Schreiben ist auch Handwerk‹

Foto: Lui Kohlmann
Foto: Lui Kohl­mann

Bre­men - Robin­son Cru­soe, der wohl berühm­tes­te Bre­mer der Lite­ra­tur­ge­schich­te, mach­te weni­ger mit Erzäh­lun­gen aus dem Rats­kel­ler von sich reden als mit einer Art kolo­nia­lem Pro­jekt auf einer ein­sa­men Insel. Gebo­ren war er in Eng­land als Sohn eines migrier­ten Bre­mer Kauf­manns.

Ande­re der Stadt ver­bun­de­ne lite­ra­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten, fik­ti­ve wie rea­le, ver­brach­ten Tei­le ihres Lebens an der Weser, um spä­ter in Ber­lin oder anders­wo von sich reden zu machen. Sven Rege­ner zum Bei­spiel. Den­noch gibt es in der Han­se­stadt natür­lich Men­schen, die schrei­ben. Um die küm­mert sich seit 1983 das Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor. Seit Anfang des Jah­res lei­tet Jens Laloire die Ein­rich­tung. Uns hat er erklärt, was die Lite­ra­tur­sze­ne kann und braucht.

Ist Bre­men eine Lite­ra­tur­stadt?

Es gibt eine gro­ße, viel­fäl­ti­ge Sze­ne mit Men­schen, die schrei­ben. Es sind nicht so sehr die gro­ßen Namen, die man sofort mit der Stadt ver­bin­det, des­we­gen gibt es auch weni­ger Hier­ar­chi­en. Bre­men zeich­net sich auf jeden Fall durch vie­le klei­ne und nicht so klei­ne Buch­hand­lun­gen aus. Und durch Fes­ti­vals wie Poe­try on the road, die Glo­ba­le, die Lite­ra­ri­sche Woche und die Lite­ra­Tour Nord, von der Bre­men ein Teil ist. Außer­dem hat nicht jede Stadt eine so gro­ße, schö­ne Stadt­bi­blio­thek. Und es gibt den Bre­mer Lite­ra­tur­preis, einer der wich­tigs­ten in Deutsch­land.

Das ist die Infra­struk­tur. Gro­ße Lite­ra­ten leben nicht vie­le in Bre­men, oder?

Es gibt durch­aus Autoren, die in Bre­men leben. Die Stadt ist im Bereich Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur gut auf­ge­stellt: Anke Bär, Anna Lott und Jörg Iser­mey­er publi­zie­ren bei renom­mier­ten Ver­la­gen und sind über­re­gio­nal bekannt. David Safier lebt in Bre­men. Jür­gen Alberts kennt man im Kri­mi­be­reich.

Wie macht sich Ihre Arbeit in der Stadt bemerk­bar?

Anders als klas­si­sche Lite­ra­tur­häu­ser laden wir weni­ger Autoren von außer­halb ein. Schwer­punkt ist die loka­le Sze­ne und die Arbeit mit jun­gen Autoren. Wir ver­an­stal­ten aber auch Lesun­gen mit eta­blier­ten Schrift­stel­lern, bie­ten Schreib­werk­stät­ten und Work­shops an, unter­stüt­zen Autoren mit den Bre­mer Buch­pre­mie­ren. Und wir arbei­ten mit den Lite­ra­tur­fes­ti­vals zusam­men.

Kann man die Erfol­ge Ihrer Arbeit auch sehen?

Wir haben immer­hin elf Aus­ga­ben der Mini­Lit-Serie her­aus­ge­bracht – das ist schon etwas, da bil­det sich die jun­ge Sze­ne ab. Die 30 bis 35 Buch­pre­mie­ren im Jahr kön­nen sich auch sehen las­sen. Und es gibt Autoren, die hier ange­fan­gen und sich ent­wi­ckelt haben, wie Phil­ipp Böhm, der in die­sem Jahr sein Roman­de­büt „Schel­len­mann“ im Ber­li­ner Ver­bre­cher-Ver­lag ver­öf­fent­licht hat. Böhm hat vor fünf Jah­ren zum ers­ten Mal öffent­lich in der Rei­he Dop­pel­pack gele­sen, die das Lite­ra­tur­kon­tor in der Dete ver­an­stal­tet hat. Und sein Text im Mini­Lit-Heft war im Grun­de genom­men der Aus­gangs­text für den Roman. Imke Mül­ler-Hell­mann, die mit „Leu­te machen Klei­der“ bekannt gewor­den ist, und Katha­ri­na Mevis­sen haben an Work­shops des Lite­ra­tur­kon­tors teil­ge­nom­men.

Böhm und Mevis­sen leben heu­te in Ber­lin.

