein­flus­sen kann. Wenn mich sogar ein Wald stres­sen könn­te, dann ist es ja kein Wun­der, dass ich ver­krampft aus einem Super­markt kom­me und heu­len möch­te. Wir eiern mitt­ler­wei­le so um ein­an­der her­um, das Gan­ze erin­nert mich zuneh­mend an einen erzwun­ge­nen Tanz. Wel­chen Sound­track mag der „Coro­na-Step“ haben? Irgend­was Com­pu­ter-Gene­rier­tes, Ambi­ent viel­leicht. Da war etwas Selt­sa­mes an den Ambi­ent-Par­tys, Anfang der Neun­zi­ger, man konn­te sprin­gen, Arme und Bei­ne in alle Rich­tun­gen wer­fen und nie traf oder trat man jeman­den. Kon­takt­ar­me Musik. Also Ambi­ent. Nicht die Ode an die …

Ver­schla­fe­nes Kind: „Darf ich Fern­seh gucken?“

Was? Nein!“

War­um nicht?“ Mau­lig.

Es ist neun Uhr. Du musst früh­stü­cken, bei its­lear­ning schau­en, ob da neue Auf­ga­ben sind. Der Com­pu­ter …“

Ich mach das auf dei­nem Han­dy!“

…“

Nicht mehr ganz so ver­schla­fe­nes Kind: „Was!? Wir sol­len jetzt mit der Mai-Auf­ga­be fürs Baum­ta­ge­buch begin­nen?, ich hab doch noch nicht mal…!“

Ich bezweif­le, dass Ambi­ent der Sound­track ist, eher Neue Musik, irgend­was mit Rück­kopp­lung.

(Vier­zig Minu­ten spä­ter tele­fo­niert das Kind mit einer Klas­sen­ka­me­ra­din. Auf ihren Haus­auf­ga­ben-Zoom haben sie kei­ne Lust mehr, das hat alle gestresst, auch wenn es gut war, zu sehen, dass sie alle vor den glei­chen Pro­ble­men sit­zen: ein Berg, der nicht klei­ner wird, Auf­ga­ben kom­men dazu, kei­ner weiß mehr genau, was wann fer­tig wer­den soll.)

Allei­ne ist doof. Zusam­men vor dem Bild­schirm aber auch.

Wir sind alle dünn­häu­tig im Moment. Ich taue Safran­we­cken auf.

Stream of Coro­na, wo war ich?

Eine Bekann­te erzähl­te, sie käme im Moment so wenig dazu, an ihrem Buch zu arbei­ten, dass sie sich ein Roman-Jour­nal ange­legt hat … Eine Erfah­rung seit Coro­na: Ich mache vie­le Din­ge zwei Mal, wegen der Unter­bre­chun­gen. Über Ambi­ent hat­te damals ein Freund gesagt, die­se Musik sei wie ein Klei­der­schrank, man hän­ge sich ein­fach rein. Jetzt hän­gen wir im Coro­na-Schrank und wenn mein Mann hus­tet, zieht sich die Schlin­ge um den Hals enger.

Ich habe noch wei­ter recher­chiert, über die Ver­bin­dung von Bäu­men unter­ein­an­der. Mykorr­hi­za hie­ße das Netz aus Fein­bo­den­pil­zen, das die Bäu­me im Wald mit­ein­an­der ver­bin­det. Der Pilz ist abhän­gig von den Bäu­men, die Kom­mu­ni­ka­ti­on erfolgt über einen Aus­tausch von Nähr­stof­fen. „Wood-Wide-Web“ nann­te der Wis­sen­schaft­ler in der GEO das. Wenn sogar die Bäu­me so ver­bun­den sind, und mein Herz schnel­ler schlägt, wenn mein Mann hus­tet, was sagt das dann über den Sound­track aus, dem wir uns täg­lich aus­set­zen?

Viel­leicht müs­sen wir den ändern. In Wal­zer, oder so. Irgend­was mit Anfas­sen, zumin­dest men­tal, etwas Geschmei­di­ges, das ver­bin­det, obwohl alle so fern sind.