Werkstattheft MiniLit Nr. 9

Wäh­rend der Werk­statt ›Dann leben sie noch heu­te …!‹ sind fol­gen­de Tex­te ent­stan­den, die in einem Werk­statt­heft unse­rer Rei­he Mini­Lit (Nr. 9) ver­öf­fent­lich wur­den.

 

Vogel wer­den (von Lau­ra Mül­ler-Hen­nig)

Ich neh­me mein Schwes­ter­chen an die Hand. Ihre Hand ist klein und warm. Mein Schwes­ter­chen spricht nicht viel, hat noch nie viel gespro­chen. Schon mit dem ers­ten Wort hat sie sich lan­ge Zeit gelas­sen. Sie zeig­te auf eine Ente und rief: „Voooo­gel!“ Sie sprach immer wie­der die­ses Wort aus, als woll­te sie prü­fen, ob sie es noch konn­te. Sie freu­te sich jedes Mal, wenn es ihr gelang, lach­te dann, und wir lach­ten auch. Wir freu­ten uns, dass sie nun zu spre­chen begon­nen hat­te.

In letz­ter Zeit schläft Mama ziem­lich viel. Ein biss­chen wie Dorn­rös­chen, hat Papa erklärt, weil es eine Wei­le dau­ern wird, bis sie nicht mehr so müde ist. Mor­gens besu­chen wir sie in ihrem Zim­mer. Die Vor­hän­ge sind zuge­zo­gen. Mama liegt unter der Dau­nen­de­cke, streckt ihre Hand aus und streicht uns über den Kopf. Dann lau­fen wir los, Hand in Hand, nach drau­ßen in den Park, zum Enten­teich.

Mei­ne Schwes­ter sagt „Stein“. Beim Enten­teich spie­len wir, dass wir Stei­ne sind. Ein gro­ßer und ein klei­ner Stein. Wir kni­en uns auf den Boden, machen uns kugel­rund, blei­ben ein­fach so. Wir dür­fen nur flach atmen und kei­ne Geräu­sche machen, denn die Leu­te, die vor­bei­ge­hen, sol­len nicht sehen, dass wir kei­ne Stei­ne sind; und sie erken­nen uns tat­säch­lich nicht, obwohl wir manch­mal kichern müs­sen. Sogar Papa fällt dar­auf her­ein, als er uns zum Essen ruft. Wir wol­len noch nicht nach Hau­se, wol­len noch eine Wei­le Stei­ne blei­ben. Erst als die Däm­me­rung ein­setzt, gehen wir zurück. Mein Schwes­ter­chen sagt: „Ver­giss mich nicht!“ Ihre Hand liegt klein und warm in mei­ner.

Nein, ich ver­gess’ dich nicht, und du ver­gisst mich auch nicht.“

Sie blickt nach unten, setzt has­tig einen Fuß vor den ande­ren und sagt: „Nim­mer­mehr!“

Am Tag danach ist Mama immer noch müde. Sie streicht uns über den Kopf, rich­tet sich müh­sam auf, beugt sich nach vor­ne und gibt uns einen Kuss auf die Stirn. Dann fällt sie zurück in die Kis­sen und schläft wei­ter. Wir spie­len wie­der am Teich, legen uns auf den Bauch. Jetzt sind wir das Gras. Gras war das drit­te Wort, das mei­ne Schwes­ter in ihrem Leben gespro­chen hat. Die Leu­te spa­zie­ren über uns hin­weg, die Hun­de tol­len auf uns her­um, die Kin­der spie­len Fris­bee und Feder­ball auf uns. Wir wer­den bes­ser, kön­nen uns zusam­men­rei­ßen, unser Kichern unter­drü­cken. Nur manch­mal ent­wischt uns noch ein klei­nes Gluck­sen. Wie­der fin­det uns Papa nicht, als er uns zum Essen ruft. Wir wol­len jetzt nicht zurück, es ist ein­fach noch zu schön, Gras zu sein.

Also blei­ben wir so, bis die Däm­me­rung ein­setzt. Mein Schwes­ter­chen fragt: „Du ver­gisst mich doch nicht, oder?“

Nein, ich ver­gess’ dich nicht, und du ver­gisst mich auch nicht.“

Nim­mer­mehr“, sagt sie und drückt fest mei­ne Hand.