Das Risi­ko, dass Leu­te Bre­men ver­las­sen, ist natür­lich da. Städ­te wie Ber­lin haben mehr Ver­la­ge, mehr Leu­te – es gibt ver­schie­de­ne Argu­men­te. Aber man­che blei­ben ja auch da.

Was fehlt Bre­men denn, um Autoren zu hal­ten?

Es fehlt zum Bei­spiel eine Lite­ra­tur­zeit­schrift, die es mit dem „Stint“ ein­mal gege­ben hat. Das wür­de ich gern wie­der­be­le­ben. Ein ech­tes Lite­ra­tur­haus wäre auch gut. Ein Ort, wo man weiß: Da gibt es Lite­ra­tur. Han­no­ver, Ham­burg und vie­le ande­re, auch klei­ne­re Städ­te haben so einen Ort, Bre­men nicht. Das Lite­ra­tur­kon­tor hat ein Büro und einen über­schau­ba­ren Etat. Ich habe mehr Stun­den bei der Kul­tur­be­hör­de gefor­dert, bevor ich im Lite­ra­tur­kon­tor ange­fan­gen habe. Vor der Wahl wur­de mir mehr Geld für Pro­jek­te in Aus­sicht gestellt. Was dar­aus wird, weiß ich natür­lich nicht. Bre­men möch­te sich für das Jahr 2023 als „City of Lite­ra­tu­re“ bewer­ben. Viel­leicht bekom­men wir in die­sem Rah­men wie­der eine Lite­ra­tur­zeit­schrift. Ich glau­be, per­spek­ti­visch gibt es gute Chan­cen, die Fra­ge ist nur, wann.

Sie haben schon von Lite­ra­tur­häu­sern gespro­chen – Bre­men hat immer­hin ein vir­tu­el­les. Ist das ein Ersatz?

Das vir­tu­el­le Lite­ra­tur­haus bie­tet neben einem Lite­ra­tur­ka­len­der, einem Audio-Archiv, einer Autoren­da­ten­bank auch das ein­zi­ge Resi­denz­pro­gramm für Autoren in Bre­men. Es wäre übri­gens auch durch­aus sinn­voll über ein Stadt­schrei­ber­pro­gramm nach­zu­den­ken. Aber das vir­tu­el­le Lite­ra­tur­haus macht eine tol­le Arbeit. Die Kapa­zi­tä­ten sind auch da aber sehr begrenzt. Das kann ein rea­les Lite­ra­tur­haus nicht erset­zen, weil es kein Ort für Ver­an­stal­tun­gen ist.

Fehlt Bre­men auch ein Stu­di­en­gang für lite­ra­ri­sches Schrei­ben?

Ich bin ganz all­ge­mein der Ansicht, dass es davon mehr geben soll­te. Im angel­säch­si­schen Raum ist das gang und gäbe. In Deutsch­land pflegt man noch die­sen Genie­ge­dan­ken, glau­be ich, dass man Schrei­ben nicht ler­nen kann. Aber dass es auch ein Hand­werk ist, wird nicht gese­hen.

Haben Sie auch schon neue Pro­jek­te ange­scho­ben?

Neu ist die Rei­he „Out Loud“, in der wir Autorin­nen mit star­ken The­men wie Migra­ti­on, Inklu­si­on oder Anti­se­mi­tis­mus ein­la­den. Da geht es eher um lite­ra­ri­sche Sach­bü­cher als um Bel­le­tris­tik. Der Hin­ter­grund ist, dass vie­le Autoren auf ihren Lese­rei­sen nicht in Bre­men halt­ma­chen. Das wol­len wir zumin­dest ein biss­chen ändern. Außer­dem waren wir unter ande­rem im Juni und Juli mit Lesun­gen und einem Stand beim Bre­mer Zine-Fes­ti­val am Güter­bahn­hof und auf der Bre­mi­na­le. Ich möch­te in sol­chen Zusam­men­hän­gen prä­sent sein und koope­rie­ren, um auch ein ande­res Publi­kum zu errei­chen.


Das Inter­view führ­te Rolf Stein
Arti­kel erschie­nen in der Syker Kreis­zei­tung, am 22.8.2019
Auch zu lesen unter: www.kreiszeitung.de

Bremer Autorenstipendien 2018 vergeben

Zur För­de­rung des lite­ra­ri­schen Nach­wuch­ses ver­gibt der Sena­tor für Kul­tur jähr­lich zwei Sti­pen­di­en zu je 2500,- Euro an Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler, die ihren Wohn­sitz in Bremen/ Bre­mer­ha­ven oder dem angren­zen­den Umland haben.

2018 gehen die Sti­pen­di­en an Hel­ge Hom­mers und Jörg Kasi­mir.

