Geschichten, Mythen und (Familien-) Legenden‹

Zum Jah­res­ab­schluss prä­sen­tier­te das Lite­ra­tur­kon­tor Geschich­ten, Mythen und (Fami­li­en-) Legen­den aus Syri­en, Iran, Chi­le, der Tür­kei, Vene­zue­la und Ban­gla­desch. Es lasen Zahirul Islam Babul, Mila Cha­mi, Far­han Heb­bo, Rosa Jais­li, Saber Lati­fi, Mad­jid Mohit, Sal­man Nur­hak und Ernes­to Sala­zar-Jimé­nez ihre in einem Work­shop erar­bei­te­ten Tex­te.
Die Cel­lis­tin­nen Jem­ma Thrus­sell und Hye­jin Jang beglei­te­ten den Abend im Lese­gar­ten der Zen­tral­bi­blio­thek musi­ka­lisch. Work­shop- und Pro­jekt­lei­te­rin Ange­li­ka Sinn mode­rier­te.

 

Wei­te­re Infos gibt es hier»

Nachruf auf Dr. Martin Rooney

Martin Rooney
Mar­tin Roo­ney

Wir trau­ern um unser lang­jäh­ri­ges Mit­glied, Dr. Mar­tin Roo­ney, des­sen schöp­fe­ri­sches Leben der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur und bedeu­ten­den Ver­tre­tern der anti­fa­schis­ti­schen und anti­to­ta­li­tä­ren Bewe­gung gewid­met war.

1948 in Man­ches­ter gebo­ren, stu­dier­te er Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie in Mainz, Ber­lin und Bre­men, wo er an der hie­si­gen Uni­ver­si­tät sei­ne­For­schungs­ar­beit zu Leben und Werk des inter­na­tio­nal ange­se­he­nen Schrift­stel­lers und Publi­zis­ten Armin T. Wege­ner zum Dr. phil. krön­te. Mar­tin Roo­ney hat sich in zahl­rei­chen Vor­trä­gen im nord­deut­schen Raum wie auch in Nord­rhein-West­fa­len zur tra­gi­schen Rol­le von bedeu­ten­den euro­päi­schen Schrift­stel­lern und Publi­zis­ten geäu­ßert, die von der ortho­do­xen kom­mu­nis­ti­schen Ideo­lo­gie ver­führt wur­den und sich nach ihrer Läu­te­rung als Chro­nis­ten und Auf­klä­rer einer staats­tra­gen­den Zwangs­ideo­lo­gie erwie­sen.

Sei­ne Bei­trä­ge zum Wir­ken von Arthur Koest­ler und Jor­ge Sem­prun rie­fen stets die Auf­merk­sam­keit der kri­ti­schen Öffent­lich­keit her­vor; sei­ne Auf­sät­ze zum Schaf­fen von Gün­ter Grass, Peter Weiss und Ralph Gior­da­no  fan­den stets Wider­hall; sei­ne Aus­stel­lung „Mensch­heits­däm­me­rung“ in Bre­men zur lite­ra­ri­schen Bedeu­tung des deut­schen Expres­sio­nis­mus lock­te ein zahl­rei­ches Publi­kum an; sei­ne Vor­trä­ge im Rah­men der Lan­des­zen­tra­le für Poli­ti­sche Bil­dung wie auch der Böll-Stif­tung waren stets aktu­el­len The­men gewid­met. Mar­tin Roo­ney war auch ein von Lei­den­schaft und Enga­ge­ment gepräg­ter Mensch, der sich nicht nur für den eng­li­schen Fuß­ball inter­es­sier­te, son­dern sich in scherz­haf­ter Wei­se sogar als naher Ver­wand­ter des berühm­ten Mit­tel­stür­mers Way­ne Roo­ney­aus Man­ches­ter „oute­te“, was ihm für Tage die über­re­gio­na­le Auf­merk­sam­keit der Medi­en ein­brach­te.