Am nächs­ten Tag sitzt Mama auf­recht im Bett, hat bereits auf uns gewar­tet, streicht uns über den Kopf und küsst uns auf die Stirn. Dann sind wir schon wie­der am Teich.

Wir set­zen uns ans Ufer, wol­len so still sein wie das Was­ser, das schwei­gend vor uns liegt. Wir sind gut gewor­den, schaf­fen es, kein ein­zi­ges Wort zu spre­chen. Als Papa uns zum Essen ruft, erkennt er uns nicht. Wir sind eins gewor­den mit dem Teich. Bald wird es dun­kel, aber ein biss­chen wol­len wir noch blei­ben.

Du ver­gisst mich nicht und ich ver­gess’ dich auch nicht!“, erklärt mein Schwes­ter­chen mit fes­ter Stim­me.

Nim­mer­mehr“, sage ich.

Sie nickt zufrie­den. Eine Stim­me ruft nach uns, sie klingt ver­traut, wir haben sie lan­ge ver­misst. Mei­ne Schwes­ter lässt über­rascht mei­ne Hand los und dreht sich um. Unse­re Mut­ter kommt ans Ufer gelau­fen und setzt sich zu uns. Auch sie ist ganz still, ist jetzt wie wir eins mit dem Teich.

Wind kommt auf und mit ihm erhe­be ich mich in die Luft. Mit ein paar Flü­gel­schlä­gen gelan­ge ich zur Mit­te des Tei­ches, las­se mich auf dem Was­ser nie­der. Es ist kalt, umspielt mei­ne Federn, kühlt mei­nen Bauch. Ich sehe, wie mei­ne Schwes­ter etwas zu mei­ner Mut­ter sagt und ihre Lip­pen Wor­te for­men, aber ich kann sie nicht ver­ste­hen. Die Däm­me­rung hat ein­ge­setzt. Ich seh­ne mich nach dem Grund unter mir, die Sehn­sucht steigt lang­sam immer wei­ter in mir auf, bis sie beginnt, unter mei­nem Gefie­der zu pul­sie­ren.

Mei­ne Schwes­ter und mei­ne Mut­ter bli­cken in mei­ne Rich­tung, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie mich sehen kön­nen oder durch mich hin­durch­bli­cken auf die Land­schaft hin­ter mir. Ich brei­te mei­ne Flü­gel aus, schla­ge ein paar Mal in die Luft, ohne abzu­he­ben, sprei­ze noch ein­mal die Federn, lege die Flü­gel wie­der an, hal­te mei­nen Vogel­leib gespannt und tau­che, Schna­bel vor­an, zum Grund hin­ab.

(Adap­ti­on von »Fun­de­vo­gel«)


Hin­ter der Rosen­he­cke (von Lui Kohl­mann)

Die Blät­ter schlu­gen mir ins Gesicht. Ein paar Schrit­te vor mir hat­te Ber­tha sich durch das grü­ne Dickicht gewühlt. Ich folg­te ihr. Far­ne, Schmet­ter­lings­bäu­me, hüft­ho­he Brenn­nes­seln, die sogar durch unse­re Klei­dung sta­chen. Mei­ne Haut brann­te. Rosen­ran­ken türm­ten sich hoch über uns auf, ihre dor­ni­gen Wider­ha­ken bohr­ten sich durch mei­ne Jacke und hiel­ten mich fest. Von wei­ter vor­ne hör­te ich Ber­tha mur­meln: „Rosa cani­na, Rosa brac­tea­ta, Rosa phoe­ni­cia Boiss, Urti­ca dioi­ca, Osmun­da rega­lis, Budd­le­ja davi­dii …“

Ber­tha! Wie kommst du so schnell da durch?“

Ber­tha blieb ste­hen. Ich kämpf­te mich wei­ter vor­an. Um eini­ge Schram­men rei­cher, gelang­te ich schließ­lich bei ihr an. Mit einem Taschen­mes­ser schnitt sie soeben einen Rosen­zweig ab, der eine Knos­pe, Blät­ter und Dor­nen trug.

Sie steck­te ihn in ihren Ruck­sack. „Für spä­ter“, sag­te sie.

