Tag 2, Dienstag, 21. April 2020

Die Sache mit der Schlaf­an­zug­ho­se

Wir sind auf­ge­flo­gen.

Nor­ma­ler­wei­se geschah das, was wir Autoren den gan­zen Tag machen, hin­ter ver­schlos­se­nen Türen. Es hat­te etwas Magi­sches, Geheim­nis­vol­les, wenn der Schrei­ber­ling sich in sein Sank­tum zurück­zog und mit einem fer­ti­gen Manu­skript wie­der hin­aus­kam.

Jetzt füh­le ich mich durch­schaut.

Selbst in mei­ner eige­nen Vor­stel­lung sitzt der Autor hübsch gestrie­gelt wahl­wei­se in Twee­tan­zug oder im flie­ßen­den Gewand an einem Jugend­stil-Schreib­tisch, krault gele­gent­lich die Kat­ze auf dem Schoß und nippt an einem Rot­wein oder einer Tee­tas­se, wäh­rend er uner­müd­lich ent­we­der sehr intel­li­gent vor sich hin sin­niert oder mit flie­gen­den Fin­gern die Tas­ten bear­bei­tet.

Da die meis­ten Autoren das immer schon in ihren eige­nen vier Wän­den machen, han­delt es sich sozu­sa­gen um den Pro­to­typ des Home­of­fice.

Was für vie­le bis­her ein mys­ti­sches Wort, viel­leicht im bes­ten Fall eine Traum­vor­stel­lung war, ist von heu­te auf mor­gen All­tags­rea­li­tät gewor­den.

Die meis­ten Rat­schlä­ge für die Arbeit im Home­of­fice, begin­nen mit den glei­chen zwei Punk­ten:

  • Ste­hen Sie auf!
  • Zie­hen Sie sich eine Hose an!

Da man das „nor­mal“ arbei­ten­den Men­schen ja auch nicht extra auf­lis­tet, wird somit auto­ma­tisch unter­stellt, dass Men­schen im Home­of­fice das nicht zwangs­läu­fig tun.

Ich möch­te mich dazu an die­ser Stel­le nicht wei­ter äußern …

Den­noch bin ich mir bewusst, dass, wenn ich jetzt sage, ich arbei­te von zu Hau­se, mir ein wis­sen­des, leicht spöt­ti­sches Nicken ent­ge­gen­ge­bracht wird, viel­leicht sogar gemischt mit ein wenig Mit­leid. Denn jeder weiß jetzt, dass das heißt:

Stun­den­lan­ge „Recher­che“ (Nur noch ein Arti­kel, dann lege ich wirk­lich los!), zahl­rei­che, über den Tag ver­teil­te Aus­flü­ge zum Kühl­schrank (nur noch ne Klei­nig­keit Essen, dann lege ich wirk­lich los!!). Schnell noch ein­mal che­cken, ob auf Social Media nicht was unge­mein Wich­ti­ges pas­siert ist (nur noch…) und der plötz­li­che uner­klär­li­che Drang, die Bade­zim­mer-Arma­tu­ren mal wie­der rich­tig gründ­lich zu polie­ren … Bis es schon fast Abend ist und man ver­zwei­felt ver­sucht, das Tages­pen­sum noch zu schaf­fen.

Immer­hin – wäh­rend ich mir sehr inten­siv vor­neh­me, gleich rich­tig los zu arbei­ten, liegt tat­säch­lich ein Kater auf mei­nem Schoß und sab­bert ein biss­chen im Schlaf. Wenn er wie­der auf­steht, hin­ter­lässt er eine Wol­ke sei­nes Win­ter­fells auf mei­ner Schlaf­an­zug­ho­se.

Es wird Früh­ling. Auch im Home­of­fice.