Tag 4, Donnerstag, 23. April 2020

Die Sache mit den Gum­mi­bä­ren

Immer wenn ich zur­zeit mit ande­ren Fil­me­ma­chern spre­che, kommt irgend­wann das The­ma auf, ob wir (logis­tisch und finan­zi­ell bei­sei­te gelas­sen) über­haupt noch „ganz nor­ma­le“ Fil­me machen kön­nen, wenn das alles ansatz­wei­se vor­bei ist. Wenn ich jetzt an einem Dreh­buch arbei­te, dür­fen sich die Leu­te dar­in umar­men? Dür­fen sie dicht­ge­drängt in Clubs rum­hän­gen und ohne Gesichts­mas­ke ein­kau­fen gehen? Oder heißt es dann gleich: „Ach! Du drehst his­to­risch!“

Sprich: Wer­den wir in Zukunft Fil­me und Bücher in „Befo­re Coro­na“ (BC) und „After Coro­na“ (AC) ein­tei­len müs­sen? Zucken wir nicht jetzt schon leicht zusam­men beim Fern­se­hen und möch­ten den Schau­spie­lern zuru­fen: Wo ist denn hier der Min­dest­ab­stand??

Seit Stun­den scrol­le ich hin und her, wechs­le zwi­schen Net­flix und Prime, schaue die ers­ten Minu­ten einer neu­en Serie, über die ich schon ganz viel gehört habe, und gehe wie­der raus.

Seit wann sind eigent­lich alle Seri­en so düs­ter? Selbst sol­che, die noch nett ange­fan­gen haben, wer­den ab der drit­ten Staf­fel spä­tes­tens depri­mie­rend und dun­kel. Als ob eine gute Cha­rak­ter­ent­wick­lung nur statt­fin­den kann, wenn wir uns nach anfäng­li­chem In-Sicher­heit-Wie­gen, erst lang­sam und dann immer rasan­ter ihren Abgrün­den nähern.

Wenn ich gera­de Abgrün­de sehen möch­te, schal­te ich die Nach­rich­ten ein.

Als der Strea­ming­dienst Dis­ney+ im März in Deutsch­land an den Start gegan­gen ist, haben alle damit gerech­net, dass „The Man­da­lo­rian“ sprung­haft an die Spit­ze der meist geschau­ten Seri­en schnellt. Statt­des­sen fand sich auf Platz Eins etwas gänz­lich ande­res wie­der:

Die Gum­mi­bä­ren­ban­de.

Und ich traue mich mal zu behaup­ten, dass das nicht nur an den gan­zen gelang­weil­ten Kin­dern lag …

Um ehr­lich zu sein, hat mich die­se Platt­form bis­her null inter­es­siert. Aber auch mein ers­ter Gedan­ke war: Es gibt die Gum­mi­bä­ren­ban­de?? Wie sieht das noch mal mit dem Pro­be­mo­nat aus?

Ich glau­be tat­säch­lich, dass sich etwas in der Film­welt ändern wird.

Ich glau­be, die Zeit des „dunk­ler, schwe­rer, grau­si­ger, depres­si­ver“ ist vor­bei.

Es ist als ob wir all die­se dys­to­pi­schen Seri­en, Fil­me und Bücher brauch­ten, weil wir tief in uns wuss­ten, dass wir uns dar­auf vor­be­rei­ten muss­ten, dass es bald sehr viel här­ter wird, dass die Frei­heit und die Sicher­heit, in der wir uns so selbst­ver­ständ­lich wieg­ten, auf sehr dün­nem Eis steht.

Aber jetzt, wo wir es erle­ben, wird es wie­der Zeit uns zu erin­nern, was wir eigent­lich wol­len, statt uns damit zu beschäf­ti­gen, wo wir hin­kom­men könn­ten, wenn alles den Bach run­ter­geht. Ziem­lich viel ist in einem wah­ren Was­ser­fall, viel schnel­ler und uner­war­te­ter fluss­ab­wärts gegan­gen, als wir je gedacht hät­ten. Nun brau­chen wir wie­der Medi­en, die uns zei­gen, wo wir hin­kom­men könn­ten, wenn alles ein biss­chen bes­ser wird, mit Hoff­nung und Uto­pien, viel­leicht genau­so über­zeich­net wie vor­her die Dys­to­pien.

Es lebe die Gum­mi­bä­ren­ban­de und das klei­ne Stück­chen hei­le Welt!