Tag 5, Samstag, 18. April 2020

Inzwi­schen ist eine Wei­le ver­gan­gen. Mei­ne Kin­der sind aktu­ell in der glä­ser­nen Kugel ihres Vaters. Ich bin in der glä­ser­nen Kugel daheim, Noch immer flie­gen die Lot­to­ku­geln um mich her­um, doch ich schwit­ze nicht mehr und die Pau­sen­tas­te ist inzwi­schen ver­schwun­den. Statt­des­sen sit­ze ich auf der Play­tas­te. An mei­nem Schreib­tisch, ohne Mund­schutz, dafür jedoch aus­ge­stat­tet mit einem beque­men Sicher­heits­helm. Damit die beson­ders har­ten Kugeln an mir abpral­len. Ha! Aus­ge­trickst!

Wäh­rend ich einer­seits die­sen Blog schrei­be und ENDLICH an mei­nem Roman wei­ter­ar­bei­te, beschäf­tigt mich ande­rer­seits die Fra­ge, inwie­fern ich eigent­lich inhalt­lich mit den aktu­el­len Gescheh­nis­sen in die­ser Zeit krea­tiv umge­he. Ich habe kei­ner­lei Bedürf­nis, die­se Zeit lite­ra­risch kon­kret zu the­ma­ti­sie­ren. Was jedoch nicht bedeu­tet, dass ich nicht auf die aktu­el­len Gescheh­nis­se reagie­re – ganz im Gegen­teil.

In den letz­ten Wochen plopp­te immer wie­der der Schrift­stel­ler Otfried Preuß­ler in mei­nen Gedan­ken auf. 1962 erschien sein ers­ter „Räu­ber Hotzenplotz“-Roman. Trotz sei­nes unschlag­ba­ren Erfolgs erleb­te Preuß­ler immer wie­der Gegen­wind. Kri­ti­ker war­fen ihm Welt­frem­de vor, denn er reagier­te nicht vor­der­grün­dig auf die The­men sei­ner Zeit, wie bei­spiels­wei­se anti­au­to­ri­tä­re Erzie­hung, Wider­stand gegen Atom­kraft und so wei­ter. Nein, er erzähl­te Geschich­ten, weil Men­schen Geschich­ten lie­ben, in die sie ein­tau­chen kön­nen, die sie sprich­wört­lich „welt­ver­ges­sen“ machen. Oder welt­of­fen, wie man es nimmt.

Ich ver­las­se mei­ne Kugel und gehe jog­gen. Wäh­rend ich an Men­schen mit ver­knif­fe­nen Mün­dern und ent­spann­ten Bäu­chen vor­bei­lau­fe, fra­ge ich mich, war­um ich stän­dig dar­an den­ken muss. Was hat Otfried Preuß­ler mit heu­te und jetzt zu tun? In mei­nen Gedan­ken wir­beln die Fra­gen und Ant­wor­ten hin und her. Etwa so:

Möch­te ich das Virus in mei­nen Geschich­ten the­ma­ti­sie­ren?

Nein, auf gar kei­nen Fall. Das rea­le Virus macht bloß Angst und hilft aktu­ell nie­man­dem. Mal davon abge­se­hen, habe ich kei­ne Lust dazu.

Könn­te das Virus nicht ein Bild für einen star­ken Ant­ago­nis­ten sein?

Ja, mög­li­cher­wei­se. Die grau­en Män­ner in Micha­el Endes „Momo“ waren eine fabel­haf­te Über­set­zung der Depres­si­on in Figu­ren.

Ist viel­leicht irgend­et­was am Virus lus­tig?

Grund­sätz­lich nein, aber es gesche­hen Din­ge, die tra­gisch-komisch sind.

Aha. Was ist tra­gisch-komisch?

Die Reak­ti­on eini­ger Men­schen. Sie sind vor­der­grün­dig komisch, doch im Kern tra­gisch. Bei­spiels­wei­se Men­schen mit fast kom­plett ver­hüll­tem Gesicht. Es sieht lus­tig aus, aber dar­un­ter ver­birgt sich mög­li­cher­wei­se Angst.

Möch­te ich das the­ma­ti­sie­ren?

Ja. Denn hier zeigt sich das Mensch­sein in all sei­nen Facet­ten.

Das ist es.

Ich blen­de die aktu­el­le Situa­ti­on nicht aus, ich arbei­te mit ihr. Ich ent­neh­me ihr Komik und Tra­gik für mei­ne Geschich­ten. Ich kre­iere Ant­ago­nis­ten. Ich lache und ich wei­ne mit mei­nen Figu­ren. Ich schütt­le über sie den Kopf und könn­te sie zum Mond schie­ßen. Genau­so wie es viel­leicht einst Otfried Preuß­ler und Micha­el Ende und die vie­len, vie­len ande­ren Autorin­nen und Autoren getan haben und/oder noch heu­te tun. Wer weiß das schon.

Ich jeden­falls mache mich nun an die Arbeit. Wei­ter geht´s!