›Ostfriesland‹ (AT) von Helge Hommers

Helge Hommers
Foto: Saskia Pertersen

Bremer Autorenstipendium 2018

Die Bremer Autorenstipendien 2018 erhielten Helge Hommers und Jörg Kasimir.
Lesen Sie an dieser Stelle einen Auszug aus dem eingereichten und prämierten Manuskript von Helge Hommers. Einen Auszug aus dem Text von Jörg Kasimir finden sie hier >>.

Helge Hommers: ›Ostfriesland‹ (AT)

Meine Ur-Oma war eine starke Teetrinkerin. Manche aus der Familie behaupten, sie habe genauso viel Tee in sich hineinschütten können wie mein Ur-Opa Schnaps. Und das, so erzählt man sich, soll eine beträchtliche Menge gewesen sein.

Erinnern kann ich mich kaum an sie, weder an ihr Gesicht noch an den Klang ihrer Stimme. Dafür an das schwarze, bis unters Kinn geknöpfte Kleid und das Zweimarkstück, das sie mir gab, wenn ich für ein paar Minuten bei ihr gewesen war.

So spendabel Ur-Oma war, so stur soll sie auch gewesen sein. Von ihren Ansichten und Vorhaben ließ sie sich so gut wie nie abbringen. Auch dann nicht, wenn die Argumente eher gegen sie sprachen. So war es auch damals, kurz nachdem sie meinen Opa zur Welt gebracht hatte.

Wie jedes Mal, wenn die Dorfhebamme von Ur-Opa ihren Lohn entgegengenommen hatte, fuhr Ur-Oma ein paar Tage später nach Emden. In die Stadt, wie sie zu sagen pflegte. Leisten konnte sich die Familie solche Ausflüge nicht. Doch Ur-Oma bestand darauf, denn ein paar Jahre zuvor hatte sie Ur-Opa das erste Mal zum Vater gemacht, woraufhin sie die einzige gemeinsame Reise ihres Lebens antraten, um in Emden Schuhe für das Neugeborene zu besorgen.

Ur-Oma, die bis dahin nur in klobigen Holzpantinen herum geschlurft war, erhielt ebenfalls ein Paar Lederschuhe. Diesen Luxus wollte sie sich erhalten und rang meinem vor Glückseligkeit unzurechnungsfähigen Ur-Opa das Versprechen ab, bei jedem weiteren Sohn ein neues Paar kaufen zu dürfen.

So viele Söhne, dachte Ur-Opa, kann sie gar nicht gebären, um die Familie arm zu machen, und willigte ein. Doch da hatte er seine Frau unterschätzt.

›Ruinös‹ von Jörg Kasimir

Jörg Kasimir
Foto: privat

Bremer Autorenstipendium 2018

Die Bremer Autorenstipendien 2018 erhielten Helge Hommers und Jörg Kasimir.

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Jörg Kasimir: ›Ruinös‹

War zuerst die Backstube weg oder war alles vorbei, als die Kirchturmglocke nicht mehr erneuert wurde? Schwer zu sagen, sicher ist aber, dass der Strom im Dorf immer häufiger ausfiel, spätestens das war der Weckruf, zu gehen. Das Postamt war vor drei Jahren geschlossen worden. Das hätte schon früher passieren können, aber das nunmehr auch aufgelöste Büro für Abwicklungen aller öffentlichen Arten tat sich schwer mit dem alten Müll, alles keine einfache Frage der Entsorgung!

 

Irgendwann begann man, das Amt vollständig mit Brettern zu vernageln, da war schon alles zugewachsen mit Kletterpflanzen. Schon kurze Zeit danach konnte sich niemand mehr an das alte Postamt erinnern.

 

An dem Tag, als Eggert mit der Matratze unterm Arm den Bäckerberg hinunterging, kam ihm der Ortsvorsteher entgegen und fluchte:

„Hey Esel, hast du den Wicht von der Bonne gesehen? Der hat unser Ortsschild weggenommen und ein eigenes aufgestellt.“

„Was steht denn drauf?“

„Tür zu!“

 

Der Ortsvorsteher war der letzte, der den Esel sah. Der Mann würde sich aber nicht mehr an ihn erinnern müssen, denn nur eine Woche später verschwand er nach Berlin, wie alle anderen auch. Auch die hundert im Dorf Verbliebenen vermissten den Esel nicht, denn man ging davon aus, dass auch er sich aus dem Staub gemacht hatte. Aber er stieg durch ein Loch im Hintereingang des alten Postamtes, nagelte es wieder zu, ließ nur so viel Platz, wie das Essen und Trinken seiner Schwester brauchte, um hineinzugelangen, und betrat den Keller, um das Haus nicht mehr zu verlassen. In dem Augenblick, als der letzte Postsekretär es sich zum ersten Mal auf der Matratze bequem machte, wusste er, was man gemeinhin mit dem Wort Glück meinen könnte. Es mochte diese Ruhe sein, die er jetzt empfand. Sie konnten krakeelen, wie es mit ihren heiseren Stimmen noch möglich war, er würde es nicht mehr hören müssen. Auch das Licht drang nur noch durch einige Ritzen im Holz. Die Fenster waren schon zugewachsen. Er musste sich an den Geruch des Moders und der Fäulnis gewöhnen, der grob und tief war, aber er würde lernen, aus Gegorenem Süßes zu schmecken.