Uni-Seminar bei Betty Kolodzy (WS 2018/19)

Der Mann mit dem Buch

Ich lau­fe zur Bus­hal­te­stel­le – wie fast jeden Tag. Mein täg­li­cher Weg führt an einem klei­nen tür­ki­schen Laden vor­bei – die Ver­käu­fe­rin lächelt mich immer herz­lich an und vor dem Laden riecht es nach fri­schen Blu­men, die dort unter ande­rem ver­kauft wer­den. Außer­dem ist hier jede mög­li­che Obst- und Gemü­se­sor­te zu fin­den. Knall­ro­te Äpfel, dun­kel­grü­ne Zuc­chi­nis.
Eigent­lich muss ich mei­nen Bus bekom­men, aber ich betre­te den Laden. Es riecht nach Gewür­zen – Cur­ry, Kur­ku­ma, Chil­li. Und nach frisch geba­cke­nem Fla­den­brot. Ein klei­nes Para­dies. Es ist ruhig. Beru­hi­gend. Die Atmo­sphä­re lädt zum Stö­bern ein.
Ich sehe eine offe­ne Tür und ein Hin­ter­zim­mer. Dort sitzt ein Mann und liest ein Buch. Irgend­ein tür­ki­sches Buch. An den Far­ben des Buch­um­schla­ges erken­ne ich, dass es sich um ein ande­res Buch als beim letz­ten Mal han­delt. Letz­tes Mal war es grün. Heu­te braun.
Und ich fra­ge mich ob die­ser Mann den gan­zen Tag auf sei­nem Stuhl sitzt und liest. Wie vie­le Bücher er dann wohl schon gele­sen hat? Und ob er nicht lang­sam genug hat von der Geruchs­mi­schung aus Gewür­zen und Fla­den­brot und Blu­men. Aber – ich glau­be nicht. Er sieht näm­lich ziem­lich zufrie­den und in sich ruhend aus. Immer, wenn ich hier bin. Und ich den­ke: manch­mal muss man gar nichts beson­de­res tun, um glück­lich zu sein. Manch­mal muss man nur, umge­ben von Gewür­zen und Fla­den­brot, auf einem Stuhl sit­zen und lesen.
Ich ver­las­se den Laden und füh­le mich, als wür­de ich eine ande­re Welt betre­ten. Eine Welt mit lau­ten Autos, die die Luft ver­schmut­zen und gestress­ten Men­schen, die durch ihren All­tag het­zen. Aber die­ses Mal ist irgend­et­was anders. Ich neh­me den Stress um mich her­um anders wahr, las­se mich davon nicht anste­cken. Ich den­ke an den Mann mit dem Buch und freue mich schon, gleich eine Gemü­se­pfan­ne zu kochen, die neu­en Gewür­ze aus­zu­pro­bie­ren und zu lesen. Den Bus hab ich eh längst ver­passt.

