Werkstattheft MiniLit Nr. 9

Wäh­rend der Werk­statt ›Dann leben sie noch heu­te …!‹ sind fol­gen­de Tex­te ent­stan­den, die in einem Werk­statt­heft unse­rer Rei­he Mini­Lit (Nr. 9) ver­öf­fent­lich wur­den.

 

Vogel wer­den (von Lau­ra Mül­ler-Hen­nig)

Ich neh­me mein Schwes­ter­chen an die Hand. Ihre Hand ist klein und warm. Mein Schwes­ter­chen spricht nicht viel, hat noch nie viel gespro­chen. Schon mit dem ers­ten Wort hat sie sich lan­ge Zeit gelas­sen. Sie zeig­te auf eine Ente und rief: „Voooo­gel!“ Sie sprach immer wie­der die­ses Wort aus, als woll­te sie prü­fen, ob sie es noch konn­te. Sie freu­te sich jedes Mal, wenn es ihr gelang, lach­te dann, und wir lach­ten auch. Wir freu­ten uns, dass sie nun zu spre­chen begon­nen hat­te.

In letz­ter Zeit schläft Mama ziem­lich viel. Ein biss­chen wie Dorn­rös­chen, hat Papa erklärt, weil es eine Wei­le dau­ern wird, bis sie nicht mehr so müde ist. Mor­gens besu­chen wir sie in ihrem Zim­mer. Die Vor­hän­ge sind zuge­zo­gen. Mama liegt unter der Dau­nen­de­cke, streckt ihre Hand aus und streicht uns über den Kopf. Dann lau­fen wir los, Hand in Hand, nach drau­ßen in den Park, zum Enten­teich.

Mei­ne Schwes­ter sagt „Stein“. Beim Enten­teich spie­len wir, dass wir Stei­ne sind. Ein gro­ßer und ein klei­ner Stein. Wir kni­en uns auf den Boden, machen uns kugel­rund, blei­ben ein­fach so. Wir dür­fen nur flach atmen und kei­ne Geräu­sche machen, denn die Leu­te, die vor­bei­ge­hen, sol­len nicht sehen, dass wir kei­ne Stei­ne sind; und sie erken­nen uns tat­säch­lich nicht, obwohl wir manch­mal kichern müs­sen. Sogar Papa fällt dar­auf her­ein, als er uns zum Essen ruft. Wir wol­len noch nicht nach Hau­se, wol­len noch eine Wei­le Stei­ne blei­ben. Erst als die Däm­me­rung ein­setzt, gehen wir zurück. Mein Schwes­ter­chen sagt: „Ver­giss mich nicht!“ Ihre Hand liegt klein und warm in mei­ner.

Nein, ich ver­gess’ dich nicht, und du ver­gisst mich auch nicht.“

Sie blickt nach unten, setzt has­tig einen Fuß vor den ande­ren und sagt: „Nim­mer­mehr!“

Am Tag danach ist Mama immer noch müde. Sie streicht uns über den Kopf, rich­tet sich müh­sam auf, beugt sich nach vor­ne und gibt uns einen Kuss auf die Stirn. Dann fällt sie zurück in die Kis­sen und schläft wei­ter. Wir spie­len wie­der am Teich, legen uns auf den Bauch. Jetzt sind wir das Gras. Gras war das drit­te Wort, das mei­ne Schwes­ter in ihrem Leben gespro­chen hat. Die Leu­te spa­zie­ren über uns hin­weg, die Hun­de tol­len auf uns her­um, die Kin­der spie­len Fris­bee und Feder­ball auf uns. Wir wer­den bes­ser, kön­nen uns zusam­men­rei­ßen, unser Kichern unter­drü­cken. Nur manch­mal ent­wischt uns noch ein klei­nes Gluck­sen. Wie­der fin­det uns Papa nicht, als er uns zum Essen ruft. Wir wol­len jetzt nicht zurück, es ist ein­fach noch zu schön, Gras zu sein.

Also blei­ben wir so, bis die Däm­me­rung ein­setzt. Mein Schwes­ter­chen fragt: „Du ver­gisst mich doch nicht, oder?“

Nein, ich ver­gess’ dich nicht, und du ver­gisst mich auch nicht.“

Nim­mer­mehr“, sagt sie und drückt fest mei­ne Hand.

Am nächs­ten Tag sitzt Mama auf­recht im Bett, hat bereits auf uns gewar­tet, streicht uns über den Kopf und küsst uns auf die Stirn. Dann sind wir schon wie­der am Teich.

Wir set­zen uns ans Ufer, wol­len so still sein wie das Was­ser, das schwei­gend vor uns liegt. Wir sind gut gewor­den, schaf­fen es, kein ein­zi­ges Wort zu spre­chen. Als Papa uns zum Essen ruft, erkennt er uns nicht. Wir sind eins gewor­den mit dem Teich. Bald wird es dun­kel, aber ein biss­chen wol­len wir noch blei­ben.

