Werkstattheft MiniLit Nr. 6

Wäh­rend der Werk­statt ›An Bord — Über­Le­ben von A nach B‹ sind fol­gen­de Tex­te ent­stan­den, die in einem Werk­statt­heft unse­rer Rei­he Mini­Lit (Nr. 6) ver­öf­fent­lich wur­den.

 

Blät­ter­fall (von Ane­ta Potry­kus)

Käl­te. Kal­tes Meer an das Boot schlägt. Kal­te Luft mei­ne Haut peitscht. Fest zusam­men­ge­schnürt den Stoff um mich gehüllt, was­ser­ab­wei­send, doch nicht resis­tent. Alles ist Käl­te. Ich ver­su­che, lang­sa­mer zu atmen. Die Käl­te gelangt in einem Sog in mei­ne Lun­ge und packt sie, umhüllt sie mit eisi­gem Schau­er. Atem­zug um Atem­zug brei­tet sie sich aus und will nicht mehr ent­wei­chen.

Ich muss die Luft anhal­ten, die Käl­te abschüt­teln. Sie wird mein Tod sein. Nicht in den Flu­ten ertrin­ken. Nicht durch Hun­ger oder Trink­was­ser­not wird das Leben ein Ende neh­men. Ich hal­te die Luft an, Ener­gie spa­ren. Lau­sche dem Meer, wel­ches ich nicht mehr ertra­gen kann. Es ist kein Lau­schen, schon lan­ge nicht mehr. Ich bin dem aus­ge­setzt, aus­ge­lie­fert. Das per­ma­nen­te Geräusch des Mee­res dröhnt in mei­nen Ohren.

30 Sekun­den sind ver­stri­chen oder schon mehr. Zäh­le ich zu lang­sam oder zu schnell. Das Dröh­nen. Ich neh­me einen Atem­zug und öff­ne dabei die Augen. Ein Blatt, es fällt vom Him­mel. Es wird still um mich. Und noch eins! Ich kann das Meer nicht mehr hören. Kein Geräusch. Frost weicht Wär­me. Ich will schrei­en, rufen, mei­nen Kame­ra­den die Blät­ter zei­gen. Die Kame­ra­den, lan­ge habe ich schon nicht mehr an sie gedacht. Ich muss­te Ener­gie spa­ren. Schon seit Tagen beach­te ich sie nicht mehr, die neben mir ste­hen. Einer steht vor mir, vier oder fünf auf der rech­ten und zwei auf der lin­ken Sei­te. Es ist einer­lei, wel­chen Platz ein Mensch in die­sem Boot ein­nimmt. Doch jetzt möch­te ich rufen: „Hört hin, der Lärm, ja der Lärm, ich höre ihn nicht. Fühlt, atmet, die Käl­te ist ver­gan­gen.“

Ich könn­te in das Meer sprin­gen, die Blät­ter mit den Hän­den grei­fen. Sie aus dem Meer fischen und kei­ne Käl­te wür­de ich spü­ren. Es wäre nicht mal bedenk­lich oder gar todes­mu­tig. Das Meer hat sich auf mei­ne, auf unse­re Sei­te gestellt. Die Käl­te und den Lärm mit­ge­nom­men. Kann das sein?

Blät­ter fal­len vom Him­mel, wahr­haf­tig, mit­ten auf dem Meer. Kein Wald, kein ein­zi­ger Baum steht in der Nähe. Mei­ne Kame­ra­den haben die Augen ver­schlos­sen. Ich soll­te sie wecken, aber viel­leicht fal­len die Blät­ter dann schnel­ler ins Meer oder das Ereig­nis ent­flieht inner­halb einer Sekun­de und die Käl­te kehrt zurück. Viel­leicht darf nur ich die­ses Spek­ta­kel erle­ben. Wie in Zeit­lu­pe fal­len die Blät­ter, lang­sam, lang­sa­mer, noch lang­sa­mer. Ich atme. Wär­me durch­strömt mich. Hit­ze.

Nein! Ich wer­de nie­man­den rufen. Dies ist mein Erleb­nis. Das sind mei­ne Blät­ter. Ich ver­su­che, kei­nen Laut von mir zu geben und lang­sam zu atmen. Wie wun­der­schön die Blät­ter sind. Eins kann ich doch grei­fen. Lang­sam den Arm stre­cken, lei­se, noch lei­ser und zugrei­fen. Mei­ne Blät­ter. Der lin­ke Kame­rad öff­net die Augen. Ver­flixt, ich war zu laut. Er lächelt und ruft: „Schaut, Blät­ter fal­len vom Him­mel.“ Da öff­nen alle Kame­ra­den die Augen. Kein wei­te­res Blatt fällt mehr vom Him­mel. Ich atme kal­te Mee­res­luft ein. Viel­leicht stür­ze ich mich auf den Kame­ra­den. Viel­leicht schlie­ße ich die Augen und wer­de sie nie wie­der öff­nen. Viel­leicht sprin­ge ich ins Meer. Lang­sam schlie­ße ich die Augen. Käl­te.