Ali­na Zim­mer­mann

Uner­war­te­ter Besuch

Der zwei­te Advent. Die Kek­se sind im Ofen – heu­te wer­den es Zimt­ster­ne, mei­ne Lieb­lings­kek­se in der Weih­nachts­zeit. Mit einer Tas­se Tee in der Hand ver­las­se ich die Küche, um es mir auf dem Sofa gemüt­lich machen zu kön­nen, wäh­rend die Ster­ne im Ofen vor sich hin backen. Ich strei­fe mir mei­ne Haus­schu­he von den Füßen, zün­de zwei Ker­zen von mei­nem selbst gebas­tel­ten Advents­kranz an und mache es mir mit Tee und Buch auf dem Sofa gemüt­lich. Wirk­lich schön, die­se Advents­sonn­ta­ge, an denen die
Woh­nung nach frisch geba­cke­nen Kek­sen, Duft­ker­zen und Leb­ku­chen riecht. Heu­te muss ich die Woh­nung nicht mehr ver­las­sen. Statt­des­sen kann ich ganz in Ruhe von mei­nem Sofa aus das Schnee­trei­ben vor mei­nem Fens­ter beob­ach­ten und auf mei­ne Freun­de war­ten, die spä­ter mit Wein und Piz­za zum Tat­ort gucken vor­bei­kom­men. In der Weih­nachts­zeit geht es für mich gar nicht um Geschen­ke. Viel schö­ner und wich­ti­ger sind sol­che Tage wie heu­te. An denen ich Zeit für mich fin­de, zur Ruhe kom­me und einen
schö­nen Abend mit mei­nen Liebs­ten ver­brin­ge. Es geht um Besinn­lich­keit und Dank­bar­keit.
Plötz­lich klin­gelt es an der Tür – es ist gera­de erst nach­mit­tags. Mei­ne Freun­de wer­den es nicht sein, wir sind schließ­lich erst in vier Stun­den ver­ab­re­det. Kurz über­le­ge ich, das Klin­geln ein­fach zu igno­rie­ren. Aber beim Anblick des Schnees und Sturms vor dem Fens­ter ver­wer­fe ich mei­nen Gedan­ken schnell wie­der. Was, wenn die Per­son, die gera­de geklin­gelt hat, Hil­fe benö­tigt? Also zie­he ich mei­ne Haus­schu­he an und gehe zur Haus­tür.
Die Haus­schu­he sind eigent­lich echt nicht für den Win­ter geeig­net. Mir ist grund­sätz­lich kalt und eigent­lich sind es eher Lat­schen, die vor­ne auch noch offen sind. Aber sie waren ein Geschenk mei­ner Oma und sind echt bequem.
An der Tür ange­kom­men drü­cke ich auf den Sum­mer, höre, wie sich die Tür unten öff­net und eine Per­son die Trep­pe hoch­kommt. Noch ist mei­ne Woh­nungs­tür geschlos­sen. Ich möch­te lie­ber erst ein­mal durch den Spi­on gucken.
Ich sehe, wie eine Frau vor mei­ner Tür auf­taucht. Sie ist rela­tiv klein, hat dunk­le, lan­ge Haa­re, brau­ne Augen und sieht ziem­lich durch­ge­fro­ren aus.
Ich öff­ne die Tür. „Kann ich Ihnen hel­fen?“
„Es tut mir wirk­lich leid, Sie an einem Sonn­tag­nach­mit­tag stö­ren zu müs­sen. Sie sind die ein­zi­ge Per­son, die mir die Tür geöff­net hat. Ich kom­me nicht von hier und mein Han­dy­ak­ku ist alle. Ich muss unbe­dingt einen Freund errei­chen, den ich heu­te Abend tref­fen woll­te, und natür­lich steht unser Treff­punkt in mei­nem Han­dy. Ich habe tat­säch­lich weit und breit kein Café gefun­den, in dem ich mein Han­dy auf­la­den konn­te, und danach goog­len war ja auch nicht mög­lich … heut­zu­ta­ge sind wir echt auf­ge­schmis­sen ohne die­se Din­ger!“
Ganz kurz den­ke ich, dass das viel­leicht alles nur ein Vor­wand ist, um mich aus­zu­rau­ben oder sowas. Aber dann schä­me ich mich für den Gedan­ken. Wir sind alle viel zu miss­trau­isch gewor­den, den­ke ich, und bit­te die Frau, her­ein­zu­kom­men.
Als sie ihr Han­dy anschließt, stellt sie sich vor. „Ich bin übri­gens Maria und woh­ne in Frank­furt. Ein Freund von mir wohnt hier in Han­no­ver und eigent­lich war aus­ge­macht, dass ich heu­te Abend direkt vom Bahn­hof aus zu unse­rem Treff­punkt fah­re. Irgend­wie bekam ich dann aber heu­te Mor­gen die Benach­rich­ti­gung, dass mein Zug aus­fällt und ich die Mög­lich­keit habe, einen frü­he­ren zu neh­men. Ich muss­te mich ziem­lich beei­len und dach­te, dass ich im Zug mein Han­dy auf­la­den und mei­nem Freund Bescheid sagen
könn­te. Bei mei­nem Glück gin­gen die Steck­do­sen dann aber nicht, also saß ich ohne Han­dy­ak­ku im Zug und kam vor zwei Stun­den in Han­no­ver an, ohne zu wis­sen wo ich hin soll. Ich bin dann erst mal los­ge­lau­fen. Spä­ter fiel mir dann ein, dass ich im Bahn­hof bestimmt irgend­wo mein Han­dy hät­te auf­la­den kön­nen, aber da war ich schon hier in Ihrer Stra­ße. Ich bin wirk­lich froh, dass Sie auf­ge­macht haben! Län­ger hät­te ich es in die­ser eisi­gen Käl­te echt nicht aus­ge­hal­ten… — ah, mein Han­dy ist an. Ich tele­fo­nie­re schnell und dann sind Sie mich auch wie­der los.“
Wäh­rend Maria tele­fo­niert, fal­len mir die Kek­se im Ofen ein. Ich dach­te der komi­sche Geruch kommt von drau­ßen, aber nein … ich lau­fe in die Küche und natür­lich sind die Kek­se ver­brannt. Ich hab sie total ver­ges­sen.
„Oh nein, ich habe Sie total abge­lenkt!“, sagt Maria, als sie in die Küche kommt und mich vor den schwar­zen Kek­sen sieht. „Das tut mir so leid. Ich werd Sie jetzt wie­der in Ruhe las­sen und drau­ßen an der Bus­hal­te­stel­le gegen­über war­ten. Mein Freund wird mich dort spä­ter abho­len, gera­de kann er lei­der noch nicht. Aber das ist nicht schlimm. Dan­ke, dass Sie mich über­haupt rein­ge­las­sen haben.“
Ich zöge­re nicht lan­ge und fra­ge Maria, ob sie nicht ein­fach hier war­ten möch­te. Ich habe mich zwar auf den Nach­mit­tag allein gefreut, aber Gesell­schaft ist schließ­lich auch schön und außer­dem scheint sie echt nett zu sein. Und ich brin­ge es echt nicht übers Herz, sie wie­der in die Käl­te zu schi­cken.
Sie freut sich über mein Ange­bot und wir machen es uns mit Tee auf dem Sofa gemüt­lich.
Ein­ein­halb Stun­den und gute Gesprä­che spä­ter steht ihr Freund unten vor der Tür. Wirk­lich scha­de, Maria und ich sind abso­lut auf einer Wel­len­län­ge. Wir haben unse­re Num­mern aus­ge­tauscht, und sie ver­spricht mir, nicht nur ihren Freund bei ihrem nächs­ten Han­no­ver­auf­ent­halt zu besu­chen, son­dern auch mich.
Als sie nach unten geht und ich die Tür hin­ter mir schlie­ße, den­ke ich, wie froh ich bin, mein Miss­trau­en vor­hin bei­sei­te­ge­scho­ben und an das Gute geglaubt zu haben. Viel­leicht macht genau so etwas die Weih­nachts­zeit aus.

Ali­na Zim­mer­mann