Ob es reicht‹ (AT) von Bettina Beutler-Prahm

Bettina Beutler-Prahm
Bet­ti­na Beut­ler-Prahm

Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um 2016

Die Bre­mer Autoren­sti­pen­di­en 2016 gehen an Bet­ti­na Beut­ler-Prahm und Sabi­ne Breit­bach.
Lesen Sie an die­ser Stel­le einen Aus­zug aus dem ein­ge­reich­ten und prä­mier­ten Manu­skript von Bet­ti­na Beut­ler-Prahm. Einen Aus­zug aus dem Text von Sabi­ne Breit­bach fin­den sie hier ».

Bettina Beutler-Prahm: ›Ob es reicht‹ (AT)

Oktav­sprung

Er hat­te sei­nen Pan­zer ange­zo­gen und war raus. Die Tür zuge­schla­gen, Beats auf und abge­taucht. Es begann gera­de hell zu wer­den, die ers­ten Geschäf­te mach­ten schon auf, aber Paul hat­te vor­ge­sorgt. In sei­nem Turn­beu­tel, den er über die Schul­tern gehängt hat­te, befand sich genug Pro­vi­ant, mehr wür­de er nicht brau­chen. Bloß kei­nen Kon­takt. Zu nie­man­dem.

Jetzt nicht.

Als er sie das ers­te Mal traf, im Super­markt, zusam­men mit Felix – du weißt doch, Mama, Felix, Felix aus dem Kin­der­gar­ten – hat­te er sie im ers­ten Moment für Felix’ Bru­der gehal­ten, mit dem komi­schen Haar­schnitt und den wei­ten Kla­mot­ten. Hat­te sie für sei­nen Bru­der gehal­ten und, weil sie so klein war und ihn so breit angrins­te, geglaubt, der sei irgend­wie nicht ganz rich­tig im Kopf. Das hat­te er nicht gewusst, dass Felix einen Bru­der hat­te, der nicht ganz rich­tig im Kopf war, im Kin­der­gar­ten hat­te er den jeden­falls noch nicht gehabt. Jetzt aber auch nicht. Anna war nicht sein Bru­der, und sie hat­te erst recht kei­ne Mei­se – jeden­falls nicht mehr als die meis­ten ande­ren und er selbst auch. Eigent­lich sogar noch deut­lich weni­ger als er selbst.

Anna. ANNA. Trot­zig schal­te­te Paul die Musik lau­ter. Sie hat­ten rich­tig viel Spaß mit­ein­an­der gehabt. Anna. War­um hat­te es nicht so blei­ben kön­nen. Lachen, bis man kei­ne Luft mehr bekam und wirk­lich Angst hat­te, zu ersti­cken, aber dann auch wie­der kei­ne Angst, weil, es wäre ein guter Zeit­punkt gewe­sen, es war gera­de so schön. Schei­ße bau­en, sich zusam­men stark füh­len, Geheim­nis­se haben, den gan­zen Tag zusam­men auf dem Bett lie­gen und zocken, aus dem Fens­ter gucken, läs­tern, Vide­os anse­hen, boxen, den Kopf strei­cheln, die sei­di­gen Haa­re, die blon­den Locken. Ey Alter, was geht.

Irgend­wann wur­de es schwie­rig. Damit hat­te er nicht gerech­net, war nicht vor­be­rei­tet gewe­sen, was auch immer. Die bren­nen­de Röte, die es Paul bei dem Gedan­ken an die letz­ten Begeg­nun­gen mit Anna vor Weih­nach­ten ins Gesicht trieb, bahn­te sich sofort – instant, Alter – einen Weg zu dem leich­ten Gefühl von Übel­keit wei­ter unten im Kör­per, ver­band sich, schoss hin­ein, hob die Übel­keit an, die in einer gera­de­zu orga­ni­schen Wel­le ins Gehirn zurück­schwapp­te und alles ande­re dar­aus ver­dräng­te. Wie Hirn­frost, nur in heiß. Hirn­brand. Instink­tiv schob Paul die geball­ten Hän­de tie­fer in die Taschen sei­nes Ano­raks und beschleu­nig­te sei­nen Gang.

Anna war anders gewe­sen als die ande­ren Mäd­chen, hat­te er gedacht. Anna war doch anders.

Aber dann eben doch wie­der nicht. (…)