Ich nick­te, zog mei­ne Kame­ra her­vor und doku­men­tier­te mei­ne Ver­let­zun­gen. „Foto­gra­fier auch noch die Troll­blu­me und den Grü­nen Nies­wurz! Die sind auf der Roten Lis­te der aus­ster­ben­den Arten. Ich habe die jah­re­lang nicht mehr gese­hen.“

Ich foto­gra­fier­te die Blu­men, auf die Ber­tha zeig­te. Die gel­ben Blü­ten der einen lagen über­ein­an­der wie ein zer­knautsch­tes miss­lau­ni­ges Gesicht.

Los, wei­ter!“, dräng­te Ber­tha.

Wir hör­ten nur das Rascheln der Blät­ter und unse­re Schrit­te.

Wo waren die Vögel? Wo waren die Käfer, Schmet­ter­lin­ge und ande­ren Insek­ten? Wir stan­den jetzt inmit­ten von Dor­nen­bü­schen. Es war dun­kel um uns her­um. Ein biss­chen Licht fiel nur durch einen klei­nen Durch­gang hin­ter uns, der sich – bil­de­te ich mir das ein? – lang­sam wie­der schloss.

Zeit für die Mache­te?“, frag­te ich unsi­cher.

Ich fürch­te, ja.“

Ber­tha hol­te die Mache­te aus ihrem Ruck­sack. Sie lag sicher in ihren seh­ni­gen, star­ken Hän­den und bahn­te uns einen Weg durch das Geäst. Ich hat­te jedes Gefühl für Zeit ver­lo­ren. Ich schau­te auf mein Han­dy. Zwei Stun­den schlu­gen wir uns schon durch die­se wil­de Vege­ta­ti­on. Plötz­lich ein schep­pern­der Laut. Ber­tha muss­te mit der Mache­te etwas Har­tes getrof­fen haben. Eine Wand? Ich leuch­te­te mit dem weni­gen Licht, das mein Han­dy bot, durch die Dor­nen: graue, dunk­le Stein­qua­der.

Es ist hier.“

Mei­ne Stim­me beb­te vor Erre­gung. „Wir müs­sen den Ein­gang fin­den.“

Wir beweg­ten uns nun an der Wand ent­lang, schab­ten und schlu­gen die knor­ri­gen Äste vom Mau­er­werk und tas­te­ten jede Uneben­heit ab, in der stän­di­gen Erwar­tung, auf ein Fens­ter, eine Tür oder ein Loch zu sto­ßen.

Hier ist etwas!“

Hin­ter den Dor­nen lag, kaum sicht­bar, eine mod­ri­ge Holz­tür mit einer ros­ti­gen Klin­ke. Ber­tha befrei­te die Tür vom Gewächs. Ich begann an der Klin­ke zu rüt­teln, zu zie­hen und zu drü­cken.

Nicht mit Gewalt.“ Ber­tha leg­te sanft ihre Hand auf mei­ne und drück­te die Klin­ke her­un­ter. Die Tür ließ sich öff­nen, schwer­fäl­lig und knar­zend.

Drin­nen herrsch­te dich­tes Schwarz. Der Geruch von Fäul­nis ström­te uns ent­ge­gen. Nur das Han­dy­licht warf einen blas­sen Licht­ke­gel vor unse­re Füße.

Wie viel Akku hast du noch?“

Drei­zehn Pro­zent“, las ich vom Dis­play ab. „Wenn ich das Licht anlas­se, viel­leicht noch eine Stun­de, viel­leicht nur eine hal­be.“

Und die Kame­ra? Mach mal ein Foto mit Blitz, ich will sehen, was hier ist, wie groß der Raum ist.“

Ich hol­te die Kame­ra her­vor. Für einen kur­zen Augen­blick war alles in glei­ßen­des Licht getaucht. Ich war geblen­det.

Zeig das Foto!“, ver­lang­te Ber­tha.

Pil­ze, Schim­mel über­wu­cher­ten, was viel­leicht ein­mal Möbel gewe­sen waren. Wei­ter hin­ten im Raum ein Durch­gang.

Da müs­sen wir durch.“ Vor­sich­tig bahn­ten wir uns einen Weg durch den Raum, im engen Radi­us des Han­dy­lichts. Ich ver­such­te, den Pilz­ge­schwü­ren aus­zu­wei­chen, doch Ber­tha zogen sie magisch an.

Ich will eine Pro­be neh­men“, sag­te sie und griff mit einem Plas­tik­beu­tel nach einem Pilz, der im schwa­chen Licht schlei­mig glänz­te. Doch als sie den Pilz abzog, sah sie, dass sich dar­un­ter alter Stoff hob und senk­te.

