Tag 5, Freitag, 24. April 2020

Ruhe

Ich weiß noch, dass es mich immer ein wenig gewun­dert hat, in Fil­men oder Lite­ra­tur über Krieg zu beob­ach­ten, dass trotz aller schreck­li­chen Din­ge, die pas­sier­ten, der All­tag irgend­wie wei­ter­ging. Kin­der wur­den gebo­ren, Men­schen ver­lieb­ten sich, Kuchen wur­den geba­cken.

In jenen ers­ten ver­wir­ren­den, über­wäl­ti­gen­den Tagen des Lock­downs, die so gar nichts mit All­tag zu tun hat­ten, fast undenk­bar. Da fiel in einem ame­ri­ka­ni­schen Maga­zin ein Satz, der mir seit­dem immer wie­der durch den Kopf geht:

The fee­ling you are fee­ling now is grief.“

Wir hat­ten nicht nur unse­re momen­ta­ne Frei­heit, Tref­fen mit Freun­den und Fami­lie und even­tu­ell unse­ren Job ver­lo­ren, son­dern vor allem ein Sicher­heits­ge­fühl, mit dem die meis­ten von uns auf­ge­wach­sen sind. Wir muss­ten plötz­lich erfah­ren, dass die Welt, wie wir sie kann­ten, von jetzt auf gleich eine ganz ande­re wer­den konn­te, oder noch schlim­mer – eine Welt, von der wir noch immer nicht wis­sen, wie sie in einem Monat oder einem Jahr aus­se­hen wird. Da war Trau­er doch ein sehr ange­brach­tes Gefühl.

Durch unse­re glo­ba­li­sier­te Ver­netzt­heit konn­ten wir also plötz­lich beob­ach­ten, wie Mil­li­ar­den von Men­schen auf der gan­zen Erde geschlos­sen wie nie die berühm­ten 5 Pha­sen durch­lie­fen:

Ange­fan­gen beim Leug­nen – „Alles nicht so schlimm“, „Nur ´ne Grip­pe“, „Kann uns nicht gefähr­lich wer­den“ – ging es nach den ers­ten Ein­schrän­kun­gen und der Erkennt­nis, dass uns das sehr wohl doch pas­sie­ren kann, schnell in Zorn über. Von „Wie kann man uns nur so maß­re­geln!“ bis hin zu einem exem­pla­ri­schen Die­ter Nuhr, der wet­tert, dass er gefäl­ligst auf­tre­ten will.

Dann folg­te das Ver­han­deln, zu dem durch­aus auch Ver­schwö­rungs­theo­rien gehö­ren, die im Grun­de nur ein ver­zwei­fel­ter Ver­such sind, dem Gan­zen einen Sinn zu geben. Aber auch das kon­stan­te Auf­zäh­len der vie­len guten Sei­ten, die Bil­der von einer sich erho­len­den Natur und dem Zusam­men­halt der Men­schen ver­fol­gen eigent­lich das glei­che Ziel.

Die vor­letz­te Stu­fe ist die Trau­er sel­ber, bis hin zur Depres­si­on, das lang­sa­me Abschied­neh­men von der Welt, die wir kann­ten.

Wir haben vie­le Din­ge, die wir lieb­ge­won­nen haben, zumin­dest vor­über­ge­hend ver­lo­ren. Eine melan­cho­li­sche Schwe­re drückt mitt­ler­wei­le auf die pani­sche Auf­re­gung der ers­ten Wochen, und zu wis­sen, dass sie da auch noch eine Wei­le lie­gen blei­ben wird, drückt auf unse­re Schul­tern.

Aber wenn die ers­te Schock­star­re vor­bei ist, wenn die Pha­sen der Trau­er durch­lau­fen sind, egal ob es sich um einen Krieg, eine Tren­nung, den Ver­lust eines gelieb­ten Men­schen oder eine welt­wei­te Pan­de­mie han­delt, wenn Leug­nen, Zorn, Ver­han­deln und Depres­si­on über­wun­den sind, dann tritt die Akzep­tanz ein, die uns letzt­end­lich wie­der hand­lungs­fä­hig macht.

Es hat nur weni­ge Wochen gedau­ert und wir wech­seln auto­ma­tisch die Stra­ßen­sei­te, kön­nen uns eine Welt ohne Zoom kaum noch vor­stel­len, wun­dern uns, wenn wir einen Laden direkt betre­ten kön­nen, ohne vor­her in zwei Meter Abstän­den davor auf Ein­lass gewar­tet zu haben.

Kin­der wer­den gebo­ren, Men­schen ver­lie­ben sich, Kuchen wer­den geba­cken (oder in unse­rem Fall eher Unmen­gen an Brot). Die Welt dreht sich wei­ter. Und zusam­men mit der Akzep­tanz kommt nach all den Wochen des emo­tio­na­len Cha­os’ end­lich wie­der Schritt für Schritt ein biss­chen von der inne­ren Ruhe zurück, die wir so ver­misst haben.

Auch wenn selbst die­se Ruhe jetzt eine ande­re ist.