In der Bremer Poesiezentrale

Jens Laloire lei­tet seit Beginn die­ses Jah­res das Lite­ra­tur­kon­tor

Bre­mens Poe­sie­zen­tra­le ist in einem gedie­ge­nen Alt­bau behei­ma­tet, genau­er: in einem gro­ßen, lich­ten und aus­sichts­rei­chen Raum. An den hohen Wän­den hän­gen Pla­ka­te, die von lau­te­rer Lie­be zur Lite­ra­tur kün­den, zudem sind mit Büchern befüll­te Rega­le zu sehen. „Ein schö­ner Arbeits­platz“, sagt Jens Laloire mit einem beglau­bi­gen­den Sei­ten­blick gen Goe­the­platz. Seit Jah­res­be­ginn lei­tet der 41-Jäh­ri­ge das Lite­ra­tur­kon­tor, das in der alt­ehr­wür­di­gen Vil­la Ichon resi­diert (Bau­jahr 1849).

Die­ser Ein­rich­tung ist der gebür­ti­ge Twistrin­ger, der in Essen und Bre­men, Phi­lo­so­phie, Geschich­te und Ger­ma­nis­tik stu­diert hat, seit gerau­mer Zeit ver­bun­den. Unter ande­rem hat Laloire an der Eta­blie­rung der löb­li­chen Lesungs- und Ver­öf­fent­li­chungs­for­ma­te „Dop­pel­pack“, „Lit­Clips“ und „Mini­Lit“ mit­ge­wirkt, hat Bre­mer Buch­pre­mie­ren und Ver­an­stal­tun­gen der Lite­ra­ri­schen Woche mode­riert – und neben­bei inner­halb von fünf Jah­ren auch noch 30 Fol­gen sei­ner eige­nen Rei­he „Laloire schlägt auf“ gestemmt, in deren Rah­men er in Vita und Werk arri­vier­ter Dich­ter wie Wolf­gang Herrn­dorf und Sven Rege­ner ein­führ­te.

Nicht zu ver­ges­sen: Im Brot­be­ruf ver­ding­te er sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zudem in der Erwach­se­nen­bil­dung. In der Ein­rich­tung Frie­de­horst in Bre­men-Les­um unter­rich­te­te er ange­hen­de Kauf­leu­te in der Kunst des Schrift­ver­kehrs; über­dies begrün­de­te er einen Debat­tier­club. Ein­ge­denk sei­nes Enga­ge­ments und sei­ner Fach­kennt­nis kam es für Insi­der des hie­si­gen Lite­ra­tur­be­triebs wenig über­ra­schend, dass dem Mann mit den preu­ßi­schen Arbeitstu­gen­den die Nach­fol­ge von Ange­li­ka Sinn ange­tra­gen wur­de. Nur und immer­hin 28 Arbeits­stun­den in der Woche – sei­ne häu­fi­ge Prä­senz bei Abend­ver­an­stal­tun­gen nicht mit­ge­rech­net – ste­hen Laloire für die­ses wei­te Tätig­keits­feld zur Ver­fü­gung, das zwar aus einer inni­gen Ver­knüp­fung von Beruf und Beru­fung besteht, aber auch etli­che admi­nis­tra­ti­ve Auf­ga­ben ein­be­greift.

Mer­ke: Auch lite­ra­ri­sches Leben will koor­di­niert und orga­ni­siert sein. Nur gut, dass der Lite­ra­tur-Afi­cio­na­do, der bei Gele­gen­heit (und ent­spre­chen­dem Etat) gern ver­mehrt aus­wär­ti­ge, fan­ta­sie­be­gab­te Schrift­stel­ler wie Chris­ti­an Kracht und Dani­el Kehl­mann zu weser­na­hen Lesun­gen begrü­ßen wür­de, bes­tens ver­netzt ist.