Vor Schreck hiel­ten wir die Luft an und hör­ten – ganz lei­se – einen frem­den Atem. Wir fuh­ren den rie­si­gen Schleim­pilz mit dem Licht ab. Er hat­te sich um einen Kör­per geschlun­gen. Am Boden des Pil­zes lug­ten zwei Füße her­vor, die in alt­mo­di­schen Schlap­pen steck­ten.

Die Gerüch­te bewahr­hei­te­ten sich also. Damit hat­te ich nicht gerech­net.

Wei­ter!“, flüs­ter­te Ber­tha schließ­lich und schob mich ent­schie­den fort, ins nächs­te Zim­mer. Auch dort waren über­all rie­si­ge Pil­ze – und jetzt, da ich es wuss­te, hör­te ich ganz lei­se von über­all her Atem­ge­räu­sche …

Wir beweg­ten uns von Zim­mer zu Zim­mer. Ber­tha nahm Pro­be um Pro­be. Der Akkustand sank bestän­dig. Zuletzt, als nur noch drei Pro­zent ver­blie­ben, fan­den wir uns vor einer geschlos­se­nen Tür wie­der. Alter Lack blät­ter­te ab.

Wir zogen die Tür auf. Vor uns wand sich eine stei­ner­ne Wen­del­trep­pe in die Höhe. Wir stie­gen empor. Unse­re Schrit­te hall­ten. Als wir auf der obers­ten Stu­fe stan­den, waren wir in einem klei­nen Raum ange­kom­men. Mit Löchern in den Wän­den, durch die Schling­pflan­zen und Rosen in das Zim­mer wuch­sen.

Ein ein­sa­mes Bett und ein Spinn­rad stan­den dort.

(Adap­ti­on von »Dorn­rös­chen«)

Werkstattheft MiniLit Nr. 6

Wäh­rend der Werk­statt ›An Bord — Über­Le­ben von A nach B‹ sind fol­gen­de Tex­te ent­stan­den, die in einem Werk­statt­heft unse­rer Rei­he Mini­Lit (Nr. 6) ver­öf­fent­lich wur­den.

 

Blät­ter­fall (von Ane­ta Potry­kus)

Käl­te. Kal­tes Meer an das Boot schlägt. Kal­te Luft mei­ne Haut peitscht. Fest zusam­men­ge­schnürt den Stoff um mich gehüllt, was­ser­ab­wei­send, doch nicht resis­tent. Alles ist Käl­te. Ich ver­su­che, lang­sa­mer zu atmen. Die Käl­te gelangt in einem Sog in mei­ne Lun­ge und packt sie, umhüllt sie mit eisi­gem Schau­er. Atem­zug um Atem­zug brei­tet sie sich aus und will nicht mehr ent­wei­chen.

Ich muss die Luft anhal­ten, die Käl­te abschüt­teln. Sie wird mein Tod sein. Nicht in den Flu­ten ertrin­ken. Nicht durch Hun­ger oder Trink­was­ser­not wird das Leben ein Ende neh­men. Ich hal­te die Luft an, Ener­gie spa­ren. Lau­sche dem Meer, wel­ches ich nicht mehr ertra­gen kann. Es ist kein Lau­schen, schon lan­ge nicht mehr. Ich bin dem aus­ge­setzt, aus­ge­lie­fert. Das per­ma­nen­te Geräusch des Mee­res dröhnt in mei­nen Ohren.

30 Sekun­den sind ver­stri­chen oder schon mehr. Zäh­le ich zu lang­sam oder zu schnell. Das Dröh­nen. Ich neh­me einen Atem­zug und öff­ne dabei die Augen. Ein Blatt, es fällt vom Him­mel. Es wird still um mich. Und noch eins! Ich kann das Meer nicht mehr hören. Kein Geräusch. Frost weicht Wär­me. Ich will schrei­en, rufen, mei­nen Kame­ra­den die Blät­ter zei­gen. Die Kame­ra­den, lan­ge habe ich schon nicht mehr an sie gedacht. Ich muss­te Ener­gie spa­ren. Schon seit Tagen beach­te ich sie nicht mehr, die neben mir ste­hen. Einer steht vor mir, vier oder fünf auf der rech­ten und zwei auf der lin­ken Sei­te. Es ist einer­lei, wel­chen Platz ein Mensch in die­sem Boot ein­nimmt. Doch jetzt möch­te ich rufen: „Hört hin, der Lärm, ja der Lärm, ich höre ihn nicht. Fühlt, atmet, die Käl­te ist ver­gan­gen.“