An Bord eines Raum­schiffs (von Johan­na Schwarz)

I

Ich ste­he an der Reling im Wind, im Wiii­ind. Ich kon­zen­trie­re mich auf das Gefühl, wie er über mei­ne Haut streicht, mich leicht frös­teln lässt. Ich will es spei­chern, ein­pa­cken, mit­neh­men. Ich wer­de es viel­leicht nie wie­der spü­ren. Mein Bauch beginnt zu grum­meln, nicht vor Hun­ger, es ist die­se ver­wir­ren­de Mischung aus Auf­re­gung, Unge­duld und Angst. Was wird mich erwar­ten?

Mein Abschied ist unter dem Man­tel die­ser Gefüh­le an mir vor­bei­ge­zo­gen. Als sie mich in die Arme schlos­sen und mir „Viel Glück!“ wünsch­ten. Die Kol­le­gen aus dem Labor, die mein­ten: „Wie­so aus­ge­rech­net du und nicht ich?“ Mei­ne Eltern, die mir eigent­lich sagen woll­ten: „War­um machst du das? Wir brau­chen dich hier.“

Ich muss es tun, sei­net­we­gen. Ich wuss­te es in dem Augen­blick, als ich die Aus­schrei­bung sah. Kein Moment des Zwei­felns. Auch jetzt nicht, da ich das Raum­schiff vor mir sehe und alles zum Grei­fen nah ist.

Es war sein Traum. Er hat­te von nichts ande­rem mehr gespro­chen und mir zu Weih­nach­ten ein Tele­skop über­reicht. „Siehst du, das hier ist die Erde.“ Er zeig­te auf unse­re Füße: „Da sind wir jetzt.“ Dann dreh­te er am Objek­tiv des Fern­rohrs: „Und wenn ich mal nicht mehr bin, dann trei­be ich irgend­wo dort drau­ßen umher.“

Wor­te, die sich in mein klei­nes Gehirn ein­brann­ten.

Er ist nicht mehr ganz rich­tig im Kopf“, hat­ten mei­ne Eltern gesagt. Und jetzt dach­ten sie das­sel­be über mich.

Ent­schlos­sen wen­de ich mich um und gehe hin­ein, um auf den Mor­gen zu war­ten, auf den Abflug, auf den Moment, in dem sich alles umkehrt und mein Him­mel nicht mehr blau ist, son­dern tief­schwarz und vol­ler greif­ba­rer, fun­keln­der Mög­lich­kei­ten.

II

Kli­cken, Rau­schen. Die Knöp­fe blin­ken in mei­nen Augen­win­keln. Ganz wild, ganz rot. Ein schlech­tes Zei­chen? Geht irgend­was schief? Etwas drückt auf mich, die Ton­nen Metall um mich her­um bewe­gen sich. Es ruckt und wackelt. Ich kip­pe zur Sei­te, sehe die Sche­men der ande­ren vor­bei­zie­hen. Was, wenn ich fal­le … was, wenn ich mich ver­let­ze … wenn … Mein Magen stürzt ab, wie in die­sen High-Speed-Auf­zü­gen. Ich klam­me­re mich an den Sitz und mei­ne Fin­ger­knö­chel wer­den weiß. Ich sehe kein Drau­ßen. Ich spü­re, wie wir an Höhe gewin­nen, aber ich sehe es nicht. Mei­ne Gedan­ken ent­wi­schen mir, ich füh­le den Druck auf mei­nen Schlä­fen, sehe das Augen­paar mir gegen­über, weit auf­ge­ris­sen, und fra­ge mich, wie ich selbst aus­se­he. Auf mei­nem Sitz gekau­ert. Wir sind jetzt Schat­ten. Erstarr­te Sil­hou­et­ten inmit­ten von roten Blink­lich­tern.

III

Ich schwe­be zu einem der Ses­sel und las­se mich dar­auf nie­der. Die ande­ren sind in Bücher ver­tieft oder in einem ande­ren Teil des Raum­schiffs unter­wegs. Sie haben auf­ge­hört, täg­lich Video­bot­schaf­ten zu sen­den. Ich habe noch kei­ne ein­zi­ge ver­schickt.

Die anfäng­li­che Begeis­te­rung über die Schwe­re­lo­sig­keit hat nach­ge­las­sen, die regel­mä­ßi­gen Zusam­men­stö­ße in der Luft auch. Jetzt ver­geht die Zeit zäh, wie in einem end­lo­sen Zustand.

Wir sind zu viert. Mag­gie ist sehr ruhig, sie sitzt meis­tens am Fens­ter, aber wenn sie sich doch ins Gespräch ein­mischt, fun­keln ihre Augen vor Vor­freu­de und ihre ruhi­ge Stim­me bringt alle zum Zuhö­ren und Träu­men. Ben hin­ge­gen ist immer auf­ge­kratzt, unru­hig, er kann das War­ten am wenigs­ten ertra­gen und bringt uns mit sei­nen Wit­zen und sei­ner Unru­he ent­we­der zum Lachen oder treibt uns zur Weiß­glut. Nur Lin­da bringt ihn manch­mal zum Schwei­gen, wenn sie sich durch ihre glän­zen­den Haa­re streicht und ihn abschät­zig anblickt. Noch schaut sie auf uns alle her­ab, aber wenn ihr end­gül­tig bewusst wer­den wird, dass es nur uns vier gibt und die Zuschau­er vor dem Fern­se­her nichts für sie tun kön­nen, wird sie von ihrem hohen Ross her­un­ter­stei­gen müs­sen. Ich hal­te mich meis­tens raus. Ich muss mei­ne Posi­ti­on erst noch fin­den und wer­de bis dahin beob­ach­ten.

