Elektrisches Pferd am Himmel über Berlin‹ von Philipp Böhm

Philipp Böhm
Phil­ipp Böhm

Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um 2014

Die Bre­mer Autoren­sti­pen­di­en 2014 gehen an Phil­ipp Böhm und Ben­ja­min Tiet­jen.
Lesen Sie an die­ser Stel­le einen Aus­zug aus dem ein­ge­reich­ten und prä­mier­ten Manu­skript von Phil­ipp Böhm. Einen Aus­zug aus dem Text von Ben­ja­min Tiet­jen fin­den sie hier ».

Philipp Böhm: ›Elektrisches Pferd am Himmel über Berlin‹

Zunächst war da ein Brum­men in der Luft, ein Brum­men so tief, dass es in den Ein­ge­wei­den spür­bar war, womit pri­mär der Magen gemeint war und ver­mut­lich auch der Darm, der nun schwang, in Schwin­gung gesetzt. Zunächst war da ein Brum­men, es war zuerst da und dann kam erst der Schat­ten, der nicht recht zu loka­li­sie­ren war, es muss­te hin­ter den Wol­ken sein, aber kön­nen wir über­haupt Din­ge sehen, die hin­ter den Wol­ken flie­gen? Beant­wor­tet wur­de der Klang zuerst von den Hun­den und die drei wei­ßen Möp­se mit schwar­zen mit­tel­gro­ßen Fle­cken, die von der älte­ren Dame in der hell­blau­en Wind­ja­cke geführt wur­den, deren offen prä­sen­tier­te Arsch­lö­cher kei­ne drei Meter vor uns bis­her mei­ne Auf­merk­sam­keit auf sich gezo­gen hat­ten, setz­ten zu heu­len an, schick­ten lang­ge­zo­ge­ne Kla­ge­lau­te dem Him­mel ent­ge­gen, wo sich der gro­ße Schat­ten beweg­te, den wir nicht recht fin­den konn­ten. Wir wuss­ten nur: Er war da. Etwas flog da oben über dem Maja­kow­s­ki­ring, über Ber­lin. Es war ein Herbst­tag, der dem Ende ent­ge­gen schritt, so wie das Jahr uner­bitt­lich gen Weih­nach­ten ging. Maja­kow­s­ki­ring, Ber­lin, Bäu­me ohne Blät­ter, trop­fend vom letz­ten Regen­fall, der noch nicht so lan­ge zurück lag. Wir stan­den dort auf dem Trot­toir zu dritt und vor uns heul­ten die Möp­se, miss­ach­te­ten die älte­re Dame, die an den Lei­nen riss, um sie zum Wei­ter­ge­hen zu ermun­tern, das Gesicht gerö­tet, pein­lich berührt. Doch auch sie konn­te den Klang hören und warf ängst­li­che Bli­cke in den Him­mel, den Wol­ken ent­ge­gen. Wir wuss­ten nicht recht, ob wir ste­hen­blei­ben oder wei­ter­ge­hen soll­ten, wuss­ten auch nicht, ob wir bereits an Lot­te Ulb­richts Haus vor­bei waren. Kei­ner von uns kann­te sich aus in Ber­lin: Hart­mann nicht, auch nicht die Frau vom Mond, und ich schon gar nicht. Rat­los harr­ten wir aus und ich zog die schwar­ze Woll­müt­ze über mei­ne Ohren, doch es war nicht mög­lich, das Geräusch drau­ßen zu hal­ten, die Schwin­gung war durch­drin­gend. Gera­de hat­te Hart­mann noch gesagt, er habe jetzt gera­de ein Gedicht über Maja­kow­ski gele­sen. Er hat­te gesagt: Es han­delt von Maja­kow­skis Waf­fe, sei­ner Pis­to­le, die irgend­wer ver­kau­fen möch­te. Sei das nicht wun­der­lich? Maja­kow­skis Kopf wur­de selbst mit einer Kugel ver­gli­chen. Kano­nen­ku­gel­kopf, sag­te Hart­mann, wur­de er damals auch genannt. Und gera­de als er sag­te, Mat­thew Dick­man, es sei Mat­thew Dick­man gewe­sen, der das Gedicht geschrie­ben habe, brach der Huf durch die Wol­ken. (…)