Du ver­gisst mich nicht und ich ver­gess’ dich auch nicht!“, erklärt mein Schwes­ter­chen mit fes­ter Stim­me.

Nim­mer­mehr“, sage ich.

Sie nickt zufrie­den. Eine Stim­me ruft nach uns, sie klingt ver­traut, wir haben sie lan­ge ver­misst. Mei­ne Schwes­ter lässt über­rascht mei­ne Hand los und dreht sich um. Unse­re Mut­ter kommt ans Ufer gelau­fen und setzt sich zu uns. Auch sie ist ganz still, ist jetzt wie wir eins mit dem Teich.

Wind kommt auf und mit ihm erhe­be ich mich in die Luft. Mit ein paar Flü­gel­schlä­gen gelan­ge ich zur Mit­te des Tei­ches, las­se mich auf dem Was­ser nie­der. Es ist kalt, umspielt mei­ne Federn, kühlt mei­nen Bauch. Ich sehe, wie mei­ne Schwes­ter etwas zu mei­ner Mut­ter sagt und ihre Lip­pen Wor­te for­men, aber ich kann sie nicht ver­ste­hen. Die Däm­me­rung hat ein­ge­setzt. Ich seh­ne mich nach dem Grund unter mir, die Sehn­sucht steigt lang­sam immer wei­ter in mir auf, bis sie beginnt, unter mei­nem Gefie­der zu pul­sie­ren.

Mei­ne Schwes­ter und mei­ne Mut­ter bli­cken in mei­ne Rich­tung, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie mich sehen kön­nen oder durch mich hin­durch­bli­cken auf die Land­schaft hin­ter mir. Ich brei­te mei­ne Flü­gel aus, schla­ge ein paar Mal in die Luft, ohne abzu­he­ben, sprei­ze noch ein­mal die Federn, lege die Flü­gel wie­der an, hal­te mei­nen Vogel­leib gespannt und tau­che, Schna­bel vor­an, zum Grund hin­ab.

(Adap­ti­on von »Fun­de­vo­gel«)


Hin­ter der Rosen­he­cke (von Lui Kohl­mann)

Die Blät­ter schlu­gen mir ins Gesicht. Ein paar Schrit­te vor mir hat­te Ber­tha sich durch das grü­ne Dickicht gewühlt. Ich folg­te ihr. Far­ne, Schmet­ter­lings­bäu­me, hüft­ho­he Brenn­nes­seln, die sogar durch unse­re Klei­dung sta­chen. Mei­ne Haut brann­te. Rosen­ran­ken türm­ten sich hoch über uns auf, ihre dor­ni­gen Wider­ha­ken bohr­ten sich durch mei­ne Jacke und hiel­ten mich fest. Von wei­ter vor­ne hör­te ich Ber­tha mur­meln: „Rosa cani­na, Rosa brac­tea­ta, Rosa phoe­ni­cia Boiss, Urti­ca dioi­ca, Osmun­da rega­lis, Budd­le­ja davi­dii …“

Ber­tha! Wie kommst du so schnell da durch?“

Ber­tha blieb ste­hen. Ich kämpf­te mich wei­ter vor­an. Um eini­ge Schram­men rei­cher, gelang­te ich schließ­lich bei ihr an. Mit einem Taschen­mes­ser schnitt sie soeben einen Rosen­zweig ab, der eine Knos­pe, Blät­ter und Dor­nen trug.

Sie steck­te ihn in ihren Ruck­sack. „Für spä­ter“, sag­te sie.

Ich nick­te, zog mei­ne Kame­ra her­vor und doku­men­tier­te mei­ne Ver­let­zun­gen. „Foto­gra­fier auch noch die Troll­blu­me und den Grü­nen Nies­wurz! Die sind auf der Roten Lis­te der aus­ster­ben­den Arten. Ich habe die jah­re­lang nicht mehr gese­hen.“

Ich foto­gra­fier­te die Blu­men, auf die Ber­tha zeig­te. Die gel­ben Blü­ten der einen lagen über­ein­an­der wie ein zer­knautsch­tes miss­lau­ni­ges Gesicht.

Los, wei­ter!“, dräng­te Ber­tha.

Wir hör­ten nur das Rascheln der Blät­ter und unse­re Schrit­te.

Wo waren die Vögel? Wo waren die Käfer, Schmet­ter­lin­ge und ande­ren Insek­ten? Wir stan­den jetzt inmit­ten von Dor­nen­bü­schen. Es war dun­kel um uns her­um. Ein biss­chen Licht fiel nur durch einen klei­nen Durch­gang hin­ter uns, der sich – bil­de­te ich mir das ein? – lang­sam wie­der schloss.

Zeit für die Mache­te?“, frag­te ich unsi­cher.