Ich könn­te in das Meer sprin­gen, die Blät­ter mit den Hän­den grei­fen. Sie aus dem Meer fischen und kei­ne Käl­te wür­de ich spü­ren. Es wäre nicht mal bedenk­lich oder gar todes­mu­tig. Das Meer hat sich auf mei­ne, auf unse­re Sei­te gestellt. Die Käl­te und den Lärm mit­ge­nom­men. Kann das sein?

Blät­ter fal­len vom Him­mel, wahr­haf­tig, mit­ten auf dem Meer. Kein Wald, kein ein­zi­ger Baum steht in der Nähe. Mei­ne Kame­ra­den haben die Augen ver­schlos­sen. Ich soll­te sie wecken, aber viel­leicht fal­len die Blät­ter dann schnel­ler ins Meer oder das Ereig­nis ent­flieht inner­halb einer Sekun­de und die Käl­te kehrt zurück. Viel­leicht darf nur ich die­ses Spek­ta­kel erle­ben. Wie in Zeit­lu­pe fal­len die Blät­ter, lang­sam, lang­sa­mer, noch lang­sa­mer. Ich atme. Wär­me durch­strömt mich. Hit­ze.

Nein! Ich wer­de nie­man­den rufen. Dies ist mein Erleb­nis. Das sind mei­ne Blät­ter. Ich ver­su­che, kei­nen Laut von mir zu geben und lang­sam zu atmen. Wie wun­der­schön die Blät­ter sind. Eins kann ich doch grei­fen. Lang­sam den Arm stre­cken, lei­se, noch lei­ser und zugrei­fen. Mei­ne Blät­ter. Der lin­ke Kame­rad öff­net die Augen. Ver­flixt, ich war zu laut. Er lächelt und ruft: „Schaut, Blät­ter fal­len vom Him­mel.“ Da öff­nen alle Kame­ra­den die Augen. Kein wei­te­res Blatt fällt mehr vom Him­mel. Ich atme kal­te Mee­res­luft ein. Viel­leicht stür­ze ich mich auf den Kame­ra­den. Viel­leicht schlie­ße ich die Augen und wer­de sie nie wie­der öff­nen. Viel­leicht sprin­ge ich ins Meer. Lang­sam schlie­ße ich die Augen. Käl­te.


An Bord eines Raum­schiffs (von Johan­na Schwarz)

I

Ich ste­he an der Reling im Wind, im Wiii­ind. Ich kon­zen­trie­re mich auf das Gefühl, wie er über mei­ne Haut streicht, mich leicht frös­teln lässt. Ich will es spei­chern, ein­pa­cken, mit­neh­men. Ich wer­de es viel­leicht nie wie­der spü­ren. Mein Bauch beginnt zu grum­meln, nicht vor Hun­ger, es ist die­se ver­wir­ren­de Mischung aus Auf­re­gung, Unge­duld und Angst. Was wird mich erwar­ten?

Mein Abschied ist unter dem Man­tel die­ser Gefüh­le an mir vor­bei­ge­zo­gen. Als sie mich in die Arme schlos­sen und mir „Viel Glück!“ wünsch­ten. Die Kol­le­gen aus dem Labor, die mein­ten: „Wie­so aus­ge­rech­net du und nicht ich?“ Mei­ne Eltern, die mir eigent­lich sagen woll­ten: „War­um machst du das? Wir brau­chen dich hier.“

Ich muss es tun, sei­net­we­gen. Ich wuss­te es in dem Augen­blick, als ich die Aus­schrei­bung sah. Kein Moment des Zwei­felns. Auch jetzt nicht, da ich das Raum­schiff vor mir sehe und alles zum Grei­fen nah ist.

Es war sein Traum. Er hat­te von nichts ande­rem mehr gespro­chen und mir zu Weih­nach­ten ein Tele­skop über­reicht. „Siehst du, das hier ist die Erde.“ Er zeig­te auf unse­re Füße: „Da sind wir jetzt.“ Dann dreh­te er am Objek­tiv des Fern­rohrs: „Und wenn ich mal nicht mehr bin, dann trei­be ich irgend­wo dort drau­ßen umher.“

Wor­te, die sich in mein klei­nes Gehirn ein­brann­ten.