Bevor er an der hie­si­gen Uni­ver­si­tät zu stu­die­ren begann, hat Leis­tungs­trä­ger Laloire Zivil­dienst geleis­tet, ein Stu­di­um in Essen auf­ge­nom­men und wie­der ver­wor­fen, sich in Bre­men ver­liebt, eine Ver­an­stal­tungs­rei­he im Schlacht­hof aus der Tau­fe geho­ben sowie drei Staun- und Wan­der­mo­na­te in Neu­see­land zuge­bracht.

Apro­pos eng­lisch­spra­chi­ges Aus­land: Dem Kon­to­ris­ten wäre dar­an gele­gen, wür­de Bre­mens poe­ti­sche Strahl­kraft durch den mit aller­lei Auf­la­gen ver­bun­de­nen Unesco-Titel „City of Lite­ra­tu­re“ europa‑, ja welt­weit erhöht; eine ent­spre­chen­de Bewer­bung für das Jahr 2023 hat der Sena­tor für Kul­tur ange­kün­digt.

Bre­men hat eine bun­te und doch aus­bau­fä­hi­ge lite­ra­ri­sche Sze­ne“, sagt Laloire, „die Stadt ist im Kin­der­buch- und Kri­mi­seg­ment sehr gut auf­ge­stellt, es gibt die Lite­ra­ri­sche Woche und zwei bedeut­sa­me Poe­sie­fes­ti­vals, eine rüh­ri­ge Poe­try-Slam-Gemein­de, eine tol­le Stadt­bi­blio­thek – und mit Lite­ra­tur­kon­tor und vir­tu­el­lem Lite­ra­tur­haus gleich zwei Insti­tu­tio­nen, die Akteu­re zusam­men­füh­ren.“ Aller­dings müs­se die Stadt ange­mes­sen inves­tie­ren, um jen­seits des Erwerbs des heh­ren Titels poe­tisch nach­hal­tig wer­den zu kön­nen.

Bereits jetzt füllt Laloire die Visi­on einer Lite­ra­tur­stadt in sei­nem Beritt mit Inhal­ten, die ihm zukunfts­träch­tig und also unver­zicht­bar schei­nen. „Mir geht es nicht dar­um, das Lite­ra­tur­kon­tor neu zu erfin­den“, gibt er zu Pro­to­koll. „Aber der Aus­bau und die Inten­si­vie­rung einer För­de­rung der jun­gen Lite­ra­tur­sze­ne – Schrei­ben­de im Alter von 14 bis 19 Jah­ren – sind eine Prio­ri­tät.“

Ein wei­te­res Her­zens­pro­jekt hat mit der Ver­or­tung sei­ner lite­ra­ri­schen Arbeit zu tun. Laloire ist es wich­tig, mehr dezen­tral zu agie­ren, mit­hin in die Stadt­tei­le zu gehen – sei es in die Neu­stadt, wo er seit Anbe­ginn sei­ner Bre­mer Zeit lebt und schon so man­che Ver­an­stal­tung im Kar­ton und im Kuko­on ange­bahnt hat; sei es in Orts­tei­le wie Huch­t­ing und Hemelin­gen, für deren Inspi­ra­ti­on, fik­tio­na­le Auf­la­dung, ja Wie­der­ver­zau­be­rung Laloire lite­ra­ri­sche Werk­stät­ten als pro­ba­tes Mit­tel erschei­nen.

Apro­pos Ver­zau­be­rung: Hät­te der Viel­le­ser, zu des­sen Her­vor­brin­gun­gen auch poe­ti­sche und jour­na­lis­ti­sche Tex­te zäh­len, einen the­ma­tisch zwin­gen­den Wunsch frei, so wür­de er sich dem Ver­neh­men nach für ein Lite­ra­tur­zen­trum ent­schei­den. Mit Lese­büh­ne und ange­schlos­se­nem Café. Gera­de so wie vor eini­gen Jah­ren im eins­ti­gen Neu­städ­ter Möbel­haus Dete, des­sen Zwi­schen­nut­zung enorm gut ange­nom­men wur­de.


Den Arti­kel ver­fass­te Hen­drik Wer­ner
Erschie­nen im Weser-Kurier, Bei­la­ge ›WESER-Strand‹, am 17.11.2019