Mister Gute Miene‹ von Benjamin Tietjen

Benjamin Tietjen
Ben­ja­min Tiet­jen

Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um 2014

Die Bre­mer Autoren­sti­pen­di­en 2014 erhiel­ten Phil­ipp Böhm und Ben­ja­min Tiet­jen. Lesen Sie hier einen Aus­zug aus dem ein­ge­reich­ten und prä­mier­ten Manu­skript von Ben­ja­min Tiet­jen. Einen Aus­zug aus dem Text von Phil­ipp Böhm fin­den sie hier ».

Benjamin Tietjen: ›Mister Gute Miene‹

Fei­er­abend. Die Men­schen dräng­ten sich auf dem Bahn­steig. Beleuch­tet vom künst­li­chen Licht. Unter der Erde. Sie schau­ten auf ihre Arm­band­uh­ren. Sie tipp­ten in ihre Han­dys. Sie lasen Zei­tung. Eini­ge unter­hiel­ten sich.
Er stieg die Trep­pen zum Bahn­steig tän­zelnd run­ter. Ganz so, als wären die Stu­fen die Tas­ten eines Kla­viers, das er mit sei­nen Stie­fe­let­ten bespiel­te. Bei­na­he in Tran­ce. Ganz in Schwarz. Im Rhyth­mus zu der Musik, die aus sei­nem Walk­man kam.    
Er schrieb mit einem schwar­zen Mar­ker ›Ima­gi­ne there’s no Hea­ven‹ an die Flie­sen der U-Bahn­sta­ti­on. Sei­ne Hand­schrift war nicht die eines Wri­ters. Er schrieb Buch­sta­be für Buch­sta­be in sau­be­rer Druck­schrift. Hier und da ver­lief die Far­be. Er mal­te einen Schräg­strich hin­ter ›Hea­ven‹ und schrieb ›It’s easy if you try‹.
Die Men­schen lasen Zei­tung. Ein Mann strei­chel­te sei­nen ver­un­si­cher­ten Hund. Die Luft stand.
Er schrieb ›No hell below us‹. Ein Schräg­strich. Dahin­ter ›Above us only sky‹.
Die ers­te Stro­phe war fer­tig. Am Ende stand ›Living for today‹, und dann kam das Wer­be­pla­kat für ›Hugo Woman‹. Geschaf­fen aus einer neu­en unge­zähm­ten Lust am Leben.

Er ging zurück und schrieb unter die ers­te Stro­phe die zwei­te. Dar­un­ter die Drit­te, die Vier­te, den Schluss. Dann mal­te er dem weib­li­chen Model auf dem Wer­be­pla­kat eine run­de Son­nen­bril­le. Dort­hin, wo zuvor ihre bestechen­den Augen waren. Und über ihren erns­ten Mund mal­te er einen lachen­den Mund.
Dann kam die Bahn. Er setz­te sich ans Fens­ter und schau­te auf die Wand. Alex nick­te ihr zu. Ganz so, als kom­mu­ni­zie­re sie mit ihm. Als bestä­ti­ge er zufrie­den ihren neu­en Look.

(…)