Die letz­ten Mona­te und Jah­re sei­nes schaf­fens­rei­chen Lebens waren von einer nicht heil­ba­ren Krank­heit gezeich­net. Nicht zuletzt aus die­sem Grund muss­te er sich auch aus der Bre­mer Öffent­lich­keit zurück­zie­hen. Wir wer­den Mar­tin Roo­ney als leb­haf­ten, enga­gier­ten Ver­tre­ter eines auf­ge­klär­ten Huma­nis­mus und als Strei­ter für die Idea­le einer libe­ral-demo­kra­ti­schen Gesell­schaft stets in Erin­ne­rung bewah­ren.

Prof. Dr. Wolf­gang Schlott im Namen des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor
Bre­men, im Juni 2017

 

Nachrufe auf Jürgen Dierking

Jürgen Dierking
Jür­gen Dier­king

Der Vor­stand, Geschäfts­füh­rung, Mit­glie­der und das gesam­te Team des Lite­ra­tur­kon­tors trau­ern um Jür­gen Dier­king. Der frü­he­re und lang­jäh­ri­ge Geschäfts­füh­rer des Lite­ra­tur­kon­tors ver­starb am 14. Juni 2016. Er war den Bremer*innen als ver­dienst­vol­ler Über­set­zer und belieb­ter Rezi­ta­tor der schö­nen Lite­ra­tur bekannt.

Uns erreich­ten eini­ge Tex­te unse­rer Mit­glie­der über Jür­gen Dier­king, die wir hier ver­öf­fent­li­chen.

 

Ian Wat­son schrieb 1995 ein bilin­gua­les Fuß­ball­ge­dicht für Jür­gen Dier­king, der auch Tex­te von Ian Wat­son über­setz­te.

REGISTER

oder: kei­ne schwar­ze Sau — for Jür­gen Dier­king

Good trans­la­tors are like foot­ball refe­rees;
the bet­ter we are, the less they noti­ce we’re the­re.
Je mehr man merkt, dass Du da bist,
des­to schlech­ter hast du gepfif­fen.

Jür­gen, much of what we do
is whist­ling in the dark;
aber nicht alles, was im Dunk­len pfeift,
is swart­hi­ly dres­sed-up fema­le pork.

Ian Wat­son (1995)

 

Die Augen voll Traum und Schlaf

Nach­ruf auf Jür­gen Dier­king (1.9.1946 – 14.6.2016)

Von Johann-Gün­ther König

Der Bre­mer Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, Über­set­zer, Autor, Her­aus­ge­ber und Vor­le­ser Jür­gen Dier­king weilt nicht län­ger unter uns. Er wach­te am 14. Juni mor­gens nicht wie­der auf, obwohl er noch so vie­le Plä­ne und Ver­an­stal­tungs­ter­mi­ne auf sei­nen Spick­zet­teln hat­te. Am 21. Juni 2016 etwa als Vor­le­ser im Bre­mer Pres­se­club aus Theo­dor Fon­ta­nes Der Stech­lin und Ire­ne Disches From­me Lügen. Als Vor­le­ser wird Jür­gen Dier­king fort­an vie­len feh­len – in Bre­men und umzu, in Ber­lin und anders­wo wird sei­ne so unauf­dring­li­che und prä­gnan­te Stim­me nicht mehr ertö­nen, wird sei­ne groß­ar­ti­ge Kunst des Vor­le­sens lite­ra­risch her­aus­ra­gen­der Tex­te nur mehr eine weh­mü­ti­ge Erin­ne­rung sein. So sehr er sich auf das Vor­le­sen ver­stand, ver­stand sich Jür­gen auf die nicht min­der her­aus­for­dern­de Kunst des Über­set­zens (über­wie­gend aus dem Eng­li­schen). Er mach­te unse­rem Sprach­raum Wer­ke von Sher­wood Ander­son, Tom Waits, Charles Bax­ter und der in Bre­men leben­den welt­be­kann­ten Lyri­ke­rin Suja­ta Bhatt zugäng­lich. Nicht zuletzt den von Ray Lewis White her­aus­ge­ge­be­nen Brief­wech­sel zwi­schen Sher­wood Ander­son und Ger­tru­de Stein, der bei Suhr­kamp 1985 und erneut 1998 erschien. Ver­steht sich – wie er gern for­mu­lier­te –, dass er sich zugleich als Her­aus­ge­ber einen Namen mach­te. Und zwar sowohl von Stu­di­en über Sher­wood Ander­son, etwa Erzäh­ler des ame­ri­ka­ni­schen Traums (1990), wie einer Werk­aus­wahl des bre­mi­schen Anek­do­ten­meis­ters Karl Lerbs und von Frie­do Lam­pes Roman ›Sep­tem­ber­ge­wit­ter‹.