Er ist nicht mehr ganz rich­tig im Kopf“, hat­ten mei­ne Eltern gesagt. Und jetzt dach­ten sie das­sel­be über mich.

Ent­schlos­sen wen­de ich mich um und gehe hin­ein, um auf den Mor­gen zu war­ten, auf den Abflug, auf den Moment, in dem sich alles umkehrt und mein Him­mel nicht mehr blau ist, son­dern tief­schwarz und vol­ler greif­ba­rer, fun­keln­der Mög­lich­kei­ten.

II

Kli­cken, Rau­schen. Die Knöp­fe blin­ken in mei­nen Augen­win­keln. Ganz wild, ganz rot. Ein schlech­tes Zei­chen? Geht irgend­was schief? Etwas drückt auf mich, die Ton­nen Metall um mich her­um bewe­gen sich. Es ruckt und wackelt. Ich kip­pe zur Sei­te, sehe die Sche­men der ande­ren vor­bei­zie­hen. Was, wenn ich fal­le … was, wenn ich mich ver­let­ze … wenn … Mein Magen stürzt ab, wie in die­sen High-Speed-Auf­zü­gen. Ich klam­me­re mich an den Sitz und mei­ne Fin­ger­knö­chel wer­den weiß. Ich sehe kein Drau­ßen. Ich spü­re, wie wir an Höhe gewin­nen, aber ich sehe es nicht. Mei­ne Gedan­ken ent­wi­schen mir, ich füh­le den Druck auf mei­nen Schlä­fen, sehe das Augen­paar mir gegen­über, weit auf­ge­ris­sen, und fra­ge mich, wie ich selbst aus­se­he. Auf mei­nem Sitz gekau­ert. Wir sind jetzt Schat­ten. Erstarr­te Sil­hou­et­ten inmit­ten von roten Blink­lich­tern.

III

Ich schwe­be zu einem der Ses­sel und las­se mich dar­auf nie­der. Die ande­ren sind in Bücher ver­tieft oder in einem ande­ren Teil des Raum­schiffs unter­wegs. Sie haben auf­ge­hört, täg­lich Video­bot­schaf­ten zu sen­den. Ich habe noch kei­ne ein­zi­ge ver­schickt.

Die anfäng­li­che Begeis­te­rung über die Schwe­re­lo­sig­keit hat nach­ge­las­sen, die regel­mä­ßi­gen Zusam­men­stö­ße in der Luft auch. Jetzt ver­geht die Zeit zäh, wie in einem end­lo­sen Zustand.

Wir sind zu viert. Mag­gie ist sehr ruhig, sie sitzt meis­tens am Fens­ter, aber wenn sie sich doch ins Gespräch ein­mischt, fun­keln ihre Augen vor Vor­freu­de und ihre ruhi­ge Stim­me bringt alle zum Zuhö­ren und Träu­men. Ben hin­ge­gen ist immer auf­ge­kratzt, unru­hig, er kann das War­ten am wenigs­ten ertra­gen und bringt uns mit sei­nen Wit­zen und sei­ner Unru­he ent­we­der zum Lachen oder treibt uns zur Weiß­glut. Nur Lin­da bringt ihn manch­mal zum Schwei­gen, wenn sie sich durch ihre glän­zen­den Haa­re streicht und ihn abschät­zig anblickt. Noch schaut sie auf uns alle her­ab, aber wenn ihr end­gül­tig bewusst wer­den wird, dass es nur uns vier gibt und die Zuschau­er vor dem Fern­se­her nichts für sie tun kön­nen, wird sie von ihrem hohen Ross her­un­ter­stei­gen müs­sen. Ich hal­te mich meis­tens raus. Ich muss mei­ne Posi­ti­on erst noch fin­den und wer­de bis dahin beob­ach­ten.

