Auszüge aus den Manuskripten der beiden Stipendiatinnen 2019

Foto: Marc Stavros
Foto: Marc Stav­ros

Lau­ra Mül­ler-Hen­nig: ›Die Oma im Baum‹
Ich träu­me, ich bin wie­der in der Woh­nung, in der ich mei­ne ers­ten Jah­re ver­bracht habe. Alle Möbel sind noch da. Es ist ein lau­er Som­mer­abend, durch die Fens­ter scheint ein mil­des Licht her­ein. In den Rega­len im Wohn­zim­mer ein­zel­ne, ver­ges­se­ne Taschen­bü­cher mit Esels­oh­ren. Lee­re  Glä­ser für Tusch­was­ser mit getrock­ne­ter Far­be an den Rän­dern. Und tote Zim­mer­pflan­zen, deren Blät­ter grau sind und brö­seln, wenn ich sie berüh­re.  Nur eine ein­zi­ge hat sich wun­der­sa­mer­wei­se am Leben erhal­ten, hat sich abwärts gerankt und umschlingt nun die Regal­fä­cher unter sich, jedes Blatt eine klei­ne gie­ri­ge Hand. Da ist noch der von Oma geerb­te Lehn­ses­sel, mit sei­nem sei­dig dünn geweb­ten Über­zug, der genau an der Stel­le durch­ge­wetzt ist, wo die Hän­de auf­lie­gen, wenn man sitzt. Hier lagen Omas Hän­de. Die mei­ner Mut­ter. Mei­ne. Ich bin auf dem Ses­sel her­um­ge­klet­tert und habe Figu­ren auf der Sitz­flä­che plat­ziert, habe mich davor­ge­kniet und mit ihnen Thea­ter gespielt. Der Ses­sel war Büh­ne für Dra­men, Mär­chen und Krie­ge. Wenn ich abends ins Wohn­zim­mer kam, weil ich wie­der ein­mal nicht schla­fen konn­te, saß mei­ne Mut­ter in ihm, die Füße hoch­ge­nom­men, die Bei­ne ange­win­kelt, und hat fern­ge­se­hen, hat manch­mal gesagt „Es läuft ein guter Film“, und ich durf­te auf ihren Schoß klet­tern, um ein paar Minu­ten mit­zu­schau­en. Als wir noch klein genug waren, pass­te ich zu zweit mit Esra auf die Sitz­flä­che. Ich erin­ne­re mich, wie wir ein­mal neben­ein­an­der ein wenig ein­ge­quetscht zwi­schen den Leh­nen saßen, mei­ne Mut­ter mach­te ein Foto von uns, wir tru­gen wild zusam­men­ge­stell­te Kos­tü­me aus Tüchern mei­ner Oma, mit denen wir uns umwi­ckelt hat­ten. Aber Esra ist nicht mehr da. Ich bli­cke wie­der in den Raum hin­ein. Die Möbel sind mit Spinn­we­ben über­zo­gen, als hät­ten die Spin­nen für jedes Stück ver­gan­ge­ne Zeit ein Stück Faden gewebt. Es ist still. Das gesam­te Miets­haus ist nicht mehr bewohnt, seit­dem wir aus­ge­zo­gen sind. Ich bemer­ke nun, dass der Raum grö­ßer wird, je län­ger ich hier ste­he und mich umschaue. Die Wän­de wach­sen in die Höhe, das Wohn­zim­mer dehnt sich zu einer Hal­le aus. Ich weiß auf ein­mal, ich muss mich beei­len. Ich lau­fe auf die Tür zu, mei­ne Schrit­te machen merk­wür­di­ge Geräu­sche, ich bli­cke hin­ab, sehe, ich lau­fe auf Est­rich, es gibt kei­nen Tep­pich mehr. Ich muss zur Küche kom­men, bevor alles sich so sehr wei­tet, dass ich sie nicht mehr errei­chen kann. Aus der Wohn­zim­mer­tür sprin­ge ich — über den Flur hin­weg wie über einen Bach — direkt in die gegen­über­lie­gen­de Küche hin­ein. Es bleibt kei­ne Zeit, um Bad, Kin­der- und Kla­vier­zim­mer zu besu­chen, das muss ich hin­neh­men. Dafür kom­me ich direkt zum Wich­tigs­ten: den Gemäl­den. Ich habe sie auf die Küchen­wand gemalt. Drei Stück neben­ein­an­der. Sie sind noch da. Ich bin erleich­tert. Auch sie wach­sen nun, sind bald höher als ich groß bin. Ich sehe sie nur ver­schwom­men, Ansamm­lun­gen von pas­tell­far­be­nen Farb­fle­cken, die umso mehr hin- und her­wa­bern, je län­ger ich hin­schaue. Aber ich ken­ne sie, ich ken­ne sie gut, ich weiß, hier fängt alles an.

