Elise‹ von Gianna Lange

Gianna Lange. Foto: Franziska Evers
Gian­na Lan­ge. Foto: Fran­zis­ka Evers

Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um 2015

Die Bre­mer Autoren­sti­pen­di­en 2015 erhiel­ten Katha­ri­na Mevis­sen und Gian­na Lan­ge. Lesen Sie hier einen Aus­zug aus dem ein­ge­reich­ten und prä­mier­ten Manu­skript von Gian­na Lan­ge. Einen Aus­zug aus dem Text von Katha­ri­na Mevis­sen fin­den sie hier ».

Gianna Lange: ›Elise‹

Sie waren sich alle so sicher. Selbst Eli­se. Sprach und hus­te­te Blut. Und dann rie­fen sie an und sag­ten, dass sie gelo­gen hat­ten. Dass sie gestor­ben war. Letz­te Nacht, völ­lig uner­war­tet, denn an Tuber­ku­lo­se stirbt heu­te nie­mand mehr. Und es stimm­te auch nicht, dass ein totes Gesicht aus­sieht wie ein schla­fen­des. In einem schla­fen­den Gesicht ist das wache noch sicht­bar. Es legt sich unter die obers­te Haut­schicht und war­tet und schim­mert durch den Schlaf. Und mit ihm sein Lachen, sein Wei­nen, sei­ne Wut, die Fal­ten, die dazu gehör­ten. Die Anstren­gun­gen, die ein jeder Tag brach­te, die die Kno­chen klei­ner drück­ten und die Fal­ten fal­te­ten. All das war jetzt weg. Es war aus die­sem Gesicht gewi­chen und hat­te etwas Far­be mit­ge­nom­men. Hier lag ein Gesicht, das kei­ne Spu­ren mehr hat­te. Durch die Haut, dabei war sie jetzt so hell, schim­mer­te nichts mehr hin­durch. Ursprüng­lich sah es aus. Wie ein Gesicht, das kein Leid kann­te, Unge­rech­tig­kei­ten und Trau­er noch nicht ken­nen­ge­lernt hat­te. Die Lach­fal­ten um die Augen hat­ten ihre Arbeit ver­lo­ren und lagen hilf­los und untä­tig um die Augen mei­ner Mut­ter, die oft gelacht hat­te. Mit dem Mund und den Fal­ten und den Grüb­chen, aber nicht immer mit den Augen. So als müss­te es rei­chen, der Welt zu zei­gen: ‘Sieh, ich lache noch. Aber sieh nicht so genau hin. Sieh nur auf den Mund und die Fal­ten und die Grüb­chen. Siehst du? Ich lache noch. Siehst du, Sohn? Ich lache noch. Also sor­ge dich nicht.’ Das hab ich nie, war­um soll­te ich jetzt damit anfan­gen? Sag mir, Eli­se, war­um soll ich?

Als mein Unter­be­wusst­sein fest­stell­te, dass Emma mei­ner Mut­ter ähnel­te, begann es umge­hend, mir Sig­mund Freuds Weis­hei­ten an den Kopf zu wer­fen. ‘Was soll denn das wer­den, Ödi­pus?’ Und ich sah Emma an und sie lächel­te mit den Augen. Anders als Eli­se, deren Augen schon lan­ge nicht mehr gewusst hat­ten, wie das ging. Und wenn ich sie ansah, hielt alles in mir end­lich die Schnau­ze.