Tag 2, Mittwoch, 15. April 2020

Noch immer Rück­blick – Mit­te März

Es gibt ein Quatsch­spiel, das Kin­der ger­ne spie­len, es heißt „Ver­kehr­te Welt“. Bei die­sem Spiel wird alles in sein Gegen­teil ver­kehrt. Da ist die Son­ne plötz­lich gefro­ren oder unter den Füßen wach­sen Dau­er­wel­len. So ist das gera­de:

Infor­ma­tio­nen aus der Pres­se aktua­li­sie­ren sich im Minu­ten­takt, die Leh­re­rin­nen mei­ner Kin­der schi­cken unzäh­li­ge Mails, dazu Anru­fe von Ver­wand­ten, Freun­den, Kol­le­gin­nen, Tipps und Nach­rich­ten aus der Buch- und Film­bran­che. Ich füh­le mich wie in die­ser glä­ser­nen Kugel, in der frü­her die Lot­to­ku­geln umher­wir­bel­ten. Jetzt sau­sen die Kugeln um mich her­um, pras­seln auf mich ein, sind teil­wei­se so schnell, dass mir ganz schwind­lig wird. Und mit­ten­drin ste­he ich, erschöpft und schwit­zend auf der Pau­sen­tas­te mei­nes beruf­li­chen All­tags, und ver­su­che einen neu­en Plan zu schmie­den. Ein Plan, der nicht dem Motor mei­ner exis­ten­ti­el­len Angst folgt, son­dern akut, hand­fest und nach­hal­tig wirk­sam ist. Denn Angst macht mit­un­ter dumm. Da spre­che ich aus Erfah­rung.

Also sprin­ge ich von der Pau­sen­tas­te und bege­be mich an den Rand des Gesche­hens. Von dort aus beob­ach­te ich, wel­che Wege die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus der Kin­der­buch­bran­che unter­neh­men, um die finan­zi­el­len Ver­lus­te auf­grund ent­fal­le­ner Lesun­gen aus­zu­glei­chen. Vie­le jam­mern. Ist alles schreck­lich, ich weiß. Aber es hilft mir gera­de nicht wei­ter. Vie­le set­zen sich für Online-Lesun­gen ein. Lesun­gen im Netz? Mei­ne Lesun­gen leben von Aus­tausch, Koope­ra­ti­on, Freu­de im Mit­ein­an­der, von Quatsch und Kurz­wei­lig­keit. Und, jetzt mal ehr­lich: Erwach­se­ne mögen das ja gut fin­den, aber Kin­der? Hal­lo?! Wir sind nicht im zwei­ten Welt­krieg, wir schrei­ben das Jahr 2020, es gibt Fil­me, Hör­spie­le, Blogs, E‑Books und Games! Ein Schwall Lot­to­ku­geln pras­selt auf mich ein. Aua. Okay, okay, ich habe Vor­ur­tei­le. Ich gebe es zu. Ich schaue mir also eine Online-Lesung von einer Kin­der­buch­au­torin an, die ganz beson­ders für die­sen Weg der Lite­ra­tur­ver­mitt­lung schwärmt. Sor­ry, ich bin raus.

Doch plötz­lich habe ich Selbst­zwei­fel: Mache ich gera­de etwas kom­plett falsch? Mache ich mich mit mei­ner Hal­tung zur Außen­sei­te­rin mei­ner Bran­che, weil ich nicht mit­ma­che? Nun ist sie plötz­lich doch da, die Angst. Nicht nur die Ver­la­ge und Pro­duk­ti­ons­fir­men haben Schnapp­at­mung auf­grund des Still­stan­des, auch mir wird schwind­lig. Ich begin­ne nachts schlecht zu schla­fen. Mei­ne Kin­der spü­ren mei­ne Anspan­nung. So geht das nicht.

Stopp.