Tag 4, Freitag, 17. April 2020

Noch immer März

Ich bin baff. Nein, mehr noch. Ich bin gerührt.

Die Pro­gramm­lei­te­rin einer mei­ner Ver­la­ge, mit denen ich arbei­te, ruft mich am spä­ten Frei­tag­nach­mit­tag an. Sie erklärt mir, dass vie­le Ver­la­ge um ihre Exis­tenz kämp­fen, in den Han­dels­we­gen herr­sche mit­un­ter Still­stand. Vie­le Lek­to­rin­nen arbei­ten im Home-Office. Die Neu­erschei­nun­gen fin­den ihr Publi­kum nicht auf­grund der geschlos­se­nen Buch­hand­lun­gen, Ama­zon kon­zen­triert sich vor­ran­gig auf Hygie­ne­ar­ti­kel und Tech­nik, stellt den Buch­han­del hin­ten­an. Nicht zu ver­ges­sen die aus­ge­fal­le­nen Buch­mes­sen in Leip­zig, Bolo­gna, Lon­don. Es feh­len die Wor­te für die­se schwie­ri­ge Zeit. Nicht nur ihr, auch mir.

Sie hät­te von mei­nen Befürch­tun­gen gehört, des­halb rufe sie an. Sie ver­si­chert mir, dass der Ver­lag mich nicht im Stich lässt. Ich bin kurz davor zu heu­len. Die Haut ist dünn in die­ser Zeit.

Mei­ne Bran­che ist ste­tig unsi­cher, du kannst Glück haben oder Pech oder irgend­et­was dazwi­schen. Es gibt eine Men­ge fabel­haf­ter Autorin­nen und Autoren, dafür reicht der Platz hier nicht, um all ihre Namen auf­zu­schrei­ben. Ich bin eine von vie­len. Ob fabel­haft oder nicht, las­sen wir ein­mal außen vor.

Das, was hier gera­de geschieht, fühlt sich an wie ein Sech­ser im Lot­to. Ich ste­he nicht mehr wie noch vor eini­gen Tagen in der glä­ser­nen Kugel auf der Pau­sen­tas­te und schwit­ze zwi­schen umher­flie­gen­den Lot­to­ku­geln. Nein. Sechs Kugeln lie­gen in mei­ner Hand. Denn vor mir tut sich wie­der eine Per­spek­ti­ve auf.

Nicht zum ers­ten Mal wird mir bewusst, wie wich­tig mir Ver­bind­lich­kei­ten für mei­ne krea­ti­ve Arbeit sind. Ver­bind­lich­kei­ten, die nicht immer, aber oft finan­zi­el­le Sicher­hei­ten nach sich zie­hen. Ein Teil eines Gan­zen zu sein. Zuge­hö­rig zu sein. Das ist in mei­nem Beruf oft vakant. Ich ken­ne vie­le Kunst­schaf­fen­de, die ent­spannt sind, obwohl sie kei­ne Ahnung haben, ob ein Ver­lag mit ihnen arbei­ten möch­te oder nicht. Die nicht wis­sen, was sie im nächs­ten Monat ver­die­nen wer­den. Ich bin nicht so. Nicht erst, seit­dem ich Mut­ter von zwei Kin­dern bin.

In den letz­ten Tagen hat­te ich ver­sucht, ein altes, über­schau­ba­res Pro­jekt aus mei­nem digi­ta­len Ord­ner „Pro­jekt­ideen“ erneut zum Leben zu erwe­cken. Etwas, das ich trotz der gro­ßen Her­aus­for­de­rung des All­tags der­zeit bewäl­ti­gen kann. Doch die Tex­te waren lieb­los und zynisch gewor­den. Ich weiß, dass ich so schrei­be, wenn ich ängst­lich bin. Dann bro­delt es in mir wie in einem sau­ren Hexen­kes­sel und her­aus kommt zwar etwas Knal­li­ges, Lus­ti­ges, aber es ist ätzend, geprägt von einem grund­sätz­li­chen Pes­si­mis­mus. Ich mag es nicht, wenn ich so schrei­be. Inter­es­san­ter­wei­se hat­te ich auch noch nie Erfolg damit.

Inner­halb kür­zes­ter Zeit schrei­be ich das Kon­zept um. Mit Herz, Lei­den­schaft und Ver­stand. Und dann eine Mail vom Land Bre­men. Ich bekom­me die Künst­ler­so­fort­hil­fe! Gibt es eigent­lich einen Sie­be­ner im Lot­to?

 

Fort­set­zung folgt am mor­gi­gen Sams­tag mit Tag 5 und Anna Lotts Abschluss­text. Wer mit der Autorin in Kon­takt tre­ten möch­te, kann das über ihre Home­page. Rück­mel­dun­gen zum Blog kön­nen dar­über hin­aus auch ger­ne ans Lit­ko geschickt wer­den: info@literaturkontor-bremen.de.