Begrün­dung der Jury:
Der Aus­zug aus Hel­ge Hom­mers’ Roman­pro­jekt ›Die Boom­gar­dens‹ erzählt unter der Über­schrift ›Das letz­te Paar Schnür­schu­he‹ zunächst die Geschich­te der Urgroß­mutter des Erzäh­lers, die 1933 kurz­fris­tig von den Nazis ver­haf­tet wur­de, weil sie bei einem jüdi­schen Schuh­ma­cher ein­kauf­te. Die­se Fami­li­en­ge­schich­te von ver­meint­li­cher Zivil­cou­ra­ge und bäu­er­li­cher Nai­vi­tät gegen­über dem NS-Herr­schafts­sys­tem ahmt ein bekann­tes Mus­ter nach, doch Hom­mers’ Text  stellt sich schließ­lich als Ver­such eines jun­gen Man­nes her­aus, die Erin­ne­run­gen sei­nes Groß­va­ters auf­zu­schrei­ben. Die­ser reflek­tier­te Umgang mit dem eige­nen Schrei­ben und den Mög­lich­kei­ten, von der Ver­gan­gen­heit zu erzäh­len, hat die Jury eben­so über­zeugt wie die sprach­li­che Qua­li­tät des Text­aus­zugs.

Aus einem Buch­pro­jekt mit 6 Erzäh­lun­gen über ver­las­se­ne Orte legt Jörg Kasi­mir ›Rui­nös‹ vor. In einem Ort nahe der pol­ni­schen Gren­ze wird nach der Wen­de ein Post­amt geschlos­sen und dann sich selbst über­las­sen. Der letz­te ver­blie­be­ne Post­haupt­se­kre­tär beschließt, sich in sein Post­amt zu bege­ben und mit ihm zusam­men den end­gül­ti­gen Ver­fall zu leben. Im Lau­fe der Jah­re lösen sich bei­de auf. Ihr zu Schutt- und Asche­wer­den schlingt sich inein­an­der. Das beschreibt der Autor als Sym­pho­nie des Ver­falls, die er mit orga­ni­schen Sprach­tö­nen und natür­li­chen Meta­phern instru­men­tiert.

Hel­ge Hom­mers
Foto: Sas­kia Perter­sen

Hel­ge Hom­mers wur­de 1989 in Emden gebo­ren. Nach dem Abitur leis­te­te er sei­nen Zivil­dienst in Bre­men, wo er im Anschluss ein Stu­di­um der Lin­gu­is­tik und Sport­wis­sen­schaf­ten begann. Danach mach­te er sei­nen Mas­ter in Trans­na­tio­na­le Lite­ra­tur­wis­sen­schaf­ten in Bre­men und Prag. Nach­dem Hom­mers bereits als frei­er Autor für den Weser Kurier gear­bei­tet hat­te, begann er dort im Herbst 2017 ein Volon­ta­ri­at.
Eini­ge sei­ner Kurz­ge­schich­ten wur­den in Lite­ra­tur­an­tho­lo­gi­en ver­öf­fent­licht und mit Prei­sen aus­ge­zeich­net.

Jörg Kasi­mir
Foto: pri­vat

Jörg Kasi­mir, 1964 in Wol­fen­büt­tel gebo­ren, hat zunächst als Ver­lags­kauf­mann gear­bei­tet, spä­ter dann an der Uni­ver­si­tät Bre­men Kul­tur­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie stu­diert. Nach dem Stu­di­um war er an der Pla­nung und Durch­füh­rung diver­ser Kunst- und Kul­tur­pro­jek­te in Bre­men betei­ligt, u.a. für die Schwank­hal­le. Für die Städ­ti­sche Gale­rie hat er im Bereich Aus­stel­lungs­or­ga­ni­sa­ti­on gear­bei­tet. Seit 2013 ist er zudem im sozia­len Bereich tätig.
Kasi­mir schreibt Erzäh­lun­gen und Essays sowie Bei­trä­ge für Kunst­ka­ta­lo­ge und Aus­stel­lun­gen.

Zur Jury 2018 gehör­ten Jan Gerst­ner (Uni­ver­si­tät Bre­men), Ulri­ke Marie Hil­le (VHS Bre­men / Autorin), Bernd Gosau (Frei­er Lek­tor) und Regi­na Weber (Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor / Redak­teu­rin, Lek­to­rin).

Die Lesung der Sti­pen­dia­ten 2018 fin­det Diens­tag, den 15. Janu­ar 2019, 20 Uhr, im Café Ambi­en­te, Oster­deich 69a, statt. Die Mode­ra­ti­on des Abends über­neh­men Jan Gerst­ner und Bernd Gosau.

Aus­zü­ge aus den Manu­skrip­ten der Sti­pen­dia­ten fin­den Sie hier» und hier».