IV

Wir befin­den uns nun in einem selt­sa­men Zwi­schen­raum, in dem wir nicht so recht auf­ein­an­der zukom­men. Über unse­re Erin­ne­run­gen, denen wir nach­hän­gen oder von denen wir uns lang­sam zu lösen ver­su­chen, wol­len wir nicht ger­ne spre­chen. Nur manch­mal bre­chen Hoff­nungs­schim­mer aus dem einen oder ande­ren her­aus. Wir gera­ten ins Schwär­men, über­le­gen, wie es wohl sein wird. Mag­gie dreht sich dann zu uns um und malt die Zukunft in den bun­tes­ten Far­ben. Sie blickt dabei oft zu mir her­über und ich füh­le mich unwohl und geschmei­chelt zugleich, da sie mich anschei­nend als Teil die­ser Zukunft akzep­tiert hat.

Jedes Mal gelan­gen wir irgend­wann an den Punkt, an dem Ben stöhnt: „Wären wir doch end­lich da.“ Danach herrscht wie­der Schwei­gen, und wir keh­ren zu unse­ren Beschäf­ti­gun­gen zurück – als wäre nichts gesche­hen.


Mars One (von Vio­la Bau­er)

I

Mir scheint, so weich wie heu­te war das Fell hin­ter dei­nen Ohren noch nie. Bereits eine hal­be Stun­de sit­ze ich hier und streich­le in Gedan­ken dei­nen Kopf. Ich spü­re dich so deut­lich, dass ich anfan­ge, lose Haa­re von mei­ner Hose zu zup­fen. Wie blöd kann man sein?

Tie­re sind nicht erlaubt, ich flie­ge allein. Das habe ich mir so aus­ge­sucht, und es wird mir den Schlaf rau­ben.

Ich wer­de die Erde ver­las­sen, einen Neu­start wagen, alles auf null set­zen. Als einer der ers­ten Men­schen. Allen Ärger, alles, was uns belas­tet, kön­nen wir zurück­las­sen. Wir star­ten ohne Krieg in unse­rer Geschich­te. Ohne Geld. Wir wer­den eine neue Gesell­schaft bil­den. Wer könn­te da Nein sagen? Wir wer­den die Zukunft sein.

II

Mei­ne Knie zit­tern, ich kann sie nicht still­hal­ten. Was willst du hal­ten?

Die­se Vibra­ti­on. Die­ser Druck. Den Weg zurück gibt es nicht, Mag­gie.

Halt den Mund!“

Mein lin­kes Auge pocht, es brennt, will bers­ten. Ein wei­ßer Blitz rammt sich in mei­nen Schä­del. Zurück! Weg! Schluss! Ich wer­de ver­rückt. Grün. Gelb. Schwarz. Mei­ne Welt dreht sich. Her­um. In mei­nem Magen. Drückt sich. Her­aus. Der Lärm schluckt alles. Er wird dich schlu­cken! Jetzt.

III

Ich habe ange­fan­gen, mir Ritua­le zu schaf­fen. Mor­gens, oder bes­ser: Wenn ich die Augen öff­ne, rezi­tie­re ich das ers­te Gedicht, das mir ein­fällt, oder sin­ge die ers­te Lied­zei­le stumm vor mich hin. Ich neh­me ein­fach den aller­ers­ten Gedan­ken und erzäh­le eine klei­ne Geschich­te, nur für mich. Zeit ist rela­tiv.

Jedes Mal erstaunt es mich aufs Neue, wie mei­ne Augen­li­der irgend­wann vor Erschöp­fung zufal­len und mich mit die­sem Akt der Mil­de in einen Däm­mer­zu­stand zwi­schen Traum und Nichts sin­ken las­sen. Heben die Lider sich, durch­schrei­te ich das Tor zu mei­ner per­sön­li­chen Höl­le.

Unse­re mensch­li­chen Geräu­sche ver­mi­schen sich mit den Geräu­schen der Maschi­ne, den Piep­sern, dem Rau­schen des Air Con­di­tio­ners, der unse­re Luft keim­frei auf­be­rei­tet zu unse­ren Lun­gen zurück­schickt. In die­sem Cha­os wabert die eine Sei­te zur ande­ren, immer häu­fi­ger ent­glei­tet mir das Oben und Unten, bis selbst Mensch und Maschi­ne unun­ter­scheid­bar wer­den.

Ich hof­fe jeden Tag, dass mir die Wor­te blei­ben, die Lie­der, die Geschich­ten, dass sie auf eine uner­gründ­li­che Art ange­spült wer­den und ich sie auf­sam­meln kann wie die Muscheln als Kind.