Apro­pos Frie­do Lam­pe. Der 1899 in Bre­men gebo­re­ne Schrift­stel­ler hin­ter­ließ 1945 nach sei­nem frü­hen und tra­gi­schen Tod „kein umfang­rei­ches, aber wich­ti­ges, voll­ende­tes, nobles… Oeu­vre, voll von Lese­freu­den“ (W. Koep­pen), und 1985 beschlos­sen Jür­gen und ich, den Rowohlt Ver­lag, für den Frie­do als Lek­tor tätig gewe­sen war, für eine Neu­aus­ga­be des Gesamt­werks zu gewin­nen. Da die­ses 1986 mit unse­ren Nach­wor­ten erschie­ne­ne Buch noch Text­ein­grif­fe des ers­ten Her­aus­ge­bers Johan­nes Pfeif­fer ent­hielt und zudem nicht alle von Lam­pe ver­fass­ten Tex­te, stie­ßen Jür­gen und ich 1995 die Grün­dung der Frie­do-Lam­pe-Gesell­schaft e.V. an, in der Jür­gen die Funk­ti­on des Schrift­füh­rers und ich die des Vor­sit­zen­den über­nahm. Dank der viel­fäl­ti­gen Bezie­hun­gen Jür­gens in die lite­ra­ri­sche Welt – sein Brief­wech­sel füllt meh­re­re Akten – konn­te die Lam­pe-Gesell­schaft pünkt­lich zum 100. Geburts­tag des bedeu­ten­den deut­schen Lite­ra­ten 1999 in Bre­men ein wis­sen­schaft­li­ches Sym­po­si­on und zudem Aus­stel­lun­gen zu Leben und Werk, u.a. im Staats­ar­chiv und Ger­hard Marcks-Haus, rea­li­sie­ren. Zu den nam­haf­ten Mit­glie­dern der Gesell­schaft gehör­ten bald nach der Grün­dung Prof. Eugè­ne Badoux (Lam­pe-Bio­graph), Hans Ben­der, Prof. Dr. Wolf­gang Emme­rich, Geor­ges-Arthur Gold­schmidt, Dr. Johan­nes Graf, Peter Härt­ling, Prof. Dr. Hans-Wolf Jäger, Mar­tin Mooij, Prof. Dr. Gert Sau­ter­meis­ter, Hans J. Schütz und ande­re mehr. Sie alle wur­den von Jür­gen inten­siv betreut, sie alle erkann­ten bereits an der durch Groß­buch­sta­ben gepräg­ten – unver­gess­li­chen – Hand­schrift des immer „sehr freund­lich grü­ßen­den“ Jür­gen Dier­king, dass Frie­do Lam­pe das gro­ße Her­z­an­lie­gen des Bre­mer Über­set­zers und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers war.

Die Frie­do-Lam­pe-Gesell­schaft, deren Vor­sitz Jür­gen vor zehn Jah­ren über­nahm, erreich­te mit gro­ßer Unter­stüt­zung des Wall­stein Ver­lags die his­to­risch-kri­ti­sche Neu­aus­ga­be der Roma­ne, Gedich­te und Schrif­ten Lam­pes. Dar­über hin­aus gelang es Jür­gen, den Ver­lag für die Publi­ka­ti­on der Brie­fe und einer durch die von ihm geleis­te­te For­schung gestütz­te Bio­gra­phie zu gewin­nen. Die von ihm durch das uner­war­te­te Ent­schla­fen nicht fer­tig­ge­stell­te Stu­die: Frie­do Lam­pe (1899–1945). Ein kur­zes deut­sches Schrift­stel­ler­le­ben – das ver­steht sich von selbst, wird eines Tages bei Wall­stein in Göt­tin­gen erschei­nen. Ich wer­de die jahr­zehn­te­lan­ge Zusam­men­ar­beit mit Jür­gen im Geis­te fort­set­zen, bis sein Lebens­werk als abge­schlos­sen gel­ten kann. Die Lam­pe-Gesell­schaft wie­der­um hat sich inzwi­schen auf­ge­löst – sie hat gleich­sam ihre Schul­dig­keit getan.