Ich fürch­te, ja.“

Ber­tha hol­te die Mache­te aus ihrem Ruck­sack. Sie lag sicher in ihren seh­ni­gen, star­ken Hän­den und bahn­te uns einen Weg durch das Geäst. Ich hat­te jedes Gefühl für Zeit ver­lo­ren. Ich schau­te auf mein Han­dy. Zwei Stun­den schlu­gen wir uns schon durch die­se wil­de Vege­ta­ti­on. Plötz­lich ein schep­pern­der Laut. Ber­tha muss­te mit der Mache­te etwas Har­tes getrof­fen haben. Eine Wand? Ich leuch­te­te mit dem weni­gen Licht, das mein Han­dy bot, durch die Dor­nen: graue, dunk­le Stein­qua­der.

Es ist hier.“

Mei­ne Stim­me beb­te vor Erre­gung. „Wir müs­sen den Ein­gang fin­den.“

Wir beweg­ten uns nun an der Wand ent­lang, schab­ten und schlu­gen die knor­ri­gen Äste vom Mau­er­werk und tas­te­ten jede Uneben­heit ab, in der stän­di­gen Erwar­tung, auf ein Fens­ter, eine Tür oder ein Loch zu sto­ßen.

Hier ist etwas!“

Hin­ter den Dor­nen lag, kaum sicht­bar, eine mod­ri­ge Holz­tür mit einer ros­ti­gen Klin­ke. Ber­tha befrei­te die Tür vom Gewächs. Ich begann an der Klin­ke zu rüt­teln, zu zie­hen und zu drü­cken.

Nicht mit Gewalt.“ Ber­tha leg­te sanft ihre Hand auf mei­ne und drück­te die Klin­ke her­un­ter. Die Tür ließ sich öff­nen, schwer­fäl­lig und knar­zend.

Drin­nen herrsch­te dich­tes Schwarz. Der Geruch von Fäul­nis ström­te uns ent­ge­gen. Nur das Han­dy­licht warf einen blas­sen Licht­ke­gel vor unse­re Füße.

Wie viel Akku hast du noch?“

Drei­zehn Pro­zent“, las ich vom Dis­play ab. „Wenn ich das Licht anlas­se, viel­leicht noch eine Stun­de, viel­leicht nur eine hal­be.“

Und die Kame­ra? Mach mal ein Foto mit Blitz, ich will sehen, was hier ist, wie groß der Raum ist.“

Ich hol­te die Kame­ra her­vor. Für einen kur­zen Augen­blick war alles in glei­ßen­des Licht getaucht. Ich war geblen­det.

Zeig das Foto!“, ver­lang­te Ber­tha.

Pil­ze, Schim­mel über­wu­cher­ten, was viel­leicht ein­mal Möbel gewe­sen waren. Wei­ter hin­ten im Raum ein Durch­gang.

Da müs­sen wir durch.“ Vor­sich­tig bahn­ten wir uns einen Weg durch den Raum, im engen Radi­us des Han­dy­lichts. Ich ver­such­te, den Pilz­ge­schwü­ren aus­zu­wei­chen, doch Ber­tha zogen sie magisch an.

Ich will eine Pro­be neh­men“, sag­te sie und griff mit einem Plas­tik­beu­tel nach einem Pilz, der im schwa­chen Licht schlei­mig glänz­te. Doch als sie den Pilz abzog, sah sie, dass sich dar­un­ter alter Stoff hob und senk­te.

Vor Schreck hiel­ten wir die Luft an und hör­ten – ganz lei­se – einen frem­den Atem. Wir fuh­ren den rie­si­gen Schleim­pilz mit dem Licht ab. Er hat­te sich um einen Kör­per geschlun­gen. Am Boden des Pil­zes lug­ten zwei Füße her­vor, die in alt­mo­di­schen Schlap­pen steck­ten.

Die Gerüch­te bewahr­hei­te­ten sich also. Damit hat­te ich nicht gerech­net.

Wei­ter!“, flüs­ter­te Ber­tha schließ­lich und schob mich ent­schie­den fort, ins nächs­te Zim­mer. Auch dort waren über­all rie­si­ge Pil­ze – und jetzt, da ich es wuss­te, hör­te ich ganz lei­se von über­all her Atem­ge­räu­sche …

Wir beweg­ten uns von Zim­mer zu Zim­mer. Ber­tha nahm Pro­be um Pro­be. Der Akkustand sank bestän­dig. Zuletzt, als nur noch drei Pro­zent ver­blie­ben, fan­den wir uns vor einer geschlos­se­nen Tür wie­der. Alter Lack blät­ter­te ab.

Wir zogen die Tür auf. Vor uns wand sich eine stei­ner­ne Wen­del­trep­pe in die Höhe. Wir stie­gen empor. Unse­re Schrit­te hall­ten. Als wir auf der obers­ten Stu­fe stan­den, waren wir in einem klei­nen Raum ange­kom­men. Mit Löchern in den Wän­den, durch die Schling­pflan­zen und Rosen in das Zim­mer wuch­sen.

Ein ein­sa­mes Bett und ein Spinn­rad stan­den dort.

(Adap­ti­on von »Dorn­rös­chen«)