Ich kann dich hören‹ von Katharina Mevissen

Katharina Mevissen
Katha­ri­na Mevis­sen

Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um 2015

Die Bre­mer Autoren­sti­pen­di­en 2015 gehen an Katha­ri­na Mevis­sen und Gian­na Lan­ge.
Lesen Sie an die­ser Stel­le einen Aus­zug aus dem ein­ge­reich­ten und prä­mier­ten Manu­skript von Katha­ri­na Mevis­sen. Einen Aus­zug aus dem Text von Gian­na Lan­ge fin­den sie hier ».

Katharina Mevissen: ›Ich kann dich hören‹

(Pro­log)

Zuerst und vor allem sollst du zuhö­ren. Denn so habe ich ange­fan­gen, und nach allem, was wir erlebt haben, kann ich dir mit gera­dem Blick in dein Gesicht sagen, dass das Zuhö­ren etwas unfass­bar Schö­nes ist.

Ella hat mir die­ses Zuhö­ren bei­gebracht, auch wenn ich schon vor­her gar nicht so übel dar­in war. Ich hab sie gehört, oft, lan­ge, gründ­lich, hab ihr zuge­hört, ihre Sät­ze fast aus­wen­dig gelernt. Ich wür­de sagen, dass ich sie ken­ne. Obwohl ich kein Bild von ihr habe, kei­nen Geruch. Das ist nicht so wich­tig. Ohne Ella hät­te ich nicht ange­fan­gen.

(…)

Ich schlei­che auf der Rad­spur ent­lang, das Cel­lo auf mei­nem Rücken ist schwe­rer als sonst. Müll und Pfand auf dem Weg. Loses Laub und lee­re Bäu­me. Ich will Kaf­fee jetzt, Kaf­fee mit Zucker, zum mit­neh­men und weg­lau­fen. Ich füh­le mich ver­klumpt. Mein Kopf ist ver­stopft vom Wochen­en­de im Ruhr­ge­biet, dem völ­lig dane­ben gespiel­ten Noten­matsch von der Prü­fung, dazwi­schen geis­tert Ellas Stim­me her­um. Die Tage wue­den kür­zer, es däm­mert schnell, das Tages­licht über­holt mich und ver­schwin­det. Die gewis­sen­haf­ten Rad­fah­rer fah­ren mit Licht und klin­geln mich vom Fahr­strei­fen. Ich rege mich heu­te noch nicht mal auf über die­se beknack­ten Ver­kehrs­klug­schei­ßer, ich star­re nach vor­ne und die Ampel­lich­ter star­ren glim­mend zurück, durch die lee­ren Bäu­me. Nach Hau­se. Ich muss zumin­dest die­ses beschis­se­ne Cel­lo los­wer­den.

Ich kom­me nach Hau­se, oder zumin­dest nach dort, wo ich woh­ne.

Das Licht ist noch an, es ist schon wie­der ver­ges­sen wor­den.

Abwe­send puh­le ich mir die Kon­takt­lin­sen aus den Augen. Ansons­ten las­se ich alles so, wie es ist. Den Belag auf den Zäh­nen, den Zucker, das Schlech­te. Das Licht bren­nen, ich kann heu­te nicht, kann heu­te wirk­lich nicht der Letz­te sein, der, der es aus­macht.

Jetzt bin ich bei dir, Ella. Setz­te mir Kopf­hö­rer auf, damit ich dich nicht tei­len muss, damit ich mit dir allei­ne bin. Knip­se dei­ne Stim­me an. Ich höre dich.

Track 8:

Wir gucken in die Wol­ken, lie­gen im kal­ten Sand, die Wol­ken sind dick und quel­lig, wir gucken ihnen nach, wie schnell sie zie­hen.

Auf Wol­ken kann man nicht lie­gen. Das ist nur Was­ser­dampf. Das hast du mir damals wirk­lich gesagt, als ich dir erzählt hab, dass ich mich gera­de oben auf die Wol­ken legen wür­de, und flie­gen. Nein, mein­test du, hast, auf Wol­ken kannst du nicht lie­gen, die sind aus Was­ser­dampf, nur Was­ser­dampf, da fällst du ein­fach durch.“

Track 9:

Hel­lo, hi. Thank you for taking us. Yes, Gal­way is per­fect. And… oh, sor­ry. I am Ella, my name is Ella. That’s my sis­ter, Jo. (Geräu­sche: iri­sches Auto­ra­dio, undeut­li­che Män­ner- stim­me) Yes, yes, from Ger­ma­ny, you know Ham­burg, of cour­se? We are from Ham­burg. (Wie­der Män­ner­stim­me, unver­ständ­lich, Radio wird lau­ter gedreht). „I don’t know that song, but I like it. Yes, the music is good. (Män­ner­stim­me) Oh, no, she can’t hear it. My sis­ter is deaf. (Musik wird noch lau­ter gedreht) No, no, she won’t hear it, only the beat, some­ti­mes.“

Ich drü­cke auf Pau­se. Hal­te die Augen geschlos­sen. Höre hal­be Sät­ze Musik, die in mei­nen Ohren anschwel­len, und sehe den rie­si­gen, dicken Wol­ken zu, auf denen ich nicht lie­gen kann. Ich pres­se mei­ne Hand­flä­chen fest in die Matrat­ze.