Jür­gen Dier­king hat neben sei­nen Über­set­zun­gen und kennt­nis­rei­chen Vor- und Nach­wor­ten als (Co-) Autor von Radio-Fea­tures sowie als Urhe­ber einer Fül­le von Auf­sät­zen, Lexi­kon- und Zei­tungs­ar­ti­keln bewie­sen, dass er ein so berüh­ren­der wie wort­mäch­ti­ger Zeit­ge­nos­se war. Sei­ne Tex­te erschlie­ßen auf unnach­ahm­li­che Wei­se das Werk wich­ti­ger und teils zu Unrecht fast ver­ges­se­ner deut­scher und ame­ri­ka­ni­scher Lite­ra­ten. Sein Nach­wort „zum Werk des melan­cho­li­schen Idyl­li­kers Frie­do Lam­pe“ in der Gesamt­werk-Aus­ga­be von 1986 trägt den Titel: Die Augen voll Traum und Schlaf. Ein Satz, der zumal auf mei­nen gern leuch­tend far­bi­ge Wes­ten tra­gen­den Freund zutrifft. Wie maß­ge­schnei­dert, ver­steht sich. Und noch etwas: Mit Jür­gen ver­band mich zumal das Inter­es­se, Josef Kas­tein (eigtl. Kat­zen­stein), den in Bre­men auf­ge­wach­se­nen jüdi­schen Autor und Ver­fas­ser bedeu­ten­der Wer­ke zur jüdi­schen Geschich­te, vor dem Ver­ges­sen­wer­den zu bewah­ren. Zusam­men gaben wir von Kas­tein mit Vor- und Nach­wor­ten her­aus: ›Mel­chi­or. Ein han­sea­ti­scher Kauf­manns­ro­man‹ (1997) und ›Was es heißt, Jude zu sein‹ (2005).

Mit Jür­gen Dier­king, der am 1. Sep­tem­ber sei­nen 70. Geburts­tag mit uns fei­ern woll­te, und der für 2019 (!) zum 25-jäh­ri­gen Bestehen des von ihm gegrün­de­ten Bre­mer Über­set­ze­rIn­nen-Treffs eine regio­nal fokus­sier­te Aus­stel­lung zu Tra­di­ti­on und Gegen­wart die­ses lite­ra­ri­schen Metiers vor­be­rei­te­te, hat uns vie­len und allen, die wir ihm begeg­ne­ten und kann­ten, ein ganz beson­de­rer, sehr zuge­wand­ter und lie­be­vol­ler Mensch ver­las­sen. Wir wer­den ihn ver­mis­sen, unse­ren ein­zig­ar­ti­gen „hom­me de lett­re“. Mein Kol­le­ge Micha­el Augus­tin, Schrift­stel­ler und Radio Bre­men-Kul­tur-Redak­teur, wür­digt ihn mit Fug als „ein wan­deln­des Lite­ra­tur-Lexi­kon“, und in Anleh­nung an Rin­gel­natz möch­te ich ergän­zen: Jür­gen war echt, und echt ist sel­ten.

