Tag 1, Montag, 20. April 2020

Eigent­lich geht es mir gut

Ich bin ein grund­sätz­lich opti­mis­ti­scher Mensch. Zumin­dest so lan­ge mir ande­re dabei zugu­cken. Ich habe ein Dach, das mir auf den Kopf fal­len kann. Ich kann mich dar­über beschwe­ren, dass ich immer dicker wer­de, so ohne rich­ti­ge Bewe­gung und Fit­ness­stu­dio, weil ich einen vol­len Kühl­schrank habe. (Das mit dem Fit­ness­stu­dio steht an die­ser Stel­le sym­bo­lisch, natür­lich gehe ich da sonst auch nicht hin, es geht ums Prin­zip). Ich habe kei­ne Eltern oder älte­ren Ver­wand­ten mehr, um die ich mich sor­gen müss­te, und kei­ne klei­nen Kin­der, denen ich zum 27. Mal „Das Klei­ne Ich bin Ich“ vor­le­se, wäh­rend ich auf allen Vie­ren als Wau­wau durch die Woh­nung rob­be und sie das Sofa mit Fin­ger­far­ben ver­zie­ren.

Eigent­lich geht es mir gut.

Ich suche nach den posi­ti­ven Nach­rich­ten, schaue mir immer wie­der Fische in den Kanä­len Vene­digs an, die sin­ken­den CO2-Zah­len und Vide­os von Zusam­men­halt und sin­gen­den Men­schen auf Bal­ko­nen. Aber dann drü­cke ich ein­mal nicht schnell genug den Stopp-Knopf und statt glück­li­chen Del­phi­nen sehe ich wei­nen­de Kran­ken­schwes­tern. Und dann den­ke ich an den alten Mann, der im Kino immer in der Rei­he vor mir sitzt. Und an mei­ne Lieb­lings-Kiosk­ver­käu­fe­rin, die das Ren­ten­al­ter längst über­schrit­ten hat. Ich fra­ge mich, ob sie noch da sind. Ich den­ke dar­an, wann ich das letz­te Mal jemand umarmt habe, wann ich mei­ne Freun­de das letz­te Mal gese­hen habe und wann ich das letz­te Mal im Kino, auf einer Lesung, einem Kon­zert oder ein­fach in einem Stra­ßen­ca­fé gewe­sen bin und dabei noch nicht ein­mal wuss­te, dass es ein letz­tes Mal war. Ich ver­su­che, nicht dar­an zu den­ken, dass ich kei­ne Ahnung habe, wo mei­ne nächs­ten Auf­trä­ge her­kom­men sol­len, ohne die übli­chen Netz­werk-Ver­an­stal­tun­gen. Ohne Film­pro­duk­tio­nen. Ohne Leh­re. Ohne Men­schen! Und es funk­tio­niert nicht ganz mit dem Nicht-dar­an-Den­ken.

Dann bricht alles zusam­men.

Für einen Augen­blick, viel­leicht auch für meh­re­re, viel­leicht für Stun­den, legt sich die Angst schwer auf mei­ne Brust – ob es jemals wie­der so wird, wie es war, und wie lan­ge dau­ert es noch? Und dann schä­me ich mich, so zu füh­len, weil es ande­ren so viel schlech­ter geht.

Ich set­ze mei­ne selbst­ge­mach­te Schutz­mas­ke auf und gehe unter Ein­hal­tung aller Sicher­heits­re­geln eine Run­de in der Son­ne spa­zie­ren und für einen Moment fühlt es sich wie­der fast nor­mal an.

Fast.

Eigent­lich geht es mir gut.