Foto: privat
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Anne­gret Ach­ner: ›Bei­fang‹
»Da hängt was Gro­ßes drin«, sagt Enno plötz­lich. Knud­sen fällt die kal­te Pfei­fe aus dem Mund.
»Sieht aus wie ein gro­ßer Fisch?«, sagt Jan. Enno dreht an der Winsch, um das Netz wei­ter hoch­zu­zie­hen. »Schiet, das sieht komisch aus. Ganz ver­west«, sagt er und kneift die Augen zusam­men. »Wahr­schein­lich ein Schweins­wal. Von Rob­ben ange­knab­bert.«
»Glaub ich nicht«, knurrt der alte Fischer, stemmt sich nach hin­ten, um das Netz aufs Deck zu zie­hen.
»Los, glotzt nicht! Fasst zu!«
Im Netz hängt kein Fisch. Es ist ein Mensch. Ein toter Mann. Ange­fres­sen von Fischen oder Rob­ben. Jan wankt zur Reling, würgt.
»Nicht gegen den Wind«, schreit Enno. »Zur Lee-Sei­te, du Dös­bad­del!« Aber auch er ist grün im Gesicht.
Mit schnel­len Schrit­ten ist Knud­sen am See­funk­ge­rät im Nie­der­gang. Er nimmt das Funk­ge­rät und wählt Kanal 16.
»Bre­mer­ha­ven Weser Traf­fic! Bre­mer­ha­ven Weser Traf­fic! Bit­te mel­den!«
Ein kna­cken­des Geräusch. Eine tie­fe Män­ner­stim­me.
»Bre­mer­ha­ven Weser Traf­fic! Bre­mer­ha­ven Weser Traf­fic! Any Pro­blems?«
»Hier Fisch­kut­ter Mari­et­ta! Kut­ter Mari­et­ta!«
»Was ist los Knud­sen? Hier ist Hin­nerk. Wech­sel auf Kanal 22«, schnarrt die Stim­me.
»Ok, bin auf Kanal 22. Hin­nerk, wir haben ein Pro­blem.«
»War­te, ich habe euch auf dem Bild­schirm. Doch wohl nicht Mann über Bord?«
»Eher das Gegen­teil. Lei­che an Bord.«
»Du machst Wit­ze. Doch nicht euer Green­horn?«
»Um Got­tes wil­len! Nee, nee, eine Lei­che. Ein Mann. Mit dem Netz aus dem Was­ser gezo­gen. Könnt ihr ein Boot schi­cken? Küs­ten­wa­che oder Was­ser­po­li­zei. Egal, wer in der Nähe ist.«
»Eure Koor­di­na­ten?«
Knud­sen guckt auf das GPS: »53° 48‘ 30‘‘ N und 7°55‘10‘‘ E.«
»Hal­tet die Posi­ti­on. Notiert alle Daten: Uhr­zeit, Koor­di­na­ten eurer Posi­ti­on, Wet­ter­da­ten und Strö­mung. Und fasst nichts an. Im Moment liegt ein Boot der Was­ser­schutz­po­li­zei Wil­helms­ha­ven in Wan­ger­oo­ge. Ich ver­su­che, die raus­zu­schi­cken!«

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