Jür­gen Dier­king wuchs in der Bre­mer Neu­stadt auf. Nach dem Zivi­len Ersatz­dienst in Tübin­gen stu­dier­te er dort ab 1966 Ger­ma­nis­tik, Geschich­te und Phi­lo­so­phie. In Mün­chen dreh­te er ab 1969 (mit zwei Freun­den) einen ein­stün­di­gen Autoren­film und eig­ne­te sich in den vie­len Kinos der Stadt gründ­li­che Kennt­nis­se der Film­ge­schich­te an. Zugleich war er bis 1971 für Anglis­tik (bei Chris­ti­an Enzens­ber­ger) und Roma­nis­tik imma­tri­ku­liert. Stu­di­en, die Jür­gen, um Päd­ago­gik erwei­tert, in Ham­burg abschloss. Nach einem Zwi­schen­spiel als Leh­rer an einer Pri­vat­schu­le kehr­te er 1979 in die Weser­me­tro­po­le zurück, wur­de für eini­ge Jah­re wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter in einem For­schungs­pro­jekt und Lehr­be­auf­trag­ter für US-ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur an der Uni­ver­si­tät Bre­men. Die geplan­te Pro­mo­ti­on über Sher­wood Ander­son, dem schon sei­ne Examens­ar­beit gegol­ten hat­te, zer­schlug sich. Statt­des­sen hör­te Jür­gen sechs Semes­ter lang Musik­ge­schich­te am Bre­mer Kon­ser­va­to­ri­um bei Nico(las) Schalz. Als (ABM-)Kulturpädagoge recher­chier­te er ab 1984 die Geschich­te des Bre­mer Lite­ra­tur­prei­ses und gestal­te­te von 1987 bis 1992 das Lite­ra­tur­pro­gramm der ›Bre­mi­na­le‹. 1989 wur­de er mit der „Resi­dent Fel­low­ship an der New­ber­ry Libra­ry zu Chi­ca­go, Illi­nois“ aus­ge­zeich­net. Ein Jahr spä­ter erhielt er das „Autoren­sti­pen­di­um“ des Bre­mer Senats.

Von 1992 bis 2006 wirk­te Jür­gen Dier­king als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter im Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor, des­sen Pro­fil er nach­hal­tig präg­te und das dann auch Sitz der Frie­do-Lam­pe-Gesell­schaft wur­de. Eben­so lan­ge war er Redak­teur und schließ­lich Mit­her­aus­ge­ber der bre­mi­schen Lite­ra­tur­zeit­schrift STINT und ver­fass­te Essays für die horen – 2015 etwa in dem Band Son­ne, Mond und Ster­ne. Von Lite­ra­tur und Musik. Nicht zu ver­ges­sen: 1994 rief Jür­gen den „Über­set­ze­rIn­nen-Treff Bre­men & umzu“ ins Leben, gehör­te 1996/97 in Ber­lin zu den Anre­gern des DÜF (Deut­scher Über­set­zer­fonds) und betä­tig­te sich 2004 als Mit­glied im Grün­dungs­vor­stand des (vir­tu­el­len) Bre­mer Lite­ra­tur­hau­ses.

