Über das Zusammenspiel von Erinnerungen und Schreiben

Foto: Marc Stavros
Foto: Marc Stav­ros

Für Lau­ra Mül­ler-Hen­nig klappt das mit dem Schrei­ben am Bes­ten, wenn sie nicht zuhau­se ist. Ihre Krea­ti­vi­tät kann sie nun auch mit einem Sti­pen­di­um aus­spie­len.

Lau­ra Mül­ler-Hen­nig sitzt im Café Engel. Die jun­ge Bre­mer Autorin sitzt ger­ne hier, in einer Ecke hin­ter ihrem Lap­top, um zu arbei­ten. Es ist eines ihrer Lieb­lingsca­fés im Vier­tel. „Ich brau­che kei­ne abso­lu­te Stil­le zum Schrei­ben“, erklärt sie, „nur eine mitt­le­re Ruhe.“ Dann kön­ne sie abschal­ten und sich kon­zen­trie­ren. Bis­her habe sie nur Kurz­ge­schich­ten ver­fasst, einen Roman zu schrei­ben stel­le für sie eine neue, gro­ße Her­aus­for­de­rung dar. Genau das aber wird von ihr gefor­dert, jetzt, da sie das Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um des Sena­tors für Kul­tur erhal­ten hat – gemein­sam mit Anne­gret Ach­ner, mit der sie sich den Preis teilt. Die bei­den Bre­mer Autorin­nen wur­den unter 50 Bewer­bern aus­ge­wählt. „So vie­le wie seit vie­len Jah­ren nicht“, wie es auf der Sei­te des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors heißt, der die Ver­ga­be der Sti­pen­di­en betreut.

Ein­ge­reicht hat­te Mül­ler-Hen­nig ein Expo­sé und eine zehn­sei­ti­ge Lese­pro­be zu ihrem Roman­pro­jekt „Die Oma im Baum“. „Der Titel war zuerst da“, erzählt die 34jährige mit dem kecken Kurz­haar­schnitt, „Auf das was beim Schrei­ben her­aus­kommt bin ich selbst gespannt!“ Den Inhalt der noch zu (er-)findenden Geschich­te bringt sie aber bereits auf den Punkt: „Es geht um das Auf­wach­sen eines Kin­des in einem Bre­mer Rand­stadt­teil unter dem Ein­druck des Ver­lus­tes der Groß­mutter und einer guten Freun­din. Es geht um ver­stor­be­ne Freun­de, um The­men, die mich geprägt haben“.

Mül­ler-Hen­nig wird ihren Roman aus der Per­spek­ti­ve eines etwa sie­ben jäh­ri­gen Mäd­chens erzäh­len, wobei sie „kon­se­quent die kind­li­che Sicht“ wie­der­ge­ben will, „aber im Ton eines Erwach­se­nen“. Die Nicht-Anwe­sen­heit der Groß­mutter soll sich durch gesam­ten Roman zie­hen. Wenn das Mäd­chen sich erin­nert, hört sich das dann so an: „Da ist noch der von Oma geerb­te Lehn­ses­sel, mit sei­nem sei­dig dünn geweb­ten Über­zug, der genau an der Stel­le durch­ge­wetzt ist, wo die Hän­de auf­lie­gen, wenn man sitzt. Hier lagen Omas Hän­de. Die mei­ner Mut­ter. Mei­ne. […] Die Möbel sind mit Spinn­we­ben über­zo­gen, als hät­ten die Spin­nen für jedes Stück ver­gan­ge­ne Zeit ein Stück Faden gewebt.“ In einem sehr poe­ti­schen, fast lyri­schen Stil spinnt Mül­ler-Hen­nig eine Geschich­te um ihre Roman­fi­gur, die den Ver­lust gelieb­ter Men­schen auf ihre Art ver­ar­bei­tet. Die Autorin ver­bin­de „gekonnt kind­li­che Ima­gi­na­ti­ons­kraft mit blitz­licht­ar­ti­gen Erin­ne­run­gen“ heißt es zu ihrer ein­ge­reich­ten Text­pro­be in der Jury­be­grün­dung.