IV

Wir befin­den uns nun in einem selt­sa­men Zwi­schen­raum, in dem wir nicht so recht auf­ein­an­der zukom­men. Über unse­re Erin­ne­run­gen, denen wir nach­hän­gen oder von denen wir uns lang­sam zu lösen ver­su­chen, wol­len wir nicht ger­ne spre­chen. Nur manch­mal bre­chen Hoff­nungs­schim­mer aus dem einen oder ande­ren her­aus. Wir gera­ten ins Schwär­men, über­le­gen, wie es wohl sein wird. Mag­gie dreht sich dann zu uns um und malt die Zukunft in den bun­tes­ten Far­ben. Sie blickt dabei oft zu mir her­über und ich füh­le mich unwohl und geschmei­chelt zugleich, da sie mich anschei­nend als Teil die­ser Zukunft akzep­tiert hat.

Jedes Mal gelan­gen wir irgend­wann an den Punkt, an dem Ben stöhnt: „Wären wir doch end­lich da.“ Danach herrscht wie­der Schwei­gen, und wir keh­ren zu unse­ren Beschäf­ti­gun­gen zurück – als wäre nichts gesche­hen.


Mars One (von Vio­la Bau­er)

I

Mir scheint, so weich wie heu­te war das Fell hin­ter dei­nen Ohren noch nie. Bereits eine hal­be Stun­de sit­ze ich hier und streich­le in Gedan­ken dei­nen Kopf. Ich spü­re dich so deut­lich, dass ich anfan­ge, lose Haa­re von mei­ner Hose zu zup­fen. Wie blöd kann man sein?

Tie­re sind nicht erlaubt, ich flie­ge allein. Das habe ich mir so aus­ge­sucht, und es wird mir den Schlaf rau­ben.

Ich wer­de die Erde ver­las­sen, einen Neu­start wagen, alles auf null set­zen. Als einer der ers­ten Men­schen. Allen Ärger, alles, was uns belas­tet, kön­nen wir zurück­las­sen. Wir star­ten ohne Krieg in unse­rer Geschich­te. Ohne Geld. Wir wer­den eine neue Gesell­schaft bil­den. Wer könn­te da Nein sagen? Wir wer­den die Zukunft sein.

II

Mei­ne Knie zit­tern, ich kann sie nicht still­hal­ten. Was willst du hal­ten?

Die­se Vibra­ti­on. Die­ser Druck. Den Weg zurück gibt es nicht, Mag­gie.

Halt den Mund!“

Mein lin­kes Auge pocht, es brennt, will bers­ten. Ein wei­ßer Blitz rammt sich in mei­nen Schä­del. Zurück! Weg! Schluss! Ich wer­de ver­rückt. Grün. Gelb. Schwarz. Mei­ne Welt dreht sich. Her­um. In mei­nem Magen. Drückt sich. Her­aus. Der Lärm schluckt alles. Er wird dich schlu­cken! Jetzt.

III

Ich habe ange­fan­gen, mir Ritua­le zu schaf­fen. Mor­gens, oder bes­ser: Wenn ich die Augen öff­ne, rezi­tie­re ich das ers­te Gedicht, das mir ein­fällt, oder sin­ge die ers­te Lied­zei­le stumm vor mich hin. Ich neh­me ein­fach den aller­ers­ten Gedan­ken und erzäh­le eine klei­ne Geschich­te, nur für mich. Zeit ist rela­tiv.

Jedes Mal erstaunt es mich aufs Neue, wie mei­ne Augen­li­der irgend­wann vor Erschöp­fung zufal­len und mich mit die­sem Akt der Mil­de in einen Däm­mer­zu­stand zwi­schen Traum und Nichts sin­ken las­sen. Heben die Lider sich, durch­schrei­te ich das Tor zu mei­ner per­sön­li­chen Höl­le.

Unse­re mensch­li­chen Geräu­sche ver­mi­schen sich mit den Geräu­schen der Maschi­ne, den Piep­sern, dem Rau­schen des Air Con­di­tio­ners, der unse­re Luft keim­frei auf­be­rei­tet zu unse­ren Lun­gen zurück­schickt. In die­sem Cha­os wabert die eine Sei­te zur ande­ren, immer häu­fi­ger ent­glei­tet mir das Oben und Unten, bis selbst Mensch und Maschi­ne unun­ter­scheid­bar wer­den.

Ich hof­fe jeden Tag, dass mir die Wor­te blei­ben, die Lie­der, die Geschich­ten, dass sie auf eine uner­gründ­li­che Art ange­spült wer­den und ich sie auf­sam­meln kann wie die Muscheln als Kind.