Jür­gen Dier­king – Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, Über­set­zer, Rent­ner (so der Ein­trag im Netz­werk XING) – ist ver­stummt. Unser gemein­sa­mer Freund und Kol­le­ge Det­lef Michelers war bei sei­nem letz­ten öffent­li­chen Auf­tritt als Vor­le­ser in Ber­lin zuge­gen, wo Jür­gen aus Johan­nes Schenks Gedich­ten und Roma­nen vor­trug. Er schreibt: „So bleibt mir als lie­be­vol­le und unter­halt­sa­me Erin­ne­rung ein letz­ter Abend mit ihm am 7. Juni im Ber­li­ner Lite­ra­tur­haus. Er hat­te anläss­lich einer Aus­stel­lung von Bil­der Johan­nes Schenks zum wie­der­hol­ten Mal aus den Tex­ten von Johan­nes gele­sen. Wir saßen im Gar­ten des Lite­ra­tur­hau­ses. Er vor dem gelieb­ten Rot­wein, mit einer fri­schen Schach­tel Ziga­ret­ten, die er bis zur Abrei­se am nächs­ten Tag rau­chen woll­te, um als über­zeug­ter und über­zeu­gen­der Nicht­rau­cher nach Hau­se zu kom­men. Neben den Ber­li­ner Autoren Oskar Ansull und Wer­ner Mey­ke waren – für Jür­gen über­ra­schend und mit sei­ner höf­li­chen, zuge­wand­ten Art begrüßt – zwei ehe­ma­li­ge Schul­ka­me­ra­din­nen zu der Ver­an­stal­tung gekom­men, so dass sich die Gesprä­che zunächst um Bre­mer Stadt­vier­tel, Stra­ßen, Plät­ze und Leh­rer dreh­ten. ‚Weißt du noch?… Wie hieß er denn? …Der… Also… Ja!‘ Bren­nend inter­es­sier­te eine frü­he­re Mit­schü­le­rin, wie­so auf dem Ban­ner am Ein­gang zur Ver­an­stal­tung ‘Jür­gen Dier­king, Lite­rat’  stand, wäh­rend er im Pro­gramm als ‘Schau­spie­ler’ ange­kün­digt wur­de. Jür­gen ver­such­te mit Geduld und peni­bler Wort­wahl zu erklä­ren, dass weder Über­set­zer, Autor noch Vor­le­ser pas­send gewe­sen wäre. Lei­der sei sein Vor­schlag ‘Lite­rat’ für das Pro­gramm­heft aber zu spät gekom­men. […] Als Wer­ner und ich gegen Mit­ter­nacht gin­gen bestell­te sich Jür­gen noch ein Glas Wein und Oskar woll­te ihm noch ‚für einen Augen­blick‘ Gesell­schaft leis­ten. Eine Umar­mung, ein letz­ter Blick, ein schwe­rer Mann in einer Art Foto­gra­fen­wes­te, mil­de lächelnd, rau­chend, das Glas zum Abschied erho­ben. Mach es gut, Jür­gen.“

Ich schlie­ße die­sen Nach­ruf eine Zei­le von Jür­gen auf­neh­mend: „Die Gefahr eines unstatt­haf­ten Ver­ges­sens“ besteht gewiss nicht.

Johann-Gün­ther König (2016)

Vergangenheit gegenwärtigen

Brigitte Roettgers
Bri­git­te Roett­gers

Ein Nach­ruf auf die Schau­spie­le­rin und Lyri­ke­rin
Bri­git­te Rött­gers  (2. Febru­ar 1943 — 26. August 2014)
Von Johann-Gün­ther König


Unse­re Kol­le­gin, die Schau­spie­le­rin und Lyri­ke­rin Bri­git­te Rött­gers, war eine unge­wöhn­li­che Frau – eine emp­find­sam kri­ti­sche, hell­wa­che Zeit­ge­nos­sin. Eigen­wil­lig, klar, soli­da­risch, durch­dacht setz­te sie mit ihrer unver­wech­sel­bar ein­dring­li­chen und melo­diö­sen Stim­me gleich­sam Weg­wei­ser in Satz­form – in gelös­ter Stim­mung ger­ne in ihrem köll­schen Hei­mat­dia­lekt. Die seit 2010 zuneh­mend zer­brech­li­cher wir­ken­de Künst­le­rin erlag in Ber­lin einer heim­tü­cki­schen Krank­heit; sie zer­brach im August ›laut­los‹ wie die Scher­ben in ihrem Gedicht ›Um eine Illu­si­on ärmer‹.
Wir noch Leben­den sind nun ärmer um die Illu­si­on, Bri­git­te Rött­gers kön­ne wie­der auf die Bei­ne und die Büh­nen der Welt und des lite­ra­ri­schen Lebens kom­men. Im Spät­som­mer 2012, bei den Nie­der­säch­si­schen Lite­ra­tur­ta­gen in Georgs­ma­ri­en­hüt­te, woll­te sie mit der Kol­le­gin und Lyri­kern Inge Buck in der Luther­kir­che eige­ne Gedich­te vor­tra­gen: ›Inne­hal­ten. Wor­te der Stil­le‹. Sie konn­te die Lesung nicht mehr durch­füh­ren, muss­te sich durch ihren Lebens­part­ner, den Autor Det­lef Michelers, ver­tre­ten las­sen.
Unse­re 1943 gebo­re­ne Kol­le­gin stu­dier­te nach dem Abitur in ihrer Geburts­stadt Köln Thea­ter­wis­sen­schaf­ten und Päd­ago­gik, spiel­te in der Stu­den­ten­büh­ne u.a. mit dem heu­ti­gen Inten­dan­ten der Deut­schen Oper, Ber­lin, Jür­gen Flimm. Nach dem ers­ten Leh­rer­ex­amen ging sie 1966 an die Schau­spiel­schu­le nach Ber­lin. 1968 kehr­te sie nach Köln in den Schul­dienst zurück, arbei­te­te mit lern­be­hin­der­ten Kin­dern und bestand 1970 ihr zwei­tes Staats­ex­amen. Kurz dar­auf erhielt sie ihr ers­tes Enga­ge­ment am West­fä­li­schen Lan­des­thea­ter in Cas­trop-Rau­xel. 1973 wech­sel­te sie ans Schil­ler-Thea­ter in Ber­lin unter Die­ter Dorn. Anfang 1976 hol­te sie der bedeu­ten­de unga­ri­sche Schrift­stel­ler und Thea­ter­ma­cher Geor­ge Tabo­ri (1914–2007) in das Ensem­ble des Bre­mer Thea­ter­la­bors unter dem Inten­dan­ten Peter Stol­zen­berg.
Für Bri­git­te Rött­gers und die ande­ren Mit­glie­der des zehn­köp­fi­gen Tabo­ri-Ensem­bles wur­de das Thea­ter­la­bor im Con­cordia an der Schwach­hau­ser Heer­stra­ße zu einem Raum unge­mein inten­si­ver Erfah­run­gen, zumal dem Thea­ter­ma­cher die Pro­ben wich­ti­ger als die Pre­mie­ren waren und jede Pre­mie­re nur eine wei­te­re Pro­be. Tabo­ri war ein unver­schämt gedul­di­ger Beob­ach­ter sei­ner Schau­spie­ler, ließ sie ihren Weg, ihren Aus­druck suchen und nicht sel­ten kam er mor­gens mit der Ansa­ge in die Pro­be: ›Klei­ne Ände­rung.‹ Die sich häu­fig mona­te­lang hin­zie­hen­den Pro­ben basier­ten auf Grup­pen­ar­beit, beinhal­te­ten geziel­tes Kör­per­trai­ning und Medi­ta­ti­ons­übun­gen und brach­ten dem Regis­seur den Ruf eines Gurus ein. Tabo­ris inten­si­ve Arbeits­wei­se und das Mit­ein­an­der des klei­nen Ensem­bles präg­ten Bri­git­te Rött­gers nach­hal­tig – doch sie ver­stand es, dabei ihre Indi­vi­dua­li­tät zu wah­ren. Sie stand auf der Büh­ne, als im April 1976 die Tra­gö­die ›Die Troerin­nen von Euri­pi­des‹ bei der Bre­mer Pre­mie­re auf lau­te Pro­tes­te stieß und rund 200 Zuschau­er Türen schla­gend das Thea­ter ver­lie­ßen. Sie stand auf der Büh­ne, als die Stü­cke ›Sig­munds Freu­de‹, ›Talk Show‹, ›Ver­wand­lun­gen‹ und ›Die Hun­ger­künst­ler‹ viel Auf­se­hen erreg­ten – und das nicht nur in der