Auf einer Lesung wur­de Mül­ler-Hen­nig ein­mal gefragt, wel­che ihrer Kurz­ge­schich­ten sie wirk­lich erlebt habe? „Kei­ne und alle“, lau­te­te ihre Ant­wort, „kei­ne so rich­tig, aber alle ein wenig.“ Für sie als Autorin sei es „nicht zu ver­mei­den, dass sich etwas ver­än­de­re“ in ihren Erzäh­lun­gen: „Erin­nern bedeu­tet immer, dass es sich schon ver­än­dert, wäh­rend man sich erin­nert.“  Außer­dem ste­cke in dem Wort Erin­nern „innen“ drin, sin­niert Mül­ler-Hen­nig im Café Engel. Die Autorin kehrt also in erin­ne­rungs­haf­ten Erzähl­se­quen­zen immer auch ihr Inne­res nach außen und ver­än­dert es dabei: „Ich kann mei­ne Phan­ta­sie nie stop­pen und das Bedürf­nis, es in etwas ande­res zu for­men.“

Um die gro­ße Form des Romans zu errei­chen, mit der sie noch kei­ne Erfah­rung habe, möch­te Mül­ler-Hen­nig sich Zeit neh­men: „Wenn ich den Roman wirk­lich schaf­fen will, wür­de ich mir Auf­ent­hal­te in Ate­liers wün­schen.“ Denn das „Fin­den des krea­ti­ven Moments“ errei­che sie bes­ser, wenn sie weit weg von zu Hau­se sei. Ihre Roma­ni­dee sei auch wäh­rend eines Wochen­en­des an der Ost­see ent­stan­den. Die jun­ge Autorin hofft für ihre krea­ti­ven Schaf­fens­pha­sen auf Auf­ent­hal­te in Künst­ler­häu­sern an der Ost­see oder in Worps­we­de, denn das mit 2 500 Euro über­sicht­lich bemes­se­ne Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um wird für eine Fer­tig­stel­lung ihres Romans kaum aus­rei­chen. Zumal Mül­ler-Hen­nig noch nicht ein­mal weiß, ob sie das Preis­geld über­haupt wird anneh­men dür­fen, da sie aus gesund­heit­li­chen Grün­den auf Grund­si­che­rung ange­wie­sen ist und es mög­li­cher­wei­se damit ver­rech­net wer­den muss. Das wird sich zei­gen.

Die jun­ge Autorin freut sich den­noch sehr über das Autoren­sti­pen­di­um und ist dank­bar, da es sie in jedem Fall zum Schrei­ben moti­vie­re. Außer­dem erhof­fe sie sich Betreu­ung wäh­rend des Schreib­pro­zes­ses, so, wie es sie es in der „Pro­sa-Werk­statt“ von Micha­el Wil­den­hain erfah­re. Eben­falls orga­ni­siert vom Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor tref­fe sie sich hier mit fünf wei­te­ren Sti­pen­dia­ten zum gemein­sa­men Aus­tausch über das lite­ra­ri­sche Schaf­fen. Die Ergeb­nis­se der Grup­pe wer­den in einer öffent­li­chen Abschluss­le­sung am 06. Dezem­ber um 20Uhr im Kuko­on prä­sen­tiert. Ihr Roman­pro­jekt, „Die Oma im Baum“, wird Mül­ler-Hen­nig im Rah­men einer „Lesung der Sti­pen­dia­ten“ im Janu­ar vor­stel­len.

Ihr schrift­stel­le­ri­sches Wis­sen und Kön­nen gibt Mül­ler-Hen­nig bereits seit eini­ger Zeit regel­mä­ßig in einer Schreib­werk­statt für Jugend­li­che von 14–19 Jah­ren wei­ter. Die­se ver­mit­teln­de Tätig­keit mache ihr vie­le Din­ge bewusst, über die sie sonst nicht gestol­pert wäre, sagt sie. Die Dis­kus­si­on über For­mu­lie­run­gen, Sprach­phä­no­me­ne und Wort­wahl brin­ge sie auch in der eige­nen Schreib­ar­beit deut­lich wei­ter. Neben der Schreib­werk­statt von Colin Bött­ger im Lite­ra­tur­kon­tor habe sie außer­dem am meis­ten in der Schreib­grup­pe des Blau­mei­er-Ate­liers in Bre­men-Wal­le gelernt.

Das sei eine „zufäl­li­ge, sehr, sehr glück­li­che Begeg­nung“ vor vie­len Jah­ren gewe­sen, von der sie immer noch pro­fi­tie­re: „In der wöchent­li­chen Schreib­grup­pe kann ich mich frei ent­fal­ten und ler­ne immer etwas neu­es dazu.“ Sie freue sich schon auf das Erschei­nen eines bestimm­ten Buchs im kom­men­den Jahr: Dar­in wer­den die Schreib­werk­statt und die Foto­grup­pe zu denen sie zählt, vor­ge­stellt. Bleibt zu hof­fen, dass sich ihre Leser­schaft bald über ein Erschei­nen der „Oma im Baum“ freu­en darf.


Den Arti­kel ver­fass­te Maga­li Traut­mann
Er erscheint im Weser-Kurier in der Rubrik ›Jun­ge Talen­te‹, am 26.10.2019 
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