Weser­me­tro­po­le. Das letz­te­re, frei nach Kaf­kas Erzäh­lung ›Ein Hun­ger­künst­ler‹ vom Thea­ter­la­bor erar­bei­te­te Stück, ent­zün­de­te bereits vor der Urauf­füh­rung am 10. Juni 1977 kon­tro­ver­se Dis­kus­sio­nen in der Öffent­lich­keit, ließ Tabo­ri das Ensem­ble doch zuvor 40 Tage unter ärzt­li­cher Auf­sicht fas­ten, um die Schwä­che von Hun­gern­den auf der Büh­ne wirk­sam wer­den zu las­sen. Nur Bri­git­te Rött­gers lehn­te damals das Fas­ten ab, und Geor­ge Tabo­ri reagier­te wie immer lako­nisch und der künst­le­ri­schen Arbeit dien­lich: ›Dann spielst du die Kran­ken­schwes­ter, die die Hun­gern­den pflegt.‹ Die Tage des Thea­ter­la­bors ende­ten im Som­mer 1978, als Peter Stolt­zen­berg aus dem Amt schied und auch Geor­ge Tabo­ri die Han­se­stadt ver­ließ.
Unse­re von 1976 bis 2012 über­wie­gend in Bre­men leben­de Kol­le­gin Bri­git­te Rött­gers hat­te vie­le Auf­trit­te als Schau­spie­le­rin – u.a. auch an den Büh­nen in Frank­furt a. M. und Düs­sel­dorf, gas­tier­te in der Sowjet­uni­on, Polen und West­eu­ro­pa. Dar­über hin­aus war sie Lehr­be­auf­trag­te an meh­re­ren Hoch­schu­len – nicht zuletzt für bel­le­tris­ti­sches Schrei­ben an der Bre­mer Uni. Neben der Thea­ter­ar­beit ver­öf­fent­lich­te sie ihre eigen­wil­lig bild­rei­chen Gedich­te in vie­len Antho­lo­gi­en und Zeit­schrif­ten wie ›Akzen­te‹ und ›Mer­kur‹. Sie wur­den teils auch ins Eng­li­sche und Pol­ni­sche über­tra­gen. 2006 publi­zier­te der Bre­mer Sujet-Ver­lag ihren bestechen­den Gedicht­band ›Dra­chen­ta­ge‹.
Bri­git­te Rött­gers lieh ihre Stim­me Dut­zen­den von Hör­spie­len und Fea­tures, von denen ab der Jahr­tau­send­wen­de vie­le als Hör­bü­cher erschie­nen. Das mit­ver­fass­te Hör­buch ›In Frei­heit leben. Jean-Paul Sart­re und sei­ne Zeit‹ z. B. wur­de 2006 für den Deut­schen Hör­buch­preis (Bes­te Infor­ma­ti­on) nomi­niert. Für die Inter­es­sen der bre­mi­schen und nie­der­säch­si­schen Autorin­nen und Autoren enga­gier­te sich Bri­git­te Rött­gers seit Beginn der 1980er Jah­re nach­hal­tig. Sie nahm maß­geb­lich an der Pla­nung und Grün­dung des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor e.V. teil und war von 1993 bis 2006 Mit­glied des Vor­stands. Von 2006 bis 2010 wirk­te sie in unse­rem VS-Lan­des­ver­bands­vor­stand Nie­der­sa­chen-Bre­men mit, betreu­te die neu­en Mit­glie­der, prüf­te die Kas­sen und hat­te immer einen hilf­rei­chen Rat parat. Für den VS und den För­de­rer­kreis über­nahm sie zudem mehr­mals die künst­le­ri­sche Lei­tung von Schrift­stel­l­er­tref­fen und – zusam­men mit Det­lef Michelers – der Nie­der­säch­si­schen Lite­ra­tur­ta­ge in Sta­de (2005) und Dan­gast (2009). In bes­ter Erin­ne­rung blei­ben ihre bei eini­gen unse­rer Tref­fen durch­ge­führ­ten Work­shops für Autor/innen: ›Ich, mein Text, mei­ne Lesung – wie prä­sen­tie­re ich mei­ne Tex­te‹.
Bri­git­te Rött­gers berei­cher­te jahr­zehn­te­lang das (nord-)deutsche Kul­tur­le­ben – auf der Büh­ne und im Rah­men lite­ra­ri­scher Ver­an­stal­tun­gen, im VS, För­de­rer­kreis, Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tor und im enge­ren und wei­te­ren Kol­le­gin­nen- und Kol­le­gen­kreis. Ihr Tod reißt eine Lücke. Wie heißt es in den ers­ten Zei­len ihres Gedichts ›Nach­mit­tag‹:  ›Him­mel­wärts stür­men / Mit wehen­dem Haar / Mit wei­nen­dem Her­zen / Mit gebro­che­nen Bei­nen / Mit glü­hen­der Haut / Der Neu­gier­de nach / Bis in die